Zwölf Hähne für den Prenzlauer Berg

Zwölf Hähne für den Prenzlauer Berg

Mit The Bird BBQ an der Schönhauser Allee bekommt Berlin eine weitere spannende Bierbar. Merle Primke hat sich mit Barmanager Donald Burke und Barbecue-Meister Michael Heiden über das neue Konzept unterhalten.

Die Berliner Bierszene ist in den letzten Jahren nahezu übergeschwappt. Allein rund um die „neue Biermeile“ Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg eröffnet eine Zapfhahn-reiche Bar nach der anderen. Wo Traditionsclubs mit kleinerem gastronomischen Angebot, wie zuletzt der Bassy Club, nach und nach ihre Schließung verkünden müssen, können sich Bars wie Zum starken August, das Kaschk oder die Herman Bar über fließende Besucherströme freuen. Demnächst soll nebenan auch eine große amerikanische Brauerei einen innerstädtischen Ausschank eröffnen. Nächster Bierstopp: The Bird BBQ.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte von „Muttervogel“ The Bird vor zwölf Jahren. Es galt als erster authentischer, amerikanischer Burgerladen in Berlin. Entsprechend schnell verbreitete sich der Ruf. Trotz der mittlerweile großen kulinarische Konkurrenz hat The Bird sich seinen Kultstatus erhalten und kann neben den Touristen, die aufgrund der Erwähnung in Guides, wie beispielsweise dem Lonely Planet, dorthin strömen, auch mit zahlreiche Stammkunden auftrumpfen. Nun haben sich drei derer, die den Vogel einst zum Fliegen brachten, mit einem neuen Konzept im Prenzlauer Berg niedergelassen: The Bird BBQ. Hier treffen zwölf Bierhähne unter den heiligen Händen von Donald Burke auf jede Menge Fleisch aus dem original texanischen Smoker. Wieder eine Punktlandung?

Zu Gast bei den bärtigen Männern aus den Bergen

Mit Donald Burke, dem aus Kanada stammenden Bier-Guru der Hauptstadt und Michael Heiden, dem deutschen BBQ-Baron, hat sich der aus New York City stammende The-Bird-Gründer Jon Cook mit zwei seiner langjährigen Mitarbeiter zusammengetan und den „Vogel 2.0“, The Bird BBQ, gegründet. Das Lokal, das Selbstbedienrestaurant, Bar und Lounge-Bereich kombiniert, erinnert eher an eine gemütliche Hütte in den Bergen als an ein Vogelnest. Zum Glück, denn die Chesterfield-Sofas aus tabakfarbenem Leder, den Kamin und die rustikalen Tische, Stühle und Tresen möchten sicher die wenigsten gegen Äste und Eierschalen eintauschen.

Die Bar im The Bird BBQ liegt vollständig in Donald Burkes Verantwortung. Aus den zwölf Hähnen fließt nur, wonach ihm zu Beginn des Abends selbst der Sinn steht. Daher wechselt das Angebot täglich. Zur Eröffnung weist er auf „50 Fässer“ hin, die er im Keller liegen habe. So darf man sich über detailliert ausgewählte traditionelle Biersorten von Kreativbrauern, vornehmlich aus Deutschland und Großbritannien, freuen. Genauso aber auch über Donald Burkes „liebstes Späti-Bier“, das Rothaus Pils „Tannenzäpfle“.

Besonderen Fokus legt er außerdem auf Kriterien wie Saison, Foodpairing und Wettbewerbsgewinner. Würde ein cooles Bier auf dem Mond produziert, hätte es Donald Burke sicher auch bald im Angebot. Bis der umtriebige Bierexperte, in der Szene unter anderem auch durch seine Stationen in The Pier und im Außendienst der OnePint GmbH bekannt, einen „Raketen-Führerschein“ gemacht hat, stehen vorerst aber beispielsweise Motel, Parasite Produktions, Fuller’s, Berliner Berg, Warpigs, Brlo oder Jopen auf der Karte.

Ein kanadischer Bier-Guru im dicken B

Mit dem Schreiten durch die gläserne Tür des Eckladens steigt einem der wohlige Geruch von Brennholz in die Nase. Wenn die BBQ-Bar um Punkt 18 Uhr eröffnet, brennt im Kamin bereits ein Feuer und lädt dazu ein, sich rasch einen der begehrten Plätze auf dem Sofa und den Sesseln davor zu sichern. Hinter dem halbrunden, holzverkleideten Tresen im Eingangsbereich lodert ein weiteres Feuer in Form von Donald Burke. Er trägt beim Besuch ein schwarzes Cowboyhemd mit aus goldfarbenem Faden gestickten Verzierungen, die sich über Brust- und Schulterbereich ranken. Dazu eine Baseballmütze mit einem Druck der US-Flagge und zerschlissene Turnschuhe. Dem anfangs etwas zurückhaltend und in sich gekehrt wirkenden Mann, dem aufgrund seiner Erscheinung wohl die wenigsten anzweifeln würden, aus dem 245.000-Einwohner-Örtchen Saskatoon mitten in der „kanadischen Provinz“ zu stammen, verstreichen mit der Zeit unseres Gesprächs zunehmend die ernsten Züge aus dem Gesicht.

