Big Brother is Butterscotching You: Der Braupakt zwischen Weihenstephan und Sierra Nevada

Big Brother is Butterscotching You: Der Braupakt zwischen Weihenstephan und Sierra Nevada

„Braupakt“ ist das Ergebnis der Zusammenarbeit der Braumeister Tobias Zollo (Weihenstephan) und Scott Jennings (Sierra Nevada) und hat wenig mit einem klassischen Weißbier am sommerlichen Seeufer gemein. Es ist aber auch ebenso weit entfernt von den exaltierten Experimenten manch anderer Manufakturen. Wir haben die Zusammenarbeit der ältesten Brauerei der Welt mit dem US-Kreativbier-Riesen unter die Lupe genommen.

Ob im Musikgeschäft, bei TTIP oder der heimlichen Stationierung von Atomsprengköpfen – wenn es um Kooperationen geht, werden die USA von den Deutschen gerne mal als „großer Bruder“ bezeichnet.

Weihenstephan, die älteste Brauerei der Welt

Dass es in der Geschwisterreihenfolge auch andersherum gehen kann, zeigt sich seit Kurzem an einer interessanten Zusammenarbeit im deutsch-amerikanischen Biermarkt. Hier geben die deutschen Brauereien wenn schon nicht den größeren, zumindest jedoch den älteren Bruder ab, und wenn es sich dabei gleich um die älteste Brauerei der Welt, namentlich die Staatsbrauerei Weihenstephan, handelt, dürfte die Frage der Seniorität fürs Erste geklärt sein.

Die Rede ist vom „Braupakt“, einer Zusammenarbeit der Oberbayern mit dem kalifornischen Kreativbier-Pionier Sierra Nevada, die Anfang diesen Jahres in einem gleichnamigen Weißbier mündete (- und eine solche sucht Sierra schon seit geraumer Zeit!). Weißbier? Kiddin‘ me? Tatsächlich gehört Mut dazu, einem der offiziellen Heiligtümer bayerischer Trinkkultur einen überseeischen West Coast-Remix zu verpassen, noch dazu, wo in Weihenstephan Tradition und Markenidentität erkennbar groß geschrieben werden.

Weihenstephan und Sierra Nevada: The perfect match?

In diesem Fall war es – so schwört es die extra engagierte PR-Agentur – jedoch echte kreative Bierleidenschaft und der Respekt vor dem Handwerk des jeweils Anderen, die – per Handschlag auf der Sidney Beerweek in 2016 besiegelt – zu diesem Gemeinschaftsexperiment führten. Gar von „zwei Säulen der Bierkultur“ und einem „Perfect Match“ war dann Anfang dieses Jahres auf der Collabo-Sud Pressekonferenz nahe Freising die Rede. Den ernsthaften Bierfreund interessiert jedoch vor allem Eines: Hält das Getränk, was die Legende verspricht?

Zunächst die Fakten: Mit 14,5 Grad Stammwürze, 6,0% Vol. und 35 IBU ist der „Braupakt“ etwas kräftiger und hopfiger angelegt als die traditionellen Weihenstephaner Sorten. Nachdem neben der Hallertauer Variante vor allem die exotischeren Gewächse Amarillo und Chinook zum Einsatz kommen, darf man die hohe Hopfenbitterkeit jedoch durchaus in aromatischer Relation sehen: ein Trend, der sich ja seit einiger Zeit in den USA durchsetzt, wo es wieder weg von der übertriebenen Bitterkeit, hin zu einer fruchtigen Ausgewogenheit geht.

Braupakt: ein äußert gelungenes, kulinarisches Weißbier

Bei der 3B-Verkostung, unterstützt durch den Kollegen Jan-Peter Wulf vom NOMY-Blog, zeigt sich, dass diese Entwicklung auch Eingang in den Braupakt gefunden hat. Bernsteinfarben und volumenreich mit kerngesunder, cremiger Schaumkrone, sind es auch in diesem Fall die lieblich-fruchtigen Noten, die die erste Nase im Glas erfreuen. Was in seiner süß-säuerlichen Butterscotch-Toffee-Natur zunächst an manche obergärige belgische Kreationen erinnert, wird nach dem ersten Schluck angenehm fein und komplex auf der Zunge. Dabei bleibt das Bier zur Freude durchweg süffig. In der weiteren Entfaltung gesellen sich zu den klassischen Weißbier- bzw. Amarillo-Aromen Banane und Aprikose dann auch komplexere Chinook-Noten wie Sternfrucht und Stachelbeere, dazu ein bajuwarisch-orientalischer Hauch von Nelke aus der verwendeten Hefe.

Zugegeben, spätestens hier hat der Braupakt nicht mehr viel mit einem klassisch-zitrigen Weißbier am sommerlichen Seeufer gemeinsam. Er ist aber Gott sei Dank mindestens ebenso weit entfernt von den exaltierten Experimenten manch anderer Manufakturen. Unserer Meinung nach ist der Braupakt ein äußerst gelungenes, kulinarisches Bier im besten Sinne des Wortes und passt als Begleiter perfekt zu deftigen, aber gleichzeitig feinen Gerichten – in unserem Fall war es Kalbsbries mit Rosenkohl bzw. eine belgische Käseplatte.

Lob für Weihenstephan und Sierra Nevada

Einziger Wermutstropfen: Bei 5-6° Celsius wirkt das Bier trotz seiner Kompaktheit noch relativ transparent und elegant, spätestens ab 8° jedoch trumpfen die süßeren Fruchtaromen sehr stark auf, was das Bier etwas ordinär und over-engineered wirken lässt. Insgesamt jedoch gebührt den Braumeistern Tobias Zollo (Weihenstephan) und Scott Jennings (Sierra Nevada) Lob für eine kreativ-mutige wie flächentaugliche Bierkreation.

Seit dem 1. März sind die geplanten 100.000 0,33l Flaschen im deutschen Handel erhältlich und dürften auch den einen oder anderen Restaurantgast erfreuen. Ob mit oder ohne Bruder: Probieren!

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