Was ist eigentlich ein New England Style IPA?

Was ist eigentlich ein New England Style IPA?

Tropisch, fruchtig und trüb wird es im Glas, wenn ein New England Style IPA ausgeschenkt wird. Aber was verbirgt sich hinter dem Stil? Wir haben dreizehn Punkte zusammengefasst, um einen umfangreichen Überblick über das zu bieten, was sich hinter dem Kürzel NEIPA verbirgt.

Die einen lieben es, die anderen hassen es – das sogenannte New England Style IPA. Wie häufig, wenn etwas Neues auf dem Markt erscheint, scheiden sich daran die Geister. Und aus einem Disput wächst nur langsam Akzeptanz. US-amerikanische Brauer nahmen sich vor ein paar Jahren das Flaggschiff der Kreativbrauerszene, das hopfengestopfte India Pale Ale, vor, und kitzelten eine neue Variante heraus. Wofür diese steht, erklären wir im Folgenden in 13 Punkten.

Was ist New England Style IPA? Ein eigener Bierstil

Die amerikanische Brewers Association, in der über 4.000 Brauereien organisiert sind, gibt jährlich Stil-Leitlinien heraus, an denen sich sowohl Brauer in ihrer Produktion als auch Wettbewerbe in der Bewertung von Bieren orientieren können. Die dominante Position der amerikanischen Kreativbrauerbewegung führt dazu, dass in der Regel andere Märkte diese Stilvorgaben und Leitlinien schnell übernehmen. In den für 2018 veröffentlichten Leitlinien wird das New England Style IPA nun erstmals als eigener Stil beschrieben: Juicy or Hazy India Pale Ale.

 Wie schmeckt ein New England Style IPA?

Im Vergleich zu anderen IPA-Varianten wie z.B. dem sogenannten West Coast IPA verfügt das Hazy oder Fruity IPA, so wie die Stilbenennung der U.S. Brewers Association bereits besagt, über weitaus mehr Frucht und weniger Bitternoten im Geschmack. Und da das Auge immer mittrinkt: Die Palette bei NEIPA reicht von Strohgelb bis sattem Orange. Die BA führt als Farbvariante sogar „golden“.

Das Wort saftig („juicy“) wiederum taucht in nahezu jeder Beschreibung von New England Style IPA auf. Damit wird das aufgrund der vielen Schwebstoffe im Bier einem frisch gepressten Saft mit Fruchtanteilen ähnelnde Trinkgefühl beschrieben. Wenn es um die Beschreibung der Fruchtnoten geht, werden häufig Mango, Maracuja, Ananas oder Papaya genannt. Aber auch für C-Hops typische Zitrus-, Orangen- oder Mandarinennoten können auftauchen.

Einem extrem dominanten Antrunk, in dem die Hopfenaromen auftrumpfen, folgt meist ein leichter bis mittlerer Körper, in dem Malznoten nur eine dezente Rolle spielen. Im Nachhall schließt eine leichte Bittere den Eindruck ab. Auch wenn der Name anderes verheißt, steht das Saftige im New England Style IPA nicht für Zucker oder Süße.

Wie wird ein New England Style IPA oder Hazy IPA hergestellt?

Die Grundlagen der Herstellung entsprechen natürlich denen eines amerikanischen India Pale Ales. Helle Ale-Malze bilden die Getreidegrundlage für die Maische. Als Malzbasis diente Heady Topper-Erfinder Kimmich laut eigener Aussage britische Gerste. Ale-geeignete Sorten wie Maris Otter oder Golden Promise werden häufig mit Pale Ale oder Pilsner Malzen kombiniert. So experimentierfreudig die Szene ist, so viele verschiedene Malz- und Getreidemischungen werden mittlerweile auch verwendet für ein NEIPA. Karamellmalz kommt maximal in geringen Dosen zur Anwendung.

