Was gärt? XIX – Hopfenernte, Berliner Berg und Transparenz, Prag trinkt gegen Smog, Estrella Damm in Deutschland und Lagunitas in Europa

Was gärt? XIX – Hopfenernte, Berliner Berg und Transparenz, Prag trinkt gegen Smog, Estrella Damm in Deutschland und Lagunitas in Europa

Schnappt euch, was nicht mehr gärt und schlürft es, während ihr lest, was gärt! Ausgabe 19 beschäftigt sich erneut mit der Hopfenernte, die gerade angelaufen ist. Zudem darf Berliner Berg wegen Transparenz-Problemen zehntausende Flaschen umlabeln, weil Eindeutigkeit eindeutig zu zweideutig zu sein scheint, Prag will saufen gegen den Smog, Estrella Damm will nach Deutschland und Lagunitas dank Heineken nach Europa.

Hopfenernte nur leicht unterdurchschnittlich

Leicht unterdurchschnittlich. Welch ein wunderschönes Konstrukt der deutschen Sprache. Zufrieden sind wir nicht, aber wir können damit arbeiten. Wir hätten es uns besser gewünscht, aber es hätte auch viel schlimmer kommen können.

Das hätte es tatsächlich, denn nach anfänglichem Rekordwachstum machte der lange, heiße und trockene Sommer der finalen Phase des Hopfenanbaus doch zu schaffen. Doch dramatisch wurde es nicht. Zwar wird die Gesamternte trotz erweiterter Anbauflächen wohl um ungefähr 1.400 Tonnen zurückgehen, doch gefährdet ist die Hopfenversorgung dadurch mit immer noch über 40.000 Tonnen ganz klar nicht.

Auch war es gar nicht primär die Hitze, die den Hopfenbauern zu schaffen machte (schließlich gibt es künstliche Bewässerung), sondern vor allem Schädlingsbefall und Pflanzenkrankheiten. Einen gewissen Anstieg bei den Preisen könnte man nun vermuten, doch der erhöhte Konkurrenzdruck aus den USA könnte hier entgegengesetzt wirken.

Berliner Berg muss Transparenz nachkleben

Gibt es ein Kollegenschwein in der deutschen Kleinbrauerszene, oder ist bei den Ämtern plötzlich die Effizienz ausgebrochen?
In letzter Zeit hat sich die Frequenz, mit der gegen die vermeintlichen Kavaliersdelikte der Bierwelt vorgegangen wird, gehäuft: fehlendes DPG-Labeling auf Einweg-Importglas, fehlende Übersetzungen für Inhaltsangaben, unzureichende Herkunftsangaben bei Auftragsgebräu.

Im Falle von Berliner Berg wirkt das Ganze besonders absurd. Auf dem rückwärtigen Etikett der in größeren Mengen gebrauten Kernmarken (z.B. Lager, Pale Ale) schreibt die Neuköllner Brauerei seit zweieinhalb Jahren: “Gebraut von der Berliner Berg GmbH bei der Hohentanner Schlossbrauerei.” Offenbar gleichzeitig zu viel und zu wenig Transparenz, denn diese Formulierung könne zu Verwirrung beim Konsumenten führen, zumindest laut einer Beschwerde bei der Wettbewerbsbehörde. Welche Art von Gehirnkorkenzieher dazu notwendig ist, wird nicht erläutert.

Entsprechend wird nun leicht umformuliert und ein famoser Aufkleber mit dem Brauort wird die Front zieren – die Front von 50.000 Flaschen, die nun händisch beklebt werden müssen.

Bei solcherlei unnötigen Schikanen fragt man sich schon ein wenig, ob böse Absicht dahinter steht. Da derlei Aktionen aber für gewöhnlich Sympathien und Zusammenhalt erzeugen, war das Ganze wahrscheinlich nicht so ganz durchdacht.

