Bars in… New York: Sechs mal Malz im Big Apple

Bars in… New York: Sechs mal Malz im Big Apple

Um ein paar Bier Bars in New York City kennenzulernen, kann man stundenlang recherchieren, Foren und Blogs durchstöbern, um die vermeintlich heißesten Läden der Stadt herauszufinden. Oder man lässt Google die nächstgelegene Bier Bar ausspucken und fragt Gäste  den Barkeeper nach Empfehlungen für den weiteren Abend. Wir schnüren die Schuhe für eine Feldforschung der New Yorker Bierszene.

Google hat entschieden: Los geht die Entdeckungsreise gar nicht in einer Bier-Bar, sondern in einem Bier-Shop in Lower Manhattan. Zumindest ist das beim Namen Top Hop Beer Shop zu erwarten. Tatsächlich ist es ein Bier-Shop mit Bar-Bereich. Aber der Reihe nach.

Top Hop Beer Shop: Trinken und Einkaufen

Schon vom Gehweg aus lässt sich die große Bierauswahl im Top Hop Beer Shop bewundern. Eine riesige Glasfront über die ganze Breite des Ladens erlaubt einen Blick auf die deckenhohen hölzernen Regale, in denen sich Biere aus aller Welt tummeln. Im hinteren Ladenbereich stehen mehrere Meter Kühlschränke mit Glastüren, ebenfalls umfassend bestückt. In der Mitte des schlauchartigen Shops wartet ein Tresen mit Barhockern: hier ist der Ort um sich an  den zwanzig Hähnen zu laben, aus denen wechselnde Bierspezialitäten aus New York und dem Rest der Welt fließen. Außerdem kann man sich eines der über 750 Flaschenbiere aussuchen und gegen einen Aufschlag von drei Dollar pro Flasche im Laden trinken. Ein fairer Deal.

Und wenn man so an der Bar sitzt, flankiert von raumhohen Regalen und über das aktuelle Bier sinniert, kann man schon einmal vergessen, ob man nun in einem Bier-Shop mit Ausschank sitzt oder in einer Bar mit Selbstbedienungs-Regalen. Wie dem auch sei, das Konzept überzeugt – und scheinbar nicht nur uns. Leider dämpfen die Öffnungszeiten die anfängliche Euphorie ein wenig: denn gegen Mitternacht ist Schluss. Zum Glück gibt es Growler zum Mitnehmen. Schnell noch mit dem Lieblingsbier auffüllen und weiter geht es durch New York. Der Sitznachbar am Tresen legt die nächste Location fest: One Mile House.

Adresse: 94 Orchard St, New York, NY 10002

 Metro F | Stopp: Delancey St, drei Minuten Fußweg

One Mile House: Die Flüsterkneipe

Aus den goldenen Zwanzigern mit der weit weniger goldenen Prohibition scheint das One Mile House in Lower Manhatten hinter seiner feuerroten Eingangstüre entsprungen zu sein: Wände aus Backstein, ein mahagonifarbener ovaler Bar-Tresen, der von zwei Seiten besetzt werden kann ist eingerahmt von Spirituosen aus aller Welt. Auf ihm steht eine mechanische Registrierkasse, die bei jeder Abrechnung noch ein lautes „Bing“ verkündet und nostalgisch stimmt. Hier würde es kaum auffallen, säße da ein tiefsitzendem Scheitel mit Gehstock und Fliege an der Bar und wartete auf seine weibliche Wasserwelle mit weißen Handschuhen, Zigarettenspitze und Petticoat. Und tatsächlich bezeichnet sich das One Mile House als „Soul of a prohobition era watering hole“.

Die Zeiten der Prohibition sind längst vorbei und aus dreißig Hähnen fließt heute das Bier, ganz legal, zum Glück. Dazu kommen rund sechzig Flaschen- und Dosenbiere. Die Biere kommen überwiegend aus den Staaten. Wer sich da nicht entschieden kann, fragt das offensichtlich hervorragend  geschulte Personal: „Ein möglichst lokales, fruchtig-bitteres Bier? Wie wär es mit einem Imperial IPA von Other Half – eine Kreativbrauerei aus Brooklyn?“ Gekauft. Für den kleinen und größeren Hunger stehen Snacks und diverse Burger auf der Karte.

