Lille Bräu baut in Kiel an eigener Brauerei

Lille Bräu baut in Kiel an eigener Brauerei

Angetreten als von Kommunikationsprofis gegründetes Bier-Start-up, macht Lille Bräu nun ernst. Im Oktober 2018 eröffnet die eigene Brauerei in Kiel. Wir haben die beiden Macher Max Kühl und Florian Scheske über ihre mutige Vision befragt, den Kielern ihr Bier zurück zu geben.

Am Anfang war das Lager. Kaltgehopft und unfiltriert. Das war der Beginn von Lille Bräu. 2015 stiegen die Gypsy-Brewer Max Kühl und Florian Scheske aktiv ins Braugeschäft ein. Von der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt aus wollten sie ihr Bier in die Republik tragen.

Doch dieses Vorhaben änderten sie rasch. Auch, weil die beiden das erste Jahr gefühlt so ziemlich jedes Kreativbier-Festival mitnahmen, das irgendwie in den Kalender passte. „Wir waren schlicht müde vom Touren“, sagt Florian. Sie änderten ihre Strategie: lokales Wachstum statt bundesweiter Vertrieb. Im Oktober diesen Jahres eröffnen die Lille Bräu-Jungs ihre eigene Brauerei. In Kiel, klar. Wir haben die Gründer in ihrem Office besucht.

Lille Bräu: Bier im Wissenschaftspark

Ein Büroraum im Co-working Space Starter Kitchen im Kieler Wissenschaftspark unweit der hiesigen Universität: Hier, an diesem wuselig-kreativen Ort mit verspielter Digital-Hipness und unkomplizierter WG-Attitüde, schlägt das Herz von Lille Bräu. „Wer in Kiel gründen will, muss sich hier einmieten“, sagt Florian. Getragen von Institutionen aus Politik, Wirtschaft und Forschung, bietet die Starter Kitchen jungen Gründern Infrastruktur und vielfache Vernetzungsmöglichkeiten. Ein cooles Umfeld für Start-ups. Aber ein Ungewöhnliches für Brauer. Auf den ersten Blick.

Was anfangs vielleicht widersprüchlich wirkt, macht Sinn, wenn man sich die Vita der Lille-Jungs Florian Scheske und Max Kühl genauer anschaut. Die beiden kommen aus der Design- und Kommunikationsecke, verließen ihre Heimatstadt Hamburg, um in Kiel an der Muthesius Kunsthochschule zu studieren. Max ist Kommunikationsdesigner, Florian, oder auch Flo, ist Industriedesigner. Brand- und Community-Building und Markenkommunikation sind Themen, die sie beherrschen.

Vor diesem Hintergrund macht die Starter Kitchen als Homebase für Lille Bräu durchaus Sinn. Max und Flo sind Gründer mit dieser szenetypischen, dynamischen Start-up-Denke. Sie wissen: Storytelling, die Kommunikation um ein Produkt, ist extrem wichtig, wenn man sich auf dem Markt durchsetzen möchte.

Die Reise von Lille Bräu beginnt beim Heimbrauen

Doch wer die Lille Bräu-Boys jetzt als trendverhaftete, hohle Marketingfuzzis mit eigenem Bierlabel abstempelt, liegt falsch. Max und Flo tun das, was sie tun, weil sie in erster Linie Bier lieben. Und sie mögen Kiel, ihre Wahlheimat. Sogar sehr. „Nach dem Studium reisten wir in die USA, nach Chile, nach Australien“, sagt Flo. „Und wir entdeckten die Craft Beer-Kultur.“ Wieder in Kiel begannen sie, selber zu brauen. Das war 2014. Sie brauten auf einer kleinen Heimanlage in ihrer Küche erste, eigene Pale Ales. Gnadenlos überhopft, kräftiger Körper, karamellig. Wie man das eben so mache, sagt Flo lachend.

Dann hätten sie das Lille Lager kreiert. Rötlich schimmernd, gebraut mit fünf Hopfensorten, würzig, mit leichter Karamellnote. 2015 brachten sie ihr bei der Ricklinger Landbrauerei produziertes Debüt-Bier auf den Markt. Rasch merkten sie, in Kiel kam das Lille Lager an. Max und Flo zogen ihre Konsequenzen. „Wir entschlossen uns zu Beginn recht schnell, nicht bundesweit zu denken, sondern lokal“, sagt Max. „In den großen Städten brodelt die Szene. Du musst schnell sein. Immer wieder Neues rausschießen.“

Kiel sein Bier zurückgeben

In der Gastro sein Bier zu platzieren, ist aufgrund des hohen Drucks, auch durch Knebelverträge großer Mitbewerber, unendlich schwierig. Und das Bier im Kreativbier-Store unterzubringen ist zwar schön, aber die meisten kaufen dort selten immer dasselbe Bier. Sie wollen Neues entdecken. Deshalb gehen sie dahin.

Die beiden erkannten das Potential von Kiel; hier eine Community aufzubauen, erschien ihnen erfolgsversprechend. „Mit der Aufgabe von Holsten 1994 hatte Kiel seine Bieridentität verloren. Der Kieler trank lange Zeit Dithmarscher und Flens“, erklärt Max. „Wir finden, das ist dem Kieler nicht zuzumuten. Wir wollen Kiel sein Bier zurückgeben.“

Derzeit bei 4.000 Litern im Monat

Die Strategie geht auf, Lille läuft in Kiel. Inzwischen produziert Lille Bräu bei der Brauerei Hartmannsdorf bei Chemnitz ungefähr 4.000 Liter im Monat. Lille Bräu sieht sich in erster Linie als Gastronomie-Marke. Hohe Trinkbarkeit als erste Maßgabe war und ist somit gesetzt. Die Biere verzichten auf Ecken und Kanten, was sie für geübte Kreativbier-Gaumen oft zu zahm daher kommen lässt. Drei Standard-Biere haben sie im Programm. Das Lager, das hopfig-fruchtige Pale Ale, nach Mango, Litschi und einem Hauch von Pampelmuse schmeckend, und das Pils. Auf die gewohnt dominant-herbe Note muss der Pils-Trinker bei Lille verzichten. Stattdessen kommt es in einer mit einem sonnigen, blau-gelben Etikett verzierten Flasche mit leichter Zitrusnote daher. Alle Biere sind ausgewogen, frisch, trinkbar.

