Barley Wine: Der Bierstil für Weintrinker

Barley Wine: Der Bierstil für Weintrinker

Barley Wine führt mit seinem Namen ein wenig in die Irre. Geschmacklich hat der weinige Bierstil aber immens viel zu bieten. Eine prominente Verkostungsrunde hat sich von frühen Produkten der Crew Republic bis zu gegenwärtigen Bieren ein Bild davon gemacht.

Ein Supermarktkunde verbringt in Deutschland je Besuch durchschnittlich sieben Minuten an der Kasse. Auf dem Kassenband befindet sich gerne einmal die eine oder andere Flasche Bier oder gar ein Sixpack. Gerne ein Pils, zuweilen ein Weizen und zuletzt auch immer öfter ein Pale Ale. Selten, eigentlich so gut wie nie, kommt es dabei aber vor, dass eine Flasche Barley Wine dabei über den Scanner gezogen wird.

Barley Wine – jener Bierstil, der oft das genaue Gegenteil von dem beinhaltet, was der einheimische Biertrinker sich von seinem Gerstensaft verspricht. Ein Barley Wine ist stark im Alkohol, 8% Vol. Alkoholgehalt ist das Mindeste, was Kenner erwarten, bis 14 % Vol. sind keine Seltenheit und auch 16% Vol. kommen vor, wenn die Hefe mitspielt bei der obergärigen Spezialität. Malz und eine hohe Restsüße prägen den klassischen Charakter. Es ist ein vollmundiges Bier mit einem intensiven Mundgefühl, das zuweilen fast sirupartig anmutet

Fasslagerung erwünscht

„Oft tauchen auch Facetten auf, die an Portwein erinnern. Die meisten Biere sollen ja möglichst frisch getrunken werden, aber Barley Wine zählt zu jenen Stilen, deren wahres Potenzial sich erst nach einer langen Zeit der Reifung offenbart. Auch eine Fassreifung, beispielsweise in Bourbon- oder Cognacfässern, bekommt dieser Braugattung sehr gut“, erläutert die Brauerin Cristal Peck.

Die Australierin zählt zu einer kleinen Runde von Bierenthusiasten, mit denen sich Bier, Bars und Brauer in den Räumlichkeiten von Stone Brewing in Berlin-Mariendorf versammeln durfte, um eine Verkostung von diversen Bieren des faszinierenden Stils zu widmen. In den Stone Brewing World Bistro & Gardens wurde uns ein idealer Verkostungsrahmen zur Verfügung gestellt. Ein großer Tisch, Verkostungsgläser, Wasser und eine souveräne Speisegrundlage von Küchenchef Robert Hilges, dessen Kreationen alleine bereits die Anreise in den Süden der Hauptstadt lohnenswert machen.

Weitere Teilnehmer der Verkostungsrunde sind Braumeister Richard Hodges von Parasite Productions, Christian Gentemann und Stefan Gunzelmann von der Bar am Steinplatz in Charlottenburg, die bereits heute über ein sorgfältig ausgewähltes Biersortiment verfügt, welches selbstverständlich und souverän auch zur Speisebegleitung im angeschlossenen Restaurant empfohlen wird. Als Flaschenöffner machte sich zudem der Autor dieser Zeilen nützlich.

Wein auf Bier, Bier auf Wein, Bier-Wein?

Viel Vokabular zu Barley Wine weist alleine sprachlich eine engere Verbindung zu Wein als zu Bier auf. Das zeigt auch die Geschichte des Stils. Der Ursprung des Barley Wine liegt im England des 18. und 19. Jahrhunderts. Die hohe Kunst, die reichhaltigen und vollmundigen Starkbiere zu brauen und zu genießen, war vorwiegend dem Adel vorbehalten.

Zahlreiche Konflikte mit Frankreich verhinderten immer wieder die Verfügbarkeit von deren Weinen, und auch wenn ein Claret verfügbar war, so galt es oft als patriotische Pflicht, sie zu verschmähen und das einheimische Bier hochleben zu lassen. Die Dichter der Britischen Inseln ließen das einheimische Bier und insbesondere den Barley Wine hochleben und forderten verächtlich, Wasser und Wein den Franzosen zu überlassen.

Die früheste überregional vertriebene Barley Wine Marke war das No. 1 von Bass, Ratcliff & Gretton aus Burton-upon-Trent im Jahre 1854. Das Bier mit dem Symbol des roten Diamanten gilt als das zweitälteste eingetragene Warenzeichen Englands, dessen Eintrag im Januar 1876 erfolgte. Das erste Warenzeichen stammte ebenfalls von jener Brauerei. Das berühmte rote Dreieck, der halbe Diamant, zierte ihr Pale Ale.

US vs. GB

Während auch heute noch die britischen Barley Wine Interpretationen von einheimischen Hopfensorten, wie Kent und Golding, eher blumig geprägt sind, kommen in die US-Versionen meist kraftvolle US-Hopfungen mit ihren Fruchtaromen und deftiger Bittere. Alles eingebettet in einen malzbetonten Grundkörper.

