Great Herrengedeck: Wenn hohe Ziele mächtig scheitern – Schwarzbier und Rye Whiskey

Great Herrengedeck: Wenn hohe Ziele mächtig scheitern – Schwarzbier und Rye Whiskey

Wer für gewöhnlich ein Herrengedeck bestellt, der tut das, weil er ein Bier und einen Schnaps trinken möchte, in welcher Reihenfolge auch immer. Schwarzbier und Rye Whiskey wären aufgrund einer gewissen Aromennähe eine nahe liegende Kombination, möchte man meinen. Stimmt aber nicht ganz, wie der Test beweist.

Herrengedeck, das ist bekanntlich ein Schnaps, den wir mit Bier hinunterspülen. Einfache Nummer, mit Kategorien und Qualitäten aller Natur möglich. Weil es in manchen Kategorien aber ganz besonders gut schmeckt, mischen wir uns da mal ein. Dies tun wir entweder mit Empfehlungen oder eben… Warnungen. Schließlich können auch wir nicht immer alles im Vorhinein wissen.

Aus Gründen der Gemeinsamkeit getreidiger Süße, weicher Röstaromen und einer weihnachtswürzigen Kontur legt sich die Kombination eines Schwarzbieres mit einem Rye Whiskey nahe. Kann ja im Grunde nichts schiefgehen.

Brautkleid bleibt Brautkleid

Die Kategorie des Schwarzbieres zunächst mag verwirren. Lebt es kategorisch doch zunächst einmal vor allem von seiner farblichen Erscheinung, ist nicht jedes Bier mit schwarzer Farbe, wie beispielsweise das Porter oder das Stout, per se auch ein Schwarzbier. Wohingegen im 16. Jahrhundert – wie die meisten aller Biere zu dieser Zeit – obergärig gebraut wurden, wird das Schwarzbier heute mit untergäriger Hefe gebraut und unterscheidet sich somit von den britischen Bierstilen wie Porter oder eben Stout. Der Alkoholgehalt eines Schwarzbieres liegt bei zwischen 4,8% Vol. und 5,0% Vol., der Stammwürzegehalt bei 11°; nach der Wende fand das Schwarzbier vor allem über die neuen Bundesländer zurück in die Regale der Nation, und allmählich wird es auch in den alten Bundesländern zunehmend angenommen. Schwarzbier ist also konkret „Schwarzbier“ und nicht einfach nur schwarzes Bier. Ist also wie mit dem Brautkleid. Nur eben mit Bier und in schwarz. Auf unserem Plan steht Schwarzer Abt, Sankt Jaro, ein Köstritzer und der Märkische Landmann. Und da fängt das Problem auch schon an.

Die dreifach destillierte Malzfabrik

Denn eigentlich ist gemäß dem Deutschen Brauer-Bund der Schwarzer Abt kein wirkliches Schwarzbier: Es hat lediglich 3,9 % Vol. Da die Klosterbrauerei Neuzelle darüber allerdings hinweg sieht, steht auf dem Etikett „Schwarzbier“ und so trinken wir es auch als Schwarzbier – immerhin ist der Begriff des Session Schwarzbieres noch nicht so recht salonfähig.

Es schmeckt nach Lakritze und Zimt, überhaupt nach Weihnachten – wenn dieses Bier ein Rum wäre, so wäre es ein Kraken Rum. Ziemlich malzig und süß, hinzu gesellen sich Karamellbonbons und Früchtebrot. Weil wir nun ein Bier- und kein Whiskymagazin sind, haben wir uns dazu entschieden, zuerst die bisweilen sehr niedrigprozentigen Biere zu verkosten, um dem Bier zunächst den aromatischen Vortritt zu lassen und erst im Folgenden die Reihenfolge zu ändern. Der Rye Whiskey, mit dem wir dieses Bier kombinieren, stammt aus dem Hause Knob Creek. Abgefüllt wurde er mit 50% Vol. und bringt kräftige Roggennoten mit, die sich mit Eiche- und Vanillearomen verbinden. Den Rye Whiskey nach dem Bier verkostet, hat weder er noch das Bier etwas davon. Das sehr leise Bier wird weggespült, übrig bleibt spritiges Karamellwasser, das der Rye Whiskey ganz alleine im Leben nicht zustande gebracht hätte. Beeindruckend, auf eine traurige Weise.

Gibt man dem Rye Whiskey nun eine Chance, schon vor dem Bier ein wenig auf die Geschmacksknospen einzuwirken, die Zunge mit Noten von Karamell, Cassis und geröstetem Malz auszukleiden, findet der Schwarzer Abt einen komplett neuen Nährboden zur aromatischen Entfaltung. Der schmeckt dann nach intensiven Kaffeenoten, nach Zartbitterschokolade, Espressolikör und einer bis ins letzte Detail verflüssigten und dreifach destillierten Malzfabrik.

