Bier in Japan: Es ist nicht alles super trocken

Bier in Japan: Es ist nicht alles super trocken

Japans beliebtestes Bier zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es geschmacklich nicht stört. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick auf ein Bierland, das auf Tradition gebaut ist und auf Innovation setzt.

Japaner trinken am liebsten Pilsner und unter den Pilsnern am liebsten Asahi Super Dry. Das wurde in den Dry-Kriegen der späten 1980er endgültig entschieden, als eben jenes Bier auf den Markt kam und sofort von Konkurrenzprodukten umringt war, vor allem aus der damals erfolgreichsten japanischen Brauerei Kirin.

Projekt FX als Startschuss

Genützt hat es nichts. Asahi, bis dahin die weit abgeschlagene Dritte unter den Großbrauereien, überholte zunächst die Zweitplatzierte Sapporo, während Kirin mit seinen Dry-Versuchen nur die Bestandskunden verwirrte und die eigene Marke verwässerte, quasi buchstäblich. Bald zog Asahi auch an Kirin vorbei. Initiiert wurde Asahis kommerzielles Superbier unter dem Codenamen ‚Projekt FX‘. Der Dry-Aspekt meint einen Prozess, bei dem spezielle Enzyme die Hefe beim Zuckerabbau unterstützen. Zusammen mit harmlosen Hopfen, viel Kohlensäure und wenig Malz entsteht ein Bier nah am Wasser. Ein formidabler Durstlöscher, insbesondere im Hochsommer, wenn die Temperaturen auch nachts nicht weit unter 30 Grad Celsius fallen und tagsüber der Rundfunk vor ‚lebensgefährlichen Temperaturen‘ warnt. Geschmacklich wirkt der Schluck nicht lange nach, und das ist genau so beabsichtigt. Bier ist Japanern lieb und wichtig, aber noch lieber und wichtiger ist ihnen das Essen. Um dessen Geschmack nicht zu beeinträchtigen, kann beim Bier die Geschmacklosigkeit durchaus ein Verkaufsargument sein.

Auch Suntory hat ein Bier in der Nische

Spätestens seit dem Fall ‚VHS vs. Betamax‘ weiß man, dass sich auf dem Markt nicht unbedingt immer das beste Format durchsetzt. Darum lohnt es sich auf jeden Fall, in Japan mehr als nur Super Dry zu versuchen. Wer nicht gleich radikal wechseln möchte, probiert vielleicht erst mal ein Kirin Ichiban Shibori. Das Super Dry-Konkurrenzbier ist süffiger als sein Vorbild und kommt geschmacklich an Yebisu heran, eines der höherpreisigen Zugpferde der Sapporo Brauerei.

Spricht man über Biere für die Massen, muss man auch über Suntory sprechen. In erster Linie ist der Getränkehersteller, dank Akquisitionen wie Jim Beam und Orangina, einer der größten der Welt, für Hochprozentiges und Gar-nicht-prozentiges bekannt. Aus dem Hause kommt immerhin ein Bier, das heute zur Grundausstattung von Kühlregalen und Gastronomie gehört: Das leicht fruchtige Premium Malt’s wurde in den dramatischen Dry-Kriegen als bewusste Gegenstrategie zum Geschmacklostrend entwickelt. Es konnte den Erfolg von Asahi nicht stoppen, erkämpfte sich gleichwohl eine gar nicht allzu kleine Nische.

„Sie nennen es Bier.“

Es ranken sich mehrere Legenden darum, wie das Bier nach Japan kam. 1853 wurde erstmals verbürgt von einem japanischen Wissenschaftler und Medizinstudenten vor Ort gebraut. Angeblich hatte er zuvor auf einem der Schwarzen Schiffe, mit denen der amerikanische Seeoffizier Commodore Perry die Öffnung Japans zum Westen forcierte, davon gekostet und das Erlebnis für gut befunden.

