Great Herrengedeck: Mezcal & Gose

Great Herrengedeck: Mezcal & Gose

Weitab jeglicher Trinkgewohnheiten der beschwipsten Massen finden sich nerdige Nischen, in die nur außergewöhnlich Verzweifelte und verzweifelt Außergewöhnliche hinabzusteigen bereit sind. Per Definition, ja, per Gesetz lokal beschränkt und auch im Geschmack weit ab vom Schuss, finden hier zwei Getränke zum Herrengedeck zusammen, die mancher überhaupt erst einmal entdecken muss: saures Gewürzbier und rauchiger Schnaps. Vorhang auf für die Paarung Gose und Mezcal.

Wer kann erraten, welches Getränk für dieses Herrengedeck Pate stand? Dafür müssen wir selbst die Gose erstmal aus der Nische schlürfen und schauen, was sich darunter verbirgt: das Lichtenhainer. Aus der Gegend um Jena stammend, ist dieser Bierstil die seltene Verbindung der verstörendsten Geschmacksnoten für ans Pilsner gewöhnte Biertrinker: sauer und rauchig. Ein Schankbier wie die Berliner Weiße (von der es auch rauchige Vertreter gab), allerdings meist ohne Weizenmalz gebraut. Man nehme dazu die natürliche Tendenz von Agavendestillaten, mit Säure und Salz zu harmonieren (Margarita), und schon wird klar, warum dieses Herrengedeck ein Muss ist!

Nicht aus Leipzig

Dazu muss man wissen, dass der Bierstil Gose mit Salz gebraut wird, meist auch mit Koriander, und durch Gärung mit einem Milchsäurebakterium eine milde Säure erhält. Die Leipziger Variante ist eine regional geschützte Bezeichnung.

Heutzutage kennt man vor allem diese, durch den Großstadtbonus, doch ursprünglich ist der Stil wohl nach dem Harzer Flüsschen Gose benannt. Diese gab der Stadt Goslar ihren Namen. Doch um die Verwirrung komplett zu machen, mündet die Gose in die Abzucht, bevor sie durch die Stadt fließt. In Goslar muss man also nicht nach der Gose suchen. Also dem Fluss, nicht nach dem Bier. Das Bier kann man schon finden, unter dem Namen “Original Ritterguts Gose”. Sie hält die Stellung gegen die Leipziger Übermacht in Form der Leipziger Gose vom Bayerischen Bahnhof und die Edelgose Ohne Bedenken, ebenfalls aus Leipzig.

Doch damit sich nicht nur Traditionalisten tummeln, gesellen sich zwei moderne Vertreter hinzu: AleMania Gose Mania aus Bonn und die Kollaboration Köln-Rotterdam von Freigeist Bierkultur und 4 Islands Brewing: Road Trippin‘, eine Gose mit der hierzulande wenig bekannten Cashewfrucht. Nein, nicht das nussartige Ding. Die Frucht, an der es wächst.

NOT Smoky Tequila

Tequila eroberte zuerst die Herzen der US-Amerikaner und Europäer. Dabei zäumt man einmal mehr das Pferd vom Schwanz auf, denn eigentlich ist nicht Mezcal eine Form von Tequila, sondern umgekehrt. Beide werden aus Agaven hergestellt, doch für Tequila braucht es die blaue Agave, welche besonders in den Hochebenen von Los Altos wächst.

Die Agaven aus den tieferen Lagen sind kräuterhafter, intensiver, weniger süß. Dreißig Varianten sind bekannt, und jede beeinflusst das Destillat auf andere Weise. Zudem werden die piñas, die Herzen der Pflanzen, drei Tage in irdenen Öfen über heißen Steinen gegart, bevor sie zu Maische verarbeitet werden. Daher erhält Mezcal eine spürbare Rauchnote. Wie auch Tequila ist Mezcal ein Zweifachdestillat, und es gibt sie in jungen (joven) oder gereiften (reposado, añejo) Varianten.

Unser Vertreter hört auf den Namen Bozal Ensamble und wird aus der Kulturagave Espadín sowie den wildwachsenden Sorten Barril und Mexicano hergestellt. Dies verleiht dem Mezcal eine betont erdige, kräuterhafte und eben wilde Note, die ihn klar abhebt. Dazu ist er blumig, zitral und herzhaft rauchig im Abgang.

Alter Mann ist kein D-Zug: Bayerischer Bahnhof (4,5% Vol.) und Mezcal

Die Original Leipziger Gose der Brauerei am Bayerischen Bahnhof hat eine leichte Kümmelnote, riecht unvergoren-fruchtig nach Aprikose und Steinfrucht. Im Geschmack tritt das Salz spürbar hervor, das Mundgefühl ist träge und malzsüß, es verbleibt eine gewisse Würze.

