Mikrobrauer auf Zypern: Da geht noch was!

Mikrobrauer auf Zypern: Da geht noch was!

Eigentlich müsste in der ehemaligen britischen Kolonie Zypern das Pale Ale in Strömen fließen. Touristen gibt es genug, doch der Erfolg der Mikrobrauer lässt auf sich warten. Einige Einzelkämpfer brauen dennoch munter weiter.

Streicht man beim Bierfest in Paphos alle Stände weg, an denen Carlsberg beteiligt ist, bliebe wenig übrig. Zum achten Mal hat Anastasis Anastasiou Brauer aus Griechenland und Zypern sowie einen Hofbräuhaus-Stand im alten Hafen vereinigt. Das Bon-System, die Foodtrucks, all das wirkt vertraut. Doch die prächtige Kulisse der alten Genueser Festung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die zypriotische Kreativbier-Szene spärlich vertreten ist. Der bekannteste Vertreter hätte sogar den kürzesten Weg – „Aphrodite’s Rock“ von William Ginn befindet sich am Weg in die Berge, kaum 25 Kilometer entfernt. 2010 hat der gebürtige Engländer mit seiner Familie im Örtchen Tsada zu brauen begonnen. Gegen bürokratische Widerstände, die es lange unmöglich machten, endlich mit dem Bierverkauf zu starten.

Mittlerweile läuft das Geschäft, die Marke gehört zu den sichtbarsten unter den Kleinen, vor allem in Touristenorten mit hoher britischer Gästedichte wie Aya Napa oder Paphos. Ginns leichtes „Yorkshire Rose“ (3,8% Vol.) ist selbst im noblen Hotel Anassa gelistet. Dieses Session Bitter ist aber nur einer der Stile, den die Ginns – in der Brauerei sind auch die Töchter im Einsatz – heute brauen. Praktisch alle folgen einem britischen Vorbild. Red Ale, Porter oder Bitter gibt es beim Pionierbrauer. Dem Rummel in Paphos allerdings bleibt Aphrodite’s Rock fern.

Entwicklungshelfer für Kreativbier-Durst

Aber immerhin, zwei Kollegen halten die Ehre des Braulands Zypern abgesehen vom Platzhirschen KEO hoch. Viktor Ilin stammt wie William Ginn aus dem Ausland, doch der Russe hat bereits in der Dominikanischen Republik und in Tschechien Brauereien aufgebaut. Und natürlich in der Umgebung von Moskau, wo er der Techniker auch als Braulehrer auftrat. Angeeignet hatte er sich sein Wissen schon Jahre vorher, denn eigentlich wollte er russischen Whisky destillieren. Blieb aber quasi beim Brauen hängen. Ilins „True Ale“ ist seit rund einem Jahr auf dem Markt. Später als geplant, leider. „Papierkram in Zypern“, zuckt seine Gattin Xenia Ilina die Schultern. Dabei sei Zypern mit seinem geringen Ausstoß von Mikrobrauern ihnen als perfekter Ort zum Brauen erschienen.

Rund 2.000 Liter Bier beträgt die monatliche Produktion in Limassol, manchmal auch weniger. Immerhin, so Ilina, hat sich schon eine gewisse Stammklientel für die sechs Bierstile, die sie einbrauen ergeben, gefunden: „Briten bevorzugen Porter und Pale Ale, die Russen das Weizen und mit Ingwer eingebrautes Ginger Ale, die Zyprioten mögen das Blonde und das Vienna Lager.“

Tatsächlich verkauften sich alle Biere ungefähr gleich gut. Oder: schlecht. Denn die Zyprioten seien konservativ beim Trinken, „da probiert kaum wer etwas Neues aus“. Damit beiße sich die Katze in den Schwanz, denn auf dem Verständnis dafür, was Kreativbier darstellt, baue schließlich auch die Zahlungsbereitschaft auf, so die smarte Russin. Entsprechend sieht man sich bei True Ale auch nach Exportmöglichkeiten um.

(Mikro)brauen, damit die Körpersäfte fließen

Doch man trifft ihn doch noch: den zypriotischen Mikrobrauer, der im Land geboren wurde. Soteris Iacovou stammt aus Nikosia und scheint Humor zu haben. So heißt nämlich das Bier – mit Verbeugung für den Körpersäften („humores“), für die der Gerstensaft so gesund sein soll.

Gestartet ist er mit der „Hop Thirsty Friends Ltd” tatsächlich als Hobbybrauer. Erst 2015 ergriffen die Freunde die Chance und kauften eine 120-Liter-Brauanlage. Erstaunlicherweise kam das Ergebnis der Autodidakten am Braukessel an und der Schritt zum kommerziellen Biererzeuger stand an. Mit Ende September wird auch die letzte Ausbaustufe fertig sein, so Iacovou stolz. „Dann können wir 1.000 Hektoliter im Jahr erzeugen.“ Auch eine Erweiterung über Lagertanks ist angedacht.

Einstweilen schenkt man zwei „Humor”-Biere aus, die in Griechenlands Avantgarde-Brauerei Septem als Kuckucksbrauer erzeugt wurden: ein IPA und ein Witbier namens Weiss. Zum Jahresende wird noch ein Pilsner dazukommen. Das Händchen dafür hat Iacovou; das IPA wurde bewusst weniger bitter gehalten und auch das Weißbier zeugt von Eleganz anstatt von satten Nelkendüften und Bananenbrot.

Es braucht mehr Mikrobrauer auf Zypern!

Die Experimente gehen weiter, selbst eigenen Hopfen versucht man anzubauen, ein paar Blätter hat der „Humor“-Brauer immer mit. Der Auftrag ist nämlich klar: „Wir müssen die öffentliche Wahrnehmung von Craft Beer ändern.“ Events in der Brauerei seien ein Schritt, zieht Iacovou eine Parallele zur Weinszene, die in Zypern boomt: „Das Öffnen der Tore hat sie groß werden lassen.“

Und natürlich brauche es mehr Mikrobrauereien, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Denn preislich könne man die Spitzenqualität bei Gerste und Hopfen nicht mit Kommerzbieren vergleichen. „Das sind zwei verschiedene Produkte, wenn es um Geschmack und Intensität geht.“ Der abschließende Satz von Soteris Iacovou klingt entsprechend wie ein Kampfruf für ganz Brau-Zypern: „Fans von Craft Beer zahlen gerne mehr und diesen Markt wollen wie erreichen“!

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Photo Credits: Roland Graf

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