Quartiermeister – ein Sozialfall

Quartiermeister – ein Sozialfall

Es ist eines der ersten unabhängigen Biere und hat doch wenig mit der aktuellen Welle an Mikrobrauereien zu tun: Quartiermeister, das Sozialbier aus Kreuzberg, steckt jeden Cent des Profits in Sozialprojekte. Die beiden Geschäftsführer wollen nicht verdienen, sondern Gutes tun. Als nächstes produzieren sie das genderneutrale Bier „Quartiermeister*in“. 

„Das war gar nicht einfach“, sagt David Griedelbach und stellt zwei Flaschen Bier auf den Tisch. „Quartiermeister*in“ steht auf dem Etikett. Auf einer ist die Silhouette eines Männerkopfes zu sehen, auf dem anderen – dem neuen – eine Dame mit scharfem Pony und halblangem Haar. „Zuerst wollten wir einfach die Frau Quartiermeisterin nennen. Nun sind natürlich beide Quartiermeister*in, nur das ist konsequent genderneutral.“ Griedelbach, einer der beiden Geschäftsführer der Firma Quartiermeister, weiß wohl, dass so manch ein Biertrinker abwinken wird bei diesem Thema. „Wir wollen aber ein Zeichen setzen gegen Sexismus in der Werbung.“ Und der ist, gerade in der Bierwerbung, sehr präsent.

Da gab es die „Abhol-Magd“ von Karlsberg, der das Dekolleté fast aus dem Mantel fiel. Dann den Bauchnabel von Schöfferhofer mit der säuselnden Stimme im Hintergrund. Köpi warb mit einer Frau im Bikini, die ein Bier hält, Hirter bildete gleich drei mit Gläsern in der Hand ab, die waren dafür nackt und hielten mit der anderen ihre Brüste. Und natürlich die Astra-Werbung, der man eine ironische Ebene zusprechen kann, die aber doch nicht jeden Humor trifft („Kommt auf Bestellung“ – und in der Tür steht eine Frau in Hot Pants).

Wenn Griedelbach spricht, hallt es, denn seine Firma ist gerade in ein großes Loft in Kreuzberg umgezogen. Quartiermeister ist keine mächtige Kraft auf dem Biermarkt, aber eine gut etablierte Marke. Und sicher das einzige Getränk des Landes, das sich „Sozialbier“ nennt.

Gutes tun mit Gerstensaft

Vor sieben Jahren fing alles an. Eine WG in der Mainzer Straße in Neukölln. Drei Männer sitzen zusammen, Studenten, die es ernst meinen mit dem Thema „Nachhaltigkeit“. Sie wollen etwas Gutes tun, mehr noch: Die Menschen, also ihre zukünftigen Kunden, sozusagen ein wenig nötigen, das Richtige zu tun. Nur womit? Irgendwann, nach einigen Bieren, steht die zündende Idee im Raum: mit Bier!

„Bier war am Anfang eher nebensächlich“, sagt David Griedelbach. „Das Konzept stand im Vordergrund. Später erst wurde auch ein gutes Produkt immer wichtiger.“ Griedelbach hat auch mal für die Deutsche Bank gearbeitet, wollte aber irgendwann aus der Welt der großen Konzerne raus und das Gefühl bekommen, dass er etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leistet. „Wir haben uns gefragt, was das perfekte Unternehmen wäre, als Social Business. Und dann haben wir unseres nach der Idee geformt.“

Und das funktioniert. Das Unternehmen Quartiermeister GmbH braut zurzeit drei Biere, ein Pils und ein Bio-Pils für Berlin, und ein Helles für München. Jeweils regional, deshalb gibt es keinen Austausch, der wäre ja ökologisch nicht sinnvoll. Die inzwischen acht Angestellten erhalten ihr Gehalt, aber der Profit, der darüber hinaus in die Kasse kommt, wird sofort wieder ausgeschüttet. An lokale Sozialprojekte in genau der Gegend, in der das Bier auch getrunken wurde. Immer in 1.000-Euro-Spenden, über die Fans und Freunde auf der Webseite der Firma abstimmen können.

