Great Herrengedeck: IPA und Gin

Great Herrengedeck: IPA und Gin

Die Paarung von IPA und Gin liegt auf der Hand, aber auch gut am Gaumen? Wir haben die beiden Big Player zusammen verköstigt und klären auf, ob am Ende ein Duett von Platzhirschen oder doch eher ein Duell von Streithähnen zu Buche steht.

Japp, richtig gelesen! Wir haben es wirklich getan. Ob nun Zugpferd oder Melkesel, Lockvogel oder Sündenbock – India Pale Ale und Gin haben unbestritten ihre Sparten revolutioniert, haben ein deutsches Altherren- (Bier) bzw. englisches Altdamengetränk (Gin) wieder sexy gemacht.

Aber passt die neue Aromenwucht auch zueinander oder artet das Duett der Platzhirsche zu einem Duell der Streithähne aus? Gehen wir in uns! Geben wir dem blasierten Hipster in uns, der das alles ungemein gestrig und Mainstream findet, einen Moment, die Hochmut-App von der Platte zu schmeißen und richten uns ein auf eines der schwersten Herrengedecke bisher!

Life für die Insel

Beide Getränke haben ihre Wurzeln in England. Im Falle der Spirituose handelt es sich um eine Adaption des niederländischen Genevers. Gin nach heutigem Verständnis ist ein klares Getreidedestillat, ähnlich Wodka oder Korn.

Im Unterschied zu diesen wird Gin jedoch gewürzt. Kräuter und Gewürze werden im Destillat mazeriert (eingelegt), durch anschließende Filtration oder erneute Destillation wird sichergestellt, dass keine ungewollten Rückstände der so genannten “Botanicals” im Getränk verbleiben. Das bekannteste dieser Gewürze ist die Wacholderbeere, die in jeden klassischen Gin gehört. Darüber hinaus sind der Fantasie wenig Grenzen gesetzt, und die Rezepte der Ginhersteller reichen von geläufigen Zutaten wie Zitrusschalen oder Koriandersamen über sündhaft teuren Safran bis hin zu Gurke oder Sellerie.

Gerade Gins mit wenig Wacholderaroma und einer Fülle an blumigen und frischen Noten haben das angestaubte Image von London Dry Gin zerschmettert und das Getränk als New Western Gin wieder salonfähig gemacht.

Eine Seefahrt, die ist lustig …

… nur die Ankunft nicht immer. Insbesondere, wenn unterwegs das Bier schlecht geworden ist. Daher wählten die englischen Braumeister für den Export nach Indien insbesondere starke Biere und versahen diese mit einer Extraportion Hopfen, der antiseptisch wirkt. So wurde aus dem blassen Trinkbier (Pale Ale) das India Pale Ale. Auch hier sind es neue Zutaten in Form US-amerikanischer Aromahopfen, die dank zitral-tropenfruchtiger Wucht und harziger Bitterkeit weltweit für erstaunte Blicke und noch erstauntere Gaumen sorgen.

Kein anderer Bierstil zeigt so direkt, so eindrucksvoll und dennoch trinkbar den aromatischen Unterschied zwischen dem, was Hopfen kann, und seinem Dasein als Bittersklave in der Massenproduktion.

Hopfenblütengin

Für ein Biermagazin gehört es sich natürlich, einen bierrelevanten Gin für unser Herrengedeck zu wählen. Ein gelungenes Beispiel ist The Duke – Munich Dry Gin (45% Vol.), welcher neben üblichen Botanicals wie Wacholderbeere, Angelikawurzel, Zitronenschale und Lavendel auch Hopfen und Malz enthält. Dennoch bleibt der Herzog im Kern ein klassischer London Dry Gin, in dem die ungewöhnlicheren Noten schlicht Akzente sind, nicht so überbordend wie bei typischen New Western Gins. Nach guten Erfahrung mit der Mixability des Gins in einem IPA Martini (ja, das geht!) scheint er der ideale Partner für das Herrengedeck.

Viermal hoch die Gläser

Um die Vielfalt innerhalb des Bierstils auch nur annähernd abbilden zu können, wurde das übliche Feld der Teilnehmer von drei auf vier erweitert:

Kandidat Nummer 1 ist das Braufactum Progusta. Im Jahre 2015 Sieger im Mixology Taste Forum, war das Progusta ein vorsichtiger, erster Schritt von Radeberger auf den noch hopfenarmen, deutschen Markt. Entsprechend zeichnet es sich vor allem durch gute Balance aus, zeigt deutliche Hommage an die englischen Klassiker, ohne auf die neuen Aromahopfen zu verzichten.

Der Nächste im Bunde ist das Lucky Lup der Gebrüder Wiestner. Momentan noch als Wanderbrauer unterwegs, haben die beiden Berliner ein IPA entwickelt, das sich ganz bewusst an Einsteiger richtet, also mit weichen Fruchtnoten und milder Bitterkeit aufwartet. Hopfennarren auf der Suche nach dem nächsten Kick mag es nicht mitreißen können, dafür aber jene, denen die Bitterknaller tatsächlich zu intensiv sind.

