Was gärt? Pt. II – Von Carlsberg und drei Christians

Was gärt? Pt. II – Von Carlsberg und drei Christians

Vor dem Jahresende dreht sich traditionell nochmals das Personalkarussel, denn in der besinnlichen Zeit kommen viele zur Besinnung und wollen Dinge verändern – ob das nun ein Krösus wie Carlsberg oder ein Christian sei. Ansonsten weisen die Wünschelruten deutlich in Richtung “McDonaldization” im Bereich von Craft Beer und dem, der es sein will.

In dieser Rubrik widmen wir uns dem Halbgaren, dem Bierbuschfunk.. Insofern haben die Meldungen, die hier präsentiert werden sollen, keinen Anspruch darauf, Fakten zu sein. Sie sind unterhaltsames Szenengeflüster, aus dem einmal Fakt werden kann, aber keinesfalls muss. In dieser Rubrik gärt und blubbert es lebhaft, braucht aber noch etwas Reifezeit, bis es bierernst wird

Jacobsøl – Carlsberg mit eigenen Craft Beer Bars?

Englische Brauereien machen es schon seit langer Zeit, das Hofbräuhaus bringt die bajuvarische Braukunst auf diese Weise in die Welt, und auch Spezialitätenbiere sehen zunehmend die Vorteile der eigenen Kneipenkette:

Pubs und Bars selbst zu betreiben oder unter Lizenz betreiben zu lassen sichert Hoheit an den Hähnen und bringt garantierten Absatz. BrewDog konnte so seinen Ausstoß massiv erhöhen, Goose Island wird auf diese Weise von AB-InBev weltweit ins Rampenlicht gerückt, und für traditionelle, englische Brauereien wie Fuller’s oder St. Austell ist es das Fundament ihres Erfolges.

Nun wird Gerüchten zufolge auch Carlsberg in das Geschäft mit den Bierbarketten einsteigen. Benannt nach dem Gründer Jacob Christian Jacobsen und dem dänischen Wort für Bier (“øl”), möchte Carlsberg mit Jacobsøl allerdings deutlich mehr in Richtung der klassischen Bar ziehen, als sich in den Kreidetafel-Burger-Reigen einzureihen. Mutig und hochklassig. Was Standorte angeht sind Berlin, Tokyo und eine dritte Stadt (Kopenhagen?) im Auge, entschieden ist aber noch nichts.

Im Vergleich zu Mikkeller, Birrificio Lambrate, BrewDog und Stone, den anderen bereits international etablierten Marken in der deutschen Bierbarlandschaft, brächte Carlsberg (u.a. Holsten & Astra, Lübzer, Staropramen) den Vorteil eines bereits komplett existierenden Vertriebs- und Logistikapparates mit sich. Mikkeller und Stone mussten diesbezüglich mehr oder weniger zähneknirschend mit großen, deutschen Vertrieblern zusammenarbeiten.

Gemeinsam mit den Gerüchten um die (ebenfalls von Carlsberg vertriebene) Brooklyn Brewery, die unter anderem in Paris auf Suche nach Standorten ist, sowie der Markteinführung der Beer Station (einer Growler-Abfüllanlage) ergibt sich ein deutliches Bild: Carlsberg drängt verstärkt in das Bierspezialitätensegment in ganz Europa.

Fräulein Brauer sagt auf Wiedersehen – für immer?

Nein, es ist kein Gerücht und auch keine Neuigkeit mehr: Fräulein Brauer, eine Kuckucksbrauerei mit dem Anspruch, keinen Sud zweimal zu brauen, liegt auf Eis. Die Gründe dafür mögen jedoch nicht jedem bewusst sein. Sie werfen aber einen kritischen Blick auf die kreative Kleinbrauerwelt und auf bestimmte Mythen, die über sie erzählt werden:

Melanie Vogt und Diplom-Braumeister Christoph Prystacki gründeten das “Brauatelier Fräulein Brauer” als Hobbyprojekt. Ihre Biere stellten sie bei der Brewbaker-Brauerei her. Die Firma liegt bis zum Juli 2018 auf Eis, und die Beiden genießen die viele Freizeit, die sie plötzlich neben ihren normalen Berufen haben.

“Wir beobachten die Szene mit einem gewissen Abstand, und stellen Tendenzen fest, die wir nicht so positiv finden.” sagt Melanie Vogt. Das erste Problem sieht sie im Verkaufszwang: “Es werden viel zu lange Mindesthaltbarkeitsdaten gegeben. Dadurch wird viel altes Bier verkauft und leider auch ausgeschenkt. Das hilft niemandem außer dem Brauer, und dem auch nur kurzfristig.”

