Kreativ oder Beknackt: Welche Biere braucht die Welt?

Kreativ oder Beknackt: Welche Biere braucht die Welt?

Schweine sind nicht besonders kreativ, dafür relativ intelligent. Sie animieren sogar zum Nachdenken. Dann nämlich, wenn sie als Bierwürze verwendet  werden. Sauschädel, Tabak und Co. im Bier erweisen der Kreativ-Szene einen Bärendienst. Vielleicht ist es ohnehin zu spät für einen Definitionsversuch, was in den Sudkessel sollte und was nicht. Wir versuchen ihn dennoch.

Mittlerweile sind es einige Jahre, die das Projekt eines mit vaginalem Laktobazillus gebrauten Biers durch die (Online-)Welt geistert. Nach wie vor sind die polnischen „Order of Yoni“-Macher auf der Such nach 150.000 Euro Crowdfunding-Geld, um sexistischen Schwachsinn – Scheidenflora hält man wörtlich für „quintessence of femininity“! – abzufüllen. Dass bereits jetzt eine Fülle an Merchandise, inklusive leerer Bierflaschen (zu 35 Euro samt Poster und Flaschenöffner) auf gehandelt wird, lässt das geplante Sauerbier zur Nebensache werden. Die im wahrsten Sinne des Wortes geschmacklose Aktion braucht keine weitere Publizität – wohl aber die Geisteshaltung dahinter. Zeit für den Spoiler-Alert, denn im Folgenden geht es darum, wie sie die Bier-Szene bedroht.

Braugebot nach Wittgenstein

Dass Brauer Dinge wie das Yoni-Bier verantworten, taugt als Ansatz nicht. Dass Safran-Fälschungen mit Ziegelstein-Mehl gefärbt werden, macht die Paella ja nicht zum Teil einer Achse des Bösen. Doch das vaginale Lambic steht am Ende einer Entwicklung, bei der immer schrägere Zutaten in die Würze oder die Lagertanks kommen: Schweinsköpfe (Mangalitsa Pig Porter der Right Brain Brewery aus Michigan) Tabak (Birra del Borgos „KeTo“) oder Süßwaren-Brösel (Schnittenfahrt vom BrauWerk in Wien). Ein Äpfel und Birnen-Vergleich, erst recht angesichts der Vaginal-Hefe? Mag sein, doch dass es bei der Einteilung der Zutaten nicht präziser als schräg wird, hat seinen Grund: Genau die Differenzierung, was zu viel ist in einem Brauwesen, das sich kreativ zu sein schimpft, erweist sich nämlich als das Problem. Frei nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein: „Um eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können“.

Wohlgemerkt, der Tee-Trinker Wittgenstein liefert damit keine Munition für das „homma fei imma scho gsogt!“ der (süd-)deutschen Reinheitsgebotsfanatiker. Denn die Suche nach kreativeren Möglichkeiten hat den Craft Beer-Boom begründet. Der Übergang von einer dreifachen Hopfenschüttung, einer klaren Grenzverschiebung gegenüber „near beer“-Rezepten der 1980er Jahre, zur Züchtung von Aromahopfen war ganz klar ein weiterer Emanzipationsschritt. Und natürlich gibt es verschiedene Wege, einen rauchigen Geschmack ins Bier zu bringen, auch abseits des auf historischem Malz-Boden stehenden Bamberg.

Darf alles in den Sudkessel?

Mehr noch: In einem gewissen Sinne bedingt die Post-IPA-Phase des Brauwesens, auch hier mangels treffschärferer Nomenklatur so genannt, in wirtschaftlicher Hinsicht den Griff in die Obst- und Gemüseabteilung – und darüber hinaus. Dort bietet zumindest die schwer angesagte Regionalität sichere Anwärter für die „supply chain“ der Brauer: Süßholz darf in Bamberg (bei Weyermann) in den Sud, Chicorée in Flandern (Hof ten Doormal) und die alpine Edelraute alias Genépi im Aosta-Tal (Les Bières du Grand St. Bernard). Klar gehört auch die Kirsche ins Frucht-Lambic, bedeutet das aber einen Freibrief für jegliches Obst? Wie verhält es sich mit Flug-Mango in Thüringens Braukesseln oder Chilischoten im Tiroler Lager? Gehört zu einem „handwerklichen“ Denken auch die freiwillige Beschränkung auf das kleinräumliche Anbaugebiet bzw. ist neben der reinen Gärkohlensäure auch der „carbon footprint“ ein Kriterium im Lande Craft?