Cheers – Auf eine schlechte Nachbarschaft!

Weiter geht es mit dem tschechischen Sankt Jaro der Brauerei Pivovar Litovel mit 4,0% Vol. – und somit auch keinem echten Schwarzbier, zumindest laut Brauer-Bund. Wir trinken es trotzdem; hätten es allerdings lassen sollen. In der Rezenz enttäuschend, erinnert das Bier eher an eine Malzbierschorle denn an ein Bier. Aromatisch etwa halb so mild wie ein Köstritzer, schreit dieses Bier nach einer Spirituose, die ihr möglicherweise helfen könnte, aus den aromatischen Annalen hervorzukriechen. Leider passiert auch mit Hilfe eines anschließenden Rye Whiskey extrem wenig. Etwa so wenig, wie im Alltag zweier benachbarter Reihenhausbewohner mit verschiedenen Eingängen. Man grüßt, geht weiter. Wenn es denn gut läuft.

Lässt man dem Rye Whiskey allerdings Vortritt, profitieren alle beide. Die Honignoten des Bieres kommen jetzt erst zur Geltung, das Malz rückt ins Zentrum und gewinnt an Kraft und auch vereinzelte Würzaromen machen auf sich aufmerksam. Wenn überhaupt, dann in dieser Reihenfolge; muss aber auch nicht zwingend. Der Rye Whiskey kommt ohne das Bier so oder so besser weg, und das Bier wird mit Hilfe des Ryes in Ansätzen seiner Kategorie gerecht.

Mit Werthers Echte in der Waschmaschine

Selbstverständlich ist eine Schwarzbier-Verkostung ohne dieses Bier nicht möglich: das Köstritzer. Wer im Supermarkt und auch in jedem halbwegs sortierten Späti zum Schwarzbier greift, landet meist bei ihm: Das aus der Köstritzer Schwarbierbrauerei stammende und somit zur Bitburger-Gruppe gehörige Bier kommt mit 4,8% Vol. daher und ist durchaus einer der Schwarzbier-Klassiker. Karamellsüße, Brotmalz und Röstaroma in der Nase, nimmt das Bier auf der Zunge ab. Wer erinnert sich noch, wie es war, wenn die Mutter die Hose mit dem einen, schon ausgepackten Werthers Echten gewaschen hat und man dachte, „das geht schon noch“? In der Runde erinnert man sich durchaus, das Bier hilft dabei. An dieser Stelle hilft der Rye Whiskey ausnahmsweise überhaupt nicht: das Bier wirkt nur noch belangloser und abgestandener.

Auf Anforderung überprüfen wir das Mindesthaltbarkeitsdatum, welches zwar eingehalten wird; nichtsdestotrotz fallen die Aromen der maroden Süße hier weg und in Kombination mit dem Rye entsteht eine durchaus angenehme Speckigkeit, über die sich nachdenken lässt.

Vom Meerwasser zum Schwarzbrot

Wir beenden unsere Runde mit dem Märkischen Landmann aus dem Spreewald mit 4,9 %Vol. Nun besteht natürlich die Möglichkeit, dass untergärige Schwarzbiere einfach nicht der Fall des verköstigenden Teils der Redaktion sind. Da könnten dann noch so viele Schwarzbiere verkostet werden, und man kommt über ein „na ja“ nicht hinaus. Geht ja so auch nicht. Es ist also an der Zeit zuzugeben, dass diese Kategorie nicht zwingend in der oberen Liga der Lieblingsbiere vor Ort mitspielt – allerdings war das auch nie die Frage. Es geht schließlich ums Herrengedeck. Und das können wir wohl bewerten. Nachdem bei der Beschreibung des Bieres selbst also Dinge wie „abgestandenes Meerwasser“ und „tote Materie“ fallen, lassen sich in Kombination mit Rye Whiskey immerhin wohlwollende Äußerungen vermerken. Da fällt dann der cremige Körper auf, auch Biskuit und sogar ein „ganz okayes Schwarzbrot“.

Sieger in dieser etwas anderen Verkostungsrunde ist zweifelsohne der Schwarzer Abt, dem der Knob Creek Rye Whiskey eine regelrecht explodierende Kaffeenote verleiht, dass der Begriff „Geschmackserlebnis“ eine völlig neue Bedeutung bekommt. Wenn Röstaromen in Bella Roma eine Rooftop-Party schmeißen würden – sie schmeckte so.

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Darf es gerne mehr Herrengedeck sein? Kein Problem: hier geht´s zu noch mehr Bier mit Schnaps!

Fotocredits via Tim Klöcker

 

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