Sweet Alma oder von belgischen Mädchenabendhopfenträumen

Sweet Alma oder von belgischen Mädchenabendhopfenträumen

Süße Versuchung? Nicht ganz. Patrizio Stefanelli von Tartaruga Fine Brewing erzählt über die Entstehung seines Strong Ales Sweet Alma. Und unsere Autorin Fiona Grau von einem belgisch-italienischen Bierabend in Brüssel, der angenehm lange nachhallt.

Meine erste Sweet Alma von Tartaruga Fine Brewing trinke ich zwischen Mischa, einem Belgier serbischen Ursprungs, mit dem ich mich über die Barszene Belgrads austausche, und Renaud, einem anderen „habitué“ (Stammgast) im Les 3 frères in meinem Viertel in Brüssel.

Während Renaud meiner arbeitslosen Schauspielfreundin Marie einen Nebenjob im Baugewerbe anbietet, erzählt mir Jerôme die Geschichte seiner Freundschaft mit dem Brauer Patrizio Stefanelli von Tartaruga, dessen Erfolgsstory er von Anfang an begleitet hat. „Ich erinnere mich noch, als die Super Fresca ganz neu war! Das war sofort ein Riesenerfolg“, schwärmt er von der bis jetzt bekanntesten Bierkreation Patrizios, die in der belgischen Hauptstadt zum regelrechten Hype geworden ist.

Jerôme verliebt sich in die Sweet Alma und ein bisschen in Patrizio

Es ist ein besonderer Tag, an dem ich meine erste Sweet Alma trinke. Denn gerade als meine Freundin Marie und ich an der Theke Platz nehmen, wechselt Jerôme das Schild des mittleren Zapfhahns, um das Logo der Simply Rossa von Tartaruga gegen die Sweet Alma auszutauschen – es ist genau ein Jahr her, dass er sie zum ersten Mal im Zapfhahn hatte. Ich trinke meine erste Sweet Alma also an ihrem Geburtstag bei den drei Brüdern …

„Elle est superbe, cette bière“, „Das ist ein super Bier“, schwärmt Jerôme: „Unsere Gäste lieben es. Und frisch gezapft schmeckt es einfach nochmal besser. Da schmeckst du die acht Prozent Alkohol kaum, die blumige Note kann sich richtig entfalten.“ Trinke man die Bierspezialität aus der Flasche, kämen die Bitternoten stärker zum Zuge. Marie und ich sind beeindruckt vom blumigen Hopfen des Strong Ale aus dem Hause Tartaruga, das sich neben dem IPA Monkey Monk aus der Brouwerij Anders! wie eine sommerliche Hopfenlimonade trinkt.

Die drei Brüder von der Biertankstelle

Jerôme ist einer von drei Brüdern, die gemeinsam das Bar-Restaurant Les 3 frères (Die drei Brüder) am Place Morichard im Viertel Saint-Gilles in Brüssel gegründet haben. Mit Patrizio sprach er schon über Bier, als dessen Brauerträume noch in den Kinderschuhen steckten. Als Patrizio dann im Januar 2015 Tartaruga Fine Brewing gründete, war Jerôme einer der ersten, der dessen Biere ausschenkte. Seither bleibt von seinen fünf Zapfhähnen immer einer für die neuesten (oder auch älteren) Kreationen der Biermarke mit dem Schildkrötenlogo reserviert.

Patrizio braut seine Biere in der Brauerei De Ranke in Dottignies in Belgien, in Zusammenarbeit mit NovaBirra. NovaBirra wurde 2008 von Emanuele Corazzini gegründet, der sein Brauwissen mit Passionierten teilt und so schon der ein oder