Bier und Pizza für St. Pauli

Bier und Pizza für St. Pauli

Hamburg hat mit dem Überquell eine neue Brauerei samt Gastronomie bekommen. Die durch Craft Beer Days und Altes Mädchen bekannten Bier-Profis Patrick Rüther und Axel Ohm schlagen erneut zu. Dirk Hoplitschek hat die beiden besucht und dabei auch nachgefragt, was aus der Biermarke And Union wird. 

Von den Landungsbrücken schlendere ich am Nordufer der Elbe entlang Richtung Fischmarkt, die Elphi im Rücken, die Kräne des Hafens verbannt auf die andere Seite des Flusses. Rechterhand schraubt sich St. Pauli ein paar Meter in die Höhe, das einstige Niemandsland zwischen Hamburg und Altona, welches eben wegen dieser Lage gleichzeitig berühmt und berüchtigt ist. Ein paar schwarzafrikanische Drogendealer versuchen mir etwas zu verkaufen, wie jedesmal. Das gehört quasi zum Ambiente. Zwei Häuser weiter dann die Riverkasematten: der längliche, leicht gebogene Backsteinbau öffnet sich zum Wasser hin und bietet zugleich ein wenig Seitenschutz für den Innenhof. Gut, eine vielbefahrene Straße ist vor der Haustür, aber dafür ist die Erreichbarkeit exzellent. Das mit dem Standortvorteil haben die Macher verstanden. Auch das mit dem Geschichten erzählen. 

„Früher wurde hier Tran ausgekocht“, erzählt Patrick Rüther. „Im Niemandsland, wo es nur den Abschaum der Gesellschaft stören konnte.“ Sein Kollege Axel Ohm fügt hinzu: „Viele Leute wissen gar nicht, dass Hamburg und Altona erst zur Nazizeit quasi zwangsvereinigt wurden.“ Doch damit ist die reiche Historie des Gebäudes noch nicht zu Ende erzählt: „In seiner goldenen Zeit waren die Riverkasematten ein legendärer Jazz Club, wo sich die Größen ihrer Zeit ein Stelldichein gaben“, weiß Rüther. Das war 1957 bis 1974. Davor ein Luftschutzbunker, danach ein etwas protziges Strandrestaurant der Gastro-Unternehmer Bahman und Behrous Moaiyeri, die auch die Turnhalle an der Langen Reihe und das Raven am Mittelweg betrieben hatten. Im Jahr 2014 gab es Räumungsklagen und Schließung, jetzt eine Wiedergeburt als Überquell mit deutlich weniger Schickimicki.

Bier-Wallfahrtsort Überquell

Der weitläufige Hof bietet Strandgut-Holzoptik. Keine Schnörkel, dafür kantige Gemütlichkeit zwischen nautischem Biergarten und Palettenoptik. Das nicht alles ganz so simpel ist, liest man auf (natürlich) kreidebeschrifteten Tafeln: Neben lokalen Gebräuen ist Rodenbach Grand Cru am Hahn. Ein Flämisch-Braun mit seiner Balsamicosäure, das geschmackliche Spaltbeil jeder Bierverkostung für Unbedarfte. Das preisliche Konzept des Überquell ist klar und erinnert an den Markteinstieg von Braufactum vor sechs Jahren: die großen Namen der Spezialitäten ziehen, die Bepreisung steuert aber deutlich auf die eigenen Biere hin. Entsprechend sind zwei der Überquell-Biere auch schon ausgetrunken.

Im länglichen Gang zwischen Restaurant und Brewpub wird die Biergeschichte Hamburgs und die der Welt erzählt. Fast verborgen vor eiligen Toilettengängern dann ein absolutes Kleinod hinter einem Sichtfenster: Das Buch, welches dort lagert, ist kein Geringeres als eines von drei bekannten Originalen von Henricus Knaust (1520-1580). In Deutschland nur wenig bekannt, gilt es unter Brauhistorikern weltweit als Almanach klassischer Bierrezepte. 150 Stile und die dazugehörigen Rezepte sammelte der Hamburger Theologe und Pädagoge auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa. Sein Werk hört in der Kurzfassung auf den Namen: „Fünff Bücher/ Von der Göttlichen und Edlenn Gabe der Philosophischen/ hochthewren und wunderbaren Kunst/ Bier zu brawen”. Eingebettet in einen kleinen Schrein dient es als verehrungswürdiges Kultobjekt. Im gemütlichen, kommunalen Garten auf dem Dach der Kasematten kann man sich anschließend von spiritueller Anstrengung erholen. Leider fällt dabei der Blick unweigerlich auf die von Okudart bunt besprühten Lagertanks im Innenhof, und wieder puckert das passionierte Beergeek-Hipsterherz gefährlich nahe am Herzinfarkt.

