Ein riesen Reinfall: Das Reinheitsgebot mit Gesetzeskraft

Ein riesen Reinfall: Das Reinheitsgebot mit Gesetzeskraft

Braut man in Deutschland ein Bier, so geschieht dies in der Regel nach einer Reglementierung namens Reinheitsgebot. Dass dieses jedoch längst nicht mehr Qualitätssiegel, sondern viel eher Bremse des Fortschritts ist zeigen der Fall von Philipp Overberg und ein Blick ins Gesetz. Ein Kommentar.

Es gab Zeiten, da war in Deutschland noch alles in bester Ordnung. Bier wurde grundsätzlich nur mit Hefe, Malz, Hopfen und Wasser gebraut. Lange Zeit wurde es getrunken, lange Zeit war das eine ziemlich alternativlose Angelegenheit. Und das seit 1516. Eine Zeit inmitten der Ständeordnung kurz nach der Hexenverbrennung und noch vor Luther. Es scheint gar, als heftete an der Innovation noch immer die Fußfessel der nicht zu hinterfragenden Tradition.

Gut 500 Jahre später nämlich – das ist kein Geheimnis und wird bereits heftig debattiert – klebt das Vier-Zutaten-Siegel noch immer am Bier wie ein siffig-ranziges Etikett an der Flasche mit vergorenem Inhalt. Noch immer werden Nachwuchsbrauer in ihrem Vorhaben, etwas Neues zu kreieren von unserer Gesetzgebung regelrecht drangsaliert. Sein Name: Reinheitsgebot.

Kein Handeln ohne Gesetz!

Was da klingt wie aus dem kleinen ABC des Polizeihandbuch entnommen, ist tatsächlich einer der wichtigsten Grundsätze des öffentlichen Rechts. Die Gesetzgebung der Verwaltung und der Leitsatz, dass nur und immer nach dem Vorbehalt des Gesetzes gehandelt werden darf.

In Deutschland gelten momentan 1681 Bundesgesetze, ein Vielfaches an Landesgesetzen und ca. 2700 Bundesverordnungen. Alle strahlen, wie es unsere Gesetzgebung so will, Rechtskraft aus und wurden über die Jahre immer wieder aktualisiert, sprich reformiert. Deutschland ist vor Polen, Großbritannien und Spanien der mit Abstand wichtigste Biermarkt Europas mit einem Bierausstoß an 95 Mio. Hektoliter. Ist es bei solchen Zahlen und der durch das Bier ausgehenden Wirtschaftskraft dann nicht merkwürdig, dass das Gesetz zum Bierbrauen über die Jahre nie wirklich reformiert worden ist? Das Reinheitsgebot, ein rückschrittliches Relikt aus alten Zeiten?

Man könnte zynisch fragen: Wie soll es das überhaupt? – Es wurde ja nie gesetzlich legitimiert, sondern beruht noch immer auf den über 500 Jahren alten Auffassungen. Nun so ganz stimmt das nicht. 1993 wurde nämlich mit dem Vorläufigen Biergesetz (VorlBierG) mehr oder minder die im Reinheitsgebot deklarierten Zubereitungshinweise Stück für Stück übernommen und verabschiedet. Ein Gesetz aus losem Pamphlet grauer Vergangenheit also mit abstrusem Gut.

Don Quixote im Behörden-Dschungel

Philipp Overberg hatte genau mit diesem Schriftstück seine Probleme. Bei einer Recherche stieß er einst auf eine Rezeptur eines Grutbiers aus dem Jahre 1480. Im Mittelalter wurde das Bier noch nicht mit dem heute bekannten Hopfen versetzt und dadurch bitter gemacht, es tummelten sich in ihm heute fast vergessene Sträucher wie Gagel und Porst. Overberg war fasziniert von der Grut und seiner Geschichte und machte sich an die Arbeit. Genau so etwas wollte er brauen. Paragraph Neun des VorlBierG besagt, dass zum Brauen eines Bieres nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser verwendet werden dürfen, macht in den Absätzen 4-6 sogar die großzügige Ausnahme, auch Hopfenpulver oder Hopfenauszüge verwenden zu können. Nur eben keinen Gagel. Für Overberg bedeutete dies, dass er sein Bier in Belgien zu brauen wird haben.

