Gottes Werk und Hopfens Beitrag: Die Hallertau bekommt ein Hopfenkompetenzzentrum

Gottes Werk und Hopfens Beitrag: Die Hallertau bekommt ein Hopfenkompetenzzentrum

Das Landschaftsbild der Hallertau ist geprägt von Hopfen. Das kultivierte Schlinggewächs wird nun in einem neuen Agrar- und Hopfenkompetenzzentrum samt Versuchsbrauerei und Hopfengarten erforscht sowie vor Ort verkostet – und auch „Gott gibt seinen Segen d’rein“, wie es der bayrische Brauch verlangt.

In Hallertau dreht sich fast alles um Hopfen. Die bayrische Kulturlandschaft ist mit 16.500 Hektar das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Gerade im Spätsommer, wenn sich das Kletter- und Schlinggewächs aus der Hanffamilie bis zu sieben Meter an den Gerüsten hochgewachsen ist und sich samt Dolden erntebereit zeigt, befindet man sich inmitten einer von Hopfengärten gezeichneten Region.

Hallertau für die Welt

Hallertaus Anbau dieser für das Bier „bitter“ notwendigen Pflanzensorten trägt weltweit Bedeutung. Ungefähr ein Drittel der weltweit und beinahe 90 Prozent der deutschen Hopfenernte schlängelt sich aus Hallertau hinaus in über 100 Länder der Welt. Die steigende Nachfrage nach Aroma-, Bitter oder neuerdings fruchtbetonten Sorten ist vor allem dem aus Amerika übergeschäumten Kreativbier-Trend geschuldet.

Insgesamt 260 Hopfensorten gedeihen auf der ganzen Welt. Deutschland kultiviert 29 zugelassene, das Hopfenland Hallertau derzeit 26 verschiedene Sorten wie Hallertauer Mittelfrüh, Hersbrucker Spät, Tradition, Perle und andere Spezialaromasorten. Über 900 Hopfenbetriebe agieren als Arbeitgeber in der Region, und Forscher wie zum Beispiel in der staatlichen Hopfenforschungsstelle in Hüll zerbrechen sich die Köpfe um das bedeutende Landwirtschaftsgut.

Das grüne Gold im Hopfenkompetenzzentrum

Seit Anfang Juni steht das vielfach als „grünes Gold“ bezeichnete Gewächs auch im Mittelpunkt einer weiteren Forschungs- und Arbeitsstelle. Ein neues Agrar- und Hopfenkompetenzzentrum legt mit einer eigenen Versuchsbrauerei und einem Hopfengarten seinen Fokus auf den Hopfenanbau. Mit einer integrierten Versuchsbrauerei, in der das Bier direkt vor Ort in einem „Hopfengarten“ verkostet werden kann und interessierte Brauer so mehr Erkenntnisse zu den sensorischen Eigenschaften verschiedener Hopfensorten sammeln können, besitzt das Zentrum ein Alleinstellungsmerkmal. „Weil alles aus einer Hand erfolgt: vom Anbaumaterial zum Hopfenbau bis zum Produkt, das in der Brauerei zur Anwendung kommt“, erklärt Dr. Dietmar Kaltner, Commercial Director Hops der Zentrumsgründer BayWa AG.

Sechs von 15 Mitarbeitern des Hopfenkompetenzzentrums zeichnen als Hopfenexperten verantwortlich. Gemeinsam mit Forschungsinstituten und Züchtern arbeiten jene dort an der Weiterentwicklung des Hopfens zum Beispiel in Hinblick auf Resistenzverhalten, Aromen- und Geschmacksbildung, seine Ertragsmöglichkeit oder den schonenden Umgang mit Ressourcen im Anbau.

