Was gärt? #11: Quartalszahlen, Mindestpreise für Alkohol, Glasdiebstahl, IPA Bar Berlin

Was gärt? #11: Quartalszahlen, Mindestpreise für Alkohol, Glasdiebstahl, IPA Bar Berlin

Düstere Wolken über der Bierwelt! Das erste Quartal 2018 schaut – vermeintlich – nicht gut aus und die Politik zieht eine Mindestbepreisung von Alkohol in Erwägung. Oder könnte gerade dies die Rettung sein? Ansonsten sorgen Glasdiebe für bedrückte Stimmung und die IPA Bar in Berlin endet – doch zumindest in diesem Fall könnte der Retter bereits gefunden sein.

Quartalsgejammer

Oh Ach und Weh, ojemine! Das Bier, es ist den Deutschen Wurst, sie löschen anders ihren Durst.

Die ersten Bilanzen für den jährlichen Bierabsatz trudeln ein, und sofort sind die Wirtschaftssparten der lokalen und überregionalen Presse gefüllt mit den Negativzahlen des ersten Quartals. Dabei wäre es viel berichtenswerter, würde der Bierabsatz einmal nicht sinken. Auch die Hoffnung, das nächste Fußballgroßereignis möge die Rettung bringen, ist bei einem Zweijahresrhythmus von EM und WM irgendwie sinnfrei. Wie hat das denn in den vergangenen 20 Jahren bei den zehn Großereignissen in dieser Zeit geklappt? Trinken die Leute mehr Bier zum Fußball? Ja. Ein Blick in meinen Hefesatz enthüllt mir, dass der Bierabsatz im Juni und Juli ansteigen wird, bei gutem Wetter im Vergleich zum Vorjahr vielleicht sogar ein leichtes Absatzplus am Ende dabei herauskommt. Hält das den Abwärtstrend auf? Nein. Das Problem für den Biermarkt insgesamt ist, dass die klassische Formel “Nachfrage hoch, Preis hoch” bzw. “Nachfrage runter, Preis runter” zu einer Abwärtsspirale geführt hat, die Bier anstatt in Richtung Genussmittel in die Billigsparte gedrückt hat. Nun wundert sich die Bierindustrie, dass der Konsument ein Produkt, dessen Wertigkeit man jahrzehntelang untergraben hat, nicht als wertig betrachtet und nicht bereit ist, es anständig zu bezahlen.

Es gibt nur eine Lösung: Setzt euch mal gegen die Supermarktketten durch, liebe Brauereien! Schluss mit den Kompromissen! Preise hoch! Tut mir leid, liebe Verbraucher, aber ein Bierkasten für 10 Euro ist nicht wirtschaftlich. Wir leben in einer reichen Industrienation, und wer seinen Kleinkindern schon iPads kaufen kann und einen Fernseher besitzt, der hochkant größer ist als man selbst, kann auch mehr als einen Euro pro Bierflasche bezahlen. Dann könnten die Brauereien trotz weniger Absatz überleben UND ein Produkt anbieten, bei dem keine Kompromisse bei der Qualität gemacht wurden.

Mindestpreis für Alkohol

Fast in diese Kerbe schlagen die Bestrebungen, einen Mindestpreis für Alkohol einzuführen. In der deutschen Bierpolitik munkelt man schon seit einiger Zeit, dass der ganze Trara um das Reinheitsgebot ja medienwirksam inszeniert sei, aber die ernsthaften Belange der Bierindustrie, die auch außerhalb des Freistaats auf Gesetzesebene von Bedeutung sind, drehen sich eher um Alkohol und seine gesundheitlichen Auswirkungen.
Die Zigarettenindustrie musste hier unter dem öffentlichen Druck mehr und mehr nachgeben, nun kommt so langsam Alkohol an der Reihe. Präventive Kampagnen wie “Bier bewusst genießen” und “Drink Responsibly” zeigen, dass man auf Produzentenseite den Braten gerochen hat.

In Schottland ist dieser Mindestpreis keine Fiktion mehr, und laut der Hannoverschen Allgemeinen ist auch der deutsche Gesetzgeber einem solchen Gesetzesvorschlag nicht abgeneigt. Jetzt am schottischen Vorbild Kalkül zu betreiben, ist wenig sinnvoll, denn niemand weiß ob, wann und auf welchem Niveau eine solche Regelung in Kraft treten würde. Viel spannender ist die Frage, wo die Mehreinnahmen hinwandern würden. Hätten die Produzenten endlich die finanzielle Luft, im vorigen Artikel angesprochene Qualitätsschöpfung zu betreiben? Oder sähen sie sich angehalten, noch billiger zu produzieren, damit die Preise nicht zu krass in die Höhe schnellen? Wären kreative und teurere Bierspezialitäten über Nacht plötzlich konkurrenzfähig und eine Entwicklung dieses Marktsegments analog zu anderen Ländern in Europa denkbar?

