So war es auf der Internorga und Craft Beer Arena 2018 in Hamburg

So war es auf der Internorga und Craft Beer Arena 2018 in Hamburg

Eine gute Stimmung, vergessene Zwists und viel gegenseitiger Support und Wohlwollen. Aber auch ein gewisser fehlender Mut zu andersartigen, aber dennoch trinkbaren Bieren – so könnte man die Internorga und Craft Beer Arena 2018 in Hamburg zusammenfassen.

Die Internorga in Hamburg ist die größte Leitmesse für den Außer-Haus-Markt. Alljährlich treffen hier knapp 30.000 Gastronomen auf 15.000 Großverbraucher und Einkäufer aus LEH/GFGH.

Seit 2015 ist die Craft Beer Arena eine der Highlights der Internorga. Brauereien aus Deutschland, Europa und Amerika stellen dem Fachpublikum ihre handwerklich gebrauten Biere frisch am Zapfhahn vor. Vom 9. bis 13. März war es wieder soweit: Die Internorga 2018 öffnete ihre Tore zu den zukunftweisenden Trends der Branche.

Wir haben für euch die Craft Beer Arena besucht und die wichtigsten Highlights, Gerüchte und Stimmungen der Bierszene eingefangen.

Bewegung am deutschen Kreativbier-Markt

Bereits am Messestand der Hamburg Beer Company – noch vor dem Eingang zur separat abgesperrten Craft Beer Arena 2018 – schart sich ein gut gelauntes, bunt gemischtes und multilinguales Biervolk um die begehrten Tropfen von belgisch bis skandinavisch: La Trappe, Duvel, Brewdog und – wir sind überrascht – auch Mikkeller. Seit dem 1. März verantworten die Hamburger Bier Profis der HBC den Import und Vertrieb für die dänischen Kreativbier-Pioniere. Philip von der Mikkeller Bar Berlin und Jonathan aus Kopenhagen, Market Manager für Europa und Asien, freuen sich auf ihre Deutschland-Mission (O-Ton): “We are looking to push the boundary of craft beer in Germany and offer something exciting and different with Mikkeller. We have beers that suit the hardened beer geek or people who are just getting into craft beer.“

Via Messefunk hörten wir zudem munkeln, dass die Hamburg Beer Company und Omnipollo aus Schweden intensive Gespräche über ein Zusammengehen auf dem deutschen Biermarkt führen.

Hamburg – das B(r)auhaus der Hanse

Schon früher war Hamburg berüchtigt als das Brauhaus der Hanse. Ganz an dieser Tatsache orientiert, scheinen die lokalen Entwicklungen: denn drei bekannte Kreativbier-Brauereien ließen unabhängig voneinander durchblicken, dass ihre Kapazitäten dermaßen auf Engpass zulaufen, dass sie über den Anbau bzw. Neubau einer Brauerei nachdenken. Und das recht zeitnah, nämlich mit einer Realisierung in den kommenden ein bis zwei Jahren. Genau das verrieten uns Oliver von der Kehrwieder Kreativbrauerei, Rajas von Hopfenliebe sowie auch Stefan über die derzeit noch gypsybrauenden Superfreunde.

In allen Fällen befinden sich die Art der Erweiterung und die genauen Örtlichkeiten noch in der Recherche- bzw. Abwägungsphase zwischen 1A-Innenstadtlage bei Quadratmeterpreisen von mehreren hundert Euro versus optimale Speckgürtellage bei vertretbarem Preis/Leistungsverhältnis. Das wird nun jede Brauerei für sich selbst erörtern. So oder so, eines können wir mit 100% Sicherheit erwarten: mehr gutes Bier für alle.

Coole Bierfrauen und Kreativbier – in Deutschland immer noch kein Selbstläufer

Versucht man die Besucher der Craft Beer Arena in ein Verhältnis von männlich zu weiblich zu setzen, gelangt man zu einem über den Daumen gepeilten Ergebnis von 70:30. Vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Fakt ist, der Arena-Mikrokosmos scheint den deutschen Bier-Makrokosmos widerzuspiegeln. Wo sind die coolen Frauen im Bier?

Doch wir werden auch überrascht. Sara und Annie sind zwei richtig hübsch anzusehende, junge Frauen mit einer bestechend natürlichen Ausstrahlung – und einer dicken Portion Begeisterung für das Thema Bier. Seit Januar 2018 sind sie die verantwortlichen Regional Sales Manager für Brewdog in Berlin und Hamburg. Sie sind es, die die ambitionierten Marktziele des schottischen Brauerei-Imperiums charmant auf die deutschen Straßen drücken.

