Was gärt? XXVII – Firestone Walker, Serbische Dogma-Brauerei in Deutschland, Bier aus Friedrichshagen, Deutschlands bester Jungbrauer eckt an, Rückblick und Vorschau

Was gärt? XXVII – Firestone Walker, Serbische Dogma-Brauerei in Deutschland, Bier aus Friedrichshagen, Deutschlands bester Jungbrauer eckt an, Rückblick und Vorschau

Kommt heran, kommt heran, ein neues Jahr bricht an! Die Sendepause ist vorbei und natürlich gibt der Aufbruch nach 2019 Anlass, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Doch auch über die Feiertage blieb die Bierwelt nicht stehen, und hitzige Debatten und spannende Entwicklungen möchten berichtet werden.

Vertriebsnews – Firestone schläft bei HBC und OnePint bringt Dogma nach Deutschland

Bierveranstaltungen können auch mal ausfallen, klar. Als aber die Biererei Bar in Berlin ihr geplantes Tap Takeover (auch: freundliche Zapfhahnübernahme) mit der renommierten Brauerei Firestone Walker aus Kalifornien absagen musste, gab das Anlass zum Grübeln. Erst im Sommer wurde bekannt, dass im Rahmen der Kooperation des belgischen Bierkonzerns Duvel-Moortgat (der Firestone im Portfolio hat) mit der Nordmann-Tochter Hamburg Beer Company (HBC) auch die hochgeschätzten Kalifornier in Deutschland vertrieben werden würden.

Steht diese Partnerschaft womöglich schon wieder auf der Kippe? Nein, doch es gibt  bierkulturelle Differenzen. Firestone besteht auf schnellem Abverkauf und durchgehender Kühlkette, was die HBC für Deutschland (noch) als schwer zu realisieren sieht. HBC wiederum möchte die Biere in deutschen Pfandbehältern, zumindest für das Kernsortiment. Nicht zu unrecht: Breitgefächerte Verfügbarkeit und konstante Kühlung gerade von Einwegbehältern schließen sich im momentanen Vertriebsnetz in Deutschland quasi aus. Braufactum, zuvor Vertriebspartner von Firestone, garantierte dies dank der berühmten Braufactum-Kühlschränke, doch es brauchte Deutschlands größten Bierkonzern (Radeberger Gruppe), um das zu einem noch halbwegs akzeptablen Preis darstellen zu können, und die Verkäufe hielten sich entsprechend in Grenzen.

Momentan gibt es noch keine zufriedenstellende Lösung. Denn während im Kleinen die Kühlkette durchaus funktionieren kann, sind die großen Strukturen einfach zu sehr für filtrierte und pasteurisierte Biere optimiert. Das heißt nicht, dass HBC die Marke abgibt oder unter den Tisch fallen lässt. Doch bis die entsprechenden Strukturen etabliert sind, auch aufseiten von Firestone Walker, braucht es noch Zeit, so HBC Commercial Director Frank Reinwand.

Damit es nicht nur Trauer gibt, hier ein Grund zur Freude: Die serbische Dogma-Brauerei wird mit OnePint in Deutschland an den Start gehen. Erst vor zwei Jahren gegründet, haben die Belgrader sich dank Kollaborationen mit renommierten Brauereien wie Flying Dog oder Birrificio Lambrate schnell einen Namen gemacht. Wer Beer made in Belgrade probieren möchte, der frage dort, wo andere Marken des Importeurs zu haben sind, wie Fuller’s, Kona, Sierra Nevada, Jopen oder Estrella.

Wieder Bier aus Friedrichshagen?

Friedrichshagen, das ist die südöstliche Ecke von Berlin, zum Müggelsee hin. Einst wurde hier massiv Bier gebraut, denn die Berliner Bürgerbräu-Brauerei war bis 2010 die letzte unabhängige, mittelständische Brauerei der Stadt. Zur Zeiten der deutschen Teilung war Bürgerbräu selbst in Westdeutschland bekannt, denn der damalige VEB Berliner Bürgerbäu sorgte für D-Mark-Devisen, während man sich in der DDR die Finger nach dem schwer zu bekommenden Bier aus Friedrichshagen leckte.

Das Brauereigebäude steht noch immer, jedoch als Museum. Denn die Bürgerbräu-Marke ging 2010 an Kindl-Schultheiss und damit die Radeberger Gruppe, und wird wie alle anderen großen Berliner Biermarken (Kindl, Schultheiss, Berliner Pilsner) in der gleichnamigen Großbrauerei in Weißensee gebraut. Saisonale und lokale Spezialitäten wie das Bernauer Schwarzbier und Mai- und Winterbock wurden eingestellt.

Den Friedrichshagenern (wie auch den Bernauern) gefiel das gar nicht, und so wurden kommunale Projekte gegründet, um das Brauhandwerk zurück in die Gegend zu bringen. Im Falle von Friedrichshagen gibt es seit Mitte letzten Jahres den Versuch, im Rahmen der Sanierung des historischen Rathauses den Keller zu einer Brauerei auszubauen. Daran kann man sich per Bieraktie beteiligen, denn die Brau‐ & Genusswerkstatt Berlin-Friedrichshagen ist eine Aktiengesellschaft, und 1000 Euro Nennbetrag pro Aktie zeigen, dass man es ernst meint. Ein Erfolgsgarant ist das natürlich nicht, und damit die AG sich die angepeilten 1,5 Mio. leisten kann, muss sie flüssig werden – mit Bier.

