Die Schweiz und das Bier: vom brautechnischen Niemandsland zur Biernation

Die Schweiz und das Bier: vom brautechnischen Niemandsland zur Biernation

Seit dem Fall des Bierkartells im Jahre 1991 erfährt die Schweiz einen Aufschwung an Brauerei-Neugründungen und zunehmende Biervielfalt. Mit derzeit beinahe tausend registrierten Brauereien gilt das Ländle der Uhrmacher und Banken als jenes mit der weltweit höchsten Brauereidichte. Das war nicht immer so.

Langweilig und trist, untergärig und gleich. So gestaltet sich die Schweizer Bierlandschaft bis zu Beginn der 1990er Jahre, als nur 32 registrierte Brauereien für ein eidgenössisches, normiertes Einheitsgebräu gesorgt haben. Grund dafür war das von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Jahr 1991 existente Bierkartell – eine Konvention der Schweizer Brauereien, mit Preisregularien, einheitlichen Vorgaben für die immer gleiche, massige Braukultur.

Die Erweiterung des Bierhorizonts

Hopfen und Malz schienen verloren. Das ändert sich jedoch schlagartig mit dem Fall dieses Bierkartells. Das Interesse an inländischen Brauprodukten steigt und das neutrale Land im Herzen Europas beginnt zu gären. Der Bierhorizont weitet sich, professionelle – wie beispielsweise die IG unabhängiger Schweizer Brauereien – als auch Hobbybrauer formieren sich zur Förderung der regionalen Vielfalt.

Im Dezember 2017 sind 869 Brauereien im Verzeichnis der steuerpflichtigen Inlandsbrauereien der eidgenössischen Zollverwaltung registriert, über 100 mehr als noch im Jahre 2016. Der Neugründungsboom reißt nicht ab, die Braustätten-Anzahl könnte bald die 1000er-Grenze erreichen, denn im Mai 2018 sind bereits 963 nationale Brauereien verzeichnet. Heute besitzt die Schweiz, gemessen an ihrer Bevölkerungsgröße, die höchste Brauerei-Dichte weltweit.

Drei Jahre nach dem Fall des Bierkartells gruppieren sich beispielsweise auch Hobby- und Hausbrauer zum Verein des Swiss Homebrewing Society. „Um sich auszutauschen und besseres Bier zu brauen. Denn zu jener Zeit war es im Gegensatz zu heute erschwert möglich, Wissen zu generieren“, erklärt Martin Droeser, Hobbybrauer, Biersommelier und Vereinspräsident. Er vergleicht die geschichtliche Entwicklung des deutsch-schweizerischen Bieres mit der des grenznahen Süd-Deutschlands. Immerhin sei laut Droeser die Braukultur stark durch deutsche, in der Schweiz tätig gewesene Brauer und deren Technik und Methoden beeinflusst worden. Bis heute dient die Swiss Homebrewing Society Hobbybrauern als Netzwerkplattform zur bierigen Weiterentwicklung bei Stammtischen, vereinsinternen Bierprämierungen oder gemeinsamen Bierreisen.

Neuer Bierverband für Kreativbrauer

Derzeit wollen sich erneut Kräfte formieren. Die Neugründung des Schweizer Craft Brauer Verbandes mit Kreativbrauern aus dem ganzen Ländle scharrt in ihren Startlöchern, um der Kreativbier-Szene im Land der Käse- und Schoggi-Hersteller eine gewichtige Stimme zu verleihen. Zu einer Netzwerkplattform und Interessenvertretung für rund 95 Prozent der registrierten Brauereien solle sich der Verband mit einem eigenen Label für handwerklich gebraute Biere entwickeln. Denn immer noch decken die Mitgliedsbrauereien des Schweizer Brauerei-Verbandes (SBV), eine Mitglieder-Interessensvertretung, die sich aber darüber hinaus auf politischer Ebene zur Imagepflege für den gesamten Schweizer Biermarkt einsetzt, über 95 Prozent der inländischen Bierproduktion mit mehr als 300 Qualitätsbieren ab. Big Player wie die Brauerei Locher AG, Schützengarten AG, Feldschlösschen AG, Heineken Switzerland AB oder Ramseier Suisse AG dominieren den Markt. Insgesamt aber sind es circa 50 Schweizer Brauereien, die für rund 99 Prozent des jährlichen Produktionsausstoßes sorgen. „Wir haben Mitglieder, für welche die Association sicherlich interessant ist, und welche, die mitmachen werden. Generell aber sind wir für den Austausch, sei es mit dem SBV oder mit einer anderen Interessengemeinschaft, immer offen“, sagt der Präsident der Hobbybrauer.

