Urban Beering in Dortmund

Urban Beering in Dortmund

Durch Franken und die Kurpfalz kann es jeder. Wir schnallen unseren Rucksack für einen malzigen Marsch durch die Städte und wollen wissen, was diese von sich erzählen, wenn man mit ihnen Bier trinken geht. Auf ein Bier mit Dortmund.

»Kohle, Stahl und Bier«, der »Dortmunder Dreiklang« aus vergilbten Geschichtsbüchern hallte in meinem Kopf wider, als ich an Dortmund dachte; Spielhallen, Trinkhallen und Weihnachtsmärkte, auf denen der XXL Bratwurst 2.0-Stand aussieht wie die Geisterbahn auf dem Cannstatter Wasen, jedoch als Teil des realen Stadtbilds vor meinen Augen.

Dortmund, das ist, rein oberflächlich betrachtet, der BVB, ist Geschichtsunterricht über die 95-prozentige Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges, den Wiederaufbau und den massiven Aufschwung; das ist die Mutter bei »Arabella«, die mit ihrer Tochter »Schännifah« streitet, das ist grau, so grau. Aber eine solche Vorstellung von einer Stadt kann an der Realität nur vorbeigehen. Wo die Gefahr wächst, da wächst das Rettende auch – ist das mit Klischees und deren Falsifizierung nicht irgendwie ähnlich? Dortmund, zieh´ dir etwas Schönes an, wir gehen aus! Ich zumindest mit dir.

Doch der ursprüngliche Zweifel, ob eines sechsseitigen Dortmund-Berichts, weicht schnell der Frage, weshalb diese Stadt nicht ein komplettes Literatur-Genre umfasst, in der Buchhandlung etwa auffindbar zwischen Selbsthilfe-Literatur und Psychothriller.

Und so kommst du mit deinen Zech- und Zockhallen ums Eck und vermutlich weißt du, dass es für  IPhone-Akkus zu kalt ist, weshalb es im BH aufbewahrt werden muss und du vor meinen Fotos sicher bist. Das weißt du genau, und kokettierst mit einsturzgefährdeten Kiosken, vor denen  zwei Hocker und zwei Brinkhoff´s trinkende Menschen stehen, die nur deswegen nicht vom Hocker fallen, weil sie hier sogar die Schwerkraft nicht findet.

Eine Bierstadt auf dem Bildschirm

Im Brauereimuseum der Dortmunder Actien-Brauerei ist es menschenleer, doch voll von Flaschen, Etikettiermaschinen und Fässern aus allen Zeiten, besonders aber von der vorletzten Jahrhundertwende. Nachdem das Unternehmen 1868 als Bierbrauerei Herberz & Co gegründet worden war, überstieg die Jahresproduktion um die Jahrhundertwende bereits die 250.000 Hektoliter. Und man braucht nicht zu glauben, dass die Kunstepoche des Jugendstils am Flaschendesign vorbeigezogen wäre. Zu eben dieser Zeit wird das »Dortmunder«, für gewöhnlich ein Export, als Verkaufsbezeichnung geschützt. Nun sinken Produktionsmengen in Kriegen wegen Rohstoffmangel bekanntlich rasant und erholen sich dann wieder. In Dortmund allerdings, hatten besagte Amplituden extreme Ausmaße, dazu kam das Brauverbot in der britischen Besatzungszone. Zur DAB gehört heute Brinkhoff’s (hauptsächlich die »No.1«), das DAB, Hansa, Kronen, Stifts, Thier, Union, die beiden kaum bekannten Biere Felskrone und Freigraf, Ritter, Schlösser und Wicküler. Letzteres keinesfalls zu verwechseln mit Weckeler von Hövels! Im historischen Museumsfilm vermutlich zurecht als »Bierstadt Deutschlands« deklariert, zeigt das innerhalb eines Radius von 20 Gehminuten Entfernung von der (zumindest in den 80ern) größten Brauerei im Ruhrgebiet kaum eine Wirkung. Passanten auf dem Weg aus der nördlichen und von Kiosk-Neonröhren beleuchteten Asphaltwüste in Richtung Zentrum wollen von in Dortmund gebrautem Bier wenig wissen: »In Dortmund wird ja schon lange nicht mehr gebraut. «

Zielrichtung ist Hövels Hausbrauerei, ein Kiosk auf dem Weg dorthin hat Bergmann Pils im Angebot. Die in Dortmund Hörde gelegene Brauerei gibt es bereits seit 2008. Das Pils schmeckt angenehm grasig und hopfig, beinah möchte man meinen, in jener Bierstadt geschähen Dinge mit Bier. Man wirbt mit »Harte Arbeit, ehrlicher Lohn« und selten lagen ein Klischee und seine Versöhnung mit der Realität so nah beieinander.

