Ausgerechnet Pankow: das Two Fellas Brewpub

Ausgerechnet Pankow: das Two Fellas Brewpub

Einst in der Küche des Castle Pub am Gesundbrunnen in Berlin-Wedding gebraut und dort missmutig vom Gesundheitsamt beäugt, wurden die beiden Lokalpatrioten, die Two Fellas, letztlich zum Umzug nach Berlin-Mitte gezwungen. Doch seit Anfang September kehren sie zurück ans heimatliche Tageslicht. Und das ausgerechnet in Pankow.

Läuft man vom U-Bahnhof Vinetastraße die Mühlenstraße entlang, sieht man…eigentlich nichts. Eine viel befahrene Verbindungsstraße zum eigentlichen Pankow eben. Dort, wo die Leute hauptsächlich zum Schlafen hinfahren.
Kommt man hingegen aus der Florakiez-Richtung, zeigt sich der ruhige Nordbezirk von seiner amüsant-verruchten Seite. Vorbei an der Tanke, die nach der Renovierung mit pseudo-edelschwarzen Regalen Supermarktambitionen suggeriert, wirbt linkerhand der einzige Puff Pankows, Salon 67, mit Schild und Jalousie. Früher leuchtete fast ängstlich eine einzelne Rotlichtlampe, in steter Furcht vor gutbürgerlichem Zorn. Doch auch in Pankow hat man sich an das horizontale Gewerbe gewöhnt. Dann folgt die Hipster-Enklave mit Kletter- und Boulderhalle, dann die alte Nazikneipe auf der rechten Seite, an der man besser schnell vorbei…Moment. Da hängt jetzt ein Schild dran: „Two Fellas Brewpub“.

Erklärungsbedarf

Offenlegung: Der Autor dieser Zeilen hat 18 Jahre seines Lebens in Pankow verbracht. Seit etwa 10 Jahren setzt er sich für besseres Bier in Berlin ein. Pankow war stets ein blinder Fleck auf der Kreativbier-Karte. Kaum Barkultur, kaum Bierkultur. Natürlich zieht die erste kreative Hausbrauerei in dem Moment nach Pankow, in dem ich kaum noch dort zugegen bin. Fünf Fußminuten von meiner Wohnung weg. Du kannst mich mal, Murphy!
Offenlegung, Teil 2: Der Autor dieser Zeilen war zur Eröffnung im September bereits bei den Two Fellas. Da war es gerammelt voll. Von Eröffnungen kann man allerdings nur schwer auf den Tagesbetrieb eines jedweden Etablissements schließen. Also schaute ich auf einen Montag vorbei, traditionell der Gastronomie-Ruhetag. Die Two Fellas haben trotzdem regulär geöffnet, die ganze Woche über ab 17 Uhr.

Der Bart ist wieder dran

Michael Moineau beschriftet gerade das Kreideschild. Da es draußen ordentlich regnet, erscheint ihm das selbst ein wenig sinnfrei, aber was soll’s. Es ist Montag. „Zwischen 17 und 19 Uhr kommt eh kaum jemand“, sagt der wie immer gut gelaunte US-Amerikaner mit leichtem Akzent. Inzwischen hat er seinen Bart zurück. Die Visitenkarten und Logos, welche nur stilisierte Bärte zeigen, funktionieren also wieder.
Wir setzten uns auf einige gemütliche Sessel in dem, im Gegensatz zum Eröffnungstag, nun deutlich größer wirkenden Schankraum. Dunkles Holz ist das Hauptelement. Es sagt ganz klar „alte Kneipe“, wenngleich eher im britischen als im deutschen Stil. „Es war mal ein Pub“, erklärt Mike dem Ex-Pankower. „Dann eine Rockerkneipe. Dann…“ eine braune Bar. Und jetzt kommen irgendwelche Amerikaner und meinen, sie müssten Bier brauen. Meine Güte, wie die Nachbarschaft vor die Hunde geht. Achtung, zynische Ironie eines Verzogenen.

Standortbeschwerden seitens Two Fellas?

Ein wenig sind die Lagerhallen und Garagenzeilen an den Bahngleisen ja das Niemandsland zwischen Pankow und Prenzlauer Berg. Laufkundschaft? Mike lacht. „Es gibt zwei schöne Spielsplätze in der Nähe. Tagsüber laufen hier eine Menge Kinder vorbei.“ Leider das falsche Publikum. Warum dann ausgerechnet Pankow?
„Wir haben uns in der ganzen Stadt umgesehen, haben mehrere, vielversprechende Objekte besichtigt, von der Sonnenallee bis in den Prenzlberg. Die wären alle sehr, sehr aufwendig zu renovieren gewesen. Letztlich hat sich Rob (Anm. der Red.: Robert Faber, der zweite Fella) vehement für Pankow eingesetzt. Er wohnt nordöstlich von hier in Heinersdorf. Also habe ich mal geschaut. Das Objekt hier hatte einfach alles. Fast fertige Barausstattung, genug Platz für eine Brauerei samt Lager, ein Biergarten, einen fairen Preis…“