Des Weiteren sei die Kreativbierwelt ein kleiner Kreis, der sich hauptsächlich um sich selbst drehe: “Mit dieser kleinen Gruppe verdient keiner genug Geld. Es fehlt eindeutig an Basisarbeit für die breite Masse. Aber wer kann die leisten?”

Zu guter Letzt sehen sie einen Verlust des Gemeinschaftsgedankens, der eigentlich vorherrschen sollte. Zusammen sind wir stark statt jeder für sich selbst. Doch wenn die direkte Konkurrenz eben in der Nachbarschaft zu finden ist, verliert man das große Ziel schnell aus den Augen. Fräulein Brauer sind in der luxuriösen Position, nicht auf das Braugeschäft (zumindest nicht auf dieses Projekt) angewiesen zu sein. Insofern ist es bei steigender Konkurrenz und Stress vernünftig, einen Strich zu ziehen. Ist dieser final?

“Wir denken über verschiedene Varianten nach, aber sind noch zu keinem abschließenden Modell gekommen.” Bis Mitte nächsten Jahres müssen wir uns also wohl gedulden.

Tilman’s mit eigener Gaststätte

Wer dieser Tage auf dem Crowdfunding-Portal Startnext vorbeigeschaut hat, der weiß vielleicht bereits, dass Max Heisler, Wirt der Geyerwally-Kneipe, und Tilman Ludwig von Tilman’s Biere zusammen ein weiteres Etablissement planen. Die Kampagne steht kurz vor dem Abschluss und hat die angestrebten 20.000€ erreicht und überschritten. Es sieht also gut aus für die von mir retroaktiv ins Leben gerufene Kampagne “Mehr Hähne für München”. Gemeint sind natürlich Zapfhähne für kreative Braukunst, für die mit der Schließung des Red Hot, abgesehen vom Camba Tap House, nicht mehr allzu viele übrig bleiben. Gleich 14 davon möchten Heisler und Ludwig nun beisteuern. Vier weden sicherlich mit Tilman’s Das Helle, Die Dunkle, Der Weizen und The Brown Ale (Was denn? Sonst ist der Artikel doch auch stets Teil des Namens) belegt sein. Der Rest steht Sondersuden, Kollaborationen und Gastbieren offen. Dazu soll es eine kleine, aber feine Küche geben.

Tilman’s Biere haben sich in den drei Jahren des Bestehens einen sehr guten Ruf erarbeitet. Sie schlagen die Brücke zwischen traditioneller Brauweise und moderner Intensität, denn Ludwig dreht gekonnt die Aromaschraube klassischer, süddeutscher Bierstile auf. Man erkennt stets den Basisstil, doch es gibt immer etwas mehr: mehr Aromahopfen beim Hellen, mehr Röstigkeit beim Dunklen, mehr Alkohol beim Weizen, das mit 6%-Vol. schon am Bockbier kratzt. Dennoch kommt die Balance nie abhanden. Der Erfolg gibt Tilman (und der Brauerei Gut Forsting, wo der Großteil der Biere gebraut werden) Recht. Wir wünschen viel Glück auf dem harten Münchener Pflaster!

Dramatis Personae – Brausturm, Buddelship, Lemke, Hopfenreich

Hamburg, Hamburg, Berlin, Berlin. Die beiden größten Städte Deutschlands verbrüdern sich auch biertechnisch zusehends, nicht nur über Astra-Konsum. So steigt Martin Schmitt, Handgemacht-Macher in der Kulturbrauerei Berlin, bei Brausturm Hamburg in den Vertrieb ein – für Berlin, natürlich. Brausturm vertreibt aufgrund der geschwisterlichen Verbindung der Gebrüder Siemsglüss auch Buddelship, doch ist Simon S. (Buddelship) offenbar dennoch der Meinung, dass Ronald S. (Brausturm) dennoch etwas Hilfe für der Hauptstadt gebrauchen könnte. Deshalb wird Jessica Prospero, vormals bei Stone GmbH, Buddelship in Berlin fördern. Auch die Brauerei Lemke erhält mit Christian Bobak Verstärkung im Außendienst.
Christian Dierken, bisher Bar Manager im Hopfenreich in Berlin-Kreuzberg, zieht es hingegen zu den Eidgenossen. Der gelernte und studierte Brauer fängt als Braumeister bei der Brauerei St. Johann in der Schweiz an. Bisher gibt es im Hopfenreich noch keinen Nachfolger. Bar- und Bierkompetenz vorausgesetzt ergibt sich hier womöglich ab Januar eine interessante Arbeitsstelle?
Wir wünschen auf jeden Fall allen Erwähnten viel Erfolg im neuen Betätigungsfeld.

 

Photo Credit: Tim Klöcker 

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