Was gärt? XVI – Bierothek wächst weiter, Hitze drückt auf Bierproduktion, AB-InBev & Heineken kabbeln und Hanfbier aus den USA

Was gärt? XVI – Bierothek wächst weiter, Hitze drückt auf Bierproduktion, AB-InBev & Heineken kabbeln und Hanfbier aus den USA

In dieser Ausgabe von Was gärt? geht es um die Auswirkungen des Supersommers auf die Bierbranche, Windhoek Lager aus dem noch heißeren Afrika bei der Bierothek, die neu geordnete Bierwelt zwischen AB-InBev und Heineken sowie Bier mit Gras. Nein, diesmal ist wirklich Marihuana gemeint. Nein, kein Hanfbier ohne Wirkung, sondern berauschendes Bier ohne Alkohol.

Sommerloch nicht mit Bier gefüllt?

Mal wieder Jahrhundertsommer, globale Erwärmung, Hitzewelle. Wir sitzen und schwitzen und planen einmal mehr die Olivenplantagen. Dabei saufen wir offenbar auch zu viel. Die Fußball-WM in Verbindung mit viel Sonne und wenig Regen hat in der Bierwelt für einige Probleme gesorgt. Klar, viel Bierverkauf ist ein Luxusproblem. Doch für den Nachschub sieht es im Moment nicht ganz so gut aus.

So meldete die Brauerei Moritz Fiege aus Bochum, die ihre Biere überwiegend in urige Ploppflaschen abfüllt, dass sie nicht schnell genug Leergut aus dem Pfandsystem nachgeliefert bekäme, und startete gar einen Aufruf an Fiege-Fans, doch bitte den Pfand vor dem Sommerurlaub noch zurückzubringen. Wertabgabe statt Wertanlage, sozusagen. Das Problem reicht jedoch über Fiege und die Bügelflasche hinaus.

Zuvor bedrohten Sommerschließungen und -wartungen bereits die CO²-Versorgung im nördlichen Europa, und auch eine Malzknappheit herrschte im Frühling. Doch der finale Paukenschlag kommt vielleicht erst, wenn der Sommer schon vorbei ist, denn sollte die Wärme anhalten, können wir nicht mehr mit einer guten Hopfenernte rechnen. Der warme Frühling ließ die Pflanzen ursprünglich schnell wachsen, doch so langsam wäre etwas Regen doch günstig. Natürlich gibt es so etwas wie Bewässerungsanlagen, doch deren Dauereinsatz treibt den Preis für den Hopfen und letztlich das Bier in die Höhe. Versiegen wird der Bierfluss sicherlich nicht, doch momentan stecken einige Stöckchen im überhitzten Laufrad der Bierproduktion.

Bierothek holt Windhoek Lager aus Afrika

Die Bierothek hat sich von ihren bescheidenen Bamberger Anfängen in kurzer Zeit zu einer deutschlandweiten Bierspezialitätenkette gemausert. Mit der Power des St. Erhard-Gründers Christian Klemenz nennt die Kette inzwischen neun Filialen ihr Eigen. Auch die Scheu vor deutschen Metropolen hat man bei Bierothek inzwischen offenbar abgelegt. Waren bisher eher Städte ohne eigene Kreativbier-Läden das Ziel, ist man nun auch in Frankfurt/Main, München, Stuttgart und Leipzig – und die Gerüchte verdichten sich, dass der Norden das nächste Ziel ist und auch eine Bierothek Berlin bereits in den Startlöchern steht.

Einstweilen ist man auch im Sortiment nicht faul, denn die Bierothek hat sich viele vielversprechende Marken z.B. aus Italien oder Griechenland ins Sortiment und Land geholt. Nun wird die Bierothek der Importeur und Vertriebspartner von Namibia Breweries Limited, deren bekanntestes Bier das Windhoek Lager ist.

Wer sich nun fragt, was ein Bier aus Afrika ohne herausragende Merkmale hierzulande für Chancen gegen all die Hellen und Pilsener Lager haben soll, dem sei die Kolonialgeschichte beider Länder nahegelegt: Deutsch ist im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika noch immer eine anerkannte Amtssprache. Wie es bei ehemaligen Kolonien so ist, gibt es nicht nur zahlreiche Touristen aus Deutschland, die ihren Urlaub in Afrika lieber in dem Land mit der geringsten Sprachbarriere planen, auch umgedreht gibt es Partnerschaften und Förderungen, die es Bürgern aus Namibia erlauben, in Deutschland zu studieren und zu arbeiten. Kein gewaltiger Markt, aber durchaus ein lohnender im Bierspezialitätenbereich, auch wenn das Spezielle manchmal vor allem das Exotische ist.