Das One Mile House ist eine gemütliche Bar, in der sich vor allem die jüngere Nachbarschaft versammelt und auf ein Bier oder einen Cocktail trifft. Wenn jetzt auch noch ein Grammophon eingeschaltet werden würde, könnte man meinen, sich auf einer Zeitreise in die 20er-Jahre zu befinden. Ein Ort zum Verweilen.

Adresse: 10 Delancey Street, NYC 10002, sechs Gehminuten vom Top Hop entfernt

Metro-Anreise: Metro J, M und Z, Halt: Bowery Station, eine Minute Fußweg

Tørst: Skandinavischer Durst

Viel moderner als das One Mile House kommt die Tørst Bier-Bar in Greenpoint, Brooklyn, um´s Eck. Hier dominiert ein skandinavisch-minimalistisches Interieur, das seinen Höhepunkt an Klarheit am weißen Marmor-Tresen findet. Clean und chic. Das Tørst gilt in Szene-Kreisen als die Bier-Adresse in New York schlechthin. Das wurde zumindest im One Mile House über den Tresen geflüstert. Dieser Ruf kommt natürlich nicht von ungefähr. Hinter Tørst steht unter anderem Jeppe Jarnit-Bjergsø von Evil Twin. Und was noch viel wichtiger ist als ein prominenter Name: Personal, das wirklich weiß, wovon es spricht. Tørst ist übrigens das dänische Wort für Durst. Und durstig muss bei 21 Hähnen und mehreren hundert Flaschenbieren nun wirklich kein Gast bleiben. Ein Großteil der Bierauswahl bleibt dem Durchschnittsgast jedoch leider verborgen.

„Wir haben mehrere hundert Flaschen in unserem Lager“, erklärt Barmanager David, während er in die Katakomben der Bar geht. Im ersten Kühlraum laufen die Leitungen der 21 Hähne zusammen. Hier wird jedes Bier mit der passenden Trinktemperatur und dem richtigen Gasgemisch versorgt. Vom Gast ganz unbemerkt, wird für den optimalen Biergenuss im Tørst alles getan.

Der zweite Kühlraum ist bedeutend wärmer und größer. An allen vier Wänden stehen massive Metallregale, die über und über mit Bier gefüllt sind. In der Mitte des niedrigen Raumes befinden sich Fässer und Weinkartons. Ein imposanter Anblick. „Ich würde unsere Bierauswahl gerne oben im Laden präsentieren, in großen Kühlschränken mit Glastür, aber leider haben wir dafür zu wenig Platz“, sagt David. „Es ist wirklich sehr schade, dass nicht jeder Gast diese Vielfalt sehen kann.“ Wann immer es David möglich ist, führt er darum Gäste einfach in seinen Bierkeller, der sich gleich hinter der Küche befindet. Warum auch nicht?

Viele Biere kommen aus den USA, aber auch internationale und belgische Spezialitäten finden sich wieder. Evil Twin ist natürlich sehr präsent und belegt mehrere Regalmeter. Nicht jedes Bier, das hier steht, findet sich auf der Karte wieder. „Manche Biere holen wir nur zu besonderen Anlässen raus. Einen Trumpf sollte man immer im Ärmel haben“, schmunzelt David, der Geschäftsmann.

Bis Ende 2016 gab es im Tørst noch eine von Michelin ausgezeichnete Sterneküche: Im Hinterzimmer gab es das Luksus at Tørst. Hier konnte nur auf Reservierung ein mehrgängiges Menü für 125 Dollar pro Person verspeist werden. Für weitere 55 Dollar pro Person, gab es das passende Bier-Pairing. An nur sechs Tischen für zwei Personen und einer offenen Küche wurde hier in einem sehr exklusiven Rahmen ein lukullisches Feuerwerk entzündet. Leider ist Sternekoch Daniel Burns weiter gezogen, um sich neuen Projekten zu widmen.

Seither hat das Tørst seine Speisenauswahl erweitert und konnte für Qualität und Auswahl schon das ein oder andere Lob einfahren. Es gibt Kleinigkeiten wie Sandwiches, Käseplatten, Burger und Hot Dogs. Die ständig wechselnde Speisenkarte lässt selbst bei Stammgästen keine Langeweile aufkommen.

Zur Abwechslung soll es mal wieder in einen Bottle-Shop gehen. Lange muss der Barkeeper nicht überlegen, bis er eine Empfehlung parat hat und die bierige Schnitzeljagd durch New York weiter gehen kann.

