Die sündige Meile und ihr Bier: Sechs Bierbars auf der Reeperbahn im Test

Die sündige Meile und ihr Bier: Sechs Bierbars auf der Reeperbahn im Test

Nutten, Koks und geile Biere? Erstere lassen wir außen vor, aber in Sachen Kreativbier haben wir einiges zu berichten. Hamburgs Reeperbahn mausert sich zur Craft-Beer-Meile. Auch BrewDog ist jetzt mit von der Partie. Ein hopfenbeseelter Zug durch St. Pauli.

St. Pauli ist nicht nur ein Viertel, St. Pauli ist eine Haltung. Hamburgs bekanntester Stadtteil hat sich Diversität und Weltoffenheit auf die Fahnen geschrieben – und trotz Gentrifizierungsalarm oder Mietenwahnsinn erhält sich das Quartier seine Ecken und Kanten. Die sind bisweilen ziemlich schonungslos, gerade, wenn es um den Kiez geht.
Das galt lange auch für das Bier. Die kultgemachte Knolle mit Herz auf dem Etikett und ihre schnöden Kollegen dominierten die Meile ebenso wie Junggesellenabschiede und gnadenlos schwankende Wirkungstrinker. Nein, für Liebhaber handgemachter Biere ist dieser Teil St. Paulis eher Prüfung als ein Vergnügen gewesen. Aber das ändert sich. Denn rund um die Hamburger Reeperbahn haben sich einige Brew-Pubs und Bier-Bars angesiedelt. Mit der Eröffnung der neuen BrewDog-Destination kommt zusätzliche Dynamik ins Spiel. Zeit, sich den Kiez und seine Pubs einmal genauer anzuschauen.

BrewDog St. Pauli

Die Tanzenden Türme markieren Beginn oder Ende der Reeperbahn. Wie man es eben sieht. Auf jeden Fall ist diese Adresse prominent, aber scheinbar nicht unproblematisch. Denn der Laden im Erdgeschoss dieses Gebäudes stand eine ganze Weile leer. Jetzt haben sich die BrewDog-Macher Martin Dickie und James Watt hier eingerichtet. „Hamburg ist jetzt Punk State“ verkündeten die Schotten laut über die sozialen Medien.
Nicht wenige Hopfenanhänger freut das, so einige reagieren auch gereizt. Dass Erfolg mitunter nicht nur sympathisch macht, dass BrewDog seine Marktmacht scheinbar zu nutzen weiß und der Punk inzwischen auch in solide Invest-Formen überführt wurde, all das lässt sich diskutieren. Wollen wir an dieser Stelle aber nicht. Bleiben wir bei der Location und bei den Bieren. Können die was? Sie können. 24 Hähne, rustikal-stylischer Industrie-Schick und eine Menge Platz bietet der Pub. Rund 300 Leute passen hier rein, eine Terrasse gibt es auch. Auf der Tap List stehen die bekannten Headliner wie das Punk IPA neben ausgesuchten Spezialitäten und Seasonals. Beispiel: Das Paradox Islay, ein fassgereiftes Imperial Stout mit torfigem Raucharoma und satten 14% Vol. Auch lokale Brauereien wie Buddelship oder Simian Ales sind als Gast am Hahn vertreten. Das Preisniveau ist mit 6,50 € pro Glas (0,3 oder 0,5l) gehoben, aber immer noch niedriger als in anderen Brauhäusern dieser Stadt. Wer die Geschmacks-Challenge sucht, wird hier fündig. Wer einfach gute Standards trinken möchte, sowieso.
Am 14. Juni eröffnet das BrewDog St. Pauli offiziell seine Tore. Das wird vielleicht punkig. Vor allem aber laut. Willkommen auf dem Kiez. – Reeperbahn 1, 20359 Hamburg

» Wenn ich mir unsere Taplist anschaue, die wir in dieser Woche haben, stelle ich fest: So mutig wäre ich vor zwei Jahren noch nicht gewesen. «

Brew Dog St. Pauli, Bierbars Hamburg
BrewDog St. Pauli, Reeperbahn 1, 20359 Hamburg

