Bierwissen – Besonderes Bier

Bierwissen – Besonderes Bier

Eigentlich ist jedes Bier ein besonderes Bier, schon klar. Sorgfältig ausgewählte Zutaten, ein akribisch geplanter Brauvorgang, freudvolles Zwickeln, vielleicht sogar eine spezielle Kalthopfung: Am Ende lächeln Brauer und Biertrinker gleichermaßen und denken sich: „Ja, dies ist ein besonderes Bier“.

Nun kommt aber der Gesetzgeber hinzu, für den der Begriff des besonderen Bieres nicht so generell und umfassend gilt.
Ius respicit aequitatem – Das Recht achtet auf Gleichheit. Dieser Grundsatz entstammt dem römischen Recht der Antike und findet auch im Grundgesetz Ausdruck, wenn es im Artikel 3 lautet: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Für Biere gilt dieser Anspruch nicht. Durch Geographie und Geschichte säumen sich allerhand Reinheits-Rangeleien, die sowohl die Brauer wie auch ihr Bier gleichermaßen zum Schäumen bringen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Immer ein besonderer Moment – Der Antrag

Die Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag des Reinheitsgebots fanden 2016 viel Beachtung. Für viele Verbraucher ist hingegen die offizielle Gesetzgebung, das „Vorläufige Biergesetz der Bundesrepublik Deutschland“ (VorlBierG) aus dem Jahr 1993 oder die wenig aussagekräftige „Bierverordnung“ (BierV) noch immer keine bekannten Größen. Die darin enthaltenen Einsatzmöglichkeiten von allerlei künstlichen und chemischen Zusätzen werden von den modernen Kreativbrauern offensichtlich kritisiert, die ein alternatives „Natürlichkeitsgebot“ fordern.
Die Praxis im Alltag ermöglicht es den kreativen Brauprojekten in der Bundesrepublik – mit Ausnahme von Bayern und auch Baden-Württemberg, wo man sich mit der Ausnahmegenehmigung noch immer sehr schwer tut – auch mit Kräutern, Früchten, Gewürzen, Honig, Haferflocken und weiteren Zutaten zu brauen, sie müssen dazu lediglich ihr Bier bei der jeweiligen Landesbehörde anmelden, um es als „Besonderes Bier“ zu deklarieren. In Nordrhein-Westfalen wäre dies das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz oder in Niedersachsen das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Jedes Bundesland regelt das unterschiedlich. Auch der Deutsche Brauerbund e.V. steht den Genehmigungen der Länder positiv gegenüber und erklärt offiziell: „In Deutschland existieren einige Bierstile, fast schon Bierraritäten, mit langer Historie, die jedoch in der traditionellen Herstellungsweise nicht durchgängig den Vorgaben des Reinheitsgebotes entsprechen. Einige dieser seltenen Raritäten sind in den vergangenen Jahrhunderten in Deutschland in Vergessenheit geraten, die Rezepturen in den Braukellern verschwunden. Vor allem mit Blick auf die selteneren Bierstile gibt es im Reinheitsgebot eine Ausnahmeregel, das Gesetz bezeichnet die Bierstile als „besondere Biere“.“
Der Bierkultur nutz diese Sicht und die daraus resultierende Verfahrensweise, denn sie beinhaltet moderne Kreativbiere genauso, wie historische Rezepturen aus der Zeit vor dem Reinheitsgebot. Regionale Brauspezialitäten, wie Grutbier, Gose oder Kartoffelbier erfahren eine Wiederentdeckung.

Brandenburgischer Bierkrieg – Der Präzedenzfall

Ereignisse aus dem Jahr 1993 sorgten schlussendlich dafür, dass dieses Verfahren für besondere Biere heute möglich ist – der Brandenburger Bierkrieg. Unter diesem Begriff zog der Vorgang jedenfalls in die Geschichtsbücher ein. Seinerzeit fertigte die Klosterbrauerei im brandenburgischen Neuzelle ein Bier namens „Schwarzer Abt“. Die historische Rezeptur enthielt Zucker, was die Regularien des Reinheitsgebots nicht erfüllte und somit zu einem Verbot der Bezeichnung „Bier“ auf den Etiketten der Brauware führte. Die Brauerei nahm dies nicht hin und zog vor Gericht. Die Brauer beriefen sich auf die historische Rezeptur, die aus dem Jahre 1589 überliefert ist. Eine Urkunde verweist auf einen Vertrag zwischen dem Bürgermeister von Fürstenberg und dem Abt Andreas. Die Verfahren zogen sich lange hin. Erst am 24. Februar 2005 sprach das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein Urteil, in dessen Begründung es unter anderem lautet: „Die Verkehrsbezeichnung `Bier´ legal hergestellten besonderen Bieren zu verwehren, lässt sich – jedenfalls bei dem heute erreichten Stand des Lebensmittelrechts – auch verfassungsrechtlich nicht länger rechtfertigen.“
Fortan regelte § 9 Abs. 7 des vorläufigen Biergesetzes die Deklaration als „Besonderes Bier“ und zumindest der Norden der Republik darf sich an alten und neuen Bierstilen erfreuen, bei denen Brauer kreativ mit traditionellen und originellen Zutaten ihre Sude bereiten.
Die Urteilsbegründung lässt sich hier im Wortlaut nachlesen.

Internationale Braukultur zu Gast in Deutschland

So mag der strenge Wächter des Reinheitsgebots den Kopf schütteln, der zeitgemäße Bierfan hingegen freut sich über Brauspezialitäten nach internationalem Vorbild, wie kraftvolle Stout-Variationen mit Chili, Schokolade, Milchzucker oder Austern. An erfrischendem Witbier nach belgischem Vorbild mit Koriander und Orangenschalen. Oder an einem herbstlichen Pumpkin Ale mit Kürbis.
Aber insbesondere einige traditionelle einheimische Brauweisen dürfen wiederentdeckt werden. So wie die Leipziger Gose mit Salz und Koriander. Oder historische Grutbiere mit faszinierenden Gewürzmischungen. Und auch die Abwandlung von Sauerbieren, wie der Berliner Weisse, mit Früchten, Blüten oder Tee.
Es lebe die Biervielfalt. Dann ist am Ende jedes Bier tatsächlich ein besonderes Bier. Auch ganz ohne Ausnahmegenehmigung.

 

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