Brau doch bitte einfach Bier!

Brau doch bitte einfach Bier!

Craftbier einfach selber brauen – so der Titel eines selbstbewussten neuen Ratgebers für ambitionierte Heimbrauer. Die Idee ist gut, die fachliche Umsetzung auch. Doch es hapert dennoch. Nils Wrage wundert sich, weshalb selbst die neue Literatur zur Szene ein Problem mit der eigenen Identität zu haben scheint.

Ein relativ aussagekräftiges Indiz dafür, dass Dinge eine gewisse Öffentlichkeit gefunden haben, sind Verlagsprogramme. Denn wenn Verleger von Sachbüchern meinen, mit einer Thematik Geld verdienen zu können, dann wird es wohl vorherige Überlegungen gegeben haben, ob sich ein Buch lohnt oder nicht.

Nun ist Craftbier einfach selber brauen von Ferdinand Laudage (Ulmer Verlag) nicht der erste Brauratgeber am Markt, auch nicht der erste für den Neueinsteiger unter den Heimbrauern. Doch er ist nach unserem Kenntnisstand der erste Band im deutschsprachigen Raum, der sich den Begriff Craft Beer (der Autor nutzt die zweifelhafte Zwitterform „Craftbier“) offensiv zunutze macht.

Mission: Unfallfreies Brauen

Laudage, der Autor (und Biersommelier), dürfte als Dortmunder mit traditioneller Braukultur sozialisiert worden sein, die ehemalige Bierhauptstadt Europas hat auch heute noch ein starkes Bewusstsein für ihr hopfiges Erbe. Und Laudage verspricht gar nicht mal so wenig: Nämlich, mit Hilfe seines Buches jedem ambitionierten Hobbybrauer einen Leitfaden fürs unfallfreie Brauen an die Hand zu geben.

Das gelingt ihm auch, ungeachtet aller Unwägbarkeiten, die die ersten brautechnischen Gehversuche mit sich bringen, ziemlich gut. Vor allem gelingt es ihm griffig. In sehr klarer und präziser Sprache führt Laudage zunächst auf das Brauen hin: Was braucht man für den eigenen Sud an Ausstattung, was ist unumgänglich, wo kann man sich mit Lösungen aus dem Haushalt aushelfen, welche Ausgaben kommen auf den Brauer zu?

Vor allem gibt er einem zentralen Thema immer wieder mit kleinen Schlaglichtern die Aufmerksamkeit des Lesers – der Hygiene, die doch so viele Heimbiere heimsucht und sie zu unheimeligen Angelegenheiten werden lässt. In insgesamt 25 Schritten – vom Einkauf über die wichtige Brauanzeige beim Zoll bis hin zu Abfüllung und Nachgärung – schildert er nachvollziehbar und unter schlüssiger Einführung von Fachbegriffen jeden Schritt der Bierherstellung, das alles am Beispiel eines zweifach gehopften Pale Ales.

Die Frage allerdings, ob man das Bier vor der Abfüllung auf Flaschen wirklich zuckern muss, damit durch die Flaschengärung wieder neue Kohlensäure reinkommt, sollte man vielleicht nicht unbedingt mit Puristen besprechen. Und ob die Herstellung eines Sauerbieres, wie es die weiter hinten im Band präsentierte Rezeptsammlung vorschlägt, einfach mit 50 ml Milchsäure aus der Apotheke durchgeführt werden sollte, rechtfertigt den Einwand, ob das nun wirklich im Sinne der Handwerklichkeit gedacht ist. Also, im Sinne von „Craft“.

Bitte einfach mal Bier brauen. Okay?

