Was gärt? #6 Brlo, Waldhaus, Pitters und Identitäres Pils

Was gärt? #6 Brlo, Waldhaus, Pitters und Identitäres Pils

Wir sind zurück mit „Was gärt?“! Brlo fährt die Produktion im Craft-Zentrum an, ein neues Gesetz verkompliziert das Pfandwirrwarr, während ein identitäres Pils hoffentlich niemanden flüssig machen wird. Dafür feiert Waldhaus flüssige Erfolge und Pitters möchte aus Marke Bier machen.

Gerade erst besprachen wir im zweiten Heft von Bier, Bars & Brauer die Pfandproblematik und ihre Auswirkungen auf den Importbiermarkt. Da zeigt sich am Horizont ein neues Verpackungsgesetz, welches 2019 in Kraft tritt.

Demzufolge muss der Endverbraucher deutlich sicht- und lesbar (z.B. durch räumliche Trennung der Verkaufsregale) darauf hingewiesen werden, ob es sich bei einem pfandpflichtigen Getränkemedium um Einweg oder Mehrweg handelt. Während zusätzliche Information für den Kunden und Entscheidungshilfen zur Umweltschonung zu begrüßen sind, gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: Das Gesetz kommt zu einer Zeit, in der sich etablierte Brauereien zunehmend unter Druck sehen.

Der eigene Absatz an Standardartikeln schrumpft stetig, und im Spezialitätensegment graben ausländische Brauereien mit Jahrzehnten an Innovationsvorsprung in Sachen Geschmack und Packaging das Wasser ab. Was für ein Zufall, dass man nun über dieses Gesetz die bösen Einwegglaspfand-Biere in Supermärkten in die Schmuddelecke verbannen kann.

Denn welcher aufrechte, täglich den Müll trennende Biertrinker wird schon die “Einweg”-Abteilung bevorzugt behandeln? Eine Abfüllung in deutsches Mehrwegglas lohnt sich aber erst ab einem Absatz, von dem diese Spezialitätenbrauereien meist nur träumen können. Umweltschutz und Interessenschutz gehen bei dem neuen Gesetz also Hand in Hand.

Pils wird identitär

Da waren wir gerade beim Verdrängen des Ausländischen: Dass man “Bier braucht Heimat” auch übertreiben kann, zeigen die Herren und Damen der identitären Bewegung mit einem Beitrag aus dem Bereich “Bier, das die Welt nicht braucht”. Wer Pils-Identitär trinkt, stärkt angeblich seine nationale Identität und unterstützt zugleich patriotische Projekte wie Proteste gegen Moscheen oder Schreihälse in Vorlesungsräumen, die “Heimat, Freiheit, Tradition” skandieren.

Gründer des Projektes sind Daniel Sebbin und Daniel Funke aus Mecklenburg-Vorpommern. Laut Website schmecke das Bier intensiver und vollmundiger als industrielle Ware. Wir sind gespannt. Geplant sind weitere Biere, wie ein identitärer Bock und ein identitär-dunkles Rauchbier. An ein traditionelles Braunbier hat man sich bisher nicht rangetraut.

Marke Aufgesetzt – Pitters von der Beecken’s Agentur

Die Düsseldorfer Marketing-Agentur ist der Meinung, zu wissen, was dem deutschen Biermarkt fehlt. Dabei hat die Firma rund um Gründer Ulf Beecken korrekt erkannt, dass klassische Biermarken und Werbeformate nur noch bedingt funktionieren und Millennials nicht unbedingt ansprechen. Das Triumvirat aus traditionellem Brauerstolz, Vermittlung eines bestimmten Lebensgefühls beim Konsumenten oder schrägem Auftritt, so Beecken, funktioniere nicht mehr.

Die Lösung hört auf den Namen Pitters und soll ein sympathisch-kantiger Köbes als tragende Figur der Markenidentität sein. Mit weisen Sprüchen wie “Pittern statt Twittern” oder “Im Pitters liegt die Craft” möchte man den weitgereisten und letztlich bei seinem perfekten Bier angelangten Typen inszenieren.

Das Ganze wirkt dennoch eher wie eine Meinungsumfrage zum bisherigen Konzept, denn gerade das Zusammenstöpseln von gewünschter Lokalidentität und dem Verkauf des Konzeptes an eine (letztlich jede) mögliche Brauerei wirkt unglaubwürdig.

Für Brauer und Gründer von Kleinbrauereien hingegen könnte diese völlig andere Perspektive durchaus Fruchtbares bringen. Denn eine Zielgruppenanalyse und entsprechender Markenauftritt sind für eine Brauerei, die letztlich eine gesunde Zahl an Angestellten ernähren soll, wichtiger, als es manchen lieb ist.

Nachtrag: Wie Ulf Beecken von der verantwortlichen Agentur unserer Redaktion mitteilt, wolle man „Konzept und Marke keinesfalls (!) verkaufen“, sondern suche einen Partner, mit dem man „Pitters gemeinsam (!) auf den Markt bringen“ könne. Es stünden in den nächsten Tagen bereits zwei Gespräche mit regionalen Brauereien an.

Von wegen Hinterwäldler – Waldhaus wächst weiter

Das “Gourmet-Tannenzäpfle” wird das Diplom Pils, seines Zeichens Spitzenprodukt der Waldhaus Brauerei, manchmal scherzhaft genannt. Der Erfolg gibt den Schwarzwäldlern recht, denn während der Biermarkt allgemein eher stagniert, ist Waldhaus auf dem aufsteigenden Ast.

Mit Ausstoß- und Umsatzsteigerungen von über zehn Prozent und Auszeichnungen in regionalen wie internationalen Wettbewerben braucht man sich weder mit den Klassikern noch mit den neuen Bierspezialitäten wie dem Hopfensturm verstecken. Damit der Aufwärtstrend gehalten werden kann, denkt man bei Waldhaus nun über größere Investitionen nach.

Craft-Zentrum in Berlin-Spandau vor dem Startschuss

Oder vielleicht ist man an der Havel sogar schon losgerannt, ohne das jemand es bemerkt hat? Denn der erste Sud wurde auf der Anlage des Craft-Zentrums Spandau bereits gefahren, ließen die Teilhaber von BRLO verlautbaren.

Wie 3B damals exklusiv berichtete, hatte sich das erfolgreiche Berliner Bier-StartUp ins Craft-Zentrum eingekauft, um Brau- und Abfüllkapazitäten in Berlin zu sichern. Entsprechend stolz verkündete man, dass BRLO damit demnächst zu 100% in Berlin gebraut und abgefüllt werden könne.

Zugleich dürfen sich Brauprojekte, die nicht über eigene Brauereien verfügen, nun für den Brauplan anmelden. Eine 20-Hektoliter-Anlage mit einem möglichen Gesamtausstoß von 10.000 Hektolitern jährlich und einer flexiblen Abfüllanlage mit 4.000 Stück pro Stunde wartet auf all die Kuckucksbrauer, die sich ebenso wie BRLO gern “brewed & bottled in Berlin” aufs Etikett schreiben wollen.

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Photo Credit: Tim Klöcker

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