Rauch Rauch Baby: Rauchbier versus Islay Whisky

Rauch Rauch Baby: Rauchbier versus Islay Whisky

Es ist kalt, wir haben Durst und deshalb wärmen wir uns mit Rauch. Flüssigem Rauch. Auf einen weitere Herrengedeck-Verkostung in der 3B-Redaktion. Hier lässt es sich überwintern.

Es gibt wenig bessere Gelegenheiten für ein stattliches Herrengedeck als die Tage vor Weihnachen. Gut, oder Ostern. Im Sommer passt es eigentlich auch meistens. Kurzum, das Herrengedeck hat alljährlich Hochsaison.

Eine Kombination, die allerdings tatsächlich eher in die kältere Jahreszeit passt, das sind Rauchbiere und Whiskys aus Islay, der inneren westlichen Hebrideninsel, Schottlands Whisky-Mekka. „Bist du völlig verrückt“, fragt ein Redaktionsmitglied, dem die Kombination aus Rauch und Rauch eher fragwürdig scheint, gelinde gesagt. Nun, wir werden sehen.

Prinzipiell gegen das Prinzip

Nun ist das Prinzip unserer regelmäßigen Herrengedeck-Serie, die Verkostung dreier, hier mehr, dort weniger für ihren Stil typischen Biere sowie ein Destillat, ebenso repräsentativ für seine Kategorie. Nun ist das bei Islay-Whiskys nicht ganz so einfach.

Für gewöhnlich wird die gemälzte Gerste auf Islay über Torffeuer getrocknet, was den Whisky phenolisch oder rauchig schmecken lässt. Das passiert außerhalb der Insel eher selten, weshalb torfige Aromen vor allem mit Islay-Whisky verbunden werden. Jede Regel wäre jedoch eine schlechte, würde sie nicht hie und da gebrochen. Das dachte sich auch die Bruichladdich Destillerie, weshalb die Standard-Whiskys nicht getorft sind und einen sehr milden, fruchtigen und mineralischen Geschmack haben. Weil Bruichladdich daher nicht gerade der typischste seiner Kategorie ist, wird im Folgenden noch einmal mit Lagavulin 16y verkostet – einem absoluten Klassiker unter den Islay Malts. Wir genehmigen uns in dieser Ausgabe des Great Herrengedecks also, wie Bruichladdich auch, eine Extrawurst und verkosten doppelt. Gestartet wird mit dem fünfzig prozentigen Single Barrel Islay Barley 2009, der von schlanker und tonischer Natur mit leichter Fruchtsüße geprägt ist..

Mit Rauch gegen die Kälte

Die zu verkostenden Biere sind ein Hamburger Wildwuchs mit 5,1 Volumenprozenten, das Bravoure der Brauerei Dochter van de Korenaar mit 6,5 Volumenprozenten und einem Schlenkerla Doppelbock aus dem Eichenfass mit acht Volumenprozenten. Rauchbier, das ist exakt, wonach eine Redaktion im Umzugschaos inmitten von Minusgraden an Berliner Luft schreit. Laut schreit.

Für sich genommen, weist das Wildwuchs einen recht rohfleischigen Geschmack auf, die Rauchnoten halten sich im Hintergrund und weichen einer süß-säuerlichen Umami-Note, die an eine Kreuzung aus Mostkeller und China-Restaurant erinnert. Mit dem Bruichladdich verschwindet die Fleischigkeit völlig und weicht mineralischen Noten, die sich denen des Whiskys gut fügen, dazu kommen harmonische Noten von heller Frucht und sanfter Süße. Der Whisky hilft dem Bier zweifelsohne und das Bier tut dem Whisky nicht weh. Well done, Bruichladdich.

Ein Bier wie ein Bohneneintopf

Bei Bravoure geht es angenehm deutlicher in Richtung Rauch, angedünstetem Fleisch und getorfter Gerste. Dabei sind auch leichte Jod-Aromen, es erinnert (auf angenehme Weise) an Pflaster und Tankstelle, und vor dem inneren Auge erscheint eine Brauanlage in der Zahnarztpraxis.

Wer an diesen Aromen hängt, hat Glück, denn dagegen kommt auch kein Bruichladdich an. Hier stört der Whisky das Bier nicht, jenes spielt völlig ungeniert weiter in seiner Hauptrolle und lässt den Whisky links liegen. Da liegt er gut und scheint sich in seiner Statistenrolle ganz wohl zu fühlen.

