Brewers Association beerdigt “Craft”

Brewers Association beerdigt “Craft”

Die US-amerikanische Brewers Association führt ein neues Siegel für ihre Mitglieder ein. Das bedeutet einen klaren Abgesang auf den jahrzehntelang propagierten Craft-Begriff, analysiert Dirk Hoplitschek.

Das ist eben das Kreuz mit den Kategorien und Labels: Man braucht ständig mehr davon! So nun auch die Brewers Association (BA) mit ihrem neuen Siegel für „Brewers Association Certified Independent Craft“, welches werbewirksam kurz vor dem US-amerikanischen Unabhängigkeitstag angekündigt wurde. Als das konzernunabhängige Brauen in den USA seinen Anfang nahm, waren alle Mikrobrauer, weitere Labels waren unnötig. Wir sind die Kleinen, das sind die Großen. Hier Weiß, dort Schwarz. Als diese Bierkultur dann plötzlich explodierte, entwuchsen viele dieser Brauereien jedoch allem, was man noch guten Gewissens als „mikro“ bezeichnen konnte. Ein neuer Begriff musste her: Craft! Wer craftete, braute keinen Konzernmist, und wurde meist Mitglied der Brewers Association.

Doch bald schon musste man feststellen, dass Großbrauereien ebenso craft-ähnliche Produkte herstellen konnten, für den uni(n)formierten Konsumenten quasi nicht zu unterscheiden – zumal sich viele Craft-Brauereien inzwischen hochmoderne Brauanlagen leisten konnten, bei denen tatsächliche Handarbeit auch nicht mehr wirklich zu den Alltagsaufgaben eines Brauers zählt. Die Grenzen verschwammen zusehends, hinzu kamen die Aufkäufe vormaliger Crafties, die plötzlich zu den Konzernen zählten, aber unverschämterweise nicht aufhörten, craft-artiges Beer zu brauen.

Brewers Association: Unabhängigkeit als Qualitätssiegel?

Doch Zynismus beiseite: Mit dem neuen Siegel möchte die Brewers Association dem begeisterten Craft Beer-Trinker ein einfaches Erkennungsmerkmal an die Hand geben, um auf Craft getrimmte Produkte von den tatsächlich unabhängigen Brauereien unterscheiden zu können. „In den USA war es sicher höchste Zeit für diese Maßnahme.“ sagt Oliver Wesseloh, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins deutscher Kreativbrauer, einer unlängst gegründeten Vereinigung mit ähnlichen Zielen, wie sie die BA in den USA verfolgt. „Es waren die kleinen, unabhängigen Brauereien, die sehr viel Kraft, Energie, Geld und Enthusiasmus eingesetzt haben, um die US-Bierszene dahin zu bringen, wo sie heute ist. Mit dem guten Ruf, den sich die kleinen, unabhängigen Brauer im Laufe der Jahre erarbeitet haben, schmücken sich nun auch gern die Industriebrauereien. Für immer mehr Verbraucher spielt aber Transparenz eine wichtige Rolle. Sie möchten wissen, wo ihr Bier herkommt.“

Bedenkt man die in letzter Zeit monatlich eintreffenden Nachrichten von berühmten Craft-Brauereien und ihren Geschäften mit dem Teufel, versteht man schnell den Druck, der das neue Siegel treibt: Protektionismus in einem Biermarkt, in dem eine von über 5.000 Craft-Brauereien eigentlich nur noch auf Kosten einer anderen wachsen kann. Da muss zumindest die Grenze klar gezogen sein. Funktioniert es?

„Das kann man recht deutlich an der schnellen und vehementen Reaktion von AB InBevs ‚The High End‘ (den auf Craft getrimmten oder akquirierten Brauereien des Bierriesen – Anm. der Red.) sehen“, sagt Wessseloh. Die Kreativbrauer hatten von Anfang an versucht, den „Craft“-Begriff in ihrer Satzung zu vermeiden: „Inzwischen machen ja von Flens bis Paulaner alle irgendwie ‚Craft‘, weswegen wir uns von diesem Begriff abgrenzen und unsere eigene Definition für Kreativbrauer gesetzt haben, um diese zu schützen.“

Nun gesteht auch die Brewers Association ein, dass der Craft-Terminus abseits der Extreme fast bedeutungslos geworden ist. Sein Zweck ist damit der eines netten Schlagwortes zur Einführung, welches dann differenziert werden muss. Dem Signet nach wohl in „corporate craft“ und „independent craft“. Wir wünschen dem Neuen viel Glück! Bisher haben sich gut 1.000 Brauereien um das Siegel beworben. Kein schlechter Start. 

One comment

  1. Oliver
    15. Juli 2017 reply

    Ich finde das neue Label , insbesondere für den deutschen Markt nicht erfolgsversprechend. Es geht bei einem Marktanteil um die 4 % wirklich nicht um Independent sondern einfach darum den Biertrinker die Alternativen namens Craft Beer vorzuschlagen. Wenn der Verbraucher dieses perfektes, handgemachte und variantenreiche Produkt konsumiert heben alle gewonnen, egal ob die nun abhängig oder unabhängig sind.

WRITE A COMMENT