Försters feine Biere: Mehr Respekt für Bier

Försters feine Biere: Mehr Respekt für Bier

Einhundert Jahre lang beherbergte das Gebäude am Ende der Bornstraße in Berlin- Steglitz im Parterre einen Friseur. Seit 2014 einen Biergastronomie. Wo Mann und Frau sich zuvor traditionell neu erfinden ließen, wird mit Försters Feine Biere nun Tradition neu erfunden. Försters feine Biere wagt die Gratwanderung.

Neben den klingenden Namen der Berliner Bierbarszene wie Hopfenreich, Badfish, Vagabund oder Kaschk mutet »Försters Feine Biere« ein wenig altbacken an. Dazu ein tiefer Griff ins Location-Klo mit einer Seitenstraße in Steglitz, und man sieht vorm inneren Auge das Klischee der alten Herren Gestalt annehmen, die mit »Früherwar- das-Bier-besser!«-Phrasen den ganzen Abend am selben Krug nippen, während der Wirt hinter dem spärlich besetzten Tresen mit seinem Lappen den Schmutz gleichmäßig in den Gläsern verteilt. Doch weit gefehlt! Nicht nur ist es gar nicht so einfach, bei Försters Feine Biere einen Platz zu bekommen, auch ist Sven Förster zwar ein Gastronom der alten Schule, doch sind damit die besten Traditionen der Schankwirtschaft gemeint, die in vielen, neueren Gastronomien gern einmal zugunsten lässiger Attitüde und hippen Rebellentums (oder einfach aufgrund mangelnder Personalschulung) vergessen werden.

Bierpflege

»Gepflegte Biere« – wieder so ein Begriff, der angestaubt wirkt, bei genauerer Betrachtung aber Zeitaufwand, Sorgsamkeit und eine Auseinandersetzung mit dem Produkt bedeutet. Echte Bierhege und -pflege eben. Doch auf das Handwerk der Bedienung, egal ob die einer Zapfanlage oder die des Kunden, wird der strapazierte »Craft«-Begriff leider in vielen Bars zu selten angewendet. »Mit Liebe gebraut, am Zapfhahn versaut« ist ein Spruch, der in einer vielseitiger, schnelllebiger und instabiler werdenden Bierkultur ungeahnte Aktualität gewinnt.

Gemütlichkeit konsequent

Diese Bierkultur steht im Försters keineswegs still, ist aber bei Weitem nicht so zwanghaft neuigkeitengeil. Das hat den Vorteil, dass man am Tresen nicht alle fünf Minuten zur Seite rücken muss, damit der nächste Untappd-Junkie genug Platz für sein Beweisfoto hat. Auch Bildschirme gibt es nirgends, kein WLAN, keinen Kaffee, keine Softdrinks. Bier ist das Konzept, Bier ist der Star. Ebensowenig gibt es Reservierungen für Veranstaltungen. Förster bleibt konsequent, verzichtet auf die ein oder andere Einnahmequelle, um seinen Gästen eine Basisqualität garantieren zu können und verlässliche Zugänglichkeit zu schaffen.

Ein Förster für die Großstadt

Doch zurück auf Anfang: Sven Förster, Berliner, gelernter Bankier, mit 15 Jahren Erfahrung am Kunden in der Lebensmittelabteilung im KaDeWe. Nun kann man verstehen, wenn jemand es nach all der Zeit im überlaufenen Luxuskaufhaus gern etwas ruhiger hätte, doch vom Ku’Damm gleich nach Steglitz? In den Ex-Kiezfriseur? Mit einem süddeutsch angehauchten Bierkonzept? Klingt nach unternehmerischem Suizid – und zeigt, dass der Südwesten Berlins biertechnisch unterschätzt wird. Denn das zweifelsohne etwas höhere Durchschnittsalter der Kundschaft im Vergleich zu jüngeren Bezirken wie Neukölln oder Friedrichshain ist offenbar nicht gleichzusetzen mit wenig Probierfreude.