Diese Fragen zeigen vor allem eines: Was als „Biergewürz“ abseits des Hopfens zulässig ist, unterliegt sehr persönlichen Antworten. Aus vielerlei Gründen, vor allem aber auch, weil es keine Instanz außer den Gesundheitsbehörden gibt, die hier Markierungen setzen würden. Also doch wieder „anything goes“, nachdem sich ja niemand eine Geschmackspolizei wünscht?

Objektivierbare Ergebnisse liefert allenfalls der gern geschmähte Markt. Biere, die die Welt nicht braucht, sind vor allem solche, von denen sich der Verbraucher abwendet oder denen er sich gar nie zugewandt hat. Dafür gibt es viele Gründe, die vom Preis über die Verpackung bis zu enttäuschten Geschmackserwartungen reichen. Um mit zwei Sätzen das Phrasen-Sparschwein gleich einmal zu Beginn des Jahres aufzufetten (offenbar färben Mangalitsa-Biere auch auf die Schreibe ab): „Lasst tausend Blumen blühen“ gilt ebenso wie „Den Bogen kann man auch überspannen“.

Kreativ-biere als Kiwi-Prosecco?

Die Vielfalt, die uns die heutigen Bier-Landschaftspfleger bescheren, bringt eben auch Unkraut hervor. Das mag ein – in vielerlei Hinsicht problematischer – Vergleich mit der Wein-Szene zeigen: Kein Winzer käme auf die Idee, seinen Shiraz mit Steaks zu aromatisieren, nur weil das gerne zusammen konsumiert wird. Ja, es gibt Kiwi-Prosecco. Der hat allerdings die Attraktivität eines syphilitischen Hooligans auf Tinder. Kann man mögen, es gehört aber zu den pathologischen Verhaltensweisen. Vor allem aber – und hier kehrt Seriosität zurück in die Analogie – die Kiwi-Plörre kostet nicht das Doppelte eines Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG.

Im Falle des Kreativ-Bieres liegt dieser Fall anders, die rare Zutat bedingt in den meisten Fällen den höheren Preis. Allerdings sollte man die Sache einmal mit den Augen des Konsumenten sehen. Bier, das wissen wir, hat für ihn mit Gewohnheiten zu tun. Das bedeutet für die Marktchancen eines, sagen wir: „Currywurst-Stouts“, dass damit Pils-Liebhaber noch mehr in Richtung ihrer Stammmarke getrieben werden. Das Vorurteil, dass Extremwerte der Kreativ-Aromen in einer an sich beliebten Getränkekategorie liefert (mit zu viel Hopfen, mehr Malzsüße, nur Tropenfrucht-Geschmack, etc.), wird mit solchen Kreationen nur mit frischem Zement angerührt. Überzeugungsarbeit für potentielle Neukunden sieht anders aus!

Sei doch mal kreativ: Die Gin-Falle für Brauer

Doch es gibt ja auch die bestehenden Käufer, die man zum Kauf unseres fiktiven „Currywurst-Stouts“ animieren kann, sagen die BWL-Bücher. Allerdings verschärft sich damit die ungesunde Lage, in der sich ohnehin bereits einige Kleinbrauereien befinden: Denn es wird zu wenig verlässlich getrunken. Bei allem gern gepflegtem Abscheu vor Fernsehbieren und den Excel-getriebenen Brau-Controllern dahinter; ohne eine regelmäßig gebraute Standard-Abfüllung wird das Überleben als Kleinbrauer schwierig. Jene Kunden, die sich durch den Konsum der jeweils neuesten „Limited edition“ definieren, sind ein zu schmales wirtschaftliches Fundament.

Zum einen, weil sie ihre soziale Distinktion aus einem in der Regel begrenzten Flaschen-Angebot schöpfen. Selbst wenn meine 1.300 Flaschen aus den zwei Süßwein-Fässern mit Rote Bete-Gose (ebenfalls ein erfundenes Beispiel) restlos ausverkauft sind: Wie viele Angestellten-Stunden kann man damit finanzieren, wenn die 1.000 Euro für die Fässern einmal abgezogen wurden?