„Wir hatten hier einen vorsichtigen Start. In Kiel gab es keine Craft Beer-Szene. Wir mussten unsere Geschichte immer und immer wieder erzählen und Überzeugungsarbeit leisten. Aber das hat sich gelohnt“, erzählt Max. „Wir sind in der Gastronomie gut vertreten, sind das Kieler Bier. Auch das Sternerestaurant Kieler Kaufmann hat unsere Produkte auf der Speisekarte. Hier funktioniert unser Bier.“

Die Kieler Woche trinkt Lille Bräu

Die Akzeptanz ist da, Lille Biere sind in der breiten Mitte der lokalen Biertrinkerszene angekommen. Beispiel: Das Kieler Woche Bier 2018 wird ein Lille Bier sein. Jetzt folgt der nächste Schritt. Im Oktober 2018 eröffnen Florian und Max im Eichhofquartier ihre Brauerei. Dort, wo früher Coca-Cola abgefüllt wurde, wird in Zukunft auf einer biozertifizierten 3.000-Liter-Anlage Bier gebraut und im angeschlossenem Schankraum ausgeschenkt werden. Rund 1,5 Millionen Euro investieren die Jungs laut eigener Aussage in den Bau.

„Für uns ist diese Entscheidung nur konsequent“, so Flo. „Die Brauerei Hartmannsdorf ist sicherlich eine der besten, wo man brauen kann, aber regelmäßig mit einem 40-Tonner-Lastwagen rund 700 Kilometer durch die Republik zu eiern, um 32 Paletten Bier hochzufahren, das ist einfach nicht geil. Mit unserem derzeitigen Ausstoß haben zudem wir eine gute Basis, um eine Brauerei zu bauen.“ Und fügt hinzu: „Und eine schlechte, um eine zu haben. Da müssen wir jetzt ein ganzes Stück besser werden.“ Satte 1.400 Hektoliter Jahresausstoß peilen sie im kommenden Jahr an. Passiv geschätzt, betont Max. Man wolle sich dann langsam steigern und bei rund 1.900 Hektolitern landen.

Mit neuem Braumeister in die Saison

„Wenn wir die Anlage Tag und Nacht prügeln würden, würden wir rund 22.000 Hektoliter brauen können. Aber da würde Broder sicherlich streiken“, sagt Florian grinsend. Broder Kallsen ist der neue Braumeister im Team Lille. Der Mann kommt aus Selent bei Kiel, hat sich quasi um die Welt gebraut, will jetzt in seiner alten Heimat sesshaft werden und unterstützt sie bei der Planung der Brauerei. „Ein echter Glücksgriff“, betont Max. „Er hat viel Knowhow, ist hochmotiviert, kennt Kiel. Und ist mit seinen 32 Jahren sogar so alt wie wir.“

Für Lille Bräu ist der Bau der Brauerei eine Zäsur, ein Abschied vom Gypsy-Brauertum und der Beginn eines neuen Kapitels. Die Marke soll sich weiter entwickeln, neben den Standardbieren wollen Florian und Max zusammen mit Broder Neues kreieren. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, auch abgefreaktere Biere zu produzieren, auszuprobieren und zu experimentieren“, freut sich Flo. Die Standard-Palette soll um ein Stout ergänzt werden. Zusätzlich werde es einen monatlichen Spezialsud geben, gerne im hefeorientierten Bereich.

Einen Ausblick auf diese Zukunft soll es bereits im Oktober geben: Derzeit lagert bei der Wittorfer Brauerei in Neumünster ein belgisches Saison in Rotweinfässern, angereichert mit Lactose und Brettanomyces. Das Ergebnis, ein Farmhouse Sour, wird es zur offiziellen Eröffnung der Lille Bräu-Brauerei geben. „Man muss aus sich herausgehen, damit man nicht so endet wie viele langweilige, fränkische Brauereien“, so Sour Bier-Fan Flo.

666 – The Number of the Feast

Dass die Kieler hinter der Idee einer neuen Stadt-Brauerei stehen, haben sie bereits bewiesen. Ende 2017 verkündeten die Lille Bräu-Macher ihre Baupläne und riefen eine clevere Crowdfunding-Aktion ins Leben. Für 150 Euro konnten Lille-Fans Genussscheine erwerben und somit das Vorhaben unterstützen. Neben einem liebevoll gestalteten Schriftstück gab es als Goodie die Aussicht auf zwölf Biere, die der Lille-Freund über 25 Jahre lang gratis in der Brauerei abholen darf. Binnen sechs Tagen waren alle 666 Genussscheine ausverkauft. Die Warteliste wächst noch heute.

Es sieht so aus, als wäre der Plan, Kiel sein Bier zurückzugeben und als lokale Brauerei durchzustarten, geglückt. Weil die Macher, das Produkt, dessen Kommunikation und der Markt zusammenpassen. Lille läuft. Ab Oktober geht’s weiter.

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Photo Credit: v.o.n.u. Regine Marxen und Lillebräu

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