Der Keller wächst und wächst

Der Keller wächst und wächst

Der BrauKunstKeller aus dem Odenwald gehört zu den bekanntesten Craft Beer-Start-ups der Neuen Deutschen Bierszene. Im ausführlichen Gespräch gibt Gründer und Braumeister Alexander Himburg Einblicke in seine Sicht auf die Bierindustrie, warum der Zauber im Verborgenen liegt und weshalb Wachstum nicht immer von alleine kommt.

Obwohl er in einer Industriebrauerei seine Ausbildung gemacht hat, ist Alexander Himburg schnell aufgefallen, dass jener Ort langfristig keine Option für ihn ist. Selbständig hat er sich dann 2013 gemacht, wobei er schon früher begonnen hatte, eigene Bierrezepte zu entwickeln. 2012 begann Himburg, typische Craft Beer-Stile zu brauen und sich intensiv mit dem Thema Hopfen auseinanderzusetzen. Die endgültige Verwandlung fing mit der Michelstädter Rathausbräu Brauerei an: zuhause hat Alex im Stahlfass gebraut und danach wurde das Bier in die Brauerei gebraucht, wo es vergoren und gelagert wurde.

Vom Ale zur Neugier

Inzwischen besteht das Kernsortiment des BrauKunstKeller aus den drei IPAs „Laguna“, „Mandarina“  und natürlich dem gefeierten „Amarsi“. Daneben gibt es aber keinen deutschen Craft Brauer, der so viele Brau-Kollaborationen mit anderen Brauereien betreibt und betrieben hat wie Himburg. Das hat seinen Grund: „Die Collab-Brews dienen dazu, sich mit anderen Brauern zu verbinden, auszutauschen und sich selbst voranzutreiben. Es ist gut, um Dinge auszuprobieren und neue Biersorten zu handhaben.“

Erst kürzlich hat  sich Alex zusammen mit Oliver Wesseloh von der Hamburger Kreativbrauerei Kehrwieder an ein historisches Bier herangetraut, das Berliner Rauchbier. „Man probiert einfach mal aus, was möglich ist. Das bedeutet für mich „craft“: aufgeschlossen zu sein und Dinge auszuprobieren, die vielleicht noch niemand probiert hat.“ Intensiv und voller Leidenschaft redet Alex vom Bier. Kein Wunder, dass er einer der bekanntesten deutschen Craft-Brauer ist.

Dass der Craft Beer-Trend international wächst und wächst, müssen wir an dieser Stelle niemandem erklären, die größten Exportländer des BrauKunstKellers sind Schweden, Italien, Dänemark und die Niederlande. Im Geschmack scheiden sich die Geister zwischen Norden und Süden, wie Alex anmerkt: In Nordeuropa werden eher herbe, bittere Biere im American Style getrunken, während der Süden alles ein bisschen lieblicher bevorzugt und das Bier dort nicht so „bissig“ sein darf.

Dieses Jahr kann man den BrauKunstKeller das erste Mal auf dem Bar Convent Berlin antreffen, darauf freut Alex sich: „Ich fühle mich jetzt dazu bereit, auf dem BCB auszustellen und breit in die Masse zu gehen, davor schien mir die Idee ein bisschen zu groß. Da die Barzone dieses Jahr ausgefallen ist, ist der BCB die Leitmesse.“

Er erhofft sich von der Veranstaltung, Gastronomen davon überzeugen zu können, dass Qualität durchaus ihren Reiz hat. Und: dass beim Einkauf nicht unbedingt an erster Stelle an den Preis gedacht werden muss. Er selbst tut es ja schließlich auch nicht. In Michelstadt wird nämlich tatsächlich Bier gebraut, bevor der Preis kalkuliert wird. Dadurch erweitert man den Geschmackshorizont der Kunden, anstatt ihn zu beschränken. Kunden stehen beim BrauKunstKeller sowieso an erster Stelle.