Mit einem sympathischen Lächeln auf den roten Lippen zieht Sara eine erste Bilanz: „Es ist interessant, der Begriff ‚Craft Beer‘ schreckt in Deutschland eher ab. Hier gibt es kein Craft Beer-Grundrauschen wie in UK oder Schottland, es muss viel Aufklärung geleistet werden. Über Geschmack und Qualität lässt sich jedoch gut argumentieren.“ Dennoch sei die Marktsituation nicht undankbar. „Der deutsche Markt macht Spaß, weil er mit Craft Beer noch nicht überladen ist. Und die Menschen sind neugierig. Das ist eine gute Basis.“

Drinkable Biervielfalt – eher zielgruppengerecht und zumutbar

Wer in der Craft Beer Arena 2018 nach den neusten Bierstil-Trends und kreativer Inspiration suchte, wurde eher nicht fündig. Die dargebotene Biervielfalt bewegte sich zwischen Kenn-ich-schon und dankbar drinkable, was keineswegs negativ klingen soll. Denn genau das sind die Biere aus den Stammsortimenten der kleinen und mittelgroßen Kreativbier-Brauereien, die sie Großkunden in gewünschter Menge anbieten können. Und weiter gedacht sind eben dies auch genau die Biere, die Handel und Gastronomie ihren Zielgruppen als Einstieger-Kreativbiere zumuten bzw. anbieten können.

Selbstverständlich gab es in diesem Rahmen auch ein paar schmackhafte Highlights, die wir an dieser Stelle erwähnen möchten.

Lager: Vorzeige-Exemplare ihrer Art sind das Rick Astley Lager von Mikkeller und das Ratsherrn Lager. Beide bestechen mit einem schlanken Körper, sind leicht malzig und anbetungswürdig crisp.

Pils: Das neue Pils der Superfreude ist eine reine Gaumenfreude! Schlank, wie ein Pils sein sollte, plus richtig schön gehopft und mit einer gedrillten Rezenz – was aus der Flasche dazu führt, dass der fiese Blubberbaucheffekt ausbleibt. Kein Wunder, dass die komplette Charge innerhalb einer Woche ausverkauft war. Sofort nachbrauen, bitte! Danke.

Helles: Hoppebräu überzeugt mit seinem Hellen, an dem lange getüftelt wurde, und das hat sich definitiv gelohnt. Weniger schwermütig-brotig als seine Münchener Gleichgesinnten, sinnvoll gehopft und einfach extrem gut trinkbar, am liebsten drei bis fünf Stück. Mindestens.

Berliner Weisse: Sehr positiv ist die Brauerei Lemke mit ihrer Weisse aufgefallen. So gut, dass nicht nur ihre direkten Messestandnachbarn – die Superfreunde – hierfür arenaweit geworben haben. Ein Beispiel, wie schlank im Gesamtwerk sich gleichzeitig angenehm sauer und nachhaltig in den Gaumen hineindrücken kann. Einfach wunderbar.

Porter: Kehrwieder hatte sein neues Stammsortenmitglied, das Baltic Porter, am Start – wie Zartbitterschokolade, voller Geschmack bei angenehm wenig Süße.

Leider mussten wir uns an dieser Stelle auf wenige, ausgewählte Biere konzentrieren. Unser großes Lob gilt jedoch allen teilnehmenden Brauereien, die mit einer Mischung aus super Bieren und super Laune abgeliefert haben.

Die Überraschung des Messetages war sicher die Brauerei Hopfmeister. Im Norden eher unbekannt, überzeugten sie die Fachbesucher auf ganzer Linie: unter anderem mit ihrem Franz Joseph, ein unfiltriertes Helles mit Noten von Maracuja und Stachelbeere, einer frischen Gurken Gose sowie einem Imperial Chocolate Stout mit Acai. Spannend, wie der Crew aus München der Spagat zwischen regionalen Ressourcen und Superfoodtrends gelingt und sie dabei geschmacklich ganz klar und gradlinig bleibt. Top!

Arena des Biers und des Business

Obwohl die Internorga eine B2B-Fachmesse ist, war die Stimmung ausgelassen, fröhlich. Herzlich tauschten Braumeister untereinander ihre neuesten Biere aus, empfohlen den Besuchern die besten Biere ihrer „Konkurrenten“ weiter. Markus von Hoppebräu und Sascha von der Landgang Brauerei (vorher Hopper Bräu) schienen dem Markenrechts-Alzheimer verfallen. Keine Spur von Stimmungsnachwehen des Rechtsdilemmas von 2017 um den zu ähnlichen Brauereinamen (3B berichtete). Die Messestandnachbarn feixten sich eins im Dauerzustand und freuten sich spitzbübisch auf den gemeinsamen Brautag bei der Landgang Brauerei in Hamburg-Altona am darauffolgenden Samstag.

