Wie Andrew Dougall den spanischen Kreativbiermarkt aufmischt

Wie Andrew Dougall den spanischen Kreativbiermarkt aufmischt

„Der Zug ist abgefahren. Wer Bier brauen will, sollte es für sich selbst tun. Wer Geld verdienen will, sollte gutes Brot backen, davon gibt es immer weniger!“ Vollmundige Aussagen passen zu dem Briten Andrew Dougall. Wir haben den Querkopf besucht, der mit Qualitätsbieren versucht, das spanische Volk zu bekehren.

Hier, vor dem Bahnhof von Liérganes, ist der Blick auf die Titten am besten. Wenige Menschen steigen hier unter der Woche aus, die Ruhe der kantabrischen Berge hängt wie ein Schleier über dem mittelalterlichen 1700-Seelen-Dorf. Wenn ab und an ein Motor aufbrüllt, ist das eher beruhigend, und wenn die Kirchenglocke läutet, ist Siesta angesagt und die Rollläden schließen für ein paar Stunden.

An Sommerwochenenden kommt es dann doch öfters vor, dass mehr Besucher sich an der Idylle vergreifen, dann kommen sie, um die Titten von Liérganes zu besteigen – ein Doppelgipfel auf 400 Metern, der wirklich so heißt – und um die römische Brücke zu bewundern. Sie kommen aber seit einigen Jahren auch, um die Brauerei von Andrew Dougall zu besichtigen.

Der eigensinnig Brite mit den Anekdoten

Der Brite, soviel ist sicher, ist nicht erpicht darauf, großartig zur Stille im Tal beizutragen. Der Keilriemen seines Landrovers schleift in hohen Tönen und es knattert erbarmungslos, als er mich vom Bahnhof abholt, die Serpentinen nimmt er mit Selbstbewusstsein. Dabei spricht er angeregt in einem Londoner Akzent durch seinen wolfigen Vollbart.

Am liebsten teilt er absurde Anekdoten, wie seine Verhaftung in Ost-Berlin aufgrund von Trunkenheit. Vor 21 Jahren führte ihn eine französische Liebe in das Hinterland Kantabriens, jener spanischen Provinz, in der 1979 die letzte Brauerei, Cruz Blanca, geschlossen wurde, aufgekauft von einer aktiven, niederländischen Brauerei.

„Wir brauen Bier aus furchtbar eigensinnigen Motiven“, gesteht Andrew Dougall, der „vorrangig Biertrinker, danach Brauer“ sei. Als er 1997 hierherzog – angeblich weil er leicht groggy die Fähre zurück nach England verpasste und sich dann verliebte -, fuhr er regelmäßig ins 30 Minuten entfernte Santander, um sich mit deutschen und belgischen Bieren über Wasser zu halten.

Die waren zu haben, aber das war teuer und umständlich, Perspektive hatte das nicht. Einen Bottich und ein 25-Liter-Brau-Set später hatte er eine neue Quelle aufgetan, und konnte jetzt sein geliebtes Ale im eigenen Keller abholen.

Dougall’s Brauerei dreht auf

Als Andrew Dougall eine gigantische Scheune betritt, dreht er auf. Er wechselt von englisch auf ein sicher nicht akzentfreies, aber bestimmtes Spanisch, beschwichtigt ratlose Mitarbeiter, und zieht sich beim Hin-und Herrennen die fallenden Baggypants hoch. Etikette, so scheint es, ist hier nur relevant, um die Bierflasche zu markieren. Nachdem die gröbsten Feuer gelöscht sind, führt er auf eine Balustrade, von der aus man die zehn Kessel der Dougall’s-Brauerei übersieht, in denen dieses Jahr rund 4.000 Hektoliter Bier gären werden.

Ein patriarchischer Blick durchdringt Andrew Dougalls Bart, als er sagt: „Die Scheune steht auf einer ehemaligen Weide. Siehst du das benachbarte Feld? Wir haben uns geschworen, immer hier zu bleiben, und maximal dort noch eine Halle zu bauen.“ Es sind kurze, aber ständige Manifestationen der Integrität, die sich durch das Gespräch ziehen.

Angst vor dem Sell-Out? Das muss neu sein, denn jahrelang war es fraglich, ob überhaupt jemals ein weinliebender Spanier dieses neue Getränk aus dem Keller des Angelsachsen probieren wird. In seinem vorigen Leben war Dougall Verleger von Sportinhalten, um die 2000er-Wende kam ihm da das Internet in die Quere.

One-Man-Bier-Show ohne Zuschauer

Er entschied, sein Unternehmen aufzulösen und voll auf Bier zu gehen, im Keller ein 400 Liter fassender Fermentierer.  Mit allen Mitteln hat er es versucht: Als Mönch verkleidet auf Mittelalterfesten. Ein Presseaufschlag mit doppelseitigem Zeitungsporträt. Freibier für alle Dorfbewohner. Nichts davon hat gezogen, es war eine One-Man-Show ohne Zuschauer.