Ein solcher gesellt sich mit dem Crew In Your Face dazu. Als typisches West Coast IPA ist es schlank, zitral-fruchtig und betont bitter im Abgang. Gewissermaßen ist es der Gegenentwurf zum normalen IPA der Münchener, welches ebenfalls für Einsteiger in den Stil gedacht war. Dennoch hat es natürlich die Crew-typische Zugänglichkeit.

Zu guter Letzt stellt sich der Übersee-Hopfen von der Insel-Brauerei aus Rügen. Dieses Bier tanzt deutlich aus der Reihe, als eher alkoholschwaches IPA mit Flaschengärung und der distinktiv kräuterhaften Note des japanischen Sorachi Ace-Hopfens. Zur Verkostung wird der Gin zimmerwarm serviert, um allen Aromen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Die Biere hingegen sind natürlich gekühlt, wenn auch nicht ganz kühlschrankkalt.

Herzog und Revolverheld

Als mildestes Bier, was die Bittereinheiten angeht, macht das Lucky Lup (6,5% Vol.) den Anfang. Wer den Namen nicht so ganz versteht: Lupulin ist der aromatische Hauptwirkstoff im Hopfen, der einem hier offenbar schneller hinter die Binde geballert wird, als der Schatten der Bierflasche den Füllstand anzeigen kann. Oder so.

Im Geruch zeigt sich eine Kräuternote neben den sanften Fruchtnoten. Beides wird auch beim Trinken vom Gin aufgegriffen und gesteigert. Im Abgang klingen Wacholder und Hopfen pfeffrig nach, es ergibt sich eine natürliche Abfolge. Diese zu brechen ist dann auch wenig ratsam, denn umgekehrt hält das Bier der Aromenwucht des Gins nicht stand und geht unter. Es empfiehlt sich bei dieser reizvollen Kombination also, zwischen den Schlucken nachzuspülen.

Aprikose küsst Orange

Da hat der Kollege Thömmes soeben diese Art der “Aromenanthromorphisierung” untersagt, und schon verwende ich sie in einer Überschrift, nur um ihn zu necken. Vielleicht muss ich zum Psychologen, das ist zwanghaft!

Überhaupt nicht gezwungen ist hingegen diese gelungene Paarung mit dem Braufactum Progusta (6,8% Vol.): Die Aromen von Stein- und Zitrusfrüchten fließen wunderbar ineinander, auch die blumigen Noten von Holunder und Lavendel ergänzen sich hervorragend. Die im Vergleich zum Lucky Lup schon deutlich gesteigerte Bitterkeit sorgt im Abgang für eine holzige Trockenheit, welche der Gin grandios auffängt. Auch umgekehrt klappt es diesmal: Das kräftigere, intensivere Bier bietet dem Gin Paroli, verleiht ihm sogar einen fassgereiften Charakter.

Münchener Westküste

Nun also zum Duett der Münchener Brenner und Brauer. Das In Your Face (6,8% Vol.) wird in der Paarung plötzlich zum Out Of Your Way, denn sein typisch schlanker Charakter lässt dem Gin allen Spielraum. Dieser wirkt plötzlich honigartig schwer und blumig, fast wie ein anderes Getränk. Nippt man zuerst am Gin, nimmt das Bier eine starke Grünstichigkeit an, als würde man Rinde von jungen Zweigen schälen.
Insgesamt leidet das In Your Face aromatisch etwas, die spannende Kombination ist dies aber wert.

Viele Inseln verderben den Brei

Wir machen es kurz: Nein! Die intensiven Sorachi Ace-Aromen des Übersee-Hopfens (5,6% Vol.), die weißweinartigen Noten von der Hefe, die kribbelnde Perlage durch Flaschengärung – all das ist ungemein reizvoll … bis der Gin dazu kommt. Dann beißen sich beide einfach nur, der Gin wirkt spritig und brennend, im Abgang sind beide penetrant bitter. Hier muss man einfach jedes Getränk für sich stehen lassen, und alles ist gut.

Abgang

Bis auf die letzte Paarung haben sich die schlanken Aromabomben Gin und India Pale Ale erstaunlich gut vertragen. Schon geringe Unterschiede in der Aromatik der IPAs wirkten sich sofort radikal auf die Paarungen aus, ohne dass diese deshalb an Reiz verlören.

Freunden intensiver, aber sommerlich-schlanker Boilermaker kann man also nur ans Herz legen, hier wild drauflos zu probieren. Die Welt des India Pale Ale reicht von Karamellbonbon bis Fruchtsmoothie, von mild bis medizinisch bitter, von leichtalkoholischen Session IPAs bis zu wuchtigen Double IPAs. Die Ginsortimente sind ähnlich überladen und warten nur darauf, entdeckt zu werden. Einen klaren Gewinner gibt es nicht, auch wenn die Kombination mit dem Progusta unterm Strich jene ist, in der sich Gin und Bier gegenseitig auf Augenhöhe bereichern.

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Photo Credit: Tim Klöcker

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