„Als ich mein erstes Bier-Erlebnis hatte, war ich richtig sauer.“

„Als ich mein erstes Bier-Erlebnis hatte, war ich richtig sauer.“

Stone Brewing-Gründer Greg Koch spricht im Interview über Biere wie Fahrstuhlmusik, die Persönlichkeit von Dosen und ein verpflichtendes Bier-Quiz für Konsumenten.

Ein Brauer, den man tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt im Gastgarten erkennt? Was wie eine Kreuzworträtsel-Frage klingt, können wir uns nun auch selbst beantworten: Ja, es ist Greg Koch, der hier in Wiens Craft-Lokal „Mel’s“ von seinen italienischen (!) Fans um ein Shakehands gebeten wird. Das japanische Stone Brewing-Shirt des hageren Prophetenbart-Trägers mag bei der Identifikation geholfen haben. Im Interview selbst schlägt Koch diesmal leisere Töne an – der missionarische Eifer, den er auch optisch verkörpert, kommt aber auch so klar durch. Alttestamentarischer Zorn trifft Industriebiere und die Kollegen von MillerCoors.

3B: Wo steht Stone als Brauerei 2018, vor allem hinsichtlich des massiven Investments in Berlin?

Greg Koch: Was wir gelernt haben, als wir das erste Mal nach Berlin kamen, ist, dass sich der normale Bürger kaum für Bier interessierte. Der Aufstieg der Craft-Szene in Berlin, mit all den Brauereien und Brew-Pubs der letzten Jahre, hat mit dem Wachstum auch das Interesse mitgezogen. Ich würde sagen, dass die Achsen „Verfügbarkeit“ und „Interesse“ beim Bier mittlerweile ziemlich kongruent sind. Vor allem die Neugierde auf Bier steigt immer noch. Und so lange die Leute interessiert an Bier sind, ist es auch gut für uns.

3B: Es gibt aber wohl einfachere Märkte als Deutschland – bereust du den Gang nach Berlin schon?

Greg Koch: Lass es mich mit einem Vergleich sagen: Stone Brewing war für mich immer mehr Rock’n’Roll. Die deutschen oder österreichischen Bierstile sind da mehr wie Klassische Musik. Das wird seit Jahrhunderten gespielt, ist sophisticated und kann super sein. Was aber die meisten Leute tatsächlich hören, ist Fahrstuhlmusik! Die Deutschen sind da aber wie die meisten Menschen weltweit: Sie trinken industrielles Bier. Das soll jetzt keine Verurteilung sein, es gibt auch Leute, die Fahrstuhlmusik richtig mögen. Ich werde auch niemand hindern, Barry Manilow zu hören, wenn er das gerne möchte. Unsere Berliner Weiße „White Ghost“ ist bei allem Rock’n’Roll eher Jazz. Wir wollen aber immer vor der Nachfrage sein. Niemand hätte nach einem Bier wie dem Arrogant Bastard gefragt, nun kennt man es weltweit. Ich möchte aber Dinge machen, die über die Zeit Bestand haben. Das ist unser Anspruch.

3B: Da wäre doch ein Lager naheliegend. Außer der kleinen Auflage in der „Experimental“-Reihe gab es da aber nichts von euch. Warum?

Greg Koch: Da gibt es natürlich Potential. Aber ich will auch nichts kopieren, wir haben da immer gern unsere eigene Tonart. Etwa bei unserem Northern Style-Pils, das deutlich bitterer angelegt war. Auch die Berliner Weiße ist eine Verbeugung vor der fast vergessenen alten Bier-Tradition. Ich habe auch großen Respekt vor allen Sauerbier-Brauern. Um bei der Musik zu bleiben, das geht dann schon in eine jazzige Richtung. Die spielen auch nicht jeden Abend die gleichen Noten, aber sie sorgen dafür, dass jeder Abend großartig wird.

3B: Das klingt nicht mehr nach dem Austeilen gegen die europäischen Bierstile wie früher einmal?

Greg Koch: Das habe ich auch nie gemacht. Und ganz ehrlich, man kann mich nur für das verantwortlich machen, was ich tue. Das ist schon heftig, wenn sie mich im Betrieb wieder fragen: ‚Greg, was hast Du getan?‘ Dann kommt raus, dass ich etwas gar nicht so gesagt habe. Was ich aber in Wahrheit getan habe, ist Industriebier den Kampf anzusagen. Denn als ich mein erstes Bier-Erlebnis hatte, war ich richtig sauer. Es fühlte sich an, als hätte man jahrelang die Wahrheit vor mir versteckt.

