Hopfen to go am Schlesischen Tor

Hopfen to go am Schlesischen Tor

In den Supermarktregalen vollzieht sich eine schleichende Revolution. Aufmerksam beobachtet vom Bier, Bars & Brauer-Team. In dieser Reihe werden Bier-Verkaufsstellen aller Art vorgestellt, die wir spannend finden. Dieses Mal: Drink Drunk, der Craft Beer Spätkauf vom berühmt-berüchtigten Schlesischen Tor.

Während man An einem Sonntag im August, wenn man seinen Reiseführer richtig gelesen hat, am Prenzlauer Berg sitzt und einen „The sun always shines on Berlin“-Burger isst, sitzt man an einem Sonntag im Juli, so gänzlich ohne Lektüre, am Schlesi und trinkt hier ein Sternburg und da ein sogenanntes Craft Beer. Zum Beispiel ein Saison d´être. Miteinander gemein haben die Biere gerade einmal, dass sie mit dem Buchstaben „S“ beginnende und sie an einem und demselben Ort zu erwerben sind: dem „Drink Drunk“-Spätkauf. Man kann darüber diskutieren, ob ein Craft Beer Spätkauf mit einem solchen Namen an einem Ort wie diesem von ästhetischer Gesinnung zeugt.

Man kann genauso gut darauf zusteuern und sich in dem von urbanem Charme zersetzten Außenbereich niederlassen. Die Terrasse, ein Arrangement aus Bierkisten und Europaletten ist wohl besucht und die Musik so laut, dass keiner sich versteht. Billige Beats der 2000er Jahre treffen auf Plastikstimmen, zwischen die sich ein einbeiniger Rapper vor dem U-Bahneingang schiebt, auf Bierdosen klopft und dazu rappt. Willkommen am Schlesischen Tor, die Stimmung ist noch oder wieder gut, und die Späti-Terrasse die Gartenparzelle des kleinen Mannes.

7 Hop IPA für Hopfenfreunde

So war das zumindest früher. Denn seit nun bald eineinhalb Jahren gibt es Drink Drunk – einen Craft Beer Spätkauf zwischen Pizza, Döner und Billigbäcker. Auf den Europaletten-Tischen stehen Gösser, Lammsbräu, Spezi-Energy und Trappistenbiere. Alles in allem beherbergt der Laden laut Eigenaussage mehr als 1.000 Biermarken, darunter rund 350 experimentellere Tropfen. Deshalb dann eben auch Craft Beer Späti.

„Getrunken wird letztlich alles“, so “Balu”, einer der rund acht Mitarbeiter des Spätis. Er findet „Spätkauf“ mittlerweile beinah unpassend, denn durch die laute Musik und den Fakt, dass seine Gäste hier am Wochenende bis sechs Uhr verweilten, könne man viel eher von einem Outdoor-Club sprechen. Von Balu kann man sich regelrecht beraten lassen. „Hopfig, fruchtig, sauer, mild?“, will er wissen und zieht, denn ich murmle „hopfig“, ein Rogue Farms 7 Hop IPA hervor, das ich dankend annehme. Die Wahrnehmung der neuen Situation, eine Spätkauf-Beratung in Anspruch nehmen zu dürfen, wird allein gestört durch einen Dreiklang aus Bahngewitter, Polizei-Sirenen und einem betrunkenen Paar, das lachend in die Berliner Pilsner-Kästen stürzt. Das Paar ist voll, die Kisten leer, ersteres lacht, zweitere liegen.

Die Erfindung des Craft Beer Spätkauf

Inhaber des Drink Drunk Craft Beer Spätkauf ist Ozancan Yuguran. Nachdem er in den USA drei Jahre lang Marketing studiert und seine eigene Liebe zu Bier, besonders Craft Beer entdeckt hatte, “machte er seine Leidenschaft zum Beruf” – wie man so schön sagt. Er besitzt einige Spätkauf-Läden, unter anderem an der Möckernbrücke, wo er auch einige handwerklich gebrauten Biere verkauft. “Aber nirgendwo sind es so viele wie hier”, so Balu, der sich eine Zigarette lang Auszeit mit uns nimmt. 34 Jahre ist er alt und seit 34 Jahren hier. Er habe die komplette Umwandlung um das Schlesische Tor miterlebt, erzählt er. Als er herkam, wir kennen die Geschichte bereits von den Ureinwohnern Neuköllns, “gab es hier nichts”.

