Jetzt wird’s bunt auf der Elbinsel

Jetzt wird’s bunt auf der Elbinsel

Jens Hinrichs und Jens Block sorgen mit der Bunthaus Brauerei für mehr Biervielfalt auf der Elbinsel. Ein Ausflug an den Ort, der vor gut 200 Jahren die Rezeptur als historische Vorlage des Bunthaus-Bieres stellte.

Das Erlebnis „Bunthaus“ beginnt bereits bei der Anreise mit der Fähre 73, die von den Landungsbrücken nach Hamburg-Süd/ Ernst-August Schleuse übersetzt. Die Großstadt liegt hinter uns und eine neue Welt tut sich auf. Eine Welt der Gegensätze zwischen Marschland, Modernisierung und Multikulti: Hamburg-Wilhelmsburg, das ist das Stadtviertel, das besonders bei jungen Familien und Studenten beliebt ist. „Für den Standort unserer Brauerei war uns wichtig, dass unsere Wurzeln im Süden Hamburgs bleiben und wir eine Location finden, an dem sich auch unsere Familien, unsere Kinder und Ehefrauen, wohlfühlen“, erinnert sich einer der beiden Jense. Gefunden haben sie dieses Fleckchen Erde schließlich genau dort, wo sich die Elbe in Norder- und Süderelbe aufteilt, an der Bunthäuser Spitze auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Hier steht sie nun – fest umschlossen von den beiden Elbarmen: die zwei Hektoliter kleine Spezialitätenbrauerei, die Bunthaus Brauerei. Das Besondere an ihrer Lage ist nicht nur der inspirierende Weitblick auf das Wasser, sondern auch das Umland Moorwerder als landwirtschaftliche Vorratskammer. „Wir bekommen die frischesten Zutaten aus der direkten Nachbarschaft. Zum Beispiel die Gurken für unsere Gose, den Kürbis für unser Pumpkin Ale, die selbstgepflückten Holunderblüten fürs Elder Sour, Rote Beete fürs Beetroot Saison und vieles mehr. Wir verarbeiten genau das, was Natur und Jahreszeit uns hergibt“, so der andere Jens.

Das Ergebnis besteht aus gut 30 unterschiedlichen handwerklich gebrauten Bieren von klassisch bis kreativ sowie verschiedene Sorten Bier-Eis. Doch bei aller Vielfalt und Experimentierfreude besinnen sich die Brauer auch auf alte Traditionen. So wird ihr 1806 Wilhelmsburger nach einem historisch überlieferten Rezept eingebraut: genau,  wie es zu damaliger Zeit in Norddeutschland üblich war. Damit erinnern sie an das letzte Bier, das in ihrem Stadtviertel vor 211 Jahren hergestellt wurde. Eben dies ist der Kern ihrer Mission:

„Wir bringen das Bier zurück nach Wilhelmsburg!“

Abgesehen von ihrem gemeinsamen Antrieb sind die beiden Brauer und Familienväter namens Jens jedoch grundverschieden. Hinrichs über seinen Braukumpanen: „Der Jens ist eher der Schnacker- und Vertrieblertyp von uns: ein absoluter Oberperfektionist. Wir bekommen uns sogar richtig oft in die Wolle – mehr als mit meiner eigenen Ehefrau.“ Block hingegen:„Jens ist ein richtiger Techie und in der digitalen Welt zu Hause. Ich könnte nie, wie er, eine Website bauen, dafür bewundere ich ihn. Genauso wie seinen langen Atem, wenn ich in unseren Diskussionen auf stur schalte. Aber so funktioniert`s: wir streiten uns immer bis zum besten Endergebnis.“ Kennen gelernt haben sich Jens und Jens in Wilhelmsburg. Wie genau – „Das bleibt unser Geheimnis“, schmunzeln sie. Dabei wollte Block, studierter Diplom-Biologe und selbst bezeichneter „Hefe-Mann“, eigentlich Pilze züchten. Doch dann kam alles anders. Heute ist für ihn Bier das interessanteste Nahrungsmittel der Welt: „Besonders spannend für mich sind Gose, Sour und Funky Brett-Biere.“ Hinrichs ist „nebenbei in Vollzeit“ CTO bei einem IT-Unternehmen. Seine Motivation als Brauer ist schnell auf den Punkt gebracht: „Ich möchte Bier für jeden Geschmack. Er ist der „Hopfen-Mann“ des Brauer-Duos, denn seine favorisierten Bierstile bewegen sich eher in den hopfigen Gefilden wie Session IPAs, NEIPAs oder auch des Deutschen Lieblingsbier, das untergärige Pilsener. „Ein richtig gutes hopfengestopftes Pils ist das perfekte Einsteiger-Craft Beer“, findet Hinrichs.

Zusammen ergänzen sich Hefe- und Hopfen-Mann am Braukessel seit nun zehn Jahren. Und auch, wenn sie über ihre Verschiedenheit witzeln, haben sie doch sehr ähnliche Ansprüche an Qualität, Kontrolle und Beratung.

„Was uns nicht schmeckt, schenken wir auch nicht aus…“,

… sind sich die Jensens einig – „oder wir trinken es halt selbst.“ Mit den Yeastie Boys, einer Gruppe von jungen Fachleuten aus der Brauszene, treffen sich Block und Hinrichs regelmäßig zur Verkostung und Beurteilung der neusten Biere. „Wenn wir Fassware herausgeben, schulen wir die Bar-Crews bestmöglich.“

Dabei geht es nicht bloß um fachlich-sachliche Ebene, sondern vor allem um Begeisterung und Neugierde. Denn genau das sei die Aufgabe des Gastropersonals – den Gästen Freude am Probieren zu vermitteln. Das Basiswissen, selbstredend, vorausgesetzt.