Zudem zieht die Karawane der „novelty seekers“, wie wir diese Zielgruppe nennen, beständig weiter. Kommt das „Bloody Mary Wit“ des Mitbewerbers, hat die Rote Bete-Gose ausgedient. Wie das geht und warum á la longue ausgerechnet altbackene Marken mit verlässlichem Produkt-Versprechen davon profitieren, zeigt der Gin-Konsum. Der „neue, heiße Scheiß“ hat eben den Nachteil, dass er schnell ausdampft. Oder ausgedämpft wird. Und dabei – tragischer Weise für ambitionierte Produzenten – nicht einmal die Zeit hatte zu zeigen, dass er besser schmeckt als viele Etablierte. Denn schon biegt eine neue Abfüllung um die Ecke, die man als Insider getrunken haben muss. Speed kills. Auch im Biermarkt. Das Spiel mit der undankbaren, volatilen Hipster-Crowd kann man nur verlieren.

Aromen der Marke „Zauberlehrling“

Wo wir schon bei den Spirituosen sind: Im Grunde hält aktuell der „Flavoured Vodka“ Einzug in den Sudkessel. Bier wird – ungeachtet des Basis-Braustils – vielfach zu einem Trägermaterial für mehr oder weniger lustige, interessante, noch nie dagewesene (Liste bitte selbst vervollständigen!) Geschmäcker. Das gebraute Ergebnis bekommt davon aber auch ein „Geschmäckle“. Denn nur wenn die versprochene Aromatisierung auch durchkommt, wird man die Operation als (auch: kommerziell) gelungen bezeichnen können. Der Blaubeer-Vodka, die Spekulatius-Schokolade, der Wasabi-Kartoffelchip wird schließlich auch nur dann weiter erzeugt, wenn er im Quartalsbericht „performt“. Was aber bleibt dann vom Bier als Bier, wenn dich der Beigeschmack der Star ist, der die Käufer lockt?

Jetzt sind die Kreativ-Brauer in der Regel aber keine börsenotierten Konzerne. Dennoch stellt sich die Frage, welche Erwartung sich also mit Patisserie-Pils und Schweinenacken-Stout verbindet? Stolz auf das Handwerk wohl kaum. Denn Beigeschmack bringt auch „Soda Stream“ ins Leitungswasser. Bliebe also noch die Hoffnung, dass möglichst viele Freunde von Geschmack X auch das Bier kaufen, das diesen mitbringt. Womit wir allerdings genau wieder bei der primitiven Gleichung der Vaginal-Brauer wären: Männer mögen Bier, noch mehr also Frauen, also geben wir…

Bier-Schach am Backgammon-Brett

Vielleicht liegt hier die einfachste Richtschnur, mit der zumindest der Konsument seine Grenze abstecken kann: Beleidigt das Bier nicht! Schmecke ich weder Hopfen noch Malz in irgendeiner Form, ist dieser Tatbestand erfüllt. Anders gesagt: Es ist auch noch Schach, wenn ich mit Star Wars-Figuren auf 64 Feldern spiele. Auf einem Backgammon-Brett oder der Weltkarte aber nicht mehr. Schließen wir daher mit einer subjektiven Abgrezung: Als Österreicher trinke ich mein Bier gerne zum Grammelschmalz-Brot, im Glas brauche ich Grieben-Geschmack aber nicht. Es reicht, dass es Kartoffelchips mit diesem „Flavour“ gibt.

Sollte sich das Gros der Kreativ-Brauer dorthin bewegen, wo schon die ratlose Snackindustrie ihre Differenzierung vom Mitbewerb sucht, dann ist die Bier-Revolution aber gescheitert. Sehnsucht nach „echtem“ Bier, der Ruf nach Reinheit, nach Geschmackspolizei und all dem, was hier historisch mitschwingt in deutschen Landen, wäre die Folge. Aber immerhin: Wenn die Revolution dann ihre Kinder frisst, haben die Brauer sie wenigstens gut gewürzt.

Photo Credit: Tim Klöcker und Shutterstock

 

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