Dieses wird entsprechend auftragsgebraut, und zwar in Altlandsberg, man bleibt also so lokal wie möglich. Kupfersamt und Sonnenhell heißen die beiden Biere (grob im Stil Märzen und Pils), die es in großen Siphons zur Mitnahme an zwei Ausschankstellen zu erstehen gibt. Wer also unterstützen will, aber den Tausender gerade nicht auf Tasche hat, der hat vielleicht den Zehner, den die Wiederbefüllung des Dreiliterkruges kostet.

Deutschlands bester Jungbrauer mag kein Kreativbier – na und?

Der beste Jungbrauer Deutschlands wettert gegen Craft Beer! Unerhört! Sebastian Dippold von der Brauerei Wagner (Landkreis Bamberg), unlängst beim Bundesleistungswettbewerb der Brauer und Mälzer in Potsdam zum Sieger gekürt, ließ sich doch tatsächlich dazu hinreißen, alternative Zutaten wie Gurke und Honig im Bier als “Misshandlung” zu bezeichnen.

Das sorgte für Amüsement und Aufregung gleichermaßen. Denn während vermutlich so ziemlich jeder Biertrinker weltweit eine kleine, familiengeführte, fränkische Brauerei sofort mit dem Craft-Label bekleben würde, ist das Selbstverständnis offenbar eher von konterrevolutionärem Traditionalismus geprägt.

Darin zeigt sich natürlich ein Missverständnis sowohl der “angeblichen Bierrevolution” gegenüber, welche Dippold ablehnt, wie auch der eigenen Brauhistorie. Ob Dippold wohl weiß, dass das Reinheitsgebot von 1516 im Jahre 1616 das Brauen mit Wacholder, Koriander, Salz, Kümmel und Lorbeer erlaubte? Was die Affäre letztlich so unterhaltsam macht, ist, dass das Erlangen eines Titels, der ausschließlich mit Brau- und Schankmethodik zu tun hat, der Meinung eines 20-jährigen Gesellen zu einer bierkulturellen und -historischen Frage plötzlich eine solche Tragweite verleiht.

Heineken steigt ein bei Cervezas La Cibeles

Die Shoppingtour des zweitgrößten Bierunternehmens der Welt geht weiter. Diesmal ist es jedoch keine Brauerei aus England oder den USA, bei der sich der niederländische Konzern einkauft, sondern La Cibeles aus Spanien. Die Brauerei wurde 2011 gegründet und liegt in Leganés, einem Vorort von Madrid.

Anders als in den vorherigen Geschäften mit Lagunitas, Beavertown oder Belize erwirbt Heineken bei La Cibeles allerdings von Anfang an Mehrheitsanteile. Das Ziel ist, wie eigentlich immer, die Verbesserung der Vertriebsstruktur und damit der Verfügbarkeit. Die restlichen Statements zum Erwerb der 51% Partnerschaft kann man eigentlich von den vorigen Akquisen per Copy&Paste hier anhängen: eigenständige Identität bewahren, unabhängiges Management belassen, Exportkapazitäten erhöhen.

Jahresrückblick

Damit wären wir auch gleich bei einem der anhaltenden Trends von 2018: Aufkäufe. Gerade in jenen Ländern, in denen sich die kreative Kleinbrauerszene rasant entwickelt hat (USA und England zuvorderst), häufen sich die Verbandelungen mit internationalen Bierkonzernen ebenso wie die Berichte über finanzielle Probleme selbst bei mittlerweile etablierten Brauereien im mittelständischen Bereich. Nur in Deutschland nicht. Das hat verschiedene Gründe:

  1. Mittelständische Brauereien haben es in Deutschland ohnehin nicht leicht. Diese wurden und werden auch durchaus gekauft und verschwinden im Markenportfolio von Großbrauereien. Nur halt ohne Craft-Label
  2. Natürlich gewachsene Kreativbrauereien, die man als oberen Mittelstand bezeichnen könnte, gibt es gar nicht. Entweder sind dies ausländische Projekte (Stone) oder traditionelle Brauereien, die jetzt auch Kreativbiere im Sortiment haben (Maisel, Riegele). Von den Garagen- und Kellerbrauereien und Bierprojekten ohne eigene Brauerei fühlen sich die deutschen Bierkonzerne nun wirklich nicht bedroht.
  3. Die Bierkonzerne haben ihre eigenen Ableger, die mit Craft-Image mitmischen. Diese sind mehr oder weniger genauso groß wie ihre unabhängigen Kollegen und daher für die Konzerne eher für die öffentliche Wahrnehmung von Interesse denn als Goldgrub
  4. Die Preissensibilität des deutschen Verbrauchers schiebt den Kreativbrauern noch immer den Riegel vor. Bei aller Präsenz in den Genussmedien und der damit verbundenen Aufklärung ist der “Bier muss billig sein”-Gedanke immer noch sehr fest verankert und der Weg zu neuer Kundschaft lang und schwer.

Eine weitere Entwicklung ist die zunehmende Kritik am Vielfaltswahnsinn. Überall auf der Welt merken die Brauereien, dass sie sich einen Biertrinker erzogen haben, der konstant mit Neuigkeiten bespaßt werden will. Will eine einzelne Brauerei den Kunden halten, muss sie andauernd Sondersude und Kollaborationen an den Hahn und in die Flasche bringen.

Das ist nicht nur teurer, sondern erhöht auch das Risiko misslungener Sude. Daher der gute Vorsatz an die Probierverrückten da draußen (mich selbst eingeschlossen): Es ist okay, ein gutes Bier zweimal zu bestellen. Belohnt die Brauerei für ein gutes Produkt! Es gibt einen gesunden Mittelweg zwischen Mr. Monomolle und Lady Langweiliglager und den zwischen Bierkarte und BierApp hin- und herzuckenden Besessenen, die in steter Angst leben, etwas zu verpassen. In diesem Sinne!

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Photocredit: Kody Gautier @kodygautier

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