Kein Maracujabier aus Amerika

Auf dem Weg zu Hövels bekomme ich einen »Geheimtipp: bisschen kompliziert zu finden, dafür richtig authentisch!« Fünfzig Meter weiter und mit sechs Leuchtreklamen in alle Himmelsrichtungen prangt da das Wenkers-Schild. Wenkers am Markt, das ist das »Stammhaus der Dortmunder Kronen«. Es ist ordentlich gefüllt und der Lautstärkepegel weit oben. »Thank God, it´s Christmas“ und Stefan Kretschmann, der Zauberkünstler, jongliert durch die Menge. Der alldonnerstägliche Magier verzieht sein Gesicht in alle Richtungen, wirbelt Dinge durch die Luft, und ich will entschieden nicht von Stefan Kretschmann verzaubert werden. Jener empfohlene Geheimort inmitten der Dortmunder Altstadt besteht aus mehreren Hausnummern und liegt gegenüber der Stadtkirche. Allmählich beginne ich zu bangen, ob sich mein nächstes Ziel, der  »Kumpel Erich«,  möglicherweise einfach im Rathausgebäude der Stadt befindet.

Vorbei an einem weiteren Weihnachtsmarkt, dem Pizza Hut Weihnachtsmarkt, und einem Weihnachtsmarkt der städtischen Feuerwehr, freut man sich beinah der Lokale namens  »Petit Paris«, »B-Trieb« und  »MPU-Hilfe Dortmund«. Richtig, letzteres ist kein Lokal, sondern offizieller Treffpunkt einer schnapstrinkenden Brinkhoff´s No.1-Fangemeinde. Brinkhoff´s No.1, Stadionbier des BVB, prangt überhaupt an den meisten Kneipenschirmen der Stadt und das zugehörige Restaurant »Pfefferkorn No.1« am Markt serviert eine hervorragende Erbsensuppe mit Speck. Das Bier schmeckt nach Getreidekaugummi und leicht grasig, ansonsten unauffällig und – günstig. Darum nicht nur bei der MPU-Crew, sondern auch vor dem Studentenwohnheim sehr beliebt. Ein Zwischenstopp am Raucherhof von Letztgenanntem: »Kreativbier in Dortmund? Nie gehört. Fängt man dann an zu malen, oder wat?« Man lacht. »›Craft‹, ihr wisst schon, dieser ganz neue Trend aus Amerika!« Es klingelt: »Diese sauren Biere, die immer nach Maracuja schmecken und viel zu teuer sind, kenn ich! Wäh!« Sie mögen einen seltsamen Humor haben, die Dortmunder, aber sie haben ihn.

Geheime Qualitäten unterm Glühweinhimmel

Die Lindemannstraße ist eine verregnete Gerade aus Dunkelheit und Lichterketten, Floristen und Sparkassen; ein Ort, an dem die musealen Bierreklamen beinah wie Hohn wirken. Hier gibt es weder Bier noch Menschen, die es trinken könnten. Nicht so bei »Kumpel Erich« in der Kreuzstr. 87, wo man sich indes mit Bratkartoffeln und Spiegelei verleibt oder von einem Probierbrett mit Soleya, Palor, Progusta, The Brale und Darkon genießt. Ja, man ist recht stark auf Braufactum fokussiert hier; die neun Zapfhähne bieten dennoch eine erfrischende Abwechslung und eine junge Kellnerin empfiehlt Pale Ale. Nämlich ein mit Yellow Sub gebrautes Hövel´s Pale Ale, das etwas brausig schmeckt, aber unter dem Glühweindunst der Stadt ein wohl gemeintes Labsal bedeutet und zeigt, dass auch in Dortmund die Zeit nicht stehen geblieben ist. Nicht einmal die Zeit will hier stehen bleiben.