Auf jeden Fall dürfte es dafür sorgen, dass Berliner Berg die Anstrengungen zum Finden einer Brauerei in Berlin nochmals erhöht. Dort sind deutliche Fortschritte zu vermelden. Laut Geschäftsführerin Michèle Hengst ist die Brauanlagenplanung weit fortgeschritten, und bei der Suche nach einem geeigneten Ort, in Berlin nicht ganz einfach, befindet man sich nach einem Jahr der Suche und Siebung in Gesprächen mit ernsthaft interessierten Partnern.

Mit dem After-Work-Pint gegen Luftverschmutzung

Das Bier direkt nach der Arbeit ist in Deutschland eher unüblich geworden. Einen festen Platz im gesellschaftlichen Miteinander hingegen hat es zum einen in England, zum anderen in Tschechien. Denn die Tschechen sind nach wie vor unangefochten die Nummer 1, wenn es um Bierkonsum pro Kopf geht, und in keinem anderen Land der Welt ist Bier ein so integraler Bestandteil des Soziallebens.

In der “Goldenen Stadt” Prag versucht man nun, mittels des Belohnungsbiers nach der Schicht die Luftverschmutzung einzudämmen. Wie das? Die Pivovary Lobkowicz Group bewirbt das Bier namens Pražský chodec (Prager Fußgänger) mit dem Slogan “Beer Against Smog”. Auch wenn es nur ein kleines Blondes ist, muss das Auto danach stehen bleiben, denn in Tschechien gilt absolutes Alkoholverbot am Steuer. Bleibt nur zu hoffen, dass die Aktion nicht nach Hinten losgeht und massenhaft zu leicht alkoholisierten Autofahrern führt…

Estrella Damm bei gdp Global Drinks Partnership

Die erfolgreichste Biermarke aus Katalonien will verstärkt nach Deutschland. Dazu hat man sich bei S.A. Damm mit gdp Global Drinks Partnership einen starken Partner gesucht. Über kleinere Importeure war das Bier aus Barcelona auch bisher schon erhältlich, doch ab dem 10. September wird es deutschlandweit vertrieben.

Das Bier mit dem Stern kommt damit in die illustre Gesellschaft von Biermarken wie Little Creatures aus Australien, Founders aus den USA, Porterhouse aus Irland und natürlich Crew Republic aus München. Auch Spirituosen wie No. 3 London Dry Gin und Our/Berlin Vodka befinden sich im Portfolio der gdp GmbH.

Estrella bedeutet “Stern” im Spanischen wie auch Katalanischen. Gegründet wurde die Brauerei 1876 vom Elsässer August Küntzmann Damm. Ob es auch die neueren Kreationen der Brauerei wie der Lager-Witbier-Hybrid Inedit oder das glutenfreie Daura großflächig nach Deutschland schaffen, ist noch nicht bekannt.

Lagunitas für Europa dank Heineken?

Seit der einstige Kreativbier-Vorreiter aus Kalifornien im letzten Jahr vollends an den zweitgrößten Bierkonzern der Welt ging (nach vorheriger Teilbeteiligung der Niederländer), wartet die Bierwelt darauf, was Heineken mit der Marke wohl anstellen wird.

Während man im Heimatstaat Kalifornien mit 1,17 Mio. Hektolitern Jahresausstoß um die Spitze der Kreativbier-Sparte (so man Lagunitas noch dazu zählen möchte) kämpft und nach der Legalisierung der Marihuana-Pflanze mit THC-haltigen Getränken auftrumpft, fällt der Blick nach und nach auch nach Europa.

In der Brand Bierbrouwerij in Wijlre, zu Heineken gehörend, sollen die ersten Lagunitas-Biere auf europäischem Boden entstehen. Fans der Brauerei sollten sich jedoch nicht zu früh freuen. Heineken hat schon einige bekannte Marken vom deutschen Markt genommen, so z.B. Newcastle Brown Ale, Red Stripe Jamaican Lager oder Foster’s. Lagunitas‘ Popularität in den USA und die Produktion in einem Nachbarland sind also kein Garant für den umständlichen Deutschlandvertrieb.

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Photo Credits: Shutterstock

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