Pro-Kopf-Konsum von Bier in der Schweiz sinkt

Im Vergleich zum stetigen Anstieg der Brauereien sinkt allerdings der heimische Bierkonsum. Die Schweizer trinken durchschnittlich rund 54 Liter Bier pro Jahr. Beinahe 20 Liter weniger als noch im Jahre 1991. Für die Stagnation oder den Rückgang des Pro-Kopf-Konsums seit den 1990er-Jahren sieht der SBV mehrere Gründe. „Das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung, die Aufhebung des Saisonnierstatuts 1991 und die damit verbundene Rückkehr der Saisonniers in ihre Heimatländer, verschärfte Arbeitssicherheitsbestimmungen, das Verschwinden der Stammtischkultur, das Bevölkerungswachstum und die steigende Vielfalt an Getränken“, erklärt Christoph Lienert, wissenschaftlicher Mitarbeiter des SBV.

Der Pro-Kopf-Konsum verringerte sich zwar von 71 Litern im Jahr 1990 auf 60 Litern im Jahre 1995, doch seither bewege sich dieser im Bereich zwischen 54 bis 57 Litern. Damit rangiert die Schweiz im internationalen Vergleich im hinteren Drittel. Bei der Betrachtung dieser Statistik werde laut SBV auch ersichtlich, dass der Konsum im Jahre der Promillegrenze-Einführung 2005 einen kurzfristigen Einbruch erlebte, um sich folglich wieder auf das gehobeneres Niveau zu begeben.

Seit sechs Jahren heißt es im viersprachigen Land des Kirschschnapses und Käsefondüs an jedem letzten Freitag im April herzhaft und fröhlich „Proscht oder Pröschtli“, am Tag des Schweizer Bieres. „Dann werden Bierkultur und Brauereitradition erlebbar gemacht“, erklärt SBV-Direktor Marcel Kreber. Nicht nur die 20 SBV-Mitgliedsbrauereien mit insgesamt 25 Braustätten laden zu Aktivitäten und bringen das Brau-Handwerk und sein Fabrikat unter die Eidgenossen. Auch Mikrobrauereien beteiligen sich an dem Tag des Bieres, der erstmals 2012 ausgerufen worden ist. In der finanzstarken Uhrmachernation gilt man ab 400 Liter gebrautem Bier pro Jahr oder ab dem Zeitpunkt, ab welchem man solches abgibt oder verkauft, als Braustätte, muss sich als solche registrieren lassen und steuerliche Abgaben leisten.

Schweizer Bier und Hosenträger

Am Tag des Bieres ist der Gerstensaft in aller Munde, bei Bier-Degustationen, Brauereiführungen, Feierabendbieren. Das Bierflaschenmuseum der Brauerei Schützengarten in St. Gallen öffnet seine Tore für den Blick auf über 3000 Bierflaschen aus 260 inländischen Brauereien. Bier-Lancierungen wie die diesjährige Vorstellung des von der Basler Brauerei Fischerstube lancierten Knickerbockerbieres als speziell gebrautes Ale für den mit Knickerbockern und Hosenträgern ausgestatteten Chor Männerstimmen Basel werden an dem Festtag präsentiert.

Das Interesse am Tag des Bieres nimmt von Jahr zu Jahr zu, tönt es aus dem Brauerei-Verband. „Eine größere Biervielfalt, Konsumenten, die mehr Abwechslung wollen und mehr an der Biervielfalt interessiert sind, das gesteigerte Medieninteresse, mehr Bier-Sommeliers und natürlich auch mehr Berichte und PR durch den SBV und dessen Brauereien“, begründet SBV-Mitarbeiter Christoph Lienert.

Zugleich leitet der Tag des Bieres, der international am ersten Freitag des Augusts – in Deutschland am 23. April zu Ehren des Reinheitsgebotes vom 23. 4. 1516 und in Österreich am 30. September – gefeiert wird, den Start in die aktuelle Biersaison ein.

Botschafter der Biernation Schweiz

Der Bierorden wurde bereits vor 46 Jahren unter der Schirmherrschaft des Schweizer Brauerei-Verbandes von dem Brauer Martin Hürlimann und dem PR-Berater Anton Glanzmann initiiert. mit dem Ziel, das Image des Bieres zu pflegen. Die Vereinigung versteht sich als eine Gemeinschaft von Bierfreunden und Persönlichkeiten, die sich dem Schweizer Bier verschrieben haben.

Der SBV und seine Mitglieder zeichnen in jedem Jahr, bis dato sind es 400, Personen des öffentlichen Lebens mit dem goldenen Ehrenorden ad gloriam cerevisiae honoris causa aus, die sich um die Förderung des Bieres besonders verdient gemacht haben. Diesem Botschafter des Bieres obliegt der Start in die aktuelle Biersaison, die auch in der Schweizer Biernation jeweils neu entdeckt werden will.

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Photo Credit: Shuttertsock

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