Adresse: 615 Manhattan Ave, Brooklyn, NY 11222

Metro-Anreise: Metro G, Halt: Nassau Av, drei Minuten Fußweg

Good Beer: Biere aus den Staaten

Auf amerikanische Biere ist der Bier-Shop Good Beer im East Village spezialisiert. „Drink & eat local“ steht hier in großen schwarzen Lettern an der Wand. „Wir vertreiben hauptsächlich Biere von unabhängigen Micro- und Kleinbrauereien aus den USA“, erklärt Cathrin, die heute Dienst im Laden hat. Etwa achtzig Prozent der Warenbestände sind aus den Staaten, die restlichen zwanzig Prozent kommen aus Deutschland, Belgien, Großbritannien und Skandinavien.

Rund tausend Biere stehen normalerweise in den Regalen und Kühlschränken. „Wir hatten vergangene Woche einen totalen Run. Die Leute haben uns zu Thanksgiving die Bude eingerannt“, entschuldigt Cathrin die Lücken in den Regalen. Thanksgiving sei immer ein willkommener Anlass, sich mit gutem Bier einzudecken für die Einwohner von New York. „Zum Glück erwarten wir die nächsten Lieferungen in den kommenden Tagen, dann sehen die Regale nicht mehr so geplündert aus.“

Neben Bier in Flaschen und Dosen gibt es auch hier Biere vom Hahn. Zwölf nationale Biere fließen hier im Wechsel durch die Leitungen. Im Moment sind es Biere von Sierra Nevada, Grimm, Greenpoint, Shacksbury, Schlafly, Interboro, Anderson Valley, Hudson Valley, LIC Beer Project und Greenport Harbor. Einen gemütlich Tresen oder ein Bar-Bereich, der zum Sitzenbleiben einlädt, gibt es nicht. Dafür ein paar Tische, die aber eher an einen Schnell-Imbiss erinnern und wenig Flair versprühen.

„Den Laden gibt es seit sieben Jahren. Unser Ziel ist es ganz klar, kleinen Brauereien aus Amerika eine Plattform zu geben und vor allem den lokalen Biermarkt zu fördern. Große, internationale Marken gibt es woanders, aber nicht bei uns“, fasst Cathrin den Spirit des Ladens zusammen.

Im Viertel gibt es laut Cathrin viele coole Bier-Bars, die oft direkt Tür an Tür liegen. Kurze Wege sind beim nächtlichen Bar-Hopping auch nicht verkehrt. Tipps notiert und weiter geht’s.

Adresse: 422 E 9th St, New York, NY 10009

Metro-Anreise: Metro 4 und 6, Halt: Astor Place Station, fünf Minuten Fußweg

Proletariat: Schnörkelloser Biergenuss

Nur eine Querstraße weiter und gerade drei Minuten Fußweg vom Good Beer befindet sich das Proletariat. Eine völlig unscheinbare Bier Bar, von außen nur schwer zu erkennen, weil die Bar kaum breiter als drei Meter ist. Dafür schlängelt sie sich wie ein langer Schlauch ins Innere des Gebäudes.

Ein dunkler Holz-Tresen zieht sich durch die ganze Bar: im Grunde besteht die Bar einzig und allein aus Tresen. Die meisten Bar-Hocker sind bereits besetzt. Bei wohl kaum mehr als 25 Plätzen kein Wunder. An einer Tafel über der Bar steht das heutige Menü aus zwölf Hähnen. Während die gegenüberliegende Wand über und über mit Fotos vom Trödel geschmückt ist, sorgt das schummrige Licht für die passende Patina.

Ramon, der Barkeeper, ist ein schweigsamer ja gar stiller Zeitgenosse. Er beobachtet seine 25 Gäste genau und ist zur Stelle, wenn der Glasinhalt sich dem Ende entgegen neigt. Verdursten muss hier niemand. Ansonsten ist er kein Freund des Small Talks. Muss ja auch nicht. Jazz-Musik aus dem Lautsprecher sorgt für ausreichend melancholische Unterhaltung.

Wer in Ruhe sein Bier genießen und über sich und das Leben sinnieren möchte, ist hier goldrichtig. Auch zu zweit macht ein Besuch im Proletariat Spaß, falls noch zwei Bar-Hocker nebeneinander frei sind. Größere Gruppen werden sich schwer tun, weil 25 Plätze einfach zu schnell belegt sind und es platzbedingt keine Möglichkeit gibt, in der Gruppe zu kommunizieren.