Über die Strategie entscheidet ein Verein aus Ehrenamtlichen, quasi der Aufsichtsrat der Gesellschaft. Sollte also doch einmal ein Konzern wie der weltweit agierende Biergigant Anheuser-Busch InBev seine Hände nach Quartiermeister ausstrecken, könnte es theoretisch passieren, dass die jeweils amtierenden Geschäftsführer verkaufen. Aber die Namens- und Markenrechte blieben beim Verein, so dass eine Kommerzialisierung des Sozialbiers doch nicht in Frage käme.

Wo Quartiermeister getrunken wird, wird gefördert

Die Förderung wird „nach Trinkschlüssel“ verteilt, so nennt der Chef das. „Dort, wo das Bier getrunken wird, wird in der anteilsmäßigen Höhe auch ausgeschüttet.“ So gehen auch 2.000 Euro nach Leipzig, wo also offenbar rund sieben Prozent der Quartiermeister-Produktion getrunken werden. Auch wenn es einen Vertrieb nach Leipzig, Dresden und Brandenburg gibt, wird der Löwenanteil in Berlin konsumiert. Die unterstützten Projekte stammen aus den Bereichen Bildung, Kultur, Antirassismus oder Flüchtlingshilfe. Zuletzt hat ein Deutschkurs für Geflüchtete die Förderung erhalten sowie ein Kreuzberger Mentoren-Projekt für Kinder aus ärmeren Familien, denen ein Pate an die Seite gestellt wird. Allesamt sind es Klein- und Kleinstprojekte, die über 1.000 Euro froh sind. „Support your local bands“, hieß es früher unter Musikfans immer. Heute könnte man sagen, support you local beer, dann unterstützt du auch die Sozialarbeit in der Nachbarschaft.

„Allerdings ist die GmbH ein wirtschaftlich arbeitendes, profitorientiertes Unternehmen“, erklärt Griedelbach. „Der Unterschied zu anderen ist nur, dass wir diese Profite wieder an die Gemeinschaft zurückgeben.“ Zur Wirtschaftlichkeit gehörte es dann irgendwann auch, sich ernstlich um die Qualität des Bieres zu kümmern. Der eigentliche Firmengründer Sebastian Jacob arbeitete zwei Jahre mit einer Brauerei zusammen, die bald insolvent ging. Heute wird in Wittichenau an der Oberlausitz gebraut, rund 170 Kilometer südlich von Berlin, bei einem Familienunternehmen. Die Stadtbrauerei Wittichenau ließ sich von Quartiermeister, das schon bald ihr größter Kunde wurde, inzwischen auch zu Ökostrom überreden. Später auch dazu, regionalen Hopfen zu verwenden und zuletzt sogar zur Bio-Zertifizierung, die für den Betrieb einigen Aufwand bedeutet. Die Bio-Variante des Quartiermeisters ist etwas herber, beide allerdings werden nach einem Rezept des Kreuzberger Teams gebraut, mit drei Sorten Aromahopfen.

Neue Märkte erschließen – aber nur wenn das Nachhaltigkeitskonzept funktioniert

Und der Aufwand lohnt sich auch. In Kreuzberg und Neukölln ist Quartiermeister in zahlreichen Bars angekommen, etliche werden auch mit Fässern beliefert. Auch Clubs wie der Südblock, das Möbel Olfe und das SO36 schenken Quartiermeister aus. Griedelbach würde gern auch Hamburg beliefern, in dessen Szene das Konzept und das Getränk tatsächlich gut passen würden. Allerdings hat er noch keine Partnerbrauerei in der Gegend gefunden – und das wäre Voraussetzung.

Im Jahr 2016 wurden 300.000 Liter Quartiermeister verkauft. Zehn Cent pro verkauftem Liter gehen an die Förderungen. Das Berliner Team träumt noch davon, sein Angebot zu erweitern. „Ein Alkoholfreies muss her“, sagt Griedelbach. „Alkohol ist nach wie vor ein Suchtmittel, und unserem Unternehmen stünde es gut zu Gesicht, auch ein Bier ohne Alkohol anzubieten.“ Von Gewinn träumt er nicht. „Wir könnten schon noch ein wenig wachsen. Aber eigentlich geht es darum nicht so sehr. Es soll einfach ein gutes Produkt sein und gute Dinge bewirken.“

 

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