Hass- oder Kultobjekt Sterni?

Hass- oder Kultobjekt Sterni?

Ein Bier zwischen Szenezauber und Penner-Ruf – die Rede ist vom sich neuerdings revolutionär gebenden Günstigbier Sternburg aka Sterni. Chefredakteurin Juliane Reichert hat sich auf die Berliner Straßen begeben, um das Wesen des beliebten Wegbiers zu ergründen.

Es gibt kaum ein Kronkorken, der den Berliner Asphalt so sehr ziert, wie der weiße Stern auf rotem Plastik. Er gehört zum „Sterni“, dem Export aus dem Hause Sternburg. Man kann von dem Export halten, was man möchte – unbestritten allerdings ist, dass “Sterni” erfolgreich polarisiert. Gerade Craft Beer-Trinker dürften das “Sterni” hassen. Es scheint zu günstig um qualitativ hochwertig zu sein, es hat keinen Goldstaub auf dem Etikett und auch die Bärte des jeweiligen Bierklientels dürften sich deutlich unterscheiden. Sternburg weiß das und kokettiert damit. Am Ende müsste man sich nicht einmal mehr wundern, wenn Sternburg tätowierter Craft-Hipster als Anti-Testimonial in ihrer Werbung verwenden.

Sterni, der Preis-Streber

Mit einem Verkaufspreis von rund 50 Cent, ist man dem „Sterni“ allseits gelinde gesonnen. Selbst in fundierten Brauforen verteidigt mit „für das wenige Geld, geht´s schlechter“, wird vor allem wirtschaftlich argumentiert: „wenn ihr zwei kauft, könnt ihr euch vom Pfand ein neues kaufen“. Stimmt.  Auch geschmacklich waltet Milde: „Kein Ekelbier, durchaus erträglich und, wenn möglich, zu meiden.“ Ja, beinah sogar Euphorie: „Durchschnittlich und eines meiner Lieblingsbiere.“ Uns schmeckt es nussig und würzig, dann wird es ein wenig bitter und am Ende wird es metallisch und unrund. Wenn man eigentlich auf die Berlin Beer Week wollte oder gerade vom Craft Beer Festival kommt, sollte man das mit dem Sternburg Export vermutlich lassen. Wer allerdings Durst, wenig Geld und Lust auf Gesellschaft im Freien hat, wird seine Freude haben.

Was sagt denn nun der gepflegte Sterni-Trinker zum Bier seines Herzens in der Blindverkostung? Der ältere Herr an der Bushaltestelle scheint für einige Minuten Zeit zu haben und freut sich überdies über zwei kostenlose Bier-Stamperl. Im Rennen: „Sterni“ gegen Pilsner Urquell, selbstverständlich blind. Den 0,1-Becher jeweils auf Ex, verfinstert sich sein Gesicht nach dem Pilsner Urquell deutlich: „Dit kannste inne Tonne kloppen. Nich mit mia.“  Eins zu null für Sternburg.

Weil ein vermeintliches „Pennerbier“ aber nicht von ausschließlich Obdachlosen verifiziert werden sollte, muss in Folge ein Mittdreißiger im Aubergine-farbigen Anzug ran. Er hat eigentlich keine Zeit, kommt aber aus Schwaben und kann sich 0,2 Liter Bier umsonst dann doch nicht erwehren. Wie das Sternburg ihm schmecke, möchte ich wissen – lugt aus seiner Tasche doch die Flasche eines 18-jährigen Auchentoshan und suggeriert einen krediblen Gaumen: „Nussig, weich, würd´ ich ein ganzes von trinken.“ Habe ich nicht, notiere aber und gehe weiter. Quasi vom Fach ist auch der Späti-Verkaufer am Kottbusser Tor, ist Bier doch das Produkt, das ihm die Miete eintreibt. Ahmed trinkt selbst nicht, kann aber auf das Bier deuten, das er am meisten verkauft. Es ist ein Sternburg.  Damit wir hinterher allerdings mehr wissen, als dass Männer am „Kotti“ gern Sternburg trinken, kommen nun noch drei Damen hinzu.

