Energetisiertes Wasser: Wenn Brauer Wissenschaft und Vernunft aufgeben

Energetisiertes Wasser: Wenn Brauer Wissenschaft und Vernunft aufgeben

Das Berliner Vorzeige-Startup Brlo lässt ihr Wasser beim Brauen über Edelsteine laufen. Renommierte Brauereien wie Stiegl und Memminger vertrauen auf energetisiertes Wasser »höherer Ordnung«. Rory Lawton wirft einen kritischen Blick auf irrlichternden Hokuspokus in einer sich sonst qualitätsversessen gebärdenden Branche.

Übersetzt von Liv Fleischhacker

Lange hat der Autor dieses Artikels dafür gekämpft, dass deutsche Brauereien alles, was ihr Herz begehrt, in ihr Bier kippen dürfen. Alles, was verzehrbar ist und einen positiven Effekt auf den Geschmack des Bieres hat, sollte in seinen Augen erlaubt sein. Wenn Brauer allerdings Wissenschaft und Vernunft über Bord schmeißen, wenn sie Zutaten und Methoden benutzen, die sich außerhalb der Wissenschaft befinden, ja wenn der suggerierte Effekt nicht einmal mehr messbar ist, müssen wir sie wegen dieses Humbugs zur Rede stellen!

Warum? Brauen ist fürwahr kreativ, aber es ist auch noch immer eine Wissenschaft. Das Knowhow deutscher Brauer gilt seit langem als das beste der Welt. Deutschlands Beiträge zur Brautechnik und Brauausbildung sind unübertroffen. Sie basieren auf exakter Wissenschaft, Ingenieurskunst und über Jahrhunderte verbesserten Brautechniken. Wenn Brauereien der Wissenschaft aber nun den Rücken kehren und zweifelhafte Methoden einführen, die nicht mit der Absicht, gutes Bier herzustellen, begründet werden können, bringen sie eine angesehene Branche in Verruf.

It´s magic! Brlo und die energetisierende Kraft der Edelsteine

Die junge und erfolgreiche Berliner Brauerei Brlo wirbt seit ihrer Gründung Ende 2014 unverhohlen mit der Praxis, ihr Brauwasser mit Edelsteinen zu »energetisieren«. In den letzten zwölf Monaten haben mich verschiedene Bierliebhaber konsultiert, die Flyer des Unternehmens gelesen oder Werbeveranstaltungen der Brauerei besucht haben und diesem Teil der Brlo-Geschichte zu Recht skeptisch gegenüberstehen.

Auf der Brlo-Internetseite heißt es: »Wasser ist mengenmäßig der wichtigste Bestandteil des Bieres. Unser Brauwasser wird vor dem Braugang mit Edelsteinen energetisiert. Ob es besser schmeckt, ist sicherlich Ansichtssache – aber es fühlt sich gut an!« Laut einem der Brlo-Gründer, Christian M. Laase, sind die für den Prozess ausgewählten Edelsteine Bergkristall, Amethyst und Rosenquarz. Diese sollen angeblich das Wasser »harmonisieren«, was einen positiven Effekt auf Geschmack und Konsistenz habe. In der neu gebauten Brauerei des Brlo-Brewhouse sei ein über den »Partner« Leogant bezogenes UMH-Modul installiert worden, das das Brauwasser sowohl filtere als auch »vitalisiere«, unter anderem durch »Energiefelder«.

Eine Sache müssen wir hier klarstellen: Ob ein Bier besser schmeckt, ist keine »Ansichtssache«, kein Geheimnis, das man niemals auflösen wird. Es ist im Gegenteil eine empirische Fragestellung, die geprüft werden kann. Möchte man herausfinden, welcher Brauprozess ein Bier besser schmecken lässt, kann man eine Blindverkostung im A/B-Test-Verfahren mit einer Expertenrunde organisieren. Es ist im besten kommerziellen Interesse der Brauerei, den Herstellungsprozess zu wählen, der das Bier am besten schmecken lässt!

