Bierland Dänemark: ein Blick in die Zukunft

Bierland Dänemark: ein Blick in die Zukunft

Inneneinrichtung, das können sie. Klamotten auch. Und Bier, das ist keine Überraschung, können die Dänen erst recht. Wir machen uns auf nach Kopenhagen und sprechen mit dem brauenden Teil der Bevölkerung über ein Bierland auf der Überholspur.

Bereits bei Ankunft im Hotel stehen die Parameter gen Bier: im Hotelkühlschrank befindet sich ein Carlsberg Pils mit Retro-Etikett. So eine kleine Geste, so viel Freude. Die Reise eines Menschen steht und fällt mit dem Ankunftsbier, jeder weiß das.

Einquartiert inmitten des charmant urbanen Nørrebro, liegt die erste Station quasi auf der Hand. Denn wenn ein Nørrebroer Hunger wie auch Durst hat, sollte er das Nørrebro Bryghus (Ryesgade 3) aufsuchen. Da findet er noch Rudimente des Christmas Beers, einem vannillig schokoladigen Colabier mit Dr. Pepper-Aromen, und er findet das pfirsichfruchtige Pete Schmelba. Na, wer hat den Spaß direkt verstanden? Wir nicht. Im Berliner Weisse-Stil mit Grapefruitnoten ist dies ein Bier aus der BRAW-Reihe – das sind experimentelle Biere, die durchweg aus biodynamischen Rohstoffen hergestellt werden, quasi die Babies der mittlerweile außerhalb von Kopenhagen gebrauten Nørrebro Bryghus Biere. Julie Maria Christensen vertreibt die BRAW-Biere: „Wir haben hier noch nie ein Bier zweimal gebraut“, erzählt sie und nimmt einen Schluck des „Currantly out of Office“ – einer Berliner Weisse mit…, na? Schwarzer Johannesbeere. Wer für das Essen eine Bierbegleitung wählt, kann sich über eines sicher sein: Das Essen gewinnt, das Bier auch und ein dermaßen angenehm gelauntes Personal erklärt bis ins Detail, weshalb das Ravnsborg Rød Irish Red Ale so ausgezeichnet zum Beef Tartare mit Rettich passt, weshalb das King´s County so wunderbar zur Sauce der Beef Cheeks mit Kapern. Ob wir wohl genug Rind verzehrt haben, lässt sich nur schwer sagen.

„Currantly out of Office“ : Julie Maria Christensen bei der Arbeit.

Dänemark gegen Deutschland? 20:1

Zeit für einen Stopp im Ølbaren (Elmegade 2). Und ein Bier, natürlich. Viele verschiedene, um genau zu sein, unter anderem ein nach Sellerie schmeckendes Dry Bitter Soft Focus, ein Plack Pudding aus dem Hause Vleesmeester, das nach Schokolade und Lakritz schmeckt, mit Ecken und Kanten daherkommt und damit ausgezeichnet New Order aus den Boxen jenes Pubs untermalt, in dem sich Wohlstandstrinker und Wikinger kaum unterscheiden. Besonders war das Ølsnedkeren Sort Koldskål. Sorgen diese mit Bedacht ausgesuchten Buchstaben nicht ohnehin schon für watteweiches Wohlgefühl? Das Milk Stout besitzt eine sehr sämige Konsistenz, ist dennoch ziemlich süffig und leicht, ein ausgezeichnetes Bier für danach. Also, dem Essen. „Irgendetwas zwischen Starkbier und Wein“, resümiert unser Tresennachbar und lädt uns auf den furchtbarsten Schnaps der Welt ein.

Das Warping: Brewpub Mikkeller 3 Floyds

Wir flüchten in die BRUS Bar (Guldbergsgade 29), noch immer fußläufige Nachbarschaft. Wir vergnügen uns mit einem Brus Brothers IPA: Mango in your face. Brus-Brauer Tim Selbach führt uns durch die ans Restaurant nahtlos übergehende Brauerei. Was die Bierszene angeht, sei Dänemark Deutschland 20 Jahre voraus, findet Tim. 20 Jahre ist selbst für uns, die genau aufgrund von Dänemarks Bier-Avantgarde einen Blick gen Norden werfen, sehr viel. Entweder wir Deutschen haben den Schuss nicht gehört. Oder die Dänen schießen einfach lauter. Das Bewusstsein für gutes Bier und auch für seine Vielfalt ist hier deutlich verbreiteter, auch unter Frauen“, so Tim. Ein Blick durch das BRUS bestätigt das. To Øl braut, so gut es für die Brauerei in den letzten Jahren auch lief, noch immer als Wanderbrauer – und das immer wieder auch bei BRUS. Wir schließen ab mit einem Dark Sour aged in Whisky Barrels und so gibt es danach nur noch einen möglichen Ort: die Dispensary (Nørrebrogade 184). Wer auf hohem Niveau Kreativbier mit Whisky kombinieren will, lasse sich hier einer in beiden Bereichen kompetenten Crew beraten. So lange, bis das Geld aus ist – und dieser Zeitpunkt kommt hier irgendwann.