Glasklarer Fall von Elstertum

Biergläser sind ein beliebtes Souvenir. Noch beliebter sind sie, wenn sie nichts kosten – auch wenn man selbst dafür sorgen muss.

Wie kürzlich durch die Landespresse ging, installierte die beliebte Brügger Bierbar “The Beer Wall” vor ungefähr neun Monaten ein Alarmsystem für ihre Gläser. Zur Erläuterung: In belgischen Bierbars ist es üblich, ein Bier nicht nur in ein passendes Gefäß zu füllen, sondern möglichst auch das von der Brauerei empfohlene und entsprechend gebrandete Glas zu verwenden. Dies führt zu einem hohen Aufwand an Glaslogistik in diesen Gastronomien, aber das ist es den Betreibern wert.
Nicht wert ist ihnen jedoch der konstante Glasdiebstahl. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass ein Teil der Gläser von den Brauereien gestellt wird – irgendwer muss sie herstellen und bezahlen. Bei der Beer Wall belief sich der jährliche Schaden durch Glasdiebstahl auf ca. 10.000 Euro.

Aus eigener Erfahrung auf der Berliner Biermeile sind mir ähnliche Fälle bekannt. Für die gravierten Kelche einer belgischen Brauerei mussten wir im letzten Jahr zu Tag 2 den Pfand auf 5 Euro setzen und einen neuen Schwung anfahren, da wir nach einem Tag keine Gläser mehr hatten. Aus irgendeinem Grund sind Leute der Meinung, ein Anrecht auf Biergläser zu haben. Macht es soviel Spaß, daheim das geliebte Bier und den besonderen Moment, in dem man es genoss, erneut zu durchleben? Klar. Macht es immer noch Spaß, wenn man in dem Moment, in dem man das Glas an die Lippen setzt, denkt: “… und dann habe ich die Inhaber schön beschissen!” Gewissensbisse vorausgesetzt.

IPA Bar in Berlin mit neuem Betreiber

Der Platz, den sich die IPA Bar in Berlin-Neukölln ausgesucht hat, ist nicht der leichteste. Dönerbuden, Spielhallen, eigenwillige Reisebüros und Internetcafés wirken wie die Go-To-Geschäftsideen der frühen 2000er Jahre, Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Etikett in nicht allzu ferner Zukunft.

Doch was von außen wie eine klaustrophobische Kleingastronomie wirkt, entfaltet beim Hineingehen unerwarteten, architektonischen Reiz: Ein langgezogener Schlauch öffnet sich in einen weiteren Barraum für Ausschank oder Musik, der Innenhof ist Berliner Hinterhof-Flair von seiner angenehmsten Seite. Trotz dieser atmosphärischen Boni wird die IPA Bar nicht in ihrer jetzigen Form fortbestehen. Der bisherige Inhaber Mark Hinz ist in der Berliner Bierwelt beileibe kein Unbekannter, initiierte er doch mit dem Berlin Craft Beer Fest und dem Hopfenreich zwei frühe Heimstätten der Berliner Bierkultur. Seine Gründe für die Übergabe sind nicht geschäftlicher, sondern privater Natur, denn Hinz wurde der Barbetrieb, ergänzt um die Verwaltung der IPA Bar als Event-Location mit fast täglichen Veranstaltungen, schlicht zu viel. Obwohl sein weiterhin bestehendes Interesse an der Berliner Bierszene und seine Erfahrung im Gastronomie- und Eventbereich eine weitere Beschäftigung in diesem Feld nahelegen, schließt Hinz eine völlige Neuorientierung nicht aus.

Doch Trauerflor für Fans der IPA Bar ist nicht angebracht, denn die Nachfolge tritt Damian Corrigan an. Selbiger machte zunächst mit Biercocktails auf sich aufmerksam, für die er Biere der Bierfabrik Berlin kunstvoll vermixte. Der gebürtige Engländer bringt eine Menge Barerfahrung mit und hat eine qualitätsbedachte aber unprätentiöse Einstellung, wenn es an die Trinkkultur geht. Daher darf man eine Entwicklung hin zu einer nicht ganz so bierfokussierten Karte annehmen, dafür mit mehr Vielseitigkeit insgesamt. Auch der Name wird natürlich geändert werden müssen, denn die englische Hopfenbombe wird nicht das einzige Zugpferd des neuen Barkonzepts sein.

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Photo Credit: Tim Klöcker

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