Und weil alle guten Dinge bekanntlich drei sind, näherte sich auch „Hoppe“-Macherin Natalie Richter von Leev der Münchener Hoppe-Front an. Ob ihr gleichnamiger Signature Drink – allerdings alkoholfrei und Leev ist eine Saft-Manufaktur – ebenfalls in die Kategorie einer Markenrechtsverletzung fällt? Diese Frage schien über die gegenseitige Sympathie flugs vergessen, stattdessen fachsimpelte die doppelte Hoppe über Möglichkeiten einer Hoppe-Hoppe-Kooperation. Nord trifft Süd. Das hat Potenzial.

Like Father, Like Son

Apropos potenzielles Doppel. Eine weitere Kombo brachte uns zum Schmunzeln: Veto Braumeister Ralph Hertrich und Craftbeerstore Manager, Marketing Allrounder und DJ Daniel Hertrich. Vergnügt checkte das Vater-Sohn-Gespann gemeinsam – und selbstverständlich im Veto Partnerlook – die Bierlandschaft ab und zog dabei die Massen um sich herum an wie ein ein Brewpub seine durstigen Gäste im heißen Sommer. Erst als Danny zum traditionellen Dosenstechen trommelte – dieses Jahr vor dem Steamworks Stand – lichtete sich die Menge. Wer zumindest äußerlich trocken bleiben wollte, ergatterte lieber einen sicheren Platz in zweiter Reihe. Das Tagesziel wurde erreicht: eine große Sauerei… und ein Riesenspaß.

Frei nach dem Motto „nach der Messe ist vor der Messe“ erfuhren wir kurz vor Messeende, dass Kreativbier-Deutschland zum Herbst 2018 um ein neues, sehr spannendes Messekonzept reicher ist. Und zwar eines, das praktische Rundum-Lösungen für kleine Kreativbier-Brauereien und Hobbybrauer bedient, und zwar vom Brauequipment bis zur Etikettiermaschine. Details folgen in Kürze, wir bleiben natürlich für euch dran.

 Internorga 2018: Unser Fazit

Die Internorga 2018 mit der Craft Beer Arena war eine gelungene Darstellung der Kreativbier-Branche. Sie ermöglichte Neueinsteigern einen sehr guten Überblick sowie direkte Kontakte und ermöglichte Bierkennern viele unterschiedliche, gewinnbringende Networkingmöglichkeiten.

Auch wenn wir in diesem Artikel die kleinen, unterhaltsamen Highlights hervorheben, darf man nicht außer Acht lassen, dass das spezialisierte Internorga-Areal der Craft Beer Arena nicht nur Kuschel-, sondern vor allem zielgerichtete Businesszone ist: Relevante Kontakte und die Vorbereitung von Geschäftsabschlüssen stehen im Fokus. Warum sonst sollten sich kleine Kreativbier-Brauereien die vergleichbar hohen Messekosten „ab 1.700 Euro“ beziehungsweise zzgl. 4.000 Euro Beteiligungspreis ab 10.000 hl Jahresausstoß leisten?

Und dennoch, die Anzahl der Brauereianmeldungen zur Internorga Craft Beer Arena wächst stetig. Und diese Entwicklung können wir verstehen. Ein wenig schade fanden wir, dass in diesem Jahr die Klammer um das große Ganze zu fehlen schien: kein Rahmenprogramm, keine Speaker in der Arena, keine Trendschmiede. Der Mut zu kreativen oder andersartigen und dennoch trinkbaren Bieren fehlte. Wo waren die Sauerbiere, Organic und alkoholfreien Varianten dieser Welt? Wo war die Auseinandersetzung mit biologisch-ökologischen Rohstoffen? Und wie begegnen wir neuen Foodtrends und differenzierten Zielgruppen?

Auch der Wunsch nach Convenience und übergreifende Lösungen könnten weiter ausgebaut werden. Von der obligatorischen Bier-Samples-Mitgabe bis Sammellösungen für Bestellungen bei den einzelnen Brauereien und Logistik über die App, wir sind gespannt über die weitere Entwicklungen – bei der Craft Beer Arena 2019.

Photo Credit: Rolf Otzipka und Michael Zapf  und Hopfmeister via Internorga und Hamburg Messe und Congress / TNC

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