Am 22. September wurde der Bunthaus-Schankraum eröffnet. „Der eigene Taproom ist eine super Möglichkeit, die Leute persönlich abzuholen und danach zu sehen, was und wie verkauft wird.“ sagt Block.: „Uns ist es viel wichtiger, dass ein Kunde wiederkommt, als ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen“, so Hinrichs. Im ehemaligen Verdüsungs- Gebäude neben dem Wilhelmsburger Wasserwerk stehen die beiden Brauer selbst hinter dem Tresen ihrer Schankwirtschaft und beraten wohlgelaunt die neugierigen Gäste zu ihrem handgemachten Bier. Und die Nachfrage ist groß. So groß, dass sie viele Anfragen absagen müssen. Die Krux bei ihrem Vorhaben, den Wilhelmsburgern das Bier zurückzubringen, ist der positive Marktdruck selbst.

Den Bunthaus-Brauern ist so bewusst geworden, dass sie sich vergrößern müssen, um klein zu bleiben: sie brauchten einen Flaschenabfüller, um ihr Viertel mit dem Bunthaus-Bier einzudecken. Eine Finanzierungs-Idee war schnell gesponnen.

Über die Plattform startnext – über die auch schon Hamburgs Hopper Bräu und Berliner Berg Brauerei öffentliche Unterstützung für ihr Brauerei-Projekt gesammelt hatte – ist die Crowdfunding-Kampagne für Bunthaus am 9. Juni an den Start gegangen. „Wir haben niemals erwartet, dass unser Crowdfunding so ein Erfolg wird“, erinnert sich Hinrichs: „Dabei kam das Team von 3raumfilm eigentlich auf uns zu, um ein nettes Filmchen über die neue Brauerei zu drehen. Ab diesem Zeitpunkt hat sich die ganze Aktion dann verselbstständigt. “

„Bereits nach 45 Tagen, am 1. August, hatten wir das Geld für unseren Flaschenabfüller zusammen,“ so Brock noch immer ein wenig fassungslos. „Die Beteiligung war enorm –  und wir total überwältigt. „Bestimmt konnten wir punkten, weil unser Ziel und Zielgruppe sehr klar waren: Ein Flaschenabfüller für unsere regionale Brauerei: für 25 Tausend Euro. Angesprochen haben wir alle Wilhelmsburger und alle Craft Beer Geeks. Sie wollten eine transparente Finanzierung und nichts geschenkt.

„Wir haben den Leuten richtig geile Goodies als Gegenwert geboten. Unser Bier als Sixer, schicke Beutel und T-Shirts, eine Einladung zum Bier-Tasting, Brauen des eigenen Biers oder ein Besuch von uns mit unserem Bierfiet. Das ist unser handgezimmertes Bierfahrrad mit mobiler Zapfanlage. Das alles kam gut an bei den Leuten.“

Gesagt, gekauft. Am 6. Oktober war es dann endlich soweit: die Bunthaus Brauerei hat seine fast neue Flaschenabfüllanlage abgeholt, und zwar aus der Micro Brauerei von den Kollegen der Ratsherrn Brauerei.

So klar wie die Luft an der Bunthäuser Spitze

„Oberste Priorität ist erstmal allen Crowdfunding-Unterstützern unser Dankeschön zukommen zu lassen. Danach bedienen wir die Nachfrage. An Ideen mangelt es uns definitiv nicht“, verspricht Block grinsend. „Den aktuellen Trend zu leichteren Bieren mögen wir und werden uns irgendwann sicher auch an einem alkoholfreien Bier versuchen. Das ü.NN von der Kehrwieder Kreativbrauerei hat die Messlatte recht hoch gesetzt. Aber abgesehen davon, gibt es viel zu wenig gute alkoholfreie Biere auf dem Markt. Ein Malzbier – das steht auch auf dem Programm. Und natürlich lustige saisonale Spielereien wie unser Bier-Eis. Vielleicht bald aus der Gurken Gose oder ein Rote Beete Bier-Eis“, verrät Hinrichs über zukünftige Bier-Projekte. Zu kaufen gibt es das Bunthaus Brauerei Bier hauptsächlich über den vor Ort- Direktvertrieb. Dabei lohnt sich auch Vorbeischauen immer: „Wir spielen gerade mit dem Gedanken uns einen Crowler Filler zu holen. Bier in Dosen reinschießen und mitnehmen – das wird richtig lustig!“ Auch über die Hamburger Bierfachgeschäfte, „Craft Beer Store“ und „beyond beer“ sowie über ausgewählte Bier Hot Spots in Berlin werden Bunthaus Biere erhältlich sein. Vielleicht wird es in Bälde ein Bunthaus Pop Up-Taproom in der Innenstadt geben. Ziel der beiden Jense ist es, Aufmerksamkeit für die Brauerei zu schaffen und die Menschen zu uns in den Hamburger Süden zu bringen.“ Denn eines ist so klar wie die Luft an der Bunthäuser Spitze: Die Bunthaus Brauerei holt das Bier zurück auf die Elbinsel, die es ursprünglich ins Leben gerufen hat und beweist abermals: Tradition und Innovation widerspricht sich längst nicht mehr.

Brauerei: Moorwerder Hauptdeich 33, 21109 Hamburg

Schankraum: Kurdamm 24, 21107 Hamburg | Geöffnet Do. + Fr. ab 18 Uhr bis ca. 0 Uhr

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