Der Würze werden bei dieser IPA-Variante die Aromahopfen extrem spät im Kochprozess und im Lagertank via Kalthopfung zugegeben. Viele amerikanische Brauer verwenden Hopfenextrakt, weil er ihnen eine bessere Kontrolle des Bittergrads ermöglicht. Neben Mosaic-Hopfen wandern Aromaverstärker wie Amarillo, Citra oder Galaxy in ein NEIPA. Während die Trübung, hervorgerufen durch Polyphenole und Proteine, bei den einen Brauern allein durch Malz, Hefe und Kalthopfung herbeigeführt wird, helfen andere durch Zugabe von ungemälztem Hafer- oder Weizenschrot oder Reishülsen nach. Auf der Hefeseite schließlich werden häufig Lallemand London ESB, Wyeast London Ale III 1318, Giga Yeast 054-Vermont IPA (“Conan”) und White Labs Burlington Ale genannt, wenn es um NEIPA geht.

New Style England Der Hopfengipfel

In der Analyse vieler Bierautoren wird das Erscheinen des New England Style IPA als „Peak Hop“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Brauer im Bemühen, sich durch immer mehr Zugabe von Aromahopfen von der Konkurrenz zu unterscheiden, den Punkt erreicht haben, an dem diese Komponente in der Bierherstellung ausgereizt ist.

Konkret übersetzt heißt das, dass eine noch stärkere und noch spätere Aromahopfung Malze und Hefe als zusätzliche Geschmacksträger ausschalten würde.

Double Dry Hopped

Wer sich in der Brauerszene ein wenig vom Mainstream abheben will, versucht dies mit der Verwendung anderer Begriffe. So findet man auf manchen, von der Charakteristik her ganz klar dem Segment fruchtig-tropischer und trüber India Pale Ales zurechenbaren Bieren nicht die Begriffe NEIPA oder New England Style, sondern die Worte Double Dry Hopped, gerne auch in der Abkürzung DDH. Dry Hopping heißt auf Deutsch Hopfenstopfen und bezeichnet die Zugabe von Hopfen nach der Hauptgärung.

Dadurch, dass der Hopfen nicht erhitzt wird, gibt er keine Bitterstoffe an das Bier ab. Wenn man diesen daher auch Kalthopfung genannten Prozess bei der Herstellung eines India Pale Ales zwei Mal durchführt, hat man ein Double Dry Hopped IPA. Die Kalthopfung führt auch zu zusätzlichen Schwebstoffen im Bier, weshalb sich beim New England Style IPA, das als Stil für eine starke Trübung steht, eine doppelte Kalthopfung anbietet.

Heady Topper – die Mutter aller New England Style IPA

 Es gibt mehrere Brauereien, deren Name bei der Frage fällt, wer diesen IPA-Stil als erstes an die Tresen der Welt gebracht hat. Die Bierwelt ist sich aber weitestgehend einig, dass Heady Topper von der Alchemist Brauerei aus dem Bundesstaat Vermont das erste kommerziell vertriebene Bier mit den Charakteristika eines NEIPA gewesen ist. Brauerei-Eigentümer John Kimmich sagt, er habe das Bier erstmals Ende 2003 beziehungsweise im Januar 2004 gebraut. Die Rezeptur habe sich aber über die Jahre leicht verändert.

Einer größeren Öffentlichkeit verfügbar wurde das Bier durch erstmalige Abfüllung in Dosen im Jahr 2011. Auf der Hopfenseite verdankt das Bier Kimmich zufolge der Sorte Mosaic seine Charakteristik. Das Heady Topper ist ein Double IPA, also die stärkere Variante eines India Pale Ales. Zur ersten Welle der Produzenten von New England Style IPA werden auch die Brauereien Hill Farmstead, Tree House, Trillium und Tired Hands gezählt.

Letztgenannter gelang mit einer anderen, trüben IPA-Variante, anders als beim New England Style IPA jedoch durch Zugabe von Laktose und pektinhaltigen Früchten, ein dem Heady Topper ähnelnder ikonischer Aufschlag: das sogenannte Milkshake IPA.

Vorteile und Gefahren der NEIPA Trübung

Ungefilterte Biere verheißen mehr vollmundiges Aroma. Und das ist es, womit dieser Bierstil punktet. Allerdings bedeuten die im Bier verbliebenen Hefen, Malzreste und Mikroorganismen auch eine Gefahr für die Geschmacksstabilität. Brauereien beeilen sich daher, zu betonen, ihre ungefilterten New England Style IPA seien möglichst frisch, möglichst bald nach Kauf zu konsumieren.