Eine im Reuterpark meditierende Spanierin, eine Edeka-Kassiererin in Mitte und eine Gruppe gelangweilter, dafür aber schwarz gekleideter Siebzehnjähriger mit  Metall im Gesicht am Boxhagener Platz. Letztere trinken Sternburg gegen ein IPA, befinden letzteres für abgelaufen und entscheiden daher für das Sternburg. Die beiden Damen riechen den Braten bereits und sind sicher, dass ein Bier ein Sternburg sei. Einmal gegen Oettinger, ein andermal gegen Carlsberg Elephant, gewinnt Sternburg auch hier: „Find ich jetzt eigentlich ganz lecker, fürchte aber, dass es das Sterni ist“, heißt es im Reuterpark. Kein Grund zur Furcht, ein Sternburg ist keine Schande!

Sterni, das Ostbier

Zu aller erst einmal ist Sternburg ein Ostbier. Die zur Radeberger gehörige Biermarke schrieb im Jahr 2006 den größten Absatz in Ostdeutschland – und das, obwohl bis zum Jahr 2011 komplett auf Werbung verzichtet wurde. Kein Wunder, also, dass Sternburg auch heute noch vor allem in Ostdeutschland getrunken wird, steht seine Brauerei doch in Leipzig. Was macht diese Brauerei anders als die anderen, um derart günstig zu produzieren, dass halb Deutschland es verehrt? Sternburg-Geschäftsführer Martin Zapf erklärt das unter anderem mit dem Management: „Wir leisten uns keine Fernsehwerbung sondern konzentrieren uns bei unserer Kommunikation auf viele andere, teilweise auch „neue“ Kanäle. Das Sternburg-Logo ziert kein Trikot eines großen Sportvereins. Sternburg gibt es nicht vom Fass – hier spart man Kosten für die Gastronomieausstattung. Sternburg bleibt einfach, wie es ist. Das wird zusätzlich erleichtert durch cleveres Energie- und Ressourcenmanagement in der Sternburg Brauerei.“

Das klingt vor allem nach Logistik, nicht aber nach Geographie. Nichts desto trotz ist die Marke mit dem Stern auf dem Deckel an wenig anderen Orten denkbar. Leipzig, das ist Buchmesse, das neue Berlin, das ist Sachsen, ist AfD, Klischee und seine Widerlegung. Statistisch gesehen, gehört Sachsen zu den Bundesländern mit der größten Armutsgefährdung, Ostdeutschland hat ein Alkoholproblem und die politische Lage ist, nun, angespannt: der perfekte Nährboden für ein Working Class Bier, das sich selbst einen „Untergrund Charme, eine weltoffene politische Einstellung und guten Musikgeschmack“ attestiert. „Authentizität nennt man das – wohl auch deshalb, weil dieses Image keines ist, das sich mit Kampagnen erkauft wurde, sondern dass sich in erster Linie durch die Zielgruppe selbst im Laufe der vergangenen 20 Jahre auf die Marke übertragen hat – und inzwischen dezent und charmant von der Marke weiter getragen wird.“ Lasst uns also über Marketing sprechen.

Sterni, der Autist

Nun, es wäre hanebüchen zu leugnen, das Sternburg fände seinen Absatz auch jenseits des Preises. Neben den – und somit nur durch das “Pilsator” zu schlagenden 55 Cent darf man zwar weder Gaumen-Explosionen oder Design-Innovationen erwarten. Und ja, es ist schon richtig, man fällt vor aromatischer Anmut nicht gerade in Ohnmacht bei der Verkostung eines Sternburgs. Trotzdem muss auch die BBB-Redaktion zugeben. „Es ist kein großartiges Bier, aber gut trinkbar“, befindet Rory Lawton, Gründer von Berlin Craft Beer und Berlin Homebrewers und erklärt weiter: Sternburg benutze dieselben Zutaten wie Warsteiner und Becks, produziere daher nicht „billiger“: „Das ist reines Marketing.“

Das Gespräch mit Zapf indes zeigt, dass die Tradition des Bier-Marketings lange ist und außerdem auf charmanteste Weise, dass „Sterni“ so etwas wie der Autist unter den Bieren ist.