Mit Schwerkraft gezapft

Pizza wie in Neapel und vor Ort gebrautes Bier vom bayerischen Brauer. Das wars auch schon. Der Aufwand, der für dieses scheinbar simple Konzept betrieben wurde, hebt allerdings schon die ein oder andere Braue: Die Öfen für die Pizza wurden von echten Neapolitanern gespachtelt, und für deren besondere Bauweise in Deutschland Genehmigungen zu bekommen, ist auch nicht mal so nebenbei erledigt. Von einer gläsernen Brauerei wollen Ohm und Rüther ebenfalls nichts wissen – also lassen sie das Glas weg. Wer sich auf der Sitztreppe am Ende des Schankraums platziert, braucht sich eigentlich nur umzudrehen und die Hand auszustrecken, um die kleine BrauKon-Anlage zu berühren. Auch die Leitungen zu den gekühlten Tanks sind denkbar kurz, denn diese sollen aufs Dach des Ausschanks. Brauereifrisch, mit Schwerkraft gezapft.

Der Brauer, den frühe Gäste dann wohl bei der Arbeit beobachten können, ist Tobias Hess. Braustationen: Weihenstephan, Doemens, Belize, Uganda, Mexiko. Bayerische Tradition vereint mit Weltenbummler-Flair. Bei einem Urlaub in der Heimat traf er seine Jugendliebe wieder, die nun in Hamburg zu Hause ist. Glücksfall für ihn. Doch auch Grund zur überquellenden Freude für die Riverkasematten? So ganz gefunden hat er seinen Stil noch nicht, gerade die modernen Hopfenbomben sind zu wirr, es mangelt an Klarheit im aromatischen Verlauf. Einige der Biere werden noch auswärts auftragsgebraut, weil der Platz fehlt, auch das sorgt für Durcheinander. Das beste Bier des Abends ist klar das Münchner Helle, so ganz kann man seine Wurzeln dann eben doch nicht verleugnen. Doch das Summer Ale des Überquell macht Hoffnung, dass sich auch die obergärigen Gerstensäfte einfach nur einspielen müssen. Müssen sie ohnehin, denn zumindest lokal möchten Ohm und Rüther das Bier auch in Flasche vertreiben.

Was passiert mit And Union?

„Das läuft weiter.“ versichert Ohm. Ich kontempliere kurz den Arbeitsaufwand für den deutschlandweiten Vertrieb einer Biermarke mit breitgefächerten Supermarkt-Ambitionen wie And Union und meditiere über den Stress eines Gastro-Projekts wie es die Riverkasematten darstellen, und frage dann klug: “Echt jetzt?” Das freudige Nicken von Axel Ohm hat etwas  Manisches. Ruhe und Stillsitzen sind wohl einfach nicht sein Ding. „Wir sind ja auch nicht mehr zu Zweit“, erklärt Ohm seine Zuversicht. „Laura Gsellmann unterstützt uns vor und hinter den Kulissen tatkräftig.“

Der nächste Schritt für And Union wird der Deutschlandvertrieb von Dosen sein, von denen die ersten 0,33l-Gebinde bereits ihren Weg in ausgewählte Gastronomien gefunden haben. Bei meinem ersten Besuch nach der Eröffnung war das Wetter gut, der Biergarten voll, der Brewpub noch nicht in Betrieb, und die Pizza klasse. In diesen Momenten dient die Terrasse gerade als Zufluchtsort der G20-Demonstranten vor den Wasserwerfern und ist weitaus weniger entspannt. Doch sobald der Ausnahmezustand verzogen ist, kann das Überquell vielleicht eine Rolle als kleiner Ruhepol am Flussende des stets überfüllten St. Pauli einnehmen.

2 comments

  1. Jan-Peter Wulf
    15. Juli 2017 reply

    Der Laden ist sehr schön geworden, von schickimicki auf Indie umgestaltet, er könnte jetzt glatt in Berlin stehen 🙂

  2. Björn
    17. Juli 2017 reply

    Das liest sich schon sehr gut. Ist für den nächsten Hamburg-Besuch auf jeden Fall vorgemerkt.
    happy Grüße, Björn

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