Die noch mehr Besorgnis erregende Aussage allerdings ist diese: »aber es fühlt sich gut an!« Was ist das für eine nichtssagende Äußerung? Sollen wir glauben, dass Brlos Bier den Geisteszustand des Trinkenden verändert? Und zwar auf eine Art und Weise, in der es nicht-energetisierte Biere nicht können? Oder entsteht das Wohlbefinden einfach nur aus dem Kontakt mit den Edelsteinen?Nehmen wir das »energetisierte Wasser« ernst, müssen wir uns einige wichtige Fragen stellen:

Seit ihrer Entstehung sind Wassermoleküle über den Wasserkreislauf mit Trilliarden von Kristallen in Felsformationen in Kontakt gekommen. Ist diese Energie noch enthalten oder geht sie im Laufe der Zeit verloren? Wie sieht der Auswahlprozess für die Bergkristalle, Amethyste und Rosenquarze aus? In welchem Verhältnis müssen die Steinmengen zueinander stehen, um das Bier an einem Brautag korrekt zu energetisieren? Wie vorsichtig müssen Biertrinker bei der Dosierung von energetisiertem Bier sein? Solange die Auswirkung von »energetisiertem Wasser« nicht gemessen werden und der Mechanismus nicht erklärt werden kann, sollte dieser Humbug vermieden und erst recht nicht publiziert werden.

Grander-Wasser – Schlangenöl für »gläubige« Brauereien

Methoden wie diese scheinen nicht nur bei den Freigeistern der Mikrobrauerszene gang und gäbe. Nein, diese Pseudowissenschaft kann auch spezialisiert, ausgelagert und in größerem Stil angewendet werden! Die baden-württembergische Brauerei Ladenburger und die bayerische Memminger Brauerei werben mit Bier, das durch revitalisiertes Wasser besser schmecke. Dies wird durch sogenannte Grander-Technologie ermöglicht, die keine Edelsteine verwendet.

Die Firma Grander verkauft »Wasserbelebungsgeräte«, die »mit natürlicher Energie arbeiten, ohne Strom oder andere chemische Zusatzstoffe«. Sie sind zudem service- und wartungsfrei. Der Mechanismus der Blackbox-Geräte aus Edelstahl ist allerdings schlecht dokumentiert. Grander behauptet dennoch, dass die Apparate Wasser produzieren, das zu allerhand imstande sei.

Es bleibe nämlich länger frisch und habe einen intensiveren Geschmack. Außerdem schütze es die Brau-Utensilien, da sie vom Wasser gereinigt würden. Zudem sorge es für einen geringeren Bedarf an Wasch- und Reinigungsmitteln. Auf der Internetseite des Unternehmens weist man auf genau einen einzigen wissenschaftlich belegten Fakt hin: nämlich dass Wasser, das durch die Geräte fließt, nicht gesundheitsschädlich sei.

Interessanterweise wird auch die größte Privatbrauerei Österreichs, die renommierte Brauerei Stiegl aus Salzburg, als Kunde des Grander-Universums geführt. Allerdings scheint man im Marketing von Stiegl verstanden zu haben, dass das offensive Herumzeigen von Schlangenöl kontraproduktiv wirken kann. Die Internetseite vermerkt lapidar: »Stiegl nimmt vorbeugende Maßnahmen ein, um das Wasser zu schützen.« Man erwähnt Grander bei Stiegl nicht explizit, lässt aber einen externen »Experten«, den Pfarrer Herbert Schmatzberger, auftreten und über die hauseigene Wasserquelle philosophieren. Dieser gibt sich überzeugt, »dass das Wasser […] auch mit viel Energie aufgeladen wird«. Der Untersberg, die Wasserquelle der Brauerei, sei »von magischer Ausstrahlung«. Sogar der Dalai Lama habe »den Untersberg angeblich als Herz-Chakra Europas bezeichnet und mit dem heiligen Berg Kailash in Tibet verglichen«.

Die Brauerei Ladenburger traut sich da ein wenig mehr und nennt den Pseudomechanismus »Informationstransfer«.  Alle Inhalte und Quellen bezieht die baden-württembergische Brauerei von Grander. Der Hokuspokus bleibt ein nicht-quantifizierbares und uneingeschränktes Mysterium.

Die 200.000 Hektoliter starke Memminger Brauerei agiert sogar als waschechtes Testimonial für Grander. Geschäftsführer Wolfgang Kesselschläger äußert, dass »sich die Hefe wohler fühlt«, seit man die Grander-Module eingebaut habe. Die Gärung verlaufe besser und schneller. Und zudem brauche man weniger Reinigungsmittel als vorher. Offenbar gedeiht also die Hefe, während das Wachstum von Bakterien gehemmt wird! Der Mechanismus hinter diesem Hokuspokus bleibt ein nicht messbares und nicht bewertbares Mysterium.

Solange der Effekt des »revitalisierten Wassers« von Grander nicht gemessen werden und der Mechanismus nicht erklärt werden kann, muss man die Brauereien für jede dieser positiven Behauptungen infrage stellen!

