Luden-Lager & Inkasso IPA: Astra Brauerei eröffnet auf der Reeperbahn

Luden-Lager & Inkasso IPA: Astra Brauerei eröffnet auf der Reeperbahn

Astra macht auf kreativ. Und das nicht nur in Sachen Marketing. Dass die Biermarke letzteres drauf hat, wissen wir. Neu ist, dass Astra jetzt auch im Kreativbier-Segment mitmischt. In der neuen Astra St. Pauli Brauerei gibt es ab sofort vor Ort gebraute IPAs und andere Spezialbiere.

Astra. Was dagegen? Mit diesem kernigen Slogan, einem griffigen Logo und gekonntem Marketing hat sich die Hamburger Biermarke eine stattliche Fangemeinde erarbeitet. Alleine auf Facebook folgen Astra über 400.000 Fans. Zum Vergleich: Bei der ebenfalls seit 2004 zum Carlsberg-Konzern gehörigen Marke Holsten haben bisher gerade mal knapp 113.000 Follower den Daumen angeklickt.

„Astra ist trotz des schrumpfenden Bier-Absatzes in Deutschland eine wachsende Marke“, sagt Carlsberg-Pressesprecher Christoph Boneberg. „Vor allem im Süden.“ Seine Heimat aber ist und bleibt Hamburg. „Genau das wollen wir mit der neuen Astra Brauerei auf St. Pauli untermauern: Astra kommt nach Hause.“

Astra und die Reeperbahn

Tatsächlich sind Astra und die Reeperbahn eng miteinander verbunden. Bis 2003 wurde das Bier hier, auf dem Gelände der Bavaria Brauerei, produziert. Der einer Pilstulpe nachempfundene Astra-Turm mit dem Herz-Anker-Logo dominierte die Meile. Mit dem Abriss und Verkauf des Geländes zog die Brauerei zur Holsten-Produktion nach Altona. Der Turm wich einem spröden Büroensemble. Das Ende einer Hamburg-Bier-Ära.

Jetzt also, nach rund 16 Jahren, kehrt die Marke auf die Reeperbahn zurück. Ende November feierte die Brauerei mit viel Tam Tam und Kiez-Prominenz ihre Eröffnung.  Ein siebenstelliger Betrag floß laut Betreiber in den Umbau des ehemaligen Möbelgeschäfts und die Errichtung der Brauanlage.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Zehn Lagertanks erheben sich hinter dem 23 Meter langen Tresen und der mit bunten Hähnen bestückten Zapfanlage. Gerahmte Schiefertafeln verraten, was in ihnen gärt. Originelle Details verleihen dem rechteckigen Gastraum eine eigene Note – alte Sitze aus dem St. Pauli Stadion vor dem Kicker, eine bunte Plakatwand mit Astra-Werbemotiven, mit Pedalen verzierte Barhocker. Für Radler. Rund 200 Gäste finden hier Platz. Es gibt rustikale Speisen von der Bulette über Burger und Fritten bis zur hippen Bowl. Und es gibt Bier. Neue Biere. Denn das Astra Urtyp Pils hat Verstärkung bekommen.

Auf der Getränkekarte versammeln sich internationale Bierstile mit illustren Namen wie Inkasso IPA, Luden Lager, Keller Kalle, das obergärige Nachtschicht, der kaltgehopfte Weizenbeisser und der dunkle, weizenstarke Stimulator, der mit 9% Vol. und einem Preis von € 6,80 für 0,4l der Spitzenreiter in seiner Gruppe ist. Sie alle werden hier vor Ort gebraut, nur der Klassiker, das Urtyp, kommt aus der Holsten Brauerei.

Astra braut ein IPA? Echt jetzt?

Astra und Kreativbier: Passt das zusammen? Die Frage drängt sich auf, denn das Produkt selbst konnte im Grunde nie mit dem Markeninhalt mithalten. Kurz: Geiles Marketing, mäßiges Bier. Ein Astra Pilsener trinkt man am besten eiskalt. Aus Gründen. Aber das passt schon, schließlich stimmt das Preis-Leistungsverhältnis.