In den frühen Tagen der amerikanischen Kreativbier-Revolution zählte auch Barley Wine zu den Suden, an denen die neue Generation von Brauern sich versuchte. Die Anchor Brewing aus San Francisco gilt mit dem „Old Foghorn“ aus dem Jahre 1975 als Pionier, dicht gefolgt von Sierra Nevada, deren „Bigfoot“ jährlich im Januar gebraut wird und mit seinen Aromahopfen den IPA-Fans entgegenkommt. Beide Biere werden bis heute gebraut. Auf zahlreichen US-Flaschen steht statt Barley Wine die Bezeichnung „Barley Wine Style Ale“, um eine rechtliche und tatsächliche Differenzierung zum echten Wein zu wahren.

Tradition trifft Innovation

Heute ist es spannend zu sehen, wie Barley Wine international interpretiert wird und welchen Facettenreichtum dies bedeutet. Die Verkostungsrunde wurde von dem Stone-Team begrüßt mit einem frisch vom Hahn gezapften Old Guardian Barley Wine von Stone Brewing. Aktuell wird es leider nicht gebraut, aber dank der immensen Lagerfähigkeit finden sich Jahrgangsvarianten von 2015. Ein köstliches Bier zum Auftakt. Herrlich balanciert mit Karamell und Hopfen im Dialog mit Röstaromen und Dörrobst.

Zunächst ging der Blick auf Erzeugnisse aus Deutschland. Der Weyermann Barley Wine aus Bamberg faszinierte mit einem Duft nach Bitterorange und einer ungewöhnlichen Säurenote. Aus Hamburg hielt der „You can keep your Hat on“ der Kreativbrauerei Kehrwieder mit Toffeenoten und Fruchtigkeit dagegen. Frisch und trocken spielten miteinander in einer köstlichen Ausgewogenheit.

Pionier Crew Republic

Besondere Spannung galt den Barley Wines von Crew Republic. Neben dem Arrique von Braufactum zählt der Barley Wine der Münchner zu den ganz frühen deutschen Barley Wines, die im Handel erhältlich waren. Drei Crew Barley Wines waren am Start und Richard Hodges konnte somit wieder einmal eine seiner frühen Braukreationen verkosten, die er damals als Braumeister für Crew Republic verantwortete.

Alles begann 2013 mit der Experimental-Serie mit weißen Etiketten und einem  „X“ samt Zifferncode für das jeweilige Batch. Drei Flaschen Crew Republic standen auf dem Tisch: X 2.0, X 2.1 und die aktuelle Fassung, die im ständigen Sortiment von Crew verfügbar ist: R.I.P. – Rest in Peace.

Das 2.0 bot Schokolade, Tabak, Toast, Sherry und Kirschnoten. 2.1 war süßer. Mit Honig und Karamell. Britische Hopfung verleiht Erdigkeit und Würze. Das R.I.P. bot eine kraftvolle Kohlensäure und einen opulenten Körper. Hopfigkeit trifft auf Süße mit Anklängen an ein Bockbier. Der Braumeister erinnert sich: „Das war damals schon eine großartige Zeit mit Crew Republic. Wir haben sehr frei und kreativ experimentiert. Mit diesen drei Bieren ist es schon spannend zu sehen, wie der frühe Experimentierdrang sich später zu einer Marktreife entwickelt hat.“

World Wide Win

Der Klassiker von Sierra Nevada, Bigfoot, wurde aus dem 2015er-Jahrgang verkostet und bestach mit hoher Drinkability und spannenden Nuss-Noten. Von Firestone Walker bezauberte das Sucula aus dem Jahr 2013 mit hervorragender Rezenz, Fassnoten von Bourbon und dem dazugehörigen Vanille-Charakter. Aufgrund der Lagerfähigkeit und des Reifepotenzials versehen viele Hersteller ihre Barley Wines nicht selten mit einem Jahrgang oder einem Hinweis auf den Sud oder das Batch.

Zahlreiche hervorragende Barley Wines kommen tatsächlich aus Weinländern, wie Italien und Frankreich. Das Sedicigradi von Birra Del Borgo aus Mittelitalien wird mit Champagnerhefen gebraut und in Holzfässern gereift. Es weist eine weinige Säure auf und verströmt einen Hauch von Lambic bei stolzen 16 % Vol..

Einen Kontrast zu dem Schwergewicht aus Italien bot das „Hé biloute t’es d’min coin“ aus Frankreich, einer der leichteren, auch farblich helleren Vertreter mit nur 7 % Vol., deutlichen Hopfennoten und Zitrus und Himbeere im Nachhall. Christian Gentemann zeigt sich erfreut über die Qualität der Einheimischen Sude: „Mir hat von Anbeginn das You can keep your Hat on von Kehrwieder aus Hamburg imponiert. Hier im direkten Vergleich zeigt sich, dass es auch international für ein sehr hohes Brauniveau steht.“

Barley Wine für die Bar

Welche Chancen hat der Bierstil mit dem weinigen Namen hierzulande? Bartender Stefan Gunzelmann bringt es treffend auf den Punkt: „So, wie die Gäste in Deutschland nach Jahrzehnten der Happy-Hour-Jumbo-Cocktails auch ‚kleine‘ Shortdrinks in Coupettes akzeptieren, hat Barley Wine natürlich seine Chancen: Qualität statt Quantität – ein Bier, das kein Durstlöscher ist, sondern ein wahres Gourmetprodukt. Der Stil tanzt an sich schon aus der Reihe und ist zudem noch wahnsinnig vielfältig. Und kann damit auch die Bier-Auswahl in jeder guten Bar immens bereichern.“

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