Nachdem er sich sein erstes Bier gezapft und sich mit diesem an den Kamin gesetzt hat, zieht er den Verschluss seiner Cowboy-Kette fest. So, als ob diese ein elementarer Teil seiner Berufsbekleidung wäre, der vor dem Eintreffen der ersten Gäste nicht vergessen werden darf. Während Donald Burke am knisternden Feuer sitzt und einen kräftigen Schluck Bier nach dem anderen nimmt, streicht er sich beim Reden immer wieder mit seinen tätowierten Fingern über den Bart. Dabei zeichnet sich nicht selten ein verschmitztes Lächeln unter seinem Vollbart ab.

Jeden Abend auf ein Neues brennt Donald Burke auf die Verlockung des Unvorhersehbaren, die ihm beim Ausüben seiner Berufung stets erwartet: „Wenn du als Bartender arbeitest, kannst du dir nie sicher sein, was passieren wird. Es ist genauso möglich, dass sich ein neuer Freund auf den Stuhl vor dich setzt, mit dem du dann die halbe Nacht über wertvolle Worte austauschst, genauso besteht die Möglichkeit, dass eine Schlägerei ausbricht und du dich vor durch die Luft fliegenden Gläsern in Acht nehmen musst. Besonders blühe ich in den Situationen auf, in denen ein Kunde durch die Tür kommt, der offensichtlich einen miesen Tag hatte, meinen Tresen aber aufgeheitert wieder verlässt. An solchen Abenden geht das erste Bier nicht selten auf mich.“

Die Entstehung von The Bird BBQ: Wie ein Phönix aus der Asche

Angefangen hat alles mit Sommerabenden im Mauerpark, einem kleinen Grill und geräucherten Rippchen, zu denen Michael Heiden gerne seinen Freund Jon Cook einlud. Einmal war Michael so betrunken, dass er seinen Grill im Park vergaß. Natürlich war das Gerät am nächsten Tag nicht mehr auffindbar. Anstatt an der „BBQ-Desert-Period“ zu verzweifeln, ließen er und Jon einen Phönix aus der (nicht mehr vorhandenen) Asche entstehen. The Bird war geboren. „Die ersten Monate standen wir mit unserem mobilen Smoker noch auf dem Hackeschen Markt. Die Anwohner beschwerten sich aber zunehmend über den Rauch, weshalb wir uns umorganisieren mussten. Nach unserem „Last smoke“ begaben wir uns auf die Suche nach einer neuen Location, in der wir uns dauerhaft einrichten konnten“, so Michael. Dieser Ort befindet sich noch heute am Falkplatz 5 in Prenzlauer Berg.

Vor der damaligen Eröffnung begab sich Michael immer wieder auf Recherchereisen nach Zentral-Texas, in der Regel nach Austin, um die dortige Barbecue-Szene unter die Lupe zu nehmen. Er besuchte die angesagtesten Restaurants, für die es nicht unüblich war, bis zu sechs Stunden in der Schlange zu stehen: „Das Warten ist dort ein Event für sich. Die Menschen haben in der Vorfreude auf das grandiose Essen gute Laune, trinken reichlich Bier und machen neue Bekanntschaften. So einen Ort wollte ich auch in Deutschland haben – nun ist dieser Traum endlich in Erfüllung gegangen.“ Um es möglichst authentisch zu halten, gibt es im The Bird BBQ keine Kellner, sondern, wie in Texas üblich, eine Selbstbedientheke. Das Fleisch wird ausschließlich über Eichenholz geräuchert. Dieses stammt allerdings nicht aus Texas, sondern ist „local wood“ aus Brandenburg. „Bei dem Andrang auf unser Barbecue gibt es bald keinen Grunewald mehr“, scherzen Michael und Donald.

Wer sich der Zubereitung von gutem Barbecue verschrieben hat, der darf sich auf ein 24-Stunden-Programm einstellen. Der für einen stattlichen fünfstelligen Betrag importierte Smoker läuft unentwegt – alle 45 Minuten muss die Temperatur kontrolliert werden. Deshalb ist es unabdinglich, dass rund um die Uhr jemand im Laden ist. Bei einem kleinen Team von vier Leuten, wie es im The Bird BBQ aktuell der Fall ist, funktionieren die Lungen der Mitarbeiter daher höchstwahrscheinlich nur mit dem Rauch von brennendem Eichenholz und das Herz pumpt überhaupt erst richtig, sofern es von Barbecue-Sauce ummantelt ist. Sprich: Man muss das Handwerk leben, nicht bloß lieben. Die Venen von Donald Burke scheint aber vielmehr Bier geschmeidig zu halten. Die Kombination aus echter Leidenschaft und Fachwissen über zwei der ältesten Zubereitsungsarten von Nahrung, dem Räuchern und dem Brauen, lässt die Zukunft von The Bird BBQ rosig aussehen. Und führt nebenbei dazu, dass die guten Tropfen aus dem prall gefüllten Prenzlauer-Berg-Fass immer fontänenartiger herauszusprudeln scheinen.

Öffnungszeiten derzeit: Di bis Fr 18 – 24 Uhr, Sa 17 – 24 Uhr, So 12 – 24 Uhr, Mo geschlossen

Photo Credit: Merle Primke/Mixology Verlag, Slawo Urban 

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