Doch rächt sich das nicht? Günstig ist schön und gut, aber es ist einfach ein wenig ab vom Schuss. „Von Süden her wird kaum jemand kommen, das ist uns klar. Dazu ist da einfach zu viel los. Aber Pankow selbst ist ein riesiger Wohnbezirk, und hier in der Gegend gibt es zwei, vielleicht drei Kneipen mit vernünftiger Bierauswahl. Und als Brauer sind wir weit und breit allein auf weiter Flur.“
Da hat er recht. Die nächsten Braustätten sind Eschenbräu und Vagabund gen Westen und Schoppe Bräu auf dem Pfefferberg gen Süden, alles einige Kilometer entfernt. Ach ja, und Schultheiss-Kindl in Weißensee. Das gehört nach der Bezirkszusammenlegung verwaltungstechnisch an sich auch zu Pankow.
Damit ist Pankow der bevölkerungsreichste Stadtteil Berlins. Wer einmal Meile um Meile durch ruhige Fünfgeschossersiedlungen spaziert ist, nur unterbrochen von Straßenbahnhaltestellen, Supermärkten, Kleingärten und Parks, der wird es unbesehen glauben. Und unter diesen still vor sich hin wohnenden Hunderttausenden finden sich jeden Abend einige, die zu den Two Fellas pilgern, um lokal gebrautes Pankower Bier zu trinken.

Pankower Bier aus Marzahn

Lokal gebraut? „Noch nicht so ganz. Wir haben hier im Moment nur ein 6-Liter-PicoBrew zum Ausprobieren. Unser Bier brauen wir im Moment bei der Bierfabrik in der alten Börse Marzahn.“ Na super, Marzahn. Da haben wir die anderen 16 Jahre meines Lebens. Und die Bierfabrik hat natürlich auch erst eröffnet, als ich schon längst weg war. Ich vermute eine Verschwörung.
Doch die 300-Liter-Anlage von Brewiks kommt bald, und dann wird es wirklich Pankower Bier aus Pankower Wasser. Die Gärbehälter stehen bereits, der Brauereibereich ist gekonnt mit Keykegs abgesperrt.
Wir scherzen ein wenig über mögliche Biernamen mit lokalem Bezug. Vielleicht sehen die Kinder dieses Moments ja irgendwann das Licht der Welt am Ende eines Two Fellas-Zapfhahns: Punk-ow IPA (Seid nachsichtig, liebe BrewDog-Anwälte!) oder der „Sonderzug“ aus Pankow, die ultimativ heisere Liebeserklärung an den Bezirk. Das müsste dann wohl kratzig-rebellisch, wehmütig und ordentlich alkoholisiert sein. Wie Udo damals.

Die Stammkneipe für den Kiez

Währenddessen füllt sich der Schankraum langsam. Mike lässt mich kurz allein. Ich verkoste die vier Standardbiere des Brewpubs, während er sich um die Gäste kümmert. Jeder Gast erhält ebenfalls die Taster, die vor mir stehen, zusammen mit einer kurzen Erklärung des Stils und der zu erwartenden Aromen. „Im Moment haben wir die Zeit dafür“, erläutert Mike, „also nehme ich sie mir. Wenn es voller wird, geht das nicht mehr.“

Also wird es voll, trotz der Abgelegenheit?
„Zum Wochenende kann es ganz schön rund gehen. Jetzt rechne ich natürlich nicht mit mehr als 20 Leuten. Aber es handelt sich überwiegend um Leute von hier, und meist um Stammkunden.“
Berührungsängste mit dem „Craft“-Kram haben die Pankower also offenbar nicht. Na, wenn das Bordell inzwischen akzeptiert wird, sind Typen aus Michigan, die Bier brauen, auch nicht weiter dramatisch. „Wir achten sehr genau darauf, was unsere Stammkundschaft sich wünscht. Zu Veranstaltungen wie unserem Pub Quiz haben wir auch mal eine größere Runde Engländer hier, aber ansonsten leben wir von unseren Nachbarn.“ Und die wünschen sich offenbar Pale Ales, IPAs und Stouts, die essen dazu Nachos mit in der Suppenterrine geschmolzenem Käse und die berühmt-berüchtigte Pommesvariante „Poutine“ aus Kanada.

Ans Eingemachte – die Bierauswahl

Die Two Fellas haben sechs Biere am Hahn. Zwei sind Gastbiere, vier sind Eigenkreationen. Da hätten wir das Tropical Pale Ale, das Lake Michigan IPA, das Sorachi Ace Saison (Seid gnädig, liebe Carlsberg/Brooklyn-Anwälte!) und das Bull Moose Porter, benannt nach der Zeile aus Teddy Roosevelts berühmter Rede im Jahre 1912, die er hielt, nachdem er angeschossen wurde: „It takes more than that to kill a bull moose.“
Ich gestehe, dass ich zur Eröffnung nicht unbedingt begeistert von den Bieren war. Mike gibt zu: „Sie waren noch zu jung. Jetzt sind sie besser.“ Er hat Recht. Porter und Saison sind stilecht, aromatisch und trinkbar, das eine mit feiner Säure und kräftiger Röstigkeit, das andere mit typisch zitraler Dill-Kräuternote.
Das Pale Ale ist immer noch nicht meines. Karamell und Katjes-Joghurtgummitierchen. Beim India Pale Ale hatte ich zunächst dasselbe Problem, doch da sieht es jetzt besser aus: Es hat immer noch ziemlich viel Karamellsüße, aber die Cascade-Hopfennote setzt jetzt frisch und unerhört saftig die Grapefruit dagegen, das Bier sprudelt am Gaumen auf, geht dann schalenbitter ab. Immer noch nicht meine liebste Form dieses Stils, aber jetzt verstehe ich, was daran reizvoll ist.
Mit der eigenen Brauanlage wird mehr Rotation in die Bierkarte kommen. Spätestens dann bin ich wieder vor Ort, um auf die Bierbelebung meines einstigen Heimatbezirks anzustoßen. Leicht wehmütig. Leicht kratzig-rebellisch. Und alkoholisiert.

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