Einen Snack oder Soft Drink gibt es im Proletariat übrigens nicht. Hier besteht das Angebot in der proletarischen Einfachheit. Schnörkelloser Biergenuss.

Adresse: 102 St Marks Pl, New York, NY 10009, drei Gehminuten vom Good Beer entfernt

Metro-Anreise: Metro 4 und 6, Halt: Astor Place Station, fünf Minuten Fußweg

Augur’s Well Bar: Unter Freunden

Einen Steinwurf vom Proletariat entfernt, öffnet sich hinter der Tür zur Augur’s Well Bar eine völlig andere Welt. Laut Cathrin von Good Beer ein ziemlich cooler Schuppen, wo sie auch gerne abhängt. An mehreren Tischen sitzen Gruppen von Menschen zusammen, unterhalten sich und ab und zu lacht einer laut auf. Das Publikum ist bunt gemischt: jung und alt, Hautfarben aller Art und so, wie es sein soll. An der Wand hängen zwei Flat Screens, auf denen Football läuft. Hinterm Tresen steht Justin, der sich mit seinem nepalesischem Freund Yash über die laufenden Football-Saison unterhält.

„Ja, wir sind ein bunter Haufen im Augur’s Well. Hier trifft sich die ganze Nachbarschaft. Einige kommen nur auf ein Bier vorbei, andere bleiben den ganzen Abend, trinken ein paar Bier mehr und essen Burger bei uns“, erzählt Justin der Barkeeper, für den das Augur’s Well definitiv der Hot-Spot im Viertel ist.

„Wir haben gutes Bier und tollen Whisky, leckere Burger, Sandwiches und Fritten. Was willst du mehr?“, fragt Justin und zeigt in den Raum der kleinen Bar, die grade mal sechs Jahre auf dem Buckel hat.

Und tatsächlich stimmt im Augur’s Well neben dem sehr lokalen Bierangebot aus zwölf Hähnen auch die freundschaftlich lockere Atmosphäre. Ruck-Zuck kommt man hier ins Gespräch: über Football, Deutschland, New York und über Bier – natürlich.

Die Pommes scheinen einen kulinarischen Versuch wert zu sein, nachdem auf jedem Tisch mindestens eine Schüssel Fritten steht. Das Testergebnis ist ausgesprochen erfreulich. Knusprig aber nicht verbrannt, saftig aber nicht zu fettig, würzig aber nicht zu salzig – Augur’s Well (dt: ein gutes Zeichen).

Adresse: 115 St Marks Pl, New York, NY 10009, eine Gehminute vom Proletariat entfernt

Metro-Anreise: Metro 4 und 6, Halt: Astor Place Station, fünf Minuten Fußweg

Die Empfehlungsliste an Bier-Bars und Shops ist nach dem Besuch im Augur’s Well noch lange nicht erschöpft – ganz im Gegenteil. In jeder Location kann man je nach Kommunikationsfreudigkeit der Barkeeper und Gäste zwei bis drei Bier-Hot-Spots abfischen.

Es ist viel unterhaltsamer, von fremden Menschen von Ort zu Ort geschickt zu werden und so eine Stadt zu erkunden, als online zu recherchieren und schlecht gelaunte Bewertungen zu durchforsten. Das gilt überall und das gilt auch in New York. Natürlich trifft die Empfehlung den persönlichen Geschmack nicht immer auf den Kopf.

Hilfreich ist gewiss ein Metroplan sowie eine Zeitfahrkarte, um ohne Hindernisse die Stadt erkunden zu können. Kreuz und quer geht es sowieso zu, sollte man die Empfehlungen nicht  minutiös nach Stadtviertel sortieren.  Wer noch immer nicht satt an Inspiration ist, führe sich auch folgenden Bier-Bars zu Gemüte: Covenhoven, The Woods, Spuyten Duyvil, The Cannibal, Jimmy´s Nr 43, The Porterhouse at Frances Tavern, Rattle’n’Hum, Blind Tiger. Getestet, für gut befunden und für einen nächsten Artikel in Arbeit.

 Photo CreditTim Klöcker und Sandra Heyne für Bier, Bars & Brauer

 

 

 

 

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