Dank holländischer Händler gibt es allerdings deutlich frühere Begegnungen von Bier und Japanern. Diese Begegnungen wurden nicht immer in jeder Hinsicht als berauschend empfunden. 1727 notierte der Shogun: „Die Holländer machen Sake aus Trauben, und sie machen auch Sake aus Gerste. Ich durfte Letzteres probieren, es war absolut furchtbar. Es hatte überhaupt keinen Geschmack. Sie nennen es Bier.“

Bier in Japan: Zwei von 220

Eine interessante Entwicklung also, dass heute so viele seiner Landsleute sich bewusst für Biere ohne (allzu viel) Geschmack entscheiden. Obwohl Mixgetränke mit Schnaps und Whisky dem Biermarkt in den letzten Jahren starke Konkurrenz machen, sind Bier und bierartige Getränke nach wie vor die erste Wahl der Japaner, wenn es um Alkoholika geht. Sie machen ungefähr zwei Drittel des Gesamtmarktes aus.

Kleinere, kreativere Brauereien haben kaum eine Chance, dabei mitzumischen. Das könnte man zumindest meinen, wenn man die nackten Zahlen betrachtet. Der Anteil von Japans circa 220 Mikrobrauereien am gesamten Biermarkt beläuft sich auf nicht einmal ein Prozent. Das wiederum muss nicht so bleiben, denn die Verkäufe der Kleinen stiegen zuletzt, während die viereinhalb Großbrauereien (Orion kooperiert so eng mit Asahi, dass man die beiden unternehmerisch kaum noch auseinanderhalten kann) jährlich Federn lassen. Inzwischen findet man Biere jenseits von Industrie und Pilsener in vielen Supermärkten und Convenience Stores. Ganz vorne bei dieser Kreativ-Expansion mischt Coedo aus der Stadt Kawagoe unweit von Tokio mit. Neben den üblichen IPAs, Stouts und Weizen gehört zu den definierenden Produkten der Brauerei das Beniaka; ein Lager mit unaufdringlichen Karamellnoten, das mit Süßkartoffeln der Region gebraut wird.

Bei Coedo lohnt es sich tatsächlich, doch noch mal aufs Pils zurückzukommen. Das goldene Ruri aus jenem Hause ist so herb, frisch und rund, dass sich selbst gewachsene Pils-Skeptiker auf die Zeit zurückbesinnen mögen, als sie kaum etwas anderes getrunken haben.

Wer hingegen denkt: ‚Was ich wirklich nicht mehr sehen, hören, riechen und trinken kann, ist India Pale Ale!‘, der sollte nach Minoh bei Osaka schauen, beziehungsweise auf die gleichnamige Brauerei dort, die von drei Schwestern geführt wird. Mit einem Minoh-Bier kann man eigentlich nie etwas falsch machen. Schon das Anschauen der Flaschen mit den stilvollen, klaren Etiketten macht Spaß, das Trinken sowieso. Hier gibt es ebenfalls Pils für Pils-Skeptiker und Weizen für Weizen-Abtrünnige, aber der Signaturtrunk der Oshita-Schwestern ist das malzige, leicht liebliche, ansonsten angenehm schwere W-IPA in Sonnenuntergangsrot, mit neun Prozent Alkoholgehalt für ein japanisches Bier recht stark.

Bier in Japan wird neu definiert

Und welches Bier trinkt man in Zukunft? Daran arbeiten kleine und große Brauer fieberhaft. Ihnen entgegen kommt eine gesetzliche Neudefinierung des Bierbegriffs, die im April dieses Jahres in Kraft getreten ist. Bislang braute man nah am deutschen Reinheitsgebot, mit einigen lokalen Besonderheiten (Reis und Mais durfte zum Beispiel gerne rein). Die Liste genehmer Zutaten wurde nun erweitert um allerlei Früchte und Gewürze, aber auch Algen, Austern und Fischflocken. Außerdem wurde der vorgeschriebene Malzmindestgehalt von 67 auf 50 Prozent gesenkt.

Die Reform hat Vorteile und Tücken. Einerseits erlauben die neuen Zutaten größere Kreativität. Andererseits könnten nun auch malzarme Bierersatzgetränke, mit denen die Brauereien bislang die hohe Biersteuer umgingen, als reguläres Bier durchgewunken werden. Eine Senkung dieser Steuer ist nämlich außerdem in Vorbereitung. Eines aber steht fest: Der japanische Biermarkt bleibt spannend

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Photo Credit: v.o.n.u Suntory, Coedo, Minoh

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