3B: Welche Märkte sind aktuell die wesentlichen für Stone BREWING?

Greg Koch: Die wichtigsten Märkte sind die USA, Skandinavien und Großbritannien. In Skandinavien haben sie eine ausgeprägte Starkbier-Kultur. Letztens erzählte ein Finne am Nebentisch, der mich nicht kannte, dass er täglich zwei Arrogant Bastard genießt. Da musste ich ihm dann schon gratulieren.

3B: Und Deutschland?

Greg Koch: Was Deutschland betrifft, ist es ein sehr interessantes Land, da es hier so aufregend ist, die Leute an die Schönheit und das Erbe ihrer Bierkultur zu erinnern. Frag doch mal einen durchschnittlichen Biertrinker, wo die Gose herkommt? Es gibt so viele wundervolle Bierstile, doch das Reinheitsgebot stellt dafür eine Art Zensur dar. Eigentlich sollte es auch einen Bier-Wissenstest für den durchschnittlichen Konsumenten geben. Bier-Trivia, das wär’s!

3B: Wie sieht es aktuell denn beim Rechtsstreit mit MillerCoors aus (Stone Brewing klagte gegen die Hervorhebung von „Stone“ in der Verpackung von „Keystone“, einer MillerMarke, Anm. d. Red.)?

Greg Koch: Wir haben da momentan die Oberhand. Sie lassen zwar die Muskeln spielen und haben das Geld, aber wir waren gezwungen, zu reagieren. Niemand geht ins Craft Beer-Business, um Geld zu verlieren. Wir müssen daher schauen, dass sie das jetzt beenden, nicht erst irgendwann. Einige Restaurants haben die Biere auch schon ausgelistet. Aber es ist eigentlich ganz einfach: Bringt einfach das „Key“ wieder zurück ins „Keystone“!

3B: Soll der neue Tap-Room am Prenzlauer Berg, der ja auch stark auf Essen setzt, ein neues Geschäftsfeld von euch werden?

Greg Koch: Das war die erste europäische Eröffnung, es folgt kommenden Monat auch ein Standort in Shanghai und es gibt auch Erfahrungen mit einem Standort in Napa. Es ist also noch Platz, das auszubauen. Ich würde es auch sagen, wenn wir da was planen, aber im Moment sind wir sehr beschäftigt zu schauen, dass die drei Standorte alle funktionieren.

3B: Mit der Entscheidung für die Abfüllung von Dosen wurdet ihr neben den billigsten Supermarkt-Plörren gelistet. War diese Entscheidung zu früh für Deutschland, oder gar falsch?

Greg Koch: Da reden wir von einer Entscheidung zwischen Image und Realität. Die Realität ist, dass die Dose die beste Verpackung ist und auch umweltfreundlich durch den hohen Recycling-Grad von Aluminium. Aber es war auch eine Qualitätsentscheidung und keine geschäftliche. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Leuten, ihnen die beste Qualität anzubieten. Wenn sie jetzt sagen, ‚Dosen sind für billiges Bier‘, dann sage ich: Eine Dose kann eine Menge Persönlichkeit haben. Ich bin nicht hier, um den Deutschen zu zeigen, wie man Bier braut. Aber wird das abgelehnt, dann lehnt man eine Persönlichkeit ab, die abseits des Typischen agiert. Wenn man was Typisches will – bitte, der Markt ist voll davon! Aber ich persönlich tendiere eher nicht zum Typischen. Ich höre privat auch keinen Fahrstuhl-Pop. Wenn du aber Entdeckungen magst, dann sind wir perfekt für deine Sehnsucht nach Neuem.

3B: In einem Punkt scheint ihr eurer Motto „You’re not worthy“ auch auszuleben: Wenn es um Collaboration Brews, also gemeinsame Sude, mit deutschen Brauern geht?

Greg Koch: Als wir angekündigt hatten, nach Berlin zu gehen, brauten wir 14 Collaborations ein. Danach hatten wir aber auch zwei Jahre, um die zu verkaufen. Aber diesen Sommer kommt mit der Special Release-Serie namens „Uniqcan“ eine neue Serie von 500 Milliliter-Dosen. Gestartet wird mit dem Tangerine Express IPA. Schon im August kommt dann unsere erste Collaboration mit einer fränkischen Brauerei – lasst euch überraschen!“

3B: Lieber Greg, danke für das Interview!

 

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