Das Kabbeln der Großen: AB-InBev & Heineken

Lange Zeit war Heineken die Nummer Drei. Abgeschlagen hinter AB-InBev und SAB Miller schielte man auf die Märkte, welche die beiden Riesen noch nicht unter sich aufgeteilt hatten. Doch seit der Fusion der beiden Marktführer ist Schluss mit dem dritten Rad am Tandem! Zwar ist Heineken nun noch weiter abgeschlagen, was den Sprung zur Spitze angeht, doch als die Nr. 2 ist man der Hauptkonkurrent auf vielen Biermärkten weltweit.

So startete Heineken eine Marketingoffensive in Südafrika, dem Heimmarkt von SAB Miller. Die Größenverhältnisse müssen hier gewahrt bleiben, Heineken hat ein Zehntel des Marktanteils von AB-InBev. Dennoch hat der Platzhirsch nicht vor, hier Boden abzugeben. Mit ungewöhnlichen Mitteln wie 1l-Flaschen möchte man “preissensible Käufer” vom Konkurrenten abziehen – also Billigbier und Preiskampf, das kennen wir ja bereits.

Parallel verklagt AB-InBev den niederländischen Bierkonzern aufgrund seiner Heimzapfanlagen Brewlock und Blade. Man ist der Auffassung, dass Heineken in der Herstellung der Systeme gleich vier Patente von AB-InBev verletzt habe. Urteil noch ausstehend.

Auch im Aufkauf von vormals unabhängigen Kreativbrauereien lassen die Konzerne kaum einen Monat aus. Nachdem Heineken vor kurzem Beavertown-Anteile erwarb, hat nun AB-InBev verkündet, seine Spezialitätenabteilung in High End (z.B. Hoegaarden, Franziskaner, Becks, Stella Artois) und Craft (z.B. Goose Island, Elysian, Wicked Weed) aufzusplitten. Es steht zu erwarten, dass hier eine klassischere und eine “flippigere” Marketingstrategie gefahren werden soll, Akquisen in beiden Segmenten sind zu erwarten. Neuester Zugang im High End-Bereich ist übrigens die Marke Belle Vue Selection, ein klassisches Lambic. Ausnahmsweise musste man dazu mal keine bestehende Brauerei kaufen, denn die Marke befand sich seit 1988 im Portfolio, wurde eingestellt. Das Bier soll nach traditioneller Methode produziert werden, darf also Lambic und Oude Geuze auf dem Etikett führen. Damit reagiert man auf die weltweit steigende Popularität von Sauerbieren belgischer Machart, die Brauereien und Blender wie Cantillon, Oud Beersel, 3 Fonteinen oder Tilquin kaum befriedigen können.

Grasiger als gedacht – Marihuana-Bier und -getränke

Mit der zunehmenden Verbreitung der berauschenden Komponenten aus der Hanfpflanze (Tetrahydrocannabinol) zunächst im medizinischen Bereich und zunehmend im Bereich der legalen Rauschmittel in den USA riechen kleine wie große Brauer ein neues Geschäft. Da Rauchen in den USA nur sehr eingeschränkt in sozialem Umfeld möglich ist, sieht man in Getränken ein Trägermedium für THC und CBD. Zudem sind Hopfen und Hanf sehr nah verwandte Pflanzen, die aufeinander gepfropft weiterwachsen und sich teils in ihrer Aromatik ähneln.

Also braut man alkoholfreies Bier (um ungewollte Wechselwirkungen zweier Rauschmittel zu vermeiden) oder nimmt gleich gehopftes Mineralwasser und versetzt es mit dem Wirkstoff. Quasi der Hash Brownie, für den man keine Tupperware braucht, weil er im Späti am Park zu haben ist.
Inzwischen sind mit Molson Coors, Constellation Brands und Lagunitas (Heineken) alles andere als kleine Bierbrauer dabei, diesen Markt zu erschließen. Mal sehen, wann die alkoholfreien Rauschgetränke ihren Weg zu uns finden. Wenn die Großindustrie das möchte, geht es mit der Gesetzesänderung ja oft überraschend flott, man siehe Biermixgetränke vs. Brauen mit reinheitsgebotsfremden Zutaten.

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Photo Credit: Tim Klöcker

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