Seit fünf Jahren verändere sich das Klientel, man spreche mehr spanisch und die Leute hätten konkrete Vorstellungen von Feier- und von Trinkkultur. Besonders gut verkaufe sich im Drink Drunk derzeit das belgische Bier, aber auch Brew Dog oder Berliner Berg. Zu letztem, sowie zu einigen der Craft Beer-Vertriebe pflegt Balu mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis. Obwohl er selbst eher weniger Bier trinkt, war er jüngst zu einem Tasting bei Brlo eingeladen. Und gleichwohl er die Qualität von (handwerklich gebrautem) Bier durchaus zu schätzen weiß, wird aus diesem und Balu keine Busenfreundschaft mehr: “Is´ nicht meins. Wenn ich trinke, mag ich Vodka oder Jägi-Shots.” Dennoch interessieren ihn Geschmäcker, immer wieder geht er durch die Regale und studiert die Etiketten.

Gegenüber steht ein Bus mit dem Logo des Drink Drunk. Künftig wird Balu sich auf den Aufbau eines Online-Versand konzentrieren. “Man soll sich immer weiterentwickeln, nicht stehenbleiben.” findet er. Spanisch lernt er nebenher, mit Mails ist er auch noch nicht per Du. “Aber das wird alles – die Zeiten ändern sich, da muss man Neues lernen.”

Drink Drunk – Überhopft und unterwegs

Die Nachbarspalette spricht über Hostels auf Asientrips, günstig sollen sie sein und nah an der Natur. Von zwei formulierten Ansprüchen sind im Hier und Jetzt genau zwei nicht erfüllt. Was der Spätkauf als Craft Beer verkauft, liegt im Schnitt bei etwa vier Euro und eine Taube, die sich auf dem roten Backstein des U-Bahn-Turmes niederlässt, ist beim näheren Hinsehen eine Plastiktüte. Ein hawaiianisches „Kona Big Wave Golden Ale“ und zwei Eminem-Lieder später, hat die eine Palette eine Rucksacktour durch den Balkan beschlossen und holt eine weitere Runde Berliner Pilsner zum Anstoßen.

Nebenan findet man das Bier „überhopft“, weil man gelernt hat, dass „überhopft“ ein Begriff ist, den man sagen kann, wenn man sich gut mit Bier auskennt. Überhopft, so sei das Esperanto des Schweden Omnipolli, gebraut in Belgien. Der Name sei schön, die Flasche auch, allein dieses Überhopfte, das gehe eben nicht. Auf dem Weg zum Freiluftkino nimmt man daher dennoch besser ein Augustiner mit. Kein Mensch muss überhopftes Bier trinken, wirklich keiner.

Es ist also Sonntagabend, manch einer ist noch, der nächste schon wieder am Schlesischen Tor; alle mögen sie Bier, keiner will um das Preis-Leistungs-Verhältnis betrogen werden. Je nach Anlass des Biertrinkens, passiert das auch nicht. Wo ein Gösser zur sonntäglichen Rucksackplanung ganz hervorragend passt, sollte es zum Flanier-Nörgeln über Bier schon ein IPA sein. Balu hat sich von nebenan ein Lamacun geholt und öffnet sein Heidenpeters „Thirsty Lady“. Drink Drunk – ein Kategorienbruch, den man liebhaben muss.

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels stand die Angabe, dass der Spätkauf „1.000 Biersorten“ listet. Wir haben diese vom im Artikel zitierten Mitarbeiter übernommene Angabe auf die fachliche korrekte Bezeichnung „Biermarken“ abgeändert. 

Photo Credit: Tim Klöcker für Bier, Bars & Brauer

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