Ein Abstecher bei Hubert´s (Hansastr. 74) zeigt abermals, dass Gold vor allem dort ist, wo überhaupt nichts glänzt. Eine deutsche Kaschemme wie sie im Buche steht, die an Weihnachten in puncto Geschmack gegen jeden Kinderbastelkurs verliert, wo Schlösser Alt und Mett-Salzkuchen aufgetischt werden und man schweigt, weil Toto läuft – ein Traum aus dunklem Holz und Deckenbalken. Hubert, der höchst selbst bedient, wäre mit seiner Keith Richards-Matte durchaus ein Foto wert; allerdings ist es vermutlich ratsam, nach 2 Uhr so wenige Dinge wie nur möglich aus dem BH zu holen.

Die Nacht ist staubig und kalt, die Lebenszeit zieht dahin wie der Shisha-Rauch durch die neongrünen Schläuche der Etablissements am Straßenrand. Dortmund, also. Die blond gefärbten Frauen tragen pastellpink und schütten mit den Bärchenfleece-Handschuhen ihren Männern Glühwein über die viel zu dicken Bomberjacken, mit denen sie sich ungeschickt durch die Menge schieben und »Moskau« singen. Wie, verdammt nochmal, in jeder deutschen Stadt im Winter. Und doch, in der ästhetischen Gesamtdarbietung ist Dortmund der ungeschlagene Endgegner. Dortmund hat gewiss andere Qualitäten. Geheime Qualitäten.

Dortmund: Mehr Nostalgie als Realität

Man muss sich das erst einmal trauen, einen Menschen so zu begrüßen. Ja, du bist gemeint, Dortmund. Heute geht es wirklich in die Hövel‘s Hausbrauerei und auch in diesem Fall scheint die Brauerei außerhalb eines Radius von 15 Metern unter den Dortmundern unbekannt zu sein. Dafür passiere ich weitere Blumen der Beschaulichkeit. Manch ein Gebäude erlangt regelrecht einen Status majestätischer Hässlichkeit. Allmählich dämmert mir, dass Dortmund keine gewöhnliche Ruhrpott-Stadt ist, sondern mir hier nichts Geringeres zuteil wird als das Disneyland des architektonischen Abgrunds, das Mekka des Maroden. Mit neu gewonnener Anerkennung biege ich in die Thier-Galerie ein, die ihren Namen das Thier Bier verdankt und ansonsten eine gewisse Ähnlichkeit zum hauptstädtischen Alexa aufweist, welches analog Berliner Pils-Galerie heißen müsste.

Hövels hat um 11 Uhr bereits offen und ein Müllproblem. Zwischen den blauen Säcken und der stasigrauen Galeriewand fügt sich die kleine Kupferblase schüchtern ein, ohne dabei die garstige Szenerie zu zerstören. Zum Abschluss also ein Hövel´s Craftbock, dazu ein »Brötchenkringel mit Kümmel, Salzhagen und Schwartenmagen«. So schmeckt Versöhnlichkeit mit einer Stadt aus Stahl. Nach Karamell und Kastanien, vielen Röstaromen, und im Verbund mit dem Schwartenmagen beinah so, als könne man hier leben. Jim Morrison singt »This is the End / My only friend«, und wenn es stimmt, dass man gehen soll, wenn´s am schönsten ist, wäre jetzt der Moment.

In seinem unweit vom Hauptbahnhof gelegenen Kiosk am Königswall frage ich Besitzer Arash nach einer Beschreibung der Dortmunder Bierszene. »Mehr Nostalgie als Realität. Guck doch hin, die einen saufen Glühwein, die anderen Chai. Ein paar Alte die alten Biere, die Jungen schlechte Mischgetränke.« Mit dieser bestechlich kompakten Zusammenfassung endet die Dortmunder Bierwanderung. Indeed, the end is a beautiful friend.

Fürwahr besteht die Möglichkeit, dass ich es einfach nicht kapiert habe. Dass das, was an architektonischer Größe fehlt, in der Herzenswärme der Einwohner wiederzufinden ist. Dass die Schaumkrone auf dem DAB der lokale Stephansdom, die Curry-Rot-Weiß der Dortmunder Basquiat, Manfred am Tresen der Charles Bukowski in Reinform ist. All das ist möglich. Aber unwahrscheinlich.

Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien erstmals in der Print-Ausgabe 1/2018 von BIER, BARS & BRAUER. Gefällt Ihnen dieser Artikel? Vielleicht interessieren Sie sich dann auch für unseren Newsletter? Oder möchten unsere Arbeit durch ein Abonnement unserer Print-Ausgabe unterstützen? Wir versprechen vier Mal im Jahr 100% Bier!