Wie das der Konsument, der das Bier meist über einen Händler bezieht, nachvollziehen soll, bleibt allerdings ihr Geheimnis. In einer kürzlich in der 3B-Redaktion durchgeführten Verkostung von 15 in- und ausländischen New England Style IPA hatten nur zwei (!) der Biere ein Abfüllungsdatum vermerkt. Alle anderen beschränkten sich auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum.

 Wo liegt New England?

Wer ein New England Style IPA im Glas sieht und die fruchtig-tropischen Aromen schmeckt, verortet das Bier wohl eher an einer kalifornischen oder hawaiianischen Küste und stellt sich einen Surfer auf dem Etikett vor. Weit gefehlt. Diese tropischen Gebilde entstanden in einer gemäßigten Klimazone im Nordosten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mit New England wird eine Region bezeichnet, die sechs Bundesstaaten umfasst: Connecticut, Maine, Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island und Vermont. Ihren Namen gegeben hat dieser Region der Entdecker John Smith im 17. Jahrhundert. New England war die Region auf dem nordamerikanischen Kontinent, die europäische Einwanderer zuerst erschlossen. Die bekannteste Metropole der Region ist die Stadt Boston.

Alles für die Dose

 Die Alchemist Brauerei, deren Brewpub durch Hurrikan Irene schwer beschädigt wurde, konnte ihr Fortbestehen durch Inbetriebnahme einer Dosenabfüllung retten. Während das Anbieten der eigenen Brauwaren in Dosen generell zunimmt, prägte die Entscheidung der Vermonter Brauerei für eine blecherne Verpackung den neu entstehenden Stil entscheidend mit. Die dem Inhalt entsprechende Gestaltung – häufig grelle, tropische Farben und graffitiartigen Zeichnungen – findet auf der Dose mehr Spielraum. Heady Topper-Erfinder Kimmich hält die Dose sogar für das ideale Trinkgefäß, da der Genuss direkt vom metallischen Dosenrand die optimale Kohlensäure mitliefere.

Wer beim Bierhändler seines Vertrauens auf die Suche nach New England Style IPA geht, darf sich daher nicht wundern, wenn gerade die ausländischen Vertreter dieses Stils in der Dose daherkommen. Gratis dazu geliefert werden leider, aufgrund der deutschen Pfandgesetzgebung, die häufig Originalinformationen verdeckenden Aufkleber mit DPG-Logo.

NEIPA – Das Bier für Instagram

 Eine kritische Bewertung des Stils durch Bier-Legende Garrett Oliver verhalf dem New England Style IPA zu noch mehr Öffentlichkeit. Garrett argumentierte, dass NEIPAs aufgrund ihrer guten Inszenierbarkeit in sozialen Medien populär geworden seien. Es ginge bei dieser Art von Bier mehr um die Verpackung als um den Inhalt.

Eine Haltung, die er gegenüber 3B-Autor Joe Stange in BIER BARS & BRAUER Ausgabe 1/2018 noch einmal bekräftigte: „Das Image dieses Biers ist wichtiger als das Bier selbst. Das kann man von keinem älteren Stil sagen.“

 Deutsche Brauereien im NEIPA-Fieber

„Kreativ“ heißt in Deutschlands Bierszene derzeit häufig: „Wir machen alles so wie die Amis.“ Eine neue US-amerikanische Stilistik wird daher von den in hoher Frequenz neue Sude ausstoßenden heimischen Mikrobrauereien meist schnell übernommen. In von internationalem Publikum stark mitgeprägten Städten wie Hamburg und Berlin gibt es natürlich auch die Hähne und die Bierläden dafür.

Die ersten deutschen New England Style IPAs wurden von Fürst Wiacek, Buddelship und Heidenpeters gebraut. Die beiden bekannten Mikrobrauereien Brlo und Überquell nutzten den Stil in seiner stärker alkoholischen Form kürzlich für ein Beer Battle.

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Photo Credit: Tim Klöcker

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