Chili Porter zur Kansas City Sauce

Nach einem Tag im Bierparadies Nørrebro wird es Zeit für eine Reise nach „Downtown“. Und damit wir das Trüffelschwein unter den dänischen Kreativbrauern endlich abgehakt wissen, geht es zu aller erst ins Warpigs (Flæsketorvet 25). Vermutlich gibt es europaweit gerade weniger Orte, die für Bieraficionados unerheblicher sind als diesen. Zumindest, wenn man kein Vegetarier ist. Zu reichlich Fleisch und Fleischgemüse sollte man sich das Bierverkostungstablett gönnen. Dabei ist zu beachten, dass die Kansas City Sauce in Kombination mit dem Warpigs Chili Porters verzehrt werden muss, sollte dies am Hahn sein. Was dabei herauskommt, ist ein Gedicht mit Worten aus Karamell. Außerdem für herausragend befunden wurde das Ginger IPA; der Ingwer ist deutlich und vermutlich macht es unsterblich.

Unmittelbar neben dem weitläufigen Areal um das Warpig findet sich das Fermentoren und bildet mit seinen im Kerzenlicht beleuchteten Holztischen zwischen Bowie und Big Lebowski-Plakaten ein beinah gruftiges Pendant zu seinem von Licht durchfluteten Nachbar in Fleischerei-trifft-Schwimmbad-Optik. Mit 24 Hähnen, einem herzlichen australischen Bartender namens Jay und dem Fermentoren Dad Joke Brown Ale ist man hier zu jeder Tageszeit bedient. Die bekommt man hier nämlich sowieso nicht mit und kann sich getrost hochsommerlichen BBQ-, Rauch- und Röstaromen ergeben. Gerne auch im Winter.

Kopenhagens Stadtzentrum ist, wie jede mitteleuropäische Hauptstadt, übersäht von Modeketten, Legoländern und Shopping Malls. In der obersten Etage einer jenen letzteren befindet die die Bar Jacobsen (Købmagergade 52). Nebst Wein, Champagner und Feinkost gibt es selbstredend das komplette Jacobsen-Portfolio – Ales aller Farben, saisonale Sude und Weissbier, allesamt aus dem Hause Carlsberg. Die Brauerei selbst hat die Bar für ihre Edelmarke mitkonzipiert und für die Manpower einer dermaßen großen Einrichtung ist das Ergebnis enttäuschend. Der Charme eines Karstadts mit der Kundenbetreuung eines Mediamarkts – et voilà, die Bar Jacobsen. Macht nichts – das Jacobsen Yakima IPA war blitzsauber und außerdem gibt es um die Ecke auch Orte wie das Lord Nelson oder das Charlie‘s, wo es deutlich gemütlicher zugeht.

Das Warping: unter den Brewpubs mit BBQ quasi der Endgegner

Cask Ales für den Weltfrieden

Mit Bierdeckeln tapeziert und für seine Cask Ales bekannt, empfehlen wir in Letzterem ein Thornbridge Lucaria Porter allen, die Lust auf Vanille, Kaffee und Schokolade im Bier haben. Einen Octomore Malt Whisky dazu und die Bar Jacobsen ist vergessen. Von Lord Nelson nur einmal umfallen muss, wer danach noch ins Taphouse (Lavendelstræde 15) will. Auf einer Digitalanzeige werden die 61 Zapfhahnflüssigkeiten angekündigt, als wartete man eher auf die Ankunft eines Fliegers denn auf ein Glas Bier. Zum Beispiel auf einen Winter Healer von Ghost Brewing. Gemeinsam mit den Lichterketten, die in Kopenhagens Innenstadt sowie in seinen Bars auch nach Weihnachten konsequent hängen, hilft der tatsächlich gegen alles, was in der kalten Jahreszeit für gewöhnlich so anfällt.

Kopenhagen, das ist ein Riesenhaufen Radfahrer, das ist eine Stadt mit der vielleicht süßesten Sprache der Welt – immerhin essen die „Smørrebrød“ zum „Frokost“! – und das ist die kiffende Freistadt Christiania. Das ist in Nørrebro ein bisschen wie Berlin, am Kanal Hans Christian Andersen und auf dem Teller wie Mikkeller: konzentriert, fokussiert und ziemlich leidenschaftlich. Deutlich wird das an Orten wie La Neta oder Ramen to bíiru, beide in Nørrebro. Die zu Mikkeller gehörigen Restaurants haben genau keine Lust auf Smørrebrød und Tradition – sondern auf Tradition, Bier und authentische Länderküche: mexikanisch bei La Neta, japanisch bei Ramen to bíiru.