Schädliche Magie für die Wirtschaft

Als Stellungnahme zu diesem Artikel gab Brlo-Gründer Christian M. Laase bereitwillig zu, dass man in der Tat nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen könne, dass die Edelsteine Auswirkungen auf das Wasser hätten. Sicher sei allein, dass keiner zu Schaden komme und das es eine »risikofreie Chance« sei, »ein gut balanciertes Bier zu produzieren – und wieso sollte man das nicht probieren?«. Natürlich stellt dieses Wasser für die Einzelperson kein Risiko dar. Ich argumentiere dennoch dafür, dass es an zwei Fronten tatsächlich Schaden anrichtet – ganz zu Schweigen vom Schaden, den die Brlo-Marke erleidet.

Zum einen sind diese Methoden schädlich für die deutsche Brauindustrie. Der Ruf der deutschen Brauindustrie wurde durch exakte Wissenschaft und erprobte Theorien aufgebaut, er basiert nicht auf Bauchgefühl. »Wasser-Harmonisierung«, »Energetisierung« und »Transfer von Information ins Wasser« sind Aussagen, die so vage sind, dass sie nicht überprüft werden können. Somit sind sie bedeutungslos. Aus gutem Grund benutzen nur wenige Brauereien diese pseudowissenschaftlichen Methoden. Man kann innerhalb einer Blindverkostung beweisen, ob das Bier besser schmeckt, wenn man das will.

Außerdem wird die Gesellschaft für dumm verkauft. Und zwar, indem man die Idee fördert, dass Wasser Erinnerungen enthält oder unerklärliche harmonische Eigenschaften besitzt. Die Deutschen tolerieren noch heute Alternativen zu westlichen Arzneimitteln; diese sollten in prüfbaren Theorien und unter Rechenschaftspflicht geerdet werden. Homöopathische Heilmethoden sind entlarvt worden und werden in anderen Ländern verspottet. Doch immer noch werden diese in Deutschland weitgehend gefördert, und zwar auf Kosten von Medikamenten, die einen echten therapeutischen Wert haben, weit über den Placeboeffekt hinaus. Jede Erwähnung von »Harmonie« und »energetisiertem Wasser« verwirrt die Öffentlichkeit weiter. Im Jahr 2017 ist es schockierend, dass wir diese Debatte noch führen müssen.

Kampf den Schlangenölverkäufern!

Obwohl ich weiterhin für das Recht der Brauer kämpfen werde, alle sicheren Zutaten und Prozesse zu verwenden, die sie sich nur vorstellen können, ermutige ich zur gleichen Zeit Bierliebhaber und Liebhaber der Vernunft, die Mystik und die Technologie der Schlangenölverkäufer stetig zu hinterfragen.

Kritikern dieser Methoden wird ohne Zweifel Intoleranz vorgeworfen werden. Und dass wir toleranter gegenüber Alternativen zu exakter Wissenschaft und Technik sein sollten. Aber die »Intoleranzkarte« funktioniert hier nicht. Wir dürfen diese Methoden ausdrücklich ablehnen, aus genau demselben Grund, aus dem wir nicht tolerieren müssen, dass jemand behauptet, dass 2 + 2 = 5 ist.

Wie kommt es, dass die Firma Brlo für ihre Methoden nicht diskreditiert wird? Wieso dürfen Memminger und Ladenburger eklatant falsche bzw. unüberprüfbare Behauptungen über ihr Brauwasser und ihr Bier machen? Ich weigere mich, Bier von einer dieser Brauereien zu trinken, bis dieser Unsinn aus ihren Marketingmaterialien entfernt worden ist.

Der Verfasser spendet sein Honorar für diesen Artikel an die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.).

 

One comment

  1. jan
    02. November 2017 reply

    Danke Rory für diesen klasse geschriebenen Artikel und das sehr interessante Thema.
    Ich bin hier allerdings voll auf der Seite von Brlo und den weiteren kreativen Kollegen.
    Warum nicht auch mal etwas Neues ausprobieren, was nicht erwiesenermaßen wissenschaftlich förderlich oder schädlich fürs Bier sein sollte.
    Ich ziehe hier mal einen Vergleich zum Wein: Bei manchen Erzeugern wird beispielsweise mit speziellen Gärtankformen (eiförmig), Beschallung während der Gärung mit Musik, oder gar nach Mondphasen gearbeitet (im Weinberg und Keller).
    Mich als Verbraucher interessiert es sekundär, wie die Qualität des Getränks verbessert werden kann solange ich für mein Geschmacksempfinden ein „besseres“ Ergebnis im Glas habe.
    Bei all den nachgewiesenen wissenschaftlichen Faktoren bei der Gärung sollte nicht vergessen werden, das eine Menge lebende Organismen an dem Prozess teilhaben, die eben nicht wissenschaftlich vorherzusagen sind.

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