Überhaupt: Craft. „Craftbier“. Es gibt kaum ein Wort, das Laudage in diesem Buch öfter verwendet; beinah, als ob es ein Verkaufsargument geworden ist. Ein Braustil gar. „Dein Craftbier“ hier, „dein Craftbier“ dort, so lautet das Mantra. Schon denkt man an jenen entsetzlichen Artikel, den der Stern vor zwei gut Jahren brachte (und der mittlerweile gelöscht wurde), in dem es hieß: „Craft Beer schmeckt nach ranziger Rhabarberschorle. Craft Beer ist Bier für Leute, die kein Bier mögen.“

Am Braukessel, so möchte der Laie nach der Lektüre meinen, kann folgendes entstehen: Bier oder Craft Beer (wir schreiben es jetzt mal wieder so, das tut ja sonst weh). Aha, ich kann jetzt kein Bier brauen, dafür aber Craft Beer. Dabei darf man sich die brauende Zurtatschreitung in den eigenen vier Wänden grundsätzlich als etwas ziemliches „craftiges“ vorstellen, wenn man mal ehrlich ist. Und da liegt das Tragikum von Craftbier einfach selber brauen.

Es gaukelt dem Leser vor, er würde hier etwas Anderes, Cooleres, Hipperes, Intelligenteres und Besseres tun als Bier zu brauen, etwas Anderes als das, was fränkische Mittelständler schon seit Jahrhunderten tun – dabei tut er genau das. Er braut Bier. Das ist umso kurioser angesichts der Tatsache, dass der Ulmer Verlag auch ein Buch mit dem Titel Bier brauen führt. Doch zu sagen, dass man jetzt Bier braut, klingt halt nicht so geil, wenn man das auf dem Bio-Wochenmarkt zwischen Quinoa, Rohmilchkäse, rotem Mangold, Altland-Äpfeln und sehr vielen Kinderwägen stehend den Bekannten erzählt.

Craftbier einfach selber brauen – warum so bemüht?

Damit zeigt Craftbier einfach selber brauen seinen abstrusen inneren Fehler: Es scheint sich selbst rechtfertigen zu wollen oder gar zu müssen. Es schickt sich nicht, schlicht Bier zu brauen. Das hat offenbar in den Augen seiner Macher noch immer zu viel Butzenscheibenbarock und Stammtischaschenbechermuff. Nur wer Craft Beer braut, darf das ernsthaft erzählen und sich dabei zeitgemäß fühlen. Passend dazu sieht man auch in der reich bebilderten Brauanleitung einen jungen Mann, der wirklich alles hat, was man derzeit haben muss im Garagenbraugeschäft: Karohemd, Vollbart, Hornbrille, Tätowierungen und einen einigermaßen großen Hund (für die zweite Auflage sei noch eine Lederschürze empfohlen).

Und man denkt sich: Schau an, der Laudage kommt schon wirklich aus der Szene, der kennt sich offensichtlich aus mit Pale Ales, Dry Hopping und Spezialmalzen. Allein, der milde lächelnde Mann, dem man da beim Brauen zuschaut, ist nicht der Autor. Er ist offenbar ein Mann, den man auf irgendeine Weise gecastet hat. Weil er so aussieht, wie man heutzutage aussehen soll, wenn man sich mit Bier beschäftigt. Dabei hätte ein Buch, in dem wirklich der Autor beim Brauen gezeigt wird, ungleich mehr Glaubwürdigkeit.

Sagen wir es noch einmal: Fachlich und als Ratgeber ist Craftbier einfach selber brauen völlig in Ordnung. Es ist anschaulich, verständlich, ehrlich. Sogar die Seiten scheinen so imprägniert, dass man sie problemlos wird reinigen können, wenn mal ein Blubb aus dem Sudkessel drauf schwappt. Darüber hinaus ist es auch preislich völlig in Ordnung. Aber es geht demselben Irrtum auf dem Leim, dem auch viele Massenmedien noch immer anheimfallen, wenn sie heutzutage über Bier sprechen: Es scheint die mittlerweile ziemlich verkommene Vokabel „Craft“ zu brauchen. Als würde Bier selbst nicht gut genug sein. Und das ist schade.

Ferdinand Laudage: Craftbier einfach selber brauen

2017, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart-Hohenheim

128 Seiten, Spiralbindung

ISBN 978-3-8186-0005-1

€ 15,90 (D)

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