 

Photo Credit: Marcel Maffei

5 comments

  1. Fred
    28. März 2018 reply

    WTF – Hövel´s?
    Das Bier heißt Hövels. Nicht schwierig. Das gleiche gilt für andere (siehe Hubert `s / Hubert’s) …
    Das Apostroph befindet sich über der Raute-Taste und nicht neben dem SZ. Hmm, Journalismus ist wohl auch nicht mehr der, der er mal war…

    1. Nils Wrage
      29. März 2018 reply

      Ein falsch gesetztes Apostroph ist immer schlimm, keine Frage. Was dieser arg verbreitete orthographische Fehler mit »Journalismus« zu tun haben soll, wird aber in dieser messerscharfen Argumentationskette nicht ganz deutlich.
      Übrigens: Wenn man die entsprechende Taste korrekt drückt, muss man sie nicht »SZ« nennen, sondern kann sogar »ß« schreiben. Oder man spricht einfach vom so-called »Esszett«. Oder gar vom »Buckel-S« 😉

    2. Juliane E. Reichert
      29. März 2018 reply

      Vielen Dank für’s Melden! Wir haben verstanden. Denn es war deutlich.

  2. Zlotta
    28. März 2018 reply

    Netter Artikel, schön zu lesen, steckt mit Sicherheit auch viel Wahrheit drin, insbesondere was Architektur und Bierkultur angeht.

    Ein paar Infos sind allerdings leider falsch. Zum einen wird Andreas Pils seit letztem Sommer nicht mehr gebraut, zum anderen existiert die Stehbierhalle von Bergmann erst seit letztem Jahr (die Brauerei an jenem Standort ist auch nicht viel älter). Das aber nur der Vollständigkeit halber.

    Interessanterweise werden die – zugegeben wenigen – Höhepunkte Dortmunder Bierkultur fast gänzlich verpasst. So ließe sich, wenn man den Weg zur Stehbierhalle nicht auf sich nehmen möchte, auch am Bergmann Kiosk spannendere Sorten als das Bergman Pils probieren (Adambier, Saisonbier etc.). Zudem hat Hövels nicht nur die liebosen, in der Actien-Brauerei gebrauten Hop Pale Ale und Craftbock am Start, sondern auch ein durchaus interessantes Zwickelbier sowie ein Saisonbier am Hahn. Auch im Wenkers gibt es zwei Hausbiere und nicht nur Brinkhoff’s. In der Gaststätte Wüstefeld in DO-Hörde gibt es zudem das Phönix-Bräu, ein wunderschönes Dunkel.

    Tatsächlich gibt es für eine Stadt dieser Größe, die dazu noch eine große Universität beheimatet, erstaunlich wenig Craft Beer im Angebot und es erscheint unwahrscheinlich, dass sich daran allzu viel ändert in der nahen Zukunft. Man sollte aber nicht nur die schlechten Seiten beleuchten und die guten auch noch von der schlechten Seite aus zeigen. Das hat auch die einstige Weltbierhauptstadt nicht verdient.

  3. Juliane E. Reichert
    29. März 2018 reply

    Vielen Dank für die Rückmeldung! Freut mich, wenn der Text unterhalten konnte.
    In der Tat, das Andreas Pils gibt es seit 2016 nicht mehr. Haben wir so korrigiert, danke sehr!
    Right, die Stehbierhalle ist neu, nur den Kiosk gibt´s seit 2008. Danke!

    Ich bin mir zu hundert Prozent im Klaren darüber, dass ich viele tolle und würdige Biere verpasst habe. Darum wäre es auch hanebüchen nach nur zwei Tagen und einer leidigen Kindheitserfahrung in einer Stadt Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Geht ja gar nicht. Die Zeit war begrenzt, meine physischen Kapazitäten auch und so musste eine Auswahl getroffen werden, die immer und per se unfair ist. Bei einem nächsten Besuch freue ich mich auf jeden Fall über diverse Sessionbiere oder auch ein Phönix-Bräu, danke für den Hinweis.

    Und es war nicht alles schlecht dort. Ich bin nach wie vor großer Hubert’s-Fan. Beim nächsten Mal vielleicht im Sommer. Zumindest das verdient tatsächlich jede Stadt.

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