Laut dem Deutschen Institut für medizinische Information und Dokumentation (F84) ist ein Autist jemand, der „durch qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Diese qualitativen Auffälligkeiten sind in allen Situationen ein grundlegendes Funktionsmerkmal des betroffenen Kindes.“ Oder eben Bieres.

Die qualitativen Abweichung in der Werbung war bis zum Jahr 2011 jene, dass sie gar nicht erst vorhanden war – das ist beinahe schon eine existenzielle Abweichung. Und Werbung seither geschieht durch Guerilla-Werbung. Da werden dann lauter Klischees über Sternburg mit dem Anti-Klientel abgedruckt, wie etwa ein Zigarre rauchender Mann, der sagt: „Ich würd´s trinken, wenn es teurer wäre.“ Oder eine Dame, die vermutlich in nächster Nähe zum Grunewald wohnt, die argwöhnt: “Was sollen denn die Nachbarn von uns denken?“

In der Bierwelt ist das eine absolute Abweichung in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern. Auch Anzeichen für das stereotype, sich wiederholende Repertoire von Interessen und Aktivitäten ist erkennbar, allein im Blick auf die Sternburg-Etymologie. Da verspricht Martin Zapf schon einmal „sternige Aktionen“ in Zukunft, erzählt von der Sternburg-Produktion als dem „sternigsten aller Brauprozesse“ und spricht von der Brauerei als dem „Sterniversum“. Völlig legitim, ungewöhnlich aber.

Autisten bringen aber oft beeindruckende Inselbegabungen mit sich – so auch Sternburg. Kein, und zwar wirklich kein anderes Bier, spricht so wenig über seine Vorgehensweisen beim Brauen, dafür umso lieber über seine Umwelt – oder hat man je von einem „Jeverersum“ gehört? Eben. Was, aber, ist denn nun das „Sterniversum“ jenseits der Brauerei? Ist es die Irokesen-Truppe auf dem Gehweg mit klingenden Flaschen in der Plastiktüte? Oder die spanische Erasmus-Crew, die auf der Weserstraße einen Fenstersims zum Bier-Tresen umfunktioniert hat?

Zapf spricht von einer „breiten Zielgruppe. Da kann es schon mal passieren, dass auf unserem Brauereifest ein ostalgischer Rentner, der die gute Qualität von Sternburg Zeit seines Lebens schätzt, mit einem Abiturienten im Sternburg-Trainingsanzug oder sogar mit einem Punk mit Sterni-Tattoo und buntem Haarschnitt ins Gespräch kommt. Im Grunde ist Sternburg für alle da und besonders für jene, die etwas weniger Geld zur Verfügung haben. Das verbindet die Sterni-Gemeinschaft.“

Sternburg ist ein sehr soziales Bier. Und unter diesen sicherlich auch das Beste. „Über Bier und Geschmack wird genug geredet“, so eine mögliche Devise, „ über Bier und seine Trinker viel zu wenig.“ Vielleicht ist Sternburg tatsächlich das erste Bier, bei dem man nicht über das Bier und seine Zutaten spricht, sondern über seine Trinker. Und das ist dann wirklich revolutionär.

Sterni - Eine Hashtag-Liebesgeschichte

Photo Credits: Titelbild – Tim Klöcker | 1 – www.instragram.com/styylers  | 2 – www.instagram.com/steven_maeder | 3 – Tim Klöcker

2 comments

  1. Philipp
    08. Juli 2017 reply

    Freunde des Bieres, der gute Stoff heißt Sternburg und nicht Sternburger. Wieso vertauschen das immer alle?

    1. Redaktion
      12. Juli 2017 reply

      Danke für den Hinweis! In der Tat ist uns im Teaser dieser Fehler unterlaufen. – d. Red.

WRITE A COMMENT