Das Café Viking (Ægirsgade 36) ist ein guter Ort für letzte Orte. Wer hier landet, hat an Tag und Abend das meiste richtig gemacht. Genug getrunken, um eine Zigarette rauchen zu wollen, noch Platz für ein letzten Herrengedeck am Tresen der sagenhaften Jane Pederse, liebevoll „Viking-Jane“ benannt. Die kleine, etwa 60-jährige Dame in orange farbenem Kurzhaarschnitt hat ihre Bar im Griff, schenkt hier Schnaps nach und sorgt mit Maßregelung dafür, dass es zwischen ihren fünf Schankhähne, dem Schnapsarsenal und den Schwaden an Rauch anständig bleibt. Ein Aufenthalt in Kopenhagen findet hier würdig sein Ende.

Fast. Denn wer es sich auf dem Weg zum Flughafen entgehen lässt, einen Zwischenstopp beim Amager Bryghus (Kirstinehøj 38B) zu machen, ist selbst schuld. Wenngleich die Meinungen zum „Little But Mighty Dry-Hopped Golden Ale“, das dem hauseigenen Vierbeiner huldigt, auseinandergehen, ist das Befinden über Kiss of the Copperhead IPA einhellig. Bestes Bier. Vermutlich haben erste und letzte Biere in fremden Städten genau das gemeinsam – sie bilden eine kommende und eine vergangene Symbiose mit der Stadt. In Dortmund hätte es vermutlich anders geschmeckt.

Am meisten Dänemark: Café Viking

 Die neue, dänische Bierszene mag helle Farben, eine maximale Anzahl an Bierhähnen und beglückt den Beergeek mit einer Fülle an Instagrammotiven. Wer aber wirklich eintauchen will in das Küstenland, lässt das Mobiltelefon stecken – nein, macht es am besten aus – lässt sich von Frau Pedersen ein Tuborg zapfen und kommt mit den anderen Gästen am Tresen ins Gespräch.

 Das beste Bier: Amager Kiss of the Copperhead IPA (6.5 % Vol.)

Man kann sich leicht verfahren in dieser Mischung aus Industrie- und Wohngebiet am Rande des Flughafens. Einladend wirkt das flache Gebäude nicht, aber wenn man den Schritt hineinwagt, empfängt einen ein freundliches Team und, wie uns gesagt wurde, die modernste Mikrobrauanlage Kopenhagens. Das Kiss of the Copperhead ist zum Niederknien süffig! Der Export nach Deutschland scheitert derzeit noch am Pfandsystem.

 Die beste Atmosphäre: BRUS

Mikkeller mag das Kreativimperium sein, die Stadt übersäht mit kreativen und passenden Konzepten der Truppe um Mikkel Borg Bjergsø. Aber die Mikkeller-Freunde von To Ol geben mit ihrem Brus den Blick in die Bierzukunft. Und die ist weiblich. Über 60% Frauenanteil bei den Gästen, erreicht durch ein offenen, warm wirkenden Raum, asiatisch inspirierte Küche, gut gemachte Biere mit mäßigen Volumenprozenten und eine Reihe von gezapften Cocktails. Wir kommen wieder!

 Das beste Bier-Dinner: Norrebro Bryghus

Von den BRAW-Bieren sollte man die Finger lassen. Das junge Kreativ-Team braucht noch etwas Zeit, sich warm zu spielen. Aber die Standardbiere des Norrebro Bryghus passen fantastisch zu den Gerichten, die ein junges, aufmerksames Team serviert. Wir waren hier vor geraumer Zeit schon einmal zu einem Dinner des dänischen Brauerverbands geladen. Das hier ist ein klarer Longplayer, der sein Niveau hält. Und zwar hoch.

 Aufgefallen: Deutsch-dänische Freundschaft

Mit dem großen Nachbarn im Süden herrscht reger Austausch. Die famose Ayinger Weisse, in unserem Blindverkostungstest MIXOLOGY TASTE FORUM mit Spitzenwerten bedacht, war an vielen Hähnen zu bekommen, das fränkische Schlenkerla wird von den Beertendern mit Stolz präsentiert und auch junge teutonische Bierpflanzen wie von Freude beglücken die Gaumen der Dänen. Es lebe die deutsch-dänische Freundschaft!

Der vorliegende Beitrag erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe 1/2018 von Bier, Bars und Brauer dem Magazin für Bierkultur. 

Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien erstmals in der Print-Ausgabe 2/2018 von BIER, BARS & BRAUER. Gefällt Ihnen dieser Artikel? Vielleicht interessieren Sie sich dann auch für unseren Newsletter? Oder möchten unsere Arbeit durch ein Abonnement unserer Print-Ausgabe unterstützen? Wir versprechen vier Mal im Jahr 100% Bier!

Photo Credit: v.o.n.u. To  øl-Agnete, Christensen-Rasmus, Warpigs

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