Alles Elbe

Wir verlassen die Reeperbahn und biegen rechts in die Hein-Hoyer-Straße ab. Hier, im Souterrain eines Altbau-Mehrfamilienhauses, betreiben Jennifer Robinson-Schuré und Nigel Robinson seit rund viereinhalb Jahren ihren Brew-Pub Alles Elbe. Der Name ist Programm: Was hier auf den Tisch kommt, stammt von Orten entlang Elbe und ihren Nebenflüssen. Selbstgebraute Biere aus der Mikro-Brauanlage im hinteren Teil der Räumlichkeiten, Gastbiere aus Deutschland und Tschechien, regionale Weine und deftige Abendbrot-Platten. „Unser Publikum ist sehr gemischt“, erzählt Jennifer. „Wir haben hier einige Stammgäste aus der Nachbarschaft, die gerne ihr Lager oder Pils trinken. Und wir haben sehr viel internationales Publikum, die mehr suchen.“ Eine Zeit lang wäre es sogar so gewesen, dass das Alles Elbe bei Reisenden präsenter gewesen wäre als bei den Einheimischen. „Das finden wir schade. Und deshalb freuen wir uns über jeden, der uns hilft, die Geschichte von handgemachten Bieren zu erzählen und in Hamburg bekannter zu machen.“ Dass um die Ecke BrewDog eröffnet, ist für sie also kein Problem. Im Gegenteil. „Das Budget für Marketing ist dort viel höher als bei uns. Das hat eine ganz andere Schlagkraft. Wir können davon nur profitieren.“
Tatsächlich spricht das Alles Elbe eine gänzlich andere Sprache als BrewDog. Ruhig und persönlich ist die Atmosphäre, fast schon familiär. Das ist kein Ort für wilde Kiezparties, wohl aber zum entspannten Biertrinken inmitten von St. Pauli. „Unter unseren Gästen sind viele Genusstrinker, die glücklicherweise auch bereit sind, mehr Geld für Bier auszugeben. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Wenn ich mir unsere Taplist anschaue, die wir in dieser Woche haben, stelle ich fest: So mutig wäre ich vor zwei Jahren noch nicht gewesen. Das Whiskey Sour Barrel Aged von Buddelship und Bunthaus, eine Thai Basil Berliner Weiße, der Hybridantrieb von Landgang, das liest sich doch vergleichsweise funky. Das wird aber inzwischen auch gewünscht.“  – Hein-Hoyer-Straße 63, 20359 Hamburg

BrewDog St. Pauli Bierbars Hamburg
Das Alles Elbe in der Hein-Hoyer-Straße 63, 20359 Hamburg

Brews Brothers

Wir arbeiten uns parallel zur Reeperbahn in die Talstraße vor. Hier haben vor wenigen Wochen der Silbersack-Betreiber Dominik Großefeld und Kehrwieder-Kreativbrauerei-Inhaber Oliver Wesseloh ihre Bar Brews Brothers eröffnet. Tagsüber gibt’s Kaffee, abends Bier, Essen bestellt der Gast bei Pauli Pizza gegenüber. 14 Hähne liefern Kehrwieder-Klassiker wie das Prototyp, aber auch Specials wie den Eisbock. Zusätzlich kommen wechselnde Gastbiere ins Spiel, beispielsweise von Sierra Nevada oder Rauchbiere aus Bamberg.
Auch wenn Oliver Wesseloh an dem Laden beteiligt ist, versteht er ihn nicht als Kehrwieder-Brew-Pub. Es geht ihm um Vernetzung und die Ansprache neuer Zielgruppen. Hier will der Braumeister eigene Biere und die von befreundter Brauereien kuratieren und präsentieren. „Das Preisniveau“, sagt Oliver Wesseloh, „haben wir sehr fair gestaltet.“ Durchschnittlich 3,50 € / 0,33l kosten hier Kehrwieder-Brauspezialitäten. Zu teuer ist das definitiv nicht, aber immer noch teurer als das Industriebier nebenan. Ob diese Strategie also wirklich taugt, um neue Bier-Genießer zu erreichen, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass das Brews Brothers eine erstklassige Auswahl an Hopfenspezialitäten bietet. Und das nur ein Katzensprung vom Kiez entfernt. – Talstraße 29, 22767 Hamburg

 

„Craft Beer fahren wir in den letzten Wochen stark zurück“, verrät mir die Kellnerin. „Das läuft hier einfach nicht so gut.“

BrewDog St. Pauli Bierbars Hamburg
Brews Brothers Live! in der Talstraße 29, 22767 Hamburg

