„Die Brauerei ist unser persönlicher BER“

Exklusiv „Die Brauerei ist unser persönlicher BER“

Wann gibt es das Berliner Berg Bier aus der Haupstadt? Nein, wir reden nicht von den nach wie vor in Bayern befüllten Flaschen mit Eichhörnchen auf dem Etikett. Mit viel Sympathie und großem, erfolgreichem Crowdfunding-Lärm war das Brau-Startup vor bald zwei Jahren gestartet. Aber die jüngsten Nachrichten waren alles andere als positiv. Chefredakteurin Juliane E. Reichert hat in Neukölln nachgefragt, wann mit der angekündigten Brauerei zu rechnen ist. 

Es ist rund zwei Jahre her, da startete Berliner Berg mit einer großangelegten Crowdfunding Aktion auf Startnext. Mit einem sympathischen Video und einer viel noch sympathischeren Mission Statement von Gründer Robin Weber und Braumeister Richard Hodges gingen sie im Herbst 2015 für einen Finanzierungszeitraum von einem Monat an den Start. Da hieß es wie folgt: “Wir möchten in Berlin wieder Biere nach handwerklicher Berliner Tradition brauen. Allen voran die Berliner Weisse, die von Slowfood dieses Jahr in die Arche der vom Aussterben bedrohten Lebensmittel aufgenommen wurde, ist eines unserer Herzensprojekte. Denn es gibt in Berlin weniger als eine Hand voll Brauereien, die dieses Bier noch traditionell brauen. Wir möchten eine lokale Berliner Brauerei in Neukölln aufbauen, die dieses und viele andere handwerklich perfektionierte Biere zurück nach Berlin bringen.”

Soweit der Plan. Dem auch 550 Unterstützer mit Summen zwischen EUR 10 und 3.000 vertrauten, in der Hoffnung auf ihr eigenes Berliner Berg Bier. Stolze EUR 65.000 kamen insgesamt zusammen. Wir schreiben eine Zeit, in der auch die andere auf Berlin setzende Marke Brlo die Ärmel hochkrempelte, um im Winter des Folgejahres eine eigene Brauerei am Gleisdreieck zu eröffnen. Und wo Brlo mittlerweile steht, wissen wir

Ärger auf Startnext

Auf Startnext häufen sich seit etwa einem Jahr die Beschwerden über die ausbleibende Kommunikation der Firma. Es kamen nicht nur die angepriesenen Geschenke bei einigen Unterstützern zu spät an, auch die ausbleibende Umsetzung der geplanten Brauerei ist für die Unterstützer nicht so recht nachzuvollziehen.”Stecki”, beispielsweise, schreibt: “Habe bis heute mein Dankeschön nicht erhalten, ca. 8 Monate nach dem Funding. Letzte Info von Berliner Berg aus dem März. Jetzt haben wir August. Und auf mehrere Mails an die offizielle Email-Adresse auch keine Antwort. Ziemlich mieses Geschäftsgebaren.” Dankeschöns sind die auf Startnext ausgelobten Prämien, die für die jeweiligen Unterstützungssummen ausstanden, wie Bier, Schlüsselanhänger, oder ähnliches. „Bis heute nichts erhalten. E-Mails werden auch nicht beantwortet. Traurig. Nie mehr wieder.“ schreibt wiederum Funding-Fan Stefan Wiegand und schließt mit einem hier nicht zitierbaren Fluch. 

Das war vor etwa einem Jahr, seitdem ist es still um die Brauerei geworden. Also, um die Brauerei ohne Brauerei. Seitens der Berliner Berg-Crew wurde am 30. September 2015 das letzte Mal etwas gepostet, und auch in den lokalen Medien, die sonst jeden Muckser der hauptstädtischen Biermikromarken eifrig kommentieren, ist es seither still um Berliner Berg. Anfang 2017 schied dann noch Brauer Richard Hodges, nach außen hin klar das Gesicht der Firma, aus dem Unternehmen aus. Auch Finn, der ehemalige CMO von Epic Companies und integraler Bestandteil des Crowdfundings bei Berliner Berg, wechselte kurz später als Geschäftsführer zu Movinga. Finn ist im Handelsregister noch immer als Geschäftsführer an zweiter Stelle eingetragen, ein Brauer indes ist nicht dabei. Dieses fragliches Wechselspiel aus Dingen, die passiert sind und denen, die hätten passieren sollen, wirft Fragen auf. Wir machen uns auf nach Neukölln, um diese mit Berliner Berg zu besprechen.

“Die Brauerei ist unser persönlicher BER”

Die kleine Biermarke inklusive Schankraum ist zu Hause auf der Kopfstraße, zwischen Bushido und Bahnhof Neukölln. Die Tür öffnet eine gut gelaunte Michèle Hengst. Natürlich ist sie gut gelaunt, sie ist für das Marketing von Berliner Berg verantwortlich. Sie geleitet in den schönen Backstein-Innenhof, wo bereits Robin wartet. Ein wirklich ausgesprochen schöner Hof, der schreit nach Hoffesten, Outdoor-Taps und Barbecue. Schade bloß, dass der Vermieter nebenan wohnt und von Festen nicht allzu viel hält. Wenn die Brauanlage ihre Arbeit aufnimmt allerdings, werde es definitiv ein Fest geben, so Robin. Und da wären wir auch direkt beim Thema. Wo, zur Hölle, ist die Brauerei, die für 65.000 Euro gekauft werden sollte?

Sie steht im Keller eines roten Backsteinhauses, sie fasst fünf Hektoliter und ist nagelneu. Sie ist wirklich da, wir haben sie gesehen. Allein, es fehlt der Braumeister.