Das Sudwerk, die Maische- und Würzepfanne, der Läuterapparat mit Whirlpoolfunktion, die Malzmühle, zwei offene Gär- und zwei Lagertanks und Laborzubehör für die Versuchsbrauerei stammen von Wengert Brennerei- und Brautechnik in Grünkraut/Gullen bei Ravensburg am Bodensee. „Wir starten mit kleinen Anlagen für Top-Versuche rund um den Rohstoff Hopfen, aber auch Malz. Die Anlagen sind deshalb in kleiner Größe angefertigt, damit die Rezepte in Folge reproduzier- und berechenbar auf Großanlagen sind“, erklärt Andreas Wengert. Bis zur Entwicklung und möglichen Zulassung einer neuen Hopfensorte vergehen nämlich zwischen zwölf bis 15 Jahre. „Daher forscht man zunächst mit einer vernünftigen Größe, damit später ein gutes Scale-Up im Großmaßstab möglich ist“, sagt Dr. Kaltner.

Hopfens Werk und Gottes Beitrag

Der Forschungsbetrieb hat Fahrt aufgenommen, um die geschmackliche Vielfalt des Hopfens und seine Auswirkungen auf Bier ganz allgemein zu untersuchen und weiterzuentwickeln. „Doch man kann so viele Excel-Tabellen anlegen wie man will. Auf Wetterbedingungen und die höhere Gewalt haben wir keinen Einfluss“, weiß Dr. Kaltner.

In Österreich, vielen Teilen Deutschlands und eben auch im katholisch geprägten Bayern ist es üblich, für neue Einrichtungen, Gegenstände wie Fahrräder oder Feuerwehrautos, Kräuter, Tiere oder natürlich Getreide im Zuge des Erntedankfestes die schützende Hand Gottes durch Segnung zu erbitten. An diesem Brauch hat man auch bei der Neueröffnung des Hopfenkompetenzzentrums für einen erfolgreichen Bestand und vor allem eine gute Ernte festgehalten.

„Das Segnen in der Braubranche lässt sich auf das Mittelalter zurückführen“, berichtet Andreas Wengert. Damals, noch vor dem im Jahre 1516 eingeführten Bayrischen Reinheitsgebot zum Schutze der Bierkonsumenten und für ein wohltuendes Bier, wurde allerorts und von jedermann und -frau Bier in Haus und Hof hergestellt. Mit verschiedensten Gewächsen und Kräutern, die sich oftmals als berauschend, schädlich und im schlimmsten Falle sogar als tödlich erwiesen haben. „Um eine gesundheitsgefährdende Wirkung und vor allem einen Todesfall zu verhindern, hat man beim Einwurf der Zutaten und des Hopfens in den Kessel zum Beispiel den Segensspruch ‚Gott gibt seinen Segen d’rein‘ gesagt“, erklärt Andreas Wengert. Diesem Brauch und Ritual seien viele Brauer bis heute treu geblieben.

Tiefes Verständnis für den Rohstoff

Entscheidend für die Hopfenkompetenz der BayWa, die als Vollsortimenter für landwirtschaftliche Betriebe mit Beratungsservice und Vermarktungspotenzial von pflanzlichen Erzeugnissen damit auch den Weg vom Händler zum Dienstleister in der Hopfenbranche einschlägt, seien ein tiefes Verständnis für den Rohstoff an sich, gut ausgebildete Fachkräfte und die Fähigkeit, sowohl Landwirten als auch Kunden das Potenzial deutschen Hopfens nahe zu bringen, erklärt Dr. Kaltner, der sich Zeit seines Berufslebens mit Hopfen beschäftigt hat und aus der Hopfenforschung kommt.

Insgesamt acht Millionen Euro hat die BayWa in den neuen Agrarstandort im oberbayrischen Bruckbach im Herzen der Hallertau investiert, für den Landhandel und vor allem die Hopfenbauern. Auf 15.000 Quadratmetern Fläche befinden sich darüber hinaus auch ein Lagerhaus mit Vollsortiment, Düngemischanlage, Pflanzenschutzlager und sechs Metallhochsilos für die Erfassung und Lagerung von Agrarerzeugnissen.

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Photo Credit: Shutterstock

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