Albers

Zurück auf die Reeperbahn, hinein ins Albers. Es ist Mittwoch Abend, die Musik wummert laut auf die Straße, Shots und Cocktails werden auf dem Schild vor dem Eingang beworben. Dass die Albers Bar auch handgemachte Biere im Angebot hat, drängt sich nicht auf. Der Blick in den Gastraum offenbart elf Hähne. Zehn von ihnen sind mit Landgang-Logo gebrandet. Das verwundert nicht, immerhin ist der Albers-Geschäftsführer Tim Fabian Becker auch an der Landgang-Brauerei beteiligt. An der Astra Brauerei St. Pauli übrigens auch, aber dazu später mehr.
Das Albers ist also im Grunde die Landgang-Destination mitten auf dem Kiez. Traumlage, aber kreatives Bier scheint hier nicht in Strömen über den Tresen zu wandern. Am heutigen Abend sind nur drei Hähne belegt. „Craft Beer fahren wir in den letzten Wochen stark zurück“, verrät mir die Kellnerin. „Das läuft hier einfach nicht so gut.“ Auch bei Flaschenbieren sind die Aussichten eher … grün. Bremen lässt grüßen. Kreative Brauereien jenseits von Landgang finden hier leider nicht statt. Auch nicht in der Flasche. Schade. – Reeperbahn 102, 22767 Hamburg

Ahoi Sankt Pauli

Sprung auf die andere Seite der Reeperbahn Richtung Nobistor. Das Ahoi St. Pauli lässt sich aufgrund der blau leuchtenden Fassade kaum übersehen, betitelt sich als Erlebnis-Restaurant und ruft im Innern alles an Hafen-Klischee ab, was sich der Tourist vorstellen kann. Mit Ankern gebrandete Holztische oder Lampen im Fischdesign zum Beispiel. Das Thema Bier ist hier präsent und findet sich auch auf der Speisekarte wieder. Das Schnitzel kommt im Treberpanaden-Mantel daher.
Im Bierspezialitäten-Kühlschrank stehen Hopfenkreationen von lokalen Hamburger Brauereien neben denen von Schlenkerla, BRLO oder Camba. Die Auswahl ist groß, aber wenig originell, der versierte Kreativbier-Trinker wird hier nicht zwingend Neues entdecken. Die zwölf Hähne belegt zum größten Teil Ratsherrn. Deren Matrosenschluck kostet hier 7,50 € (0,5l), das ist eine Ansage. Der Mann hinter dem Tresen empfiehlt uns das Hausbier: Das Ahoi Gebräu, ein Helles. Ist auch günstiger. Wo es gebraut wird? Er stutzt. „In Bayern.“ Wo dort? „Weiß ich nicht. Dort hatte eine Brauerei Kapazitäten für uns frei“, erklärt er und weicht leicht zurück.
Wir stellen das Fragen ein und folgen seiner Empfehlung. Das Helle ist vor allem hefig. Ein wenig mehr Gärzeit hätte ihm gut getan. Im Ahoi zeigt sich der moderne Kiez in Reinkultur: Touristisch, massentauglich, auf internati-onales Publikum ausgerichtet. Auch beim Bier. Das ist nicht unbedingt gemütlich und das Erlebnisgefühl will sich auch nicht so wirklich einstellen. Aber: Das Mindestziel ist erreicht. Es gibt kreative Biere. Einige von ihnen haben allerdings ihren Preis. – Reeperbahn 157, 22767 Hamburg

» Aber bei Astra ging es nie ums Bier, und so ist auch der Brew-Pub am Ende vor allem eines: Ein gelungenes Stück Marketing. «

Astra St. Pauli Brauerei

Direkt gegenüber vom Ahoi liegt die Astra St. Pauli Brauerei. Über dem Eingang prangt das riesige Logo, im Inneren begrüßen uns der 23 Meter lange Tresen und die zehn Lagertanks der Mikrobrauerei. Seit Ende 2018 wird hier gebraut, und zwar kreativ. Auf der Getränkekarte versammeln sich Biere mit Namen wie Inkasso IPA, Luden Lager, Keller Kalle oder der Stimulator. Sie richten sich an das internationale Publikum, und genau das fühlt sich zwischen Pauli-Devotionalien, Kicker und Merch-Shop auch sichtlich wohl.
Ein Paar sitzt rechts neben dem Eingang und produziert reichlich Selfies. Er hat sich den roten Astra-Strick-Pulli mit dezentem Knollenmotiv auf der Brust gegönnt, sie hält ein Sixpack mit Bierspezialitäten in der Hand. Begeisterung pur. Ob es am Bier liegt? Wohl kaum. Obwohl das IPA, unser Favorit, durchaus was kann. Aber bei Astra ging es nie ums Bier, und so ist auch der Brew-Pub am Ende vor allem eines: Ein gelungenes Stück Marketing. Denn eines unterscheidet diesen Ort von der Mehrheit seiner Mitstreiter rund um die Reeperbahn: Gastbiere müssen hier leider draußen bleiben. – Nobistor 16, 22767 Hamburg

 

Foto Credits: Regine Marxen und Andreas von der Heyde

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