“Da ist so einiges schief gegangen”, fängt Robin an, wissend, weshalb wir gekommen sind. “Wir hätten unseren Unterstützern keinen konkreten Monat nennen sollen. Natürlich lag uns alles daran, unser Ziel zu erreichen, aber das liegt nicht immer allein in der eigenen Hand. Dass wir da Erwartungshaltungen enttäuscht haben, ist nachvollziehbar und tut uns sehr leid.” Verliebt in das schöne Backstein-Grundstück in der Kopfstraße, waren der Crew einige Hürden zunächst nicht bewusst gewesen. Was ein denkmalgeschütztes Gebäude an Bürokratie und Wartefristen mit sich bringt, war für die Crew so nicht vorstellbar. Dann hat Vattenfall mit der Legung aller Leitungen noch ein halbes Jahr lang verzögert und am Ende ging auch noch Richie. “Man kann schon sagen, dass diese Brauerei unser persönlicher BER geworden ist”, so Robin mit geknicktem Stirnrunzeln. Aber auch hier habe man den Unterstützern besser kommunizieren müssen, wie die Lage sei. “Wir wollten schnellstmöglich weitermachen, haben uns damit auch ziemlich überfordert; das hat sich in der Kommunikation niedergeschlagen und tut uns leid.” Die Beschwerden auf Startnext seien mittlerweile längst beantwortet“, so Michèle. „Diese Mails kann man natürlich im Gästebuch nicht sehen, doch 90 Prozent der Crowdfunder haben ihren Reward erhalten. Die verbleibenden 10% haben entweder einen Ersatz erhalten oder sich aktiv dafür entschieden, zu warten.”

Berliner Berg Bier aus Bayern

War der Hintergrund von Richard Austritt der, dass die  Berliner Weisse Brauerei so spät gebaut werden würde? “Ohne, dass Richie hier ist, sprechen wir nicht gern über seine Gründe. Die sind seine Privatsache und das respektieren wir.” Auch Richard „Richie“ Hodges hält sich bedeckt: “Die Umstände haben sich geändert.” Nun, das kann man wohl sagen. Denn eine fehlende Brauerei fehlt einem Brauer vermutlich doch sehr deutlich. Gibt es aber denn etwas, das Richard doch zu seiner Verbindung zu Berliner Berg sagen mag?

“Ich bin stolz auf was wir in so einer kurze Zeit geschafft haben. Aus dem Nichts kam eine Marke, Logo, Philosophie, neue Rezepturen, und viele neuen Freunde. Das Team war stark und wir haben richtig Gas gegeben. Wenn ich bei Bier, Bars, und Brauer lese, dass wir im gleichen Satz als Brlo und Stone Berlin genannt werden, dann merke ich, was wir in eine sehr kurze Zeit erreicht haben. Brlo hat ein gutes Jahr Vorsprung vor uns und Stone kann man, was Erfahrung und Bekanntheit angeht, mit wenig anderem in Deutschland vergleichen. Damit bin ich sehr zufrieden.”

Ursprünglich war sein Vertragsende auf Ende März festgelegt. Nichts desto trotz braut er nach wie vor das Berliner Berg Bier von einer Menge um die 2.000 bis 3.000 Hektoliter. Bloß eben in Bayern, in der Nähe von Landshut. Dort fährt Richard Hodges für jeden Sud und jede Abfüllung hin, denn das Bier liegt im nach wie vor am Herzen und aus der Hand geben wird er sein Braupaddel erst, wenn der neue Brauer beginnt.

Mit neuem Brauer in den Herbst

Richtig gelesen, der neue Brauer. Es gibt nämlich bei Weitem mehr gute Nachrichten als schlechte. Im September nämlich fängt Thorsten, der neue Brauer bei Berliner Berg, dessen Nachnamen wir noch nicht erfahren dürfen, an und alle reiben sich die Hände. Wann es nun endlich, endlich eine Neuköllner Berliner Berg Berliner Weisse für uns zu trinken gibt, wollen wir wissen. “Wir sind mit Fixdaten vorsichtig geworden”, zögert Robin. “Na, aber für ein Herbstfest wirds reichen”, Michèle ist optimistisch. Robin auch: “Auf jeden!” Wir glauben es ebenfalls nochmal und wünschen auf den allerletzten Zügen auf dem Weg zum Berliner Berg Bier wenig Überraschungen.

Immerhin hatte die Crew es mit einer denkmalgeschützten Brauerei, deren Teile maßgeschneidert für den schmalen Eingang hergestellt werden mussten, nun schwer genug. Im wahrsten Sinne des Wortes, hatte die rund 8-köpfige Crew die Anlage eigenhändig durch die Kellertür gezirkelt und die Treppen hinunter getragen. Das wäre bei Brlo vermutlich anders gewesen. Allerdings waren dort von Anfang an auch ein anderer (Container-)Plan am Werk. Und das mit bereits einem Jahr Vorsprung.

Einem unerfahrenen Team, das via Crowdfunding ein hausgebrautes Bier auf den Markt bringen will, kann Robin mittlerweile also einiges raten: “Von Anfang an: keine Deadlines, wenn man sich selbst auch noch so sehr freut. Am Ende enttäuscht man seine Unterstützer bloß – wenn man nichts sagt hingegen, ist man einfach da, auch nicht verkehrt.” Außerdem: so sehr sich Robin in das Grundstück verliebt habe – und man kann es durchaus nachvollziehen – über die Tücken der Bauarbeiten inklusive der betroffenen Behörde, solle man sich besser vorher informieren. Vielleicht, allerdings, schreckt man vor einem solchen Kopfsprung dann zurück. Möglicherweise hält man dann seine Fristen ein, sitzt aber später in einer Brauerei, in die man nicht bis über beide Ohren verliebt ist. Der Berliner Berg-Crew wird das sicherlich nicht passieren.

Photo Credit: Berliner Berg

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