Die hausgemachten Probleme der „Großen“

Zurück zur klassischen Brauindustrie. Alex ist fest davon überzeugt, dass die großen Brauereien sich selbst in ihre momentane Handlungsunfähigkeit hinein manövriert haben und jetzt strampeln, um wieder herauszukommen. Obwohl es im ersten Moment vielleicht nicht ganz einleuchtet, sollten auch klassische Brauereien die Craft Beer-Bewegung unterstützen, meint er, da „wir ihnen einen riesigen Gefallen tun“. Selbst kleinen bayerischen Brauern, die sich selbst als ‚Craft’ bezeichneten, sei Innovation meist egal. „Große Brauereien stagnieren und sie sind selber schuld“, meint der Unternehmer. „Man muss offen für Neues sein und, Dinge ausprobieren und suchen. Immer mehr werden einfach gängige Biersorten hergestellt, weil Brauereien faul geworden sind. Verschiedene Biersorten — die Biervielfalt — gerät komplett in Vergessenheit! Es ist der wortwörtliche ‘Highway to Hell’. Die Großen haben sich schön selbst ins Schlamassel bugsiert und deswegen möchte ich auch die Brauereien, die sich hiermit angesprochen fühlen, daran erinnern, dass das Craft Beer-Pflänzchen noch ein ganz Kleines ist und so viel Unterstützung braucht, wie es nur bekommen kann.“ Die Früchte daran könnten irgendwann einmal alle Beteiligten ernten.

Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Über fade Trends, die schnell mitgemacht werden, könnte sich der leidenschaftliche Brauer Himburg stundenlang aufregen. „Alkoholfrei, Fassbrause, Naturradler — alles wurde von großen Brauereien mitgemacht. Und das ist das eigentliche Zeichen der größten Inflexibilität und Engstirnigkeit. Die Fassbrause und das Naturradler werden durch Mitbewerber, die schlechte Kopien machen, runtergezogen und somit wird der Markt kleiner. Das ist auch die größte Gefahr für die Craft Beer-Szene, denn wenn jede x-beliebige Brauerei versucht, ein IPA zu brauen, das aber überhaupt nicht schmeckt, ist das mehr Schaden als Nutzen. Schuster, bleib bei deinen Leisten!“

Seine Lösung? Klassische, deutsche Brauereien sollten sich um traditionelle deutsche Rezepte kümmern. Die gab es nämlich vor 20 Jahren noch, und viele Brauereien sitzen auf Unmengen von Archivrezepten, die es wieder hervorzuzaubern gilt. Das ist nämlich die Craft-Schiene, auf der klassischen Brauereien in Alexanders Sicht ruhig fahren können. Denn von heute auf morgen und mit überstürzt gebrauten Zweckbieren werden sie in der jungen, aktuellen Szene niemals richtig Fuß fassen können: „Ich schaue fassungslos mit an, was die Brauindustrie mit Craft Beer macht. Und dann wird mir immer wieder von vorne bewusst, wieso ich in der klassischen Industrie nicht arbeite. Mir soll’s nur Recht sein.“

Braukunstkeller über neue Biere und Zukunftspläne

Für den Oktober/November ist ein Crowdfunding geplant, um die Kapazitäten des BrauKunstKeller zu vergrößern. Nach zwei Jahren in der Michelstädter Brauerei wird es dort langsam eng und Alex hofft, durch das Crowdfunding-Projekt genügend Menschen zu begeistern und so die Expansion zu finanzieren. Schließlich wird in Michelstadt Neue Deutsche Biergeschichte geschrieben. Was ihm erst über die letzten paar Jahre bewusst geworden ist, ist die Tatsache, dass schnelles Wachstum auch viel Geld kostet.

Irgendwie wisse man das, sagt er, aber wahrnehmen könne man es erst richtig, wenn es brennt. Das ist tatsächlich die größte Hürde, die der BrauKunstKeller und sein Gründer in den nächsten Monaten zu bewältigen haben werden. Das Wachstum wird dieses Jahr wahrscheinlich im dreistelligen Prozentbereich liegen. Der Erfolg wird zur Herausforderung.

Intensiv will sich Alex in Zukunft um neue Biersorten kümmern. Der perfekte Urlaub? „Ein bisschen Ruhe, damit ich mich nur mit dem auseinander setzen kann, wozu ich im Alltag nicht komme.“ Sogar im Urlaub dreht sich vieles nur ums Bier, irgendwie kein bisschen überraschend. „Mein Anspruch an mich selbst ist es, auch in Zukunft an Dinge ranzugehen, die ich noch nicht gemacht hab und mich um Biere zu kümmern, die es in Deutschland noch nicht gibt.“ Das kann nur Gutes bedeuten.

Dieser Text erschien erstmals auf dem Brew Berlin Blog

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