Orval – Vom Perlentauchen im Alltag

Orval – Vom Perlentauchen im Alltag

In ihrem belgischen Biertrinker-Freundeskreis, von dem zugegebenermaßen fast die Hälfte Franzosen sind, gibt es eine kleine aber solide Gruppe überzeugter Orval-Konsumenten. Diese lassen grundsätzlich kein anderes Brauprodukt an ihren Gaumen als diese belgische Trappistenspezialität mit dem Bukett frischen Hopfens und der charakteristisch fruchtig bitteren Note. Eine malzige Milieustudie von Fiona Grau.

„Je ne bois que ça!“, „Ich trinke nichts anderes!“ behauptet Pierre, einer meiner Bekannten. Tauche ich mit ihm und seiner Gruppe an Passionierten ins nächtliche Bargetümmel Brüssels, wird das Abenteuer oft von der Verfügbarkeit dieser raren Perle geleitet, die selbst im Herzen der belgischen Hauptstadt nur in begrenzten Mengen zu erwerben ist. Es kann schon einmal passieren, dass nach zwei Runden Orval das allabendliche Kontingent der Bar erschöpft ist – wie neulich erst im L‘amère à boire, einer der zahlreichen Brüsseler Bierbars in der Nähe des Flagey-Platzes im Stadtteil Ixelles. Dann bleibt einem nichts übrig, als sich durch den bunten Trubel der Brüsseler Kneipenszene von einer Orval-Quelle zur nächsten treiben zu lassen.

Tagsüber durchforsten die Orval-Anhänger Supermärkte und Kioske: in Brüssel nennt man jene, und das ist völlig neutral gemeint„aller chez le paki“; also „zum Pakistani gehen“. Dabei freuen sich wie verrückt, wenn sie Flaschen mit einem über sechs Monate zurückliegenden Produktionsdatum finden. Durch die Flaschengärung verändern sich im Orval mit der Zeit nicht nur der Alkoholgehalt, der nämlich steigt, sondern auch der Geschmack. Während das junge Bier ein frisches Hopfenbukett charakterisiert, die von starken Fruchtnoten und der typischen Bitterkeit begleitet wird, hat das „vieil Orval“ (altes Orval) eine diffusere Bitterkeit, kombiniert mit einem milden Geschmack nach Karamell und Hefe.

Brauereigeschichte trifft Braukunst

Schon der Name des Orval-Bieres ist eine Legende: Das Symbol der Marke ist eine Forelle mit einem Ring im Mund. Der Legende nach verlor im Jahre 1076 die Gräfin Mathilde von Tuszien (Toskana) ihren Ehering in einer Quelle. Da sprang eine Forelle aus dem Gewässer, die eben diesen im Maul hielt, um ihn der Gräfin zurückzugeben. Die war so entzückt, dass sie das Tal, das ihr den Ring zurückgab, Goldtal nannte – also „Val d’or“, daher „Or-val“ – und dort ein Kloster bauen ließ.

Wie alle echten Trappistenbiere – es gibt auf der ganzen Welt nicht mehr als elf Trappistenbrauereien, davon allein sechs in Belgien – wird Orval nach strikten Kriterien in der Abtei Notre-Dame d‘Orval in der Provinz Luxemburg in Belgien gebraut. Ein Teil der Erträge wird, konform dem Label „Authentic Trappist Product“, an soziale Werke gespendet. Der Rest dient dem Überleben und Erhalt der Mönchsgemeinschaft.

In der Abtei von Orval werden jährlich 22 Millionen Flaschen Trappisten-Bier gebraut. Neben dem Klassiker mit 6,2 Prozent Alkoholgehalt produziert die Abtei noch das Orval Verte oder Petit Orval (4,5 Prozent), das nur vor Ort in Flaschen verkauft wird beziehungsweise im Bar/Restaurant L’Ange Gardien vom Fass zu bekommen ist.

Zur Herstellung wird helles Malz und ein geringer Anteil karamellisiertes Malz verwendet. Gebraut wird sodann mit frischem Wasser aus der Mathildequelle und Hallertauer Hopfen, Styrian Goldings und Strisselspalt, die dem Bier sein unverwechselbares Aroma geben. Nach dem Sieden werden der kalten Würze flüssiger Kandiszucker und Hefen hinzugefügt. Die Hauptgärung erfolgt obergärig bei einer Temperatur zwischen 15°C und 25°C und dauert vier bis fünf Tage. In speziellen Lagertanks gärt das Jungbier danach noch einmal zwei bis drei Wochen weiter. Währenddessen wird es mit Hopfen gestopft, um sein Bukett zu verfeinern. Vor der Abfüllung in Flaschen werden noch einmal flüssiger Kandiszucker und Hefen hinzugegeben, bevor die drei bis fünf wöchige Flaschengärung den Prozess abschließt. Die Bierspezialität wird in erster Linie für den belgischen Gebrauch produziert, nur 15 Prozent werden im Ausland vertrieben – wenn man die drei Benelux-Staaten zusammenrechnet, sind es sogar nur noch acht Prozent. Zu den Zielländern zählen unter anderem Deutschland und die USA.

Limitierter Mythos?

Da die Mönche die traditionelle Herstellungsweise bewahren und die Produktionskapazitäten trotz der hohen Nachfrage nicht erhöhen möchten, ist die Verfügbarkeit des kostbaren Tropfens selbst in seinem Heimatland Belgien begrenzt und variiert mit der Nachfrage.

Mancher sieht den Hype um das beliebte Getränk aus dem Goldtal nicht nur mit Wohlwollen: „Die arbeiten mit dem Seltenheitsprinzip als Marketingstrategie. Und die Leute denken sich; das gibt es kaum, also trink ich nur noch das! Und der Preis steigt und steigt“, so Jerôme vom Les trois frères in Saint-Gilles, meiner Nachbarschaft. Der Barmann aus dem Supra Bailli ein paar Straßen höher im Viertel versteht einen Teil des Hypes: „Wirklich eines der besten Trappistenbiere!“ findet er, mit der ganzen Debatte zur Rarität des Getränks kann er jedoch wenig anfangen: „Wir haben immer genug. Jede Woche bekommen wir zwei bis drei Kartons und wenn eben mal alle ist, gibt es immer noch welches im Supermarkt nebenan.“ Dass mancher Wirt den Ausschank auf eine bestimmte Flaschenzahl pro Abend begrenzt, ist seiner Ansicht nach übertrieben. „Wenn alle ist, ist eben auch mal alle!“ Dieses Credo muss ich mir in diesem Moment nicht zu Herzen nehmen, denn vor mir steht der mit wunderbar gülden Orval gefüllte Bierpokal und grinst mir vielsagend zu. Ob künstlich limitiert oder mythische Ikone ist in manchen Momenten schlichtweg unerheblich. Nämlich wenn man tatsächlich davor sitzt.

Erwerb in Belgien:

In Bierfachgeschäften und Supermärkten, der größte Teil (65 Prozent) der Produktion wird jedoch im Hotel- und Gaststättengewerbe vertrieben. Direkt in der Abtei kann ebenfalls Bier erworben werden. Bei besonders großem Zulauf können die Kaufmengen pro Person beschränkt werden. Im Gegensatz zum Westvleteren-Trappistenbier kann nicht im Vorhinein bestellt werden.

Erwerb in Deutschland:

Bierlinie GmbH

Sickingenstrasse, 9-13
D-10553 Berlin
Tél : +49 30/442/20/00
info@bierlinie.de

Manufactum

Hoof & Partners KG
D-45729 Waltrop
M. Martin Erdmann
Tel. : +49 23 09 939 00
info@manufactum.de

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