2008 kam sein jetziger Partner Kike dazu. „Zwei Männer, die Geld verlieren: Endlich waren wir ein Unternehmen“, sagt Andrew Dougall heute. Mit der doppelten Energie gründeten die beiden eine der ersten ernstzunehmenden Kreativbierbrauereien Spaniens, „noch bevor die Leute Craft Beer tranken“.

Vorreiter, die zu früh vorritten. Mit 46 Litern ist der jährliche Bierkonsum pro Kopf in Spanien aber noch immer kümmerlich. Das ist der drittletzte Platz in Europa, vor Frankreich und Italien. Die nur rund 500 Brauereien auf der Halbinsel haben eben gegen 5.000 stattliche Weingüter anzukämpfen.

Es begann mit der Bierbar Beercelona

Ab 2009 formierte sich für Andrew Dougall zunehmend eine Stammkundschaft, beginnend mit der Bar „Beercelona“. Damit er aber die Iberer flächendeckend bekehren konnte, wollte er schwere Geschütze auffahren, die finanziert werden mussten. „Als ich im Amt das Unternehmen offiziell anmelden wollte, sagte mir der starre Beamte: Brauereien, so etwas gibt es in Kantabrien nicht,“ erinnert sich Andrew Dougall. Vier ganze Jahre dauerte der Anmeldungsprozess. Erst dann gab ihnen die Bank einen ordentlichen Kredit, womit die Scheune dann mit modernen Fermentierern und einer Flaschenabfüllung ausgestattet wurde.

„Erst seit 2016 machen wir keine Verluste mehr, und wir wachsen jährlich um 25 Prozent“, erklärt Andrew Dougall, während er sich auf einem Barhocker ausruht. Der zusammengezimmerte Brauereiausschank entspricht seinem Charakter – bodenständig, charmant und aus der erfinderischen Not geboren.

An der Wand hängen unzählige gerahmte Auszeichnungen, „Bester Bierausschank Spaniens“ der Jahre 2016 und 2017 etwa. Und auch einzelne Bierprämierungen hängen da, das American Pale Ale 942 – die Telefonvorwahl für den Großraum Santander – ist mehrmals vertreten. Dougall lässt es sich nicht nehmen, zur Verköstigung eigenhändig aus dem Kessel abzufüllen.

Der Star ist die Mannschaft bei Dougall

Die Formel, um bei den elf Biersorten zur richtigen zu greifen, ist einfach: Alles, was „Pale“ im Namen enthält, ist zu empfehlen. Das reine Quellwasser aus der kantabrischen Pyrenäenverlängerung ist eine wunderbare Basis für die facettenreichen Hopfensorten, die Andrew Dougall gerne wild mischt. Andere Sorten, wie das Pils oder das Amber Ale, kommen dagegen ziemlich lasch daher. Lasch ist auch der Preis: Zwischen 1,60 – 2,50 Euro für eine 0,33-LiterFlasche, das ist bei der Qualität kaum zu schlagen.

Die Frage nach dem Braumeister und seinen Rezepten mündet in einem philosophisch anmutenden Monolog: „Wir halten nichts von Geniekult und Brauergeheimnissen. Wie sagt ihr Deutschen: Der Star ist die Mannschaft! So ist es bei uns auch.“ Das Trainergespann, um bei dem Vergleich zu bleiben, besteht aus Ike und Maria – ein Mikrobiologenpärchen. Auf diese Neuverpflichtung ist Dougall besonders stolz, der in diesem Bild der sportliche Manager ist, der hier und da auch eingreift. Das System: Typische Brauaufgaben werden in kleine Schritte unterteilt und an alle zehn Mitarbeiter vergeben. Vielleicht auch deshalb sagt Trainer Ike hinsichtlich der Brausorten: „We don’t make crazy shit!“

Der Geist, der das Team unter der Scheune eint, hat etwas vom Provinzverein, der es mit den Großen aufnehmen will. Teenagerrebellion schwingt mit, wenn Andrew Dougall von den 40 Kleinstvertrieben redet, durch die er die Zusammenarbeit mit den Großbrauereien umgehen will. Ob er international vertreiben möchte? Gerne, wenn er seinen Prinzipien treu blieben kann. Ein paar Bars habe er schon erobert, in Italien, Schweden, Frankreich und England. Der Onlineshop für den Flaschenverkauf funktioniert gut, aber bislang nur in Spanien.

Time will tell …

Und ob das Ganze eine gute Idee war? „Ich rate es keinem“, meint Dougall. „Der Zug ist abgefahren. Wer Bier brauen will, sollte es für sich selbst tun. Wer Geld verdienen will, sollte gutes Brot backen, davon gibt es immer weniger!“ Er selbst, davon ist auszugehen, wird bei Flüssigbrot bleiben.

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Photo Credits: Dougalls

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