In der neuen St. Pauli Brauerei aber wagt sich das Unternehmen in neue Gefilde – auch wenn das laut Christoph Boneberg nicht im Fokus steht. „In erster Linie ist dieser Ort für uns die Chance, Astra als Marke erlebbar zu machen, eine Idee, an der wir dreieinhalb Jahre gearbeitet haben. Es geht uns nicht darum, auf den Craft-Beer-Trend aufzuspringen.“

Wirklich? Der 33-Jährige lächelt geduldig. Seit fünf Jahren ist er für den dänischen Brau-Konzern in der Unternehmenskommunikation tätig. Er kennt diese Fragen. „Wir wollten hier nie nur das Urtyp am Hahn haben. Dann hätten wir keine Brauerei bauen müssen, sondern eine Kneipe. Für uns ist das hier natürlich auch die Chance, zu zeigen, dass Astra mehr kann als viele vielleicht von der Marke erwarten. Und ja, für uns ist diese Mikrobrauerei auch eine Versuchsbrauerei.“

Heißt, dass Astra-Bierspezialitäten in Zukunft vielleicht auch in Flaschen auf dem Massenmarkt erhältlich sind? „Das ist erst einmal nicht geplant. Aber wenn wir merken, dass eines wirklich beliebt ist bei unseren Gästen, können wir uns vorstellen, es auf dem Massenmarkt zu testen. Aber jetzt geht es in erster Linie darum, diesen Standort aufzubauen. Und dafür haben wir starke Partner an unserer Seite.“

Die Rede ist von den Brauerei-Mitbetreibern Tim Becker, Thomas Jankowski und Marc Altenburg, allesamt alte Hasen in der Hamburger Gastro-Branche. Und natürlich vom Braumeister und Biersommelier Jan-Hendrik Koch. Der 40-Jährige darf sich ab jetzt in seiner gläsernen Brauerei von den Gästen über die Schulter schauen lassen. „Die Anlage ist vom Feinsten“, sagt er. Sein Handwerk gelernt hat er bei Holsten, damals, als er mit 17 Jahren in die Hansestadt zog. Er ist viel rumgekommen, arbeitete unter anderem drei Jahre für Paulaner in Russland, war in England und in den Niederlanden unterwegs, braute Bier auf einem Kreuzfahrer und in Istanbul. „Allmählich“, sagt er, „habe ich keine Lust mehr auf Reisen.“

Die Rückkehr in den Norden kommt ihm also entgegen, und der Job passt perfekt zu ihm. Weil er hier den Freiraum findet, den er in klassischen Braugasthäusern nicht finden würde. „Die brauen ein Helles, ein Dunkles und ein Weizen. Ich habe hier insgesamt zehn Tanks stehen und darf mich ausprobieren.“  Seinen Braustil beschreibt er als klassisch – bei klassischen Sorten, die das auch brauchen. Aber eben auch experimentell. Beim belgischen Wit, sagt er, tausche er zum Beispiel den Koriander auch mal gegen Anis aus.

Astra Brauerei

Astra sucht die Vernetzung. In der Nachbarschaft und in der Szene

Diese Lust auf Experimente sei explizit erwünscht, bestätigt sein Chef Tim Becker. „Wir müssen hier ausprobieren, welche Biere den Leuten schmecken. Denn diese entscheiden letzten Endes, was auf der Karte steht. Und im Moment ist das Thema Craft Beer im Fokus.“ Becker kennt sich aus in der Branche. Mit 21 Jahren übernahm der Gastronomie-Profi seinen ersten Laden in Hamburg, heute führt er gemeinsam mit seinen Brüdern insgesamt acht Läden.  Und er ist an der Brauerei Landgang in Hamburg Bahrenfeld beteiligt. Eine Connection, die für Astra sogar von Vorteil ist. Denn die Landgang-Brauanlage wurde vom Hamburger Unternehmen Rabek Engineering geplant, das wiederum auch für die Einrichtung der 1400hl großen Astra Brauproduktion auf St. Pauli verantwortlich ist.