Am meisten auf dieses Bier gefreut, genießt das Schlenkerla zwar einen Vertrauensvorschuss – bezahlt diesen Vorschuss allerdings mit dem ersten Schluck zurück. Mit richtig hohen Zinsen. Wenn man sich nun vorstellt, mit baumelnden Beinen an den schottischen Klippen vor tosender Gischt zu sitzen, in ein mit saftigem Wacholderschicken belegtes Vitamalzbrot zu beißen und dazu einen heißen Bohneneintopf mit geröstetem Speck einer Menge Lorbeer zu speisen, dann schmeckt das so. Hat eigentlich keinen Whisky mehr nötig, könnte man meinen. Stimmt auch. Die aromatische Annäherung könnte angespannter nicht sein, hier gibt es keinen Austausch und keine Gemeinsamkeiten. Bei einer Single-Vermittlungsshow wäre hier der Moment, in dem einer gehen muss – und nicht einmal Geld dafür bekommen hat.

Steak, Saucen und Salate

Wacker geschlagen, Bruichladdich; gegen so manche Rauchnote allerdings, lohnt es sich, ein wenig früher aufzustehen. Wie beispielsweise ein Lagavulin. Tendenziell wenig Phenole parat, ist Lagavulin ein sehr klassischer Rauchwhisky, der allen schmeckt, deren liebster Ort im Sommer der neben dem Fleischgrill ist. Er hat 43 Volumenprozente, einen wärmenden trockenen Körper und hinterlässt vor allem Rauch. Das Wildwuchs spielt in der Kombination mit diesem Whisky eher eine Nebenrolle; es hält dem Whisky regelrecht die Tür auf, damit der Whisky hindurch gehen und sich noch eine Portion Süße abholen kann. Nett von Wildwuchs, ein wenig unhöflich seitens Lagavulin.

Ein ungleich ebenbürtigerer Gegenüber ist das Bravoure. Die Rauchnoten in Bier und Whisky treffen sich auf ein- und demselben Niveau, sprechen eine gemeinsame Sprache und lassen den übrigen Aromen genügend Raum um ebenfalls mit zu reden. Das Bier löscht gleichsam den Brand des Destillats und man vergisst, weshalb manche Menschen andere Dinge trinken als Bravoure und Lagavulin.

Das holt auch ein Schlenkerla nicht ein. Sich auf andere einzulassen, scheint Schlenkerlas Ding nicht zu sein und so zerfallen auch hier die einzelnen aromatischen Verbindungen in ihre Bestandteile. Natürlich, es gibt ein gewissen Rauchlevel, in dem sich die beiden Elemente ähneln, doch zurück bleibt ein bisschen Fleisch hier, ein wenig malzige Süße dort und alles in allem, als hätte man aus allen Zutaten eines Barbecues einen großen Salat gemacht. Inklusive Steak, Saucen und Salaten.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Weil wir das Schlenkerla allerdings sehr gern haben und überhaupt die ganze Zeit über Fleisch sprechen, erlauben wir uns eine abermalige Extrawurst und setzen im Falle Schlenkerla noch einen drauf: nämlich einen Octomore. Zu Hause in der selben Destillerie wie der Bruichladdich, kann Octomore mit dem Superlativ des rauchigsten Whiskys weltweit prahlen. Und wenn ein Schlenkerla sich schon auf weniger scharfe Geschosse nicht einlassen will, fahren wir eben so auf. Eine Kombination wie diese, ist vermutlich Grund der eingängigen Kollegenfrage ob meines Geisteszustandes. Und siehe da – beide Elemente sind sich sehr ähnlich und stehen einander in ölig fettem Körper und der fleischigen Schwere in nichts nach. Gegen jeden anderen Whisky würde sich ein Schlenkerla wehren, und nur wenig andere Biere könnten es mit einem Octomore aufnehmen.

Dabei ist das mit den Dogmen so eine Sache. Beim Kombinieren von Zigarre und Whisky sollte man sich fragen, welches Element im Zentrum stehen soll. Zu einer kräftigen kubanischen Zigarre wird ein rauchiger Whisky selten empfohlen. Zu einer milden Zigarre aus etwa der Dominikanischen Republik kann es hingegen schon einmal kräftiger sein. So geht man vor um zu vermeiden, dass die Gegenüber sich nicht kaputt machen, dass ein Element das andere stützt, nicht auslöscht. Klingt vernünftig, ergibt Sinn – und doch gewinnt die Kombination aus Schlenkerla und Octomore. Unter ungerechten Wettbewerbsbedingungen, wohlgemerkt.

Das passiert also, wenn man zwei kochkarätige Einzelkämpfer in einen Raum sperrt und sie zwingt, miteinander zu sprechen: ein hervorragendes Herrengedeck.

Herrengedeck Rauch Islay

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Photo Credit: Tim Klöcker und Shutterstock

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