Deutsche Bierkultur zu Gast in Berlin

Die Bierauswahl ist inspiriert von Försters Reisen, hat also schon etwas von Weltenbürgertum, oder zumindest der Absicht, die deutsche Bierkultur insgesamt zu vertreten. Was ihm gefiel, brachte er stets nach Hause mit – biergefüllte Kofferräume waren derStandard. Nun sind es Fässer statt Flaschen und er teilt sie mit seinen Kunden statt nur mit Freunden. »Wir haben einen Grundstock von dreißig bis vierzig Bieren. Sechs Hähne, von denen vier fest und zwei wechselnd belegt sind: Moritz Fiege Pils aus Bochum, Schönramer Hell, Rollberg Rot als Lokalmatador und Weiherer aus Bamberg sorgen für zufriedene Stammkundschaft. Neugierige werden an den verbleibenden Hähnen fündig, Brauereien wie Knoblach, Mönchsambach, Orca Bräu oder Giesinger. Unsere Flaschen sind überwiegend lokal.« Allein auf weiter Flur An Kneipen mangelt es freilich nicht in der Gegend. Allerdings sind diese entweder Bars ohne Bierfokus, Restaurants mit Brauereiverträgen oder Altberliner Eckkneipen mit Kindl oder Schulle. »Försters Feine Biere« stößt gekonnt in den Zwischenraum, schafft ein Alleinstellungsmerkmal für den gesamten Südwesten, den Bereich zwischen Neukölln und Charlottenburg. Doch allein den Mangel an Konkurrenz will Förster nicht für den Erfolg verantwortlich sehen: »Wir erfüllen auch eine soziale Funktion im Kiez, bieten einen Ort, an dem Leute aus der Nachbarschaft zusammenkommen können. « Die klassische Stammkneipe, nur mit besserer Bierauswahl und im Sonntagszwirn. Dazu gehört auch, dass es sich bei »Försters Feine Biere« um ein echtes Familien-unternehmen handelt. Sowohl Frau Martina als auch Bruder Marco sind Mitinhaber der Gastronomie und es versteht sich von selbst, dass die Försters auch selbst die Zapfhähne bedienen.

Nichts was kann, alles was muss Entsprechend ist die Einrichtung urig-holzig, ohne viel Schnickschnack. Die Speisekarte bietet typische Bierbegleitung wie Kartoffelsalat, gute Wurstwaren, ofenfrischen Leberkas am Donnerstag und Käse vom Berliner Maestro Blomeyer. Die Schilder und die bierbestückten Regale an den geziegelten Wänden lassen auch hier keinen Zweifel aufkommen, worum es im Kern geht. Jedes Bier wird akkurat gezapft, stets ins richtige Glas. Biersommelier Förster kommen nur saubere Biere ins Haus, Fehlgeschmäcker und -gerüche disqualifizieren ein Produkt sofort. Pilgerstätte Für ein frisch gezapftes Schönramer Hell bei Försters fahren Bieraficionados durch die ganze Stadt. Damit räumen sie dem Getränk denselben Stellenwert ein wie dem gehypten West Coast Import, dem belgischen Sauerbier, der holzfassgereiften Imperial Milk Stout Aromabombe aus Skandinavien – und das ist ein Grund zur Freude, weil es die Wertschätzung grandioser Produkte zum Ausdruck bringt, die ohne Kapriolen Aufmerksamkeit erzeugen, weil sie eben ohne jene überzeugen, wenn sie richtig serviert werden. Oder wie Förster es gelernt hat: »Vor dem Tresen ist der Gast König, hinter dem Tresen das Produkt.«

Dieser Artikels erschien erstmals in der Print-Ausgabe 2-2018 von BIER, BARS & BRAUER. Gefällt Ihnen dieser Artikel? Vielleicht interessieren Sie sich dann auch für unseren Newsletter?  Oder möchten unsere Arbeit durch den Kauf einer unserer Print-Ausgaben unterstützen?  Hier können Sie die Printausgabe bestellen. 

Photo Credits: foerstersfeinebiere.de

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