„Dadurch, dass wir die selbe Technik nutzen“, erläutert Jan-Hendrik Koch, „konnte ich mir einiges bereits im Vorfeld bei den Landgang-Kollegen anschauen und mich austauschen.“ Tim Becker sieht in der Zusammenarbeit keine Probleme. „Die Craft-Bier-Brauer haben immer Angst, wenn etwas Neues kommt“, sagt er. „Und auch dieses Projekt wurde von einigen bereits im Vorfeld klein geredet. Diesen Tunnelblick finde ich schade. Denn: Je mehr sich für die Biervielfalt einsetzen, desto besser für alle. Wir nehmen hier niemandem etwas weg. Wir wollen ein Zuhause sein und uns hier auf der Meile in die Gemeinschaft integrieren.“ Sonntags ab fünf Uhr gäbe es zum Beispiel ein Frühstück für Nachtschwärmer oder Frühaufsteher, bei welchem Gastro-Leute, die dann Feierabend hätten, nur die Hälfte zahlen würden. „Dann kann sich die Szene noch mal treffen und einen Absacker beim Mettbrötchen trinken.“

Astra Brauerei

Die Astra-Kreativbiere sind massentauglich – auch in der Nische

Ein Wohnzimmer für alle. So die Vision. Ob diese wahr wird, wird sich zeigen. Auf jeden Fall wird es ein lautes Wohnzimmer, so viel ist sicher. Die vor Ort gebrauten Biere jedenfalls überzeugen schon einmal, auch wenn sie manchem Hopfen-Ritter zu zahm daher kommen werden. Ein Ort wie die Reeperbahn verlangt Drinkability und eine gewisse Massentauglichkeit auch in der Nische. Diese Gratwanderung ist dem Braumeister Jan-Hendrik Koch gut gelungen. In Zukunft kann der sich sogar Spezialbiere wie einen Barley Wine oder eine Gose vorstellen. „Vielleicht finden an diesem Tresen sogar verschiedene Tape Takeover statt“, sagt Tim Becker. Christoph Boneberg schaltet sich ein. „Aber da sind wir noch lange nicht. Wir schließen nichts aus, müssen aber erst einmal selber ankommen.“

Ankommen in der alten Heimat. Laut Boneberg war der Wille, Astra wieder zurück auf den Kiez zu bringen, im Unternehmen immer spürbar. Seltsam, dass genau diese Geschichte vor Ort kaum zitiert wird. Wirklich in die Tiefe gehen die Betreiber nicht, statt dessen wird viel oberflächliche Kiez- und St. Pauli-Romantik geboten. So oder ähnlich könnte das gute Stück auf vielen Kiezen stehen. Da drängt sich die letzte Frage auf: Bleibt die Hamburger Astra-Brauerei die einzige ihrer Art? Boneberg antwortet: „Ja. Aber auch hier schließen wir für die Zukunft nichts aus.“

Fakten Astra St. Pauli Brauerei

Eröffnung: November 2018

Betreiber:  Carlsberg Deutschland GmbH vertreten durch Sebastian Holtz, Tim Becker, Thomas Jankowski und Marc Altenburger

Braumeister: Jan-Hendrik Koch

Brauvolumen: 1.400 hl/Jahr

Brauanlagen-Planung und -Aufbau: Rabek Engineering

Bierstile (bei der Eröffnung): Lager, Kellerbier, Session IPA, kaltgehopftes Weizen, Dunkelbier, dunkles Weizenstarkbier, Pils

Preise für 0,25 l Bier: € 2,90 (Astra Urtyp) bis € 4,20 (Weizenstarkbier „Stimulator“)

Adresse: Reeperbahn/Ecke Holstenstraße (direkt am U-Bahn-Ausgang Reeperbahn)

 

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Photo Credit: ASTRA

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