Das engstirnige Reinheitsgebot gibt es bekanntlich nur in Deutschland, im Rest Europas floriert die Kreativbierwelle in ganzer Form, die zugegeben oftmals verrückte Produkte auf den Markt spült, immer häufiger durch seine Qualität jedoch bestechen kann. Doch die rechtliche Situation als umfassend restriktiv zu bezeichnen ist nicht gänzlich korrekt. Ausnahmen sind schließlich möglich. So variiert das Reinheitsgebots in seiner Spruchpraxis von Bundesland zu Bundesland und ist dabei vor allem in seiner Heimat in der Reglementierung äußerst abstrus. Hier muss das Produkt, egal wie es auch heißen mag, grundsätzlich bei einer gewissen Ähnlichkeit zu Gebräu auch als Bier bezeichnet werden.

Schlimmer geht immer

Wer denkt, wir hätten die Spitze der Kuriosität erreicht, der irrt. Denn Ausnahmeregelungen – ob juristisch erstritten oder wirtschaftlich dargelegt – gibt es durchaus. Der Weg dahin ist gepflastert mit Schikanen der deutschen Justiz. Overberg berichtet von seiner beim Landesamt Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz eingeholten Genehmigung.

„Das ist wie Roulette spielen. Wenn man Glück hat, reicht ein schriftlicher Antrag auf Ausnahmegenehmigung gemäß § 9 Absatz 7 VorlBierG mit der Begründung, warum man in welchem Bier eine besondere Zutat einsetzen will, dazu die Angabe von Brauort, Biermenge, und so weiter. Der Antrag kann in wenigen Wochen genehmigt werden – oder eben  auch nicht. Wenn die Genehmigung erteilt wird, muss man noch eine Gebühr bezahlen. Die Genehmigung kann ohne Begründung jederzeit vom Amt widerrufen werden. Bei meinem Coffee-Stout „Imperial Cold Brew“ kamen plötzlich gesundheitliche Bedenken mit ins Spiel, weil die Wechselwirkung von Alkohol und Koffein als riskant angesehen wurde. Eigentlich hat das Amt ja nur zu entscheiden, ob es sich bei dem Getränk um Bier handelt oder nicht. Nach persönlichem Ermessen der Sachbearbeiterin wurde aber nun die gesundheitliche Unbedenklichkeit zum Gegenstand des Genehmigungsverfahrens gemacht, für die ich als Inverkehrbringer eigentlich selbst verantwortlich bin, ohne dass eine Behörde diese bescheinigen müsste. Dann wurde ich aufgefordert, den Koffeingehalt eines Testsudes auf meine Kosten analysieren zu lassen. Das Ergebnis hat das Amt dann offenbar so alarmiert, dass sie ein internes toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben haben. Am Ende hat das Verfahren ein Vierteljahr gedauert und die Genehmigung ist nur mit der Auflage erteilt worden, dass das Etikett einen sehr ausführlichen Warnhinweis bekommen hat, in dem die genaue Angabe des Koffeingehalts des Testsudes enthalten sein musste. Ein Jahr später wurde dann ein Verfahren wegen Verbrauchertäuschung gegen mich eingeleitet, weil das Bier weniger Koffein enthielt als angegeben.“, so Overberg.

Die finanzielle Mehrbelastung, die ein Antrag und die Erstellung eines solchen Ettikets anbelangt, wird letztlich auch auf den Konsumenten über einen höheren Verkaufspreis abgewiegelt und stellt daher eine deutliche Diskriminierung des progressiv Andersdenkenden dar.

Zwar ist Deutschland wie eingangs erwähnt, noch immer der wichtigste Absatzmarkt für Bier in Europa, doch war der Absatz letztes Jahr bereits um 0,7% rückläufig und das Interesse bei jedem fünften deutschen regelmäßigen Kreativbier-Trinker für Innovation und Fortschritt bereits allgegenwärtig. Zumal die Begründung zum Festhalten am Reinheitsgebot mit gesundheitlicher Sicherheit in Zeiten von Glyphosat und Co. unglaubwürdig ist wie die Mär vom Weihnachtsmann. Es scheint, als gäbe es Interessenverbände, die gezielt große deutsche Brauereien mit einem Wall an sinnlosen Verordnungen ausstatten und in den Krieg gegen die junge Gilde ziehen lassen. Bis dann irgendwann einmal das Trojanische Pferd auftaucht und sich jeder Großen und Alten, ja der derzeit am Biermarkt noch wünschen wird, in eine neue, innovative Waffe investiert, anstatt nur die brüchigen Mauern gedämmt zu haben.

Photo Credit: Tim Klöcker und Shutterstock

 

 

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