Was Gärt? XXII – Schließung bei der Brauerei Kitzmann, Aufbruch bei Berliner Berg und Russian River, Rohstoffknappheit durch Klimawandel

Was Gärt? XXII – Schließung bei der Brauerei Kitzmann, Aufbruch bei Berliner Berg und Russian River, Rohstoffknappheit durch Klimawandel

Da sind wir wieder mit Traurigem und Erfreulichem aus der Bierwelt. Die Brauerei Kitzmann aus Erlangen ereilt nach 300 Jahren Betrieb die Schließung, unter anderem aufgrund steigender Rohstoffpreise. Dies wiederum hängt auch mit dem Klimawandel zusammen. Für Russian River und Berliner Berg hingegen geht es zu neuen Brauereien und eigenen Gastronomien.

Die Schließung der Brauerei Kitzmann

Manche werden trauern, andere jubeln, denn Nickligkeiten gehören zwischen den Anhängern fränkischer Brauereien zum guten Ton. Die Brauerei Kitzmann hat zum 30. September ihre Pforten geschlossen. Damit ist Franken um eine mittelständische Traditionsbrauerei ärmer, und zumindest das sollten alle betrauern. Vielbesungen von den Spaßrockern von J.B.O. und viel getrunken auf der auch über Erlangen hinaus berühmt-berüchtigten Bergkirchweih mit jährlich bis zu einer Million Besucher, hat die Brauerei Kitzmann auch überregional seine Spuren hinterlassen.

Nun ist die Schließung erfolgt, die Markenrechte gehen vermutlich an die Kulmbacher Brauerei AG. Diese wiederum ist Teil der Brau Holding, zu der neben Kulmbacher z.B. auch Paulaner oder Hoepfner gehören. Damit wird es weiterhin Bier unter dem Namen Kitzmann geben, allerdings möchte Kulmbacher wohl nach eigenen Rezepten brauen. Fans sollten sich also die letzten noch im Umlauf befindlichen Flaschen jetzt sichern.

Die Gründe für die Schließung sind die altbekannten: rückläufiger Bierkonsum, steigende Rohstoffkosten bei gleichzeitigem Preiskrieg im Verkauf, eine zu große Maschinerie, um sie unter diesen Umständen am Laufen zu halten.

Neuer Ausschank für Berliner Berg in Kreuzberg

Die einen schließen, die anderen expandieren. Berliner Berg war unlängst ob erzwungener Neuetikettierung bei Was gärt? vertreten. Im Zuge dessen berichteten wir auch über die Absicht der Berliner, eine eigene Produktionsstätte abseits der kleinen Anlage in Neukölln zu eröffnen. Dort, im leicht augenzwinkernd betitelten Bergschloss, entstehen die Sauerbierspezialitäten der Brauerei, zudem gibt es einen Ausschank.

Dieser allerdings erschien schon immer ein klein wenig ab vom Schuss. Obwohl im Herzen von Neukölln gelegen, ist die Kopfstraße doch ein etwas ruhigeres Pflaster mit Schule und Park in nächster Nähe. Die Schlesische Straße in Kreuzberg, quasi der Nordrand des Wrangelkiezes, ist hingegen keineswegs ruhig. Hier räumten vor kurzem die Dudes, eine eigenwillige Mischung aus Lifestyle und Streetfood, ihre Filiale. Berliner Berg schlug zu und bastelt fleißig an der Wiedereröffnung als Tap Room, getreu dem Mantra “Eigene Hähne braucht die Kleinbrauerei!”

Ein wenig sauer sind wir ja schon, schließlich befanden sich unsere früheren Redaktionsräume direkt gegenüber. Hoffentlich gelingt es Berliner Berg, dort Erfolg zu haben, wo die Dudes scheiterten.

Russian River eröffnet neue Brauerei in Windsor

Den gehyptesten Namen innerhalb eines gehypten Bierstils sein Eigen zu nennen, ist gleichzeitig eine starke Leistung und eine zwiespältige Ehre. Russian Rivers Pliny the Elder Double IPA erzeugt under Hopfenvernarrten in etwa dieselbe Hysterie, die ein neues Harry-Potter-Buch es für Leseratten tut; komplett mit Fans, die vor dem Erscheinen eines neuen Sudes die Nacht vor dem Brewpub in Santa Rosa, Kalifornien, in Zelten verbringen.

Dies ging soweit, dass laut Mitbegründer und Braumeister Vinnie Cilurzo alle Gärtanks konstant nur mit dem Pliny the Elder gefüllt waren. Ein Luxusproblem, das sich sicherlich viele Kleinbrauer für ihre Standardsorten wünschen. Dennoch gehört auch Vielfalt zum Image eines kreativen Brauers, und tatsächlich begann Russian River einst mit wilder Gärung nach belgischem Vorbild. Dies soll nun auch in der neuen Braustelle in Windsor, etwa 15 Autominuten nördlich von Santa Rosa, wieder vermehrt getan werden. Darauf weisen die großen Foeder aus Eichenholz hin, die traditionell in der Gärung und Reifung von flämischen Sauerbieren Verwendung finden.

Doch auch ansonsten sorgen 18 Gärbehälter dafür, den Flaschenhals der Bierproduktion gehörig zu erweitern und Pliny the Elder in mehr dürstende Kehlen zu bringen. Wie es in den USA fast schon zu erwarten ist, wird gleich auch ein Restaurant angeschlossen und die Mitarbeiterzahl um gut 100 Leute erhöht – und damit mehr als verdoppelt.

Besonders stolz sind Natalie und Vinnie Cilurzo auf die Tatsache, dass sie die neue Brauerei ohne neue Teilhaber oder Vertriebsdeal mit einer großen Firma finanzieren konnten. True independent craft, sozusagen. Auch hier haben sich die Cilurzos dank des reißenden Absatzes ihres Hauptproduktes eine Sonderstellung erarbeitet. Glückwunsch!

Klimawandel bedroht Bierversorgung

Es ist ja an sich schon peinlich, dass eine Erkenntnis, die die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft teilt, in der Öffentlichkeit von manchem noch immer als offen zur Auslegung dargestellt wird. Die Dieseldebatte ist das jüngste Beispiel. Wenn es an Einschränkungen am eigenen Komfort oder den eigenen Profiten geht, kommt der Klimawandel immer gerade extrem ungelegen.

Um die doch sehr weit entfernten Tsunamis und Hurricanes zu umgehen und die Deutschen da zu treffen, wo es sie kümmert, werden nun die Auswirkungen des Klimawandels auf den Bierpreis eifrig kommuniziert. Denn zunehmende Hitze- und Dürreperioden treffen Brauereien auf allen Ebenen: Wasser, Gerste, Hopfen. Die geminderte Verfügbarkeit des einen senkt den Ertrag der anderen. Hopfenanbau ist ohnehin nur in je einem klimatisch bedingten Breitengradgürtel auf Nord- und Südhalbkugel effizient möglich. Na und? Bauen wir das grüne Gold halt weiter nördlich an! Sicher, das wäre möglich. Aber die Anbauflächen dafür müssen auch erst geschaffen werden, und das kostet.

Zusammen mit der Überlegung einer Alkoholsteuer nach Menge können sich Biertrinker also darauf einstellen, dass “Billigbier” in Zukunft zum Oxymoron wird. Nicht in naher Zukunft, aber jene von uns, die nicht in Küstennähe wohnen, werden es wohl noch erleben.

 

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Photo Credits: Shuttertsock

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