Der Mezcal nimmt die Süße der Gose sehr gut auf und steigert sie noch. Rauch und die grüne Kräuternote treffen auf die Würzigkeit im Bier, steigern sich jedoch nicht, sondern gleichen sich aus. Trinkt man das Bier nach dem Mezcal, wirkt dieses deutlich trockener und recht adstringent, doch es geht gerade noch.

Der Ritter wird sauer: Ritterguts Gose (4,7% Vol.) und Mezcal

Die Harzer Variante hat deutlich mehr Milchsäurearoma, erinnert an Sauerkraut. Dabei wirkt sie blank und frisch. Der Geschmack von Zitronensaft und Weinsauerkraut macht die sauerste Gose im Feld aus.

Der schlanke Körper lässt dem Mezcal viel Raum zur Entfaltung. Dadurch wirkt dieser wärmend und füllig, übernimmt klar die Zügel in dieser Paarung. Lässt man Bier auf Spirituose folgen, wirkt dieses säubernd, aber arg sauer.

Weißbier Boilermaker: Edelgose Ohne Bedenken (4,9% Vol.) und Mezcal

Die Edelgose Ohne Bedenken weist nur eine sehr geringe Säure auf, auch die Gewürznoten sind sehr mild. Der unbedarfte Trinker hätte vermutlich Probleme, das Bier von einem Hefeweizen zu unterscheiden.

Dies erweist sich in der Paarung als Stärke. Die blumige und orangen-bananenhafte Fruchtigkeit ergänzt sich wunderbar mit den zitral-blumigen Noten des Mezcals zu einem filigranen Spiel, während der weiche, füllige Körper des Biers die kräuterhafte Intensität auffängt. Die Nuancen von Säure und Salzigkeit schwingen als spannende Beinoten mit. Sehr ausgewogene Paarung.

Lichtenhainer Manie – AleMania Gose Mania (5,0% Vol.) und Mezcal

Die erste moderne Gose von Fritz Wülfing aus Bonn ist noch deutlicher auf schlanke Frische ausgelegt als die Ritterguts Gose. Die Säure ist vergleichbar, aber zitronenartiger, weniger milchsäurelastig. Die Fruchtnoten gehen in Richtung Litschi, begleitet von der sanften Getreidesüße eines frisch gebackenen Baguettes.

Gemeinsam mit dem Mezcal wird schnell klar, dass dies im Gegensatz zur Edelgose Ohne Bedenken eine Kontrastpaarung wird. Die salzigen Noten steigern sich und machen richtig Durst, während die Zitronenfrische mit der Spirituose weniger kantig wirkt als bei der Ritterguts Gose. Die Verbindung erfüllt die ursprüngliche Idee von Lichtenhainer und Margarita am besten, auch wenn sie nicht die harmonischste Variante ist.

Cashew Trip: Freigeist / 4 Islands Road Trippin‘ (5,0% Vol.) und Mezcal

Die einzige Frucht-Gose im Feld sticht natürlich heraus, allerdings gar nicht so sehr durch die Fruchtigkeit. Es sind die wilden Hefenoten, ein wenig dumpf, ein wenig kellerhaft, und vielleicht auch etwas verstörend, die hier dominieren. Sind diese abgeklungen, wirkt diese Gose plötzlich mild und lieblich, erinnert an Fruchtwein und hat eine eigenwillige Trockenheit.

Was an der Hefenote verstört, ist mit dem Auftritt des Mezcal verschwunden. Zusammen mit den klaren Fruchtnoten gibt es einen Rauch-Margarita. Es sind besonders Hefenote und Frucht, die dem Mezcal auf Augenhöhe begegnen. Zusammenfinden können sie allerdings nicht ganz.

Fazit: Einfach machen!

Die Kombination aus Gose und Mezcal erweist sich als ein Füllhorn spannender Aromenspiele. Jede Paarung hat ihre Reize, keine fällt völlig ab. Unterm Strich geht die Krone an die Edelgose Ohne Bedenken für die beste Balance, und an die AleMania Gose Mania für den schönsten Kontrast und die beste Erfüllung der gestellten Aufgabe. Doch davon sollte man sich keinesfalls abhalten lassen, mit weniger polarisierenden Mezcals und anderen Gosen, Lambics oder Lichtenhainern (wenn man sie bekommt) zu experimentieren.

So präsentierten wir auf dem Bar Convent Berlin 2018 fünf verschiedene Herrengedecke von Bourbon bis Apfelbrand, von Flämisch Braun bis New England IPA. Der Publikumssieger war die Insel-Brauerei Rügen mit ihrer ungewöhnlich starken Baltic Gose (6,5% Vol.), gepaart mit Mezcal Atenco (Espadín). Es muss also nicht immer die Nische der Nische sein.

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