Ein gestohlener Titel

Meinung Ein gestohlener Titel

Der Biersommelier ist ein gestohlener Titel, meint Helmut Adam, Mitgründer von Bier, Bars & Brauer. Als ehemaligen Gastronom stößt ihm die Flut von Brauern mit Sommelier-Titeln auf. 

Vielleicht muss ich mir so einen Wettbewerb doch einmal von Nahem ansehen. Aber ich denke nicht, dass sich meine Meinung ändern wird. Als jemand, der lange Jahre als Kellner und Barmann gearbeitet hat, als jemand, der unzählige Liter Bier gezapft hat in seiner Gastrokarriere, zucke ich immer wieder von neuem zusammen, wenn ich das Wort Biersommelier vernehme. Denn damit ist nicht ein Bier-Kellner gemeint, der sich in Zehn- bis Zwölfstundenschichten für seine Gäste die Hacken wund läuft, sondern in aller Regel steht hinter so einem Titel ein Brauer.

Nein, allen Respekt den Brauern! Auch ihr Job ist hart. Aber haben Sie das nötig, sich einen Titel von der Gastronomie zu stehlen? Ja, ich weiß, es war vor allem die Außendarstellung, die Betonung von Bier als Genussmittel, weshalb man sich diese Bezeichnung 2004 in die Branche holte. An dieser Stelle denke man sich eine fünf minütige, weitschweifige und äußerst defensive Erklärung eines Brauers. Aber so lange es nicht mehr Biersommeliers gibt, die tatsächlich in der Gastronomie tätig sind, wie etwa im Alten Mädchen in Hamburg, werde ich weiter die Gastro-Nase rümpfen darüber.

Oliver Wesseloh von der Bier-Schmiede Kehrwieder gewann also dieses Jahr den Weltmeistertitel der sogenannten Biersommeliers. Es ist Drinktec in München diese Woche. Entsprechend hoch die Dichte der Brauer vor Ort. Insgesamt 54 Personen traten bei der von der Akademie Doemens ausgetragenen Competition gegeneinander an. Den Sieg holte sich laut Pressemitteilung Wesseloh. Dicht dahinter landeten mit Tatiana Spogis, Sylvia Kopp, Frank Lukas von Störtebecker und Markus Becke von Braufactum weitere Nicht-Gastronomen.

Nun, aufgebaut und verkauft werden muss das Bier aber dann doch in der Gastronomie, wenn man nicht in den Preiskriegen der großen Handelsketten landen will mit seiner edlen doppelt gehopften Craft-Schorle. Entsprechend würde ich gern mal in einer Wochenendschicht gegen einen dieser Bier-Sommeliers antreten. Dabei dürfen Sie gerne aussuchen, ob es ein Brauhaus oder ein Sternerestaurant sein soll.  Denn am Ende ist der Sommelier ein Kellner. Und das bedeutet vor allem – laufen. Und zwischendrin, wenn die Luft reicht und der Gast es wünscht – verkaufen!

Dieser Artikel erschien erstmals auf dem Brew Berlin Blog

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