Terviseks! Estland und seine wachsende Kreativbierszene

Terviseks! Estland und seine wachsende Kreativbierszene

Rund 99 Prozent von Estland sind mit einem kostenlosen Wlan-Netz abgedeckt. Die Organisation ist digitalisiert und schlank, eine Unternehmensgründung in 15 Minuten abgewickelt. Diese effiziente Unbürokratie ist möglicherweise einer der Gründe, weshalb die Kreativbierszene des Landes in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist.

Estland ist das nördlichste Land der drei baltischen Staaten, angrenzend an Lettland und Russland. Die größte Stadt ist seine Hauptstadt Tallinn. Tallinn, was ursprünglich „Dänische Stadt“ bedeutet, hieß früher Reval und besaß als einflussreiche Hansestadt das Handelsmonopol gen Osten.

Seit dem 13. Jahrhundert war Estland fremdbestimmt: 1219 durch die Eroberung von Dänemark, im 16./ 17. Jahrhundert von Schweden und Russland, 1721 bis 1918 fiel das Land unter die Kontrolle des Russischen Zarenreichs und nach der Besetzung durch die Rote Armee 1940 gehörte das Land zur Sowjetunion. 1991 hat Estland seine Unabhängigkeit erlangt.

Die zahlreichen Eroberungen prägen Estlands Esskultur bis heute

 Kaufleute, Handwerker und Forscher aus der ganzen Welt bereicherten die Hansestadt Reval mit ihrer Präsenz, ihren Fähigkeiten, Forschungen und der Einführung neuer Produkte. In Gegenbewegung dazu hinterließen auch die zahlreichen Eroberungen ihre Spuren.

Bis heute spiegeln sich all diese Einflüsse auch auf estnischen Tellern wider. Die Esskultur ist eine Fusionsküche unterschiedlicher Länder und Sitten: herzhaft und fleischlastig wie in Russland, natürlich und regional wie in Skandinavien. Dazu gesellt sich eine augenzwinkernde Prise estnischer Twist. Über Jahrhunderte hinweg haben sich die Einwohner Estlands so ihre eigene, landestypische Küche erschaffen.

Auch im Bier schmeckt es nach Geschichte

Das Gleiche gilt für das Bier. Bier in Estland hat eine Jahrtausende alte Tradition. Das Bierbrauen war ein weit verbreitetes Handwerk, dem bereits viele Bauern nachgingen – mit unterschiedlichen Verfahren, Malzen und Kräutern ergab dies eine ausgeprägte Biervielfalt.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Bier in Estland seine Hochzeit sowie die so genannten Getränke „Kali“ (fermentierter Brottrunk) und Modu (Honigmet). Doch mit dem Beginn der industriellen Revolution und der Zwangskollektivierung allen bäuerlichen Besitzes verendeten die meisten kleinen und privaten Brauereibetriebe.

Viele Jahrzehnte lang beherrschten allein die großen Biermarken – also die verstaatlichten Kolchosebetriebe – den Biermarkt: A. Le Coq, Saku und Viru Õlu. Mit 90% Anteil haben die Big-Bier-Player den Wettbewerb und Nachfrage im Griff. Zahlenmäßig. Und gustatorisch. Denn estnische Konsumenten sind konditioniert, ihr Bier möglichst literweise, kalt und billig zu sich zu nehmen. Es zeichnet sich jedoch eine Bewegung ab.

Das Comeback der Vielfalt durch Kreativbier

Seit etwa 2009 entern Hobbybrauer, Hausbrauer und Mikrobrauereien den von Massenbier geprägten Markt. Neue Bars eröffnen, neue Brauereien öffnen, veraltete Einstellungen schließen. Die Esten entdecken ihren Sinn für Geschmack.

Obwohl die Gesamt-Bierproduktion in Estland sinkt, ist die Anzahl der Braustätten, Mikrobrauereien und Brewpubs im Jahr 2018 auf 82 angestiegen. Die neuen, unabhängigen Brauereien sind experimentierfreudig und stolz auf ihr Land. So wundert es nicht, dass sie mit typisch estnischen Zutaten wie Moos oder Wacholder einbrauen oder Birke hinzufügen – ist dies doch der häufigste Laubbaum Estlands.

Neben einheimischen Aromen besinnt sich die neue Bierkultur auch auf klassische, alte Bierstile und besondere Malze. Roggen ist nicht nur im dunklen Brot eine beliebte, einheimische Zutat, sondern auch im Bier. Jetzt – etwa ein Jahrzehnt nach dem Start der Bewegung im Bier – ist Estland eines der wertvollsten Länder, um qualitativ hochwertiges, spannendes Kreativbier zu trinken. Selbst der erfahrenste Biertourist kann im Bierland Estland neue, nie gekannte Geschmacksrichtungen entdecken. Und das Beste: Diese Entdeckungsreise ist bezahlbar.

Das Preis-/Leistungsverhältnis ist für unsere Geldbörse eher günstig. Ein 0,3l Industriebier kostet etwa ab 1,50 Euro, ein Kreativbier ab 3,50 Euro. Dazu sagen wir: Terviseks! Prost auf das Bierland Estland.

Unsere Top 5 Lieblingsbrauereien in Estland

Pohjala

Sicherlich die bekannteste Brauerei aus Estland, die seit der Gründung 2012 national den Kreativbier-Boom auslöste – und wegen ihrer Kreationen auch international gehyped wird.

pohjalabeer.com

Pühaste

Im Jahr 2014 gegründete Brauerei aus Tartu, die auch gemeinsam mit Brewdog Tallinn für Co Brews hinter dem Braukessel steht.

puhastebeer.com

Tanker

Das Tanker Team hat sich das erste Mal 2014 auf einem Hobbybrautreffen in Tallinn getroffen, im April 2015 starteten sie ihre Kreativbier-Produktion: von klassisch bis experimentell.

tanker.ee

Lehe

Die Brauerei des Ehepaars Tali – gestartet am heimischen Herd – hat mittlerweile rund 20 Kreativbiere im Sortiment.

lehepruulikoda.ee

Õllenaut

Von der Hausbrauerei zur Experimentierstätte. Die 2013 gegründete Brauerei entwickelt Kreativbiere wie ihr Sauna Saison – eingebraut mit einheimischer Birke.

ollenaut.ee

 

Kurz und knapp: das Bierland Estland

Land: Estland

Einwohner: 1,3 Millionen

Hauptstadt: Tallinn

Einwohner: 430.000

Staatsgebiet: 45.339 qm2 + 1.500 Inseln

EU Mitglied: seit 2004

Euro Einführung: seit 2011

Staatsschulden: > 10% des BIP (Anm.: Deutschland < 64%)

Mindestalter für den Genuss von Bier: 18 Jahre

Anzahl Brauereien, Mikrobrauereien und Brewpubs (2018)*: 82 Bierproduktion in 1.000 Hektoliter (2014 vs. 2015)**: 1.608 vs. 1.398 Bierverbrauch pro Kopf (2014)**: 73 (Anm.: Deutschland 107)

* Quelle: https://www.ratebeer.com/breweries/estonia/0/67/

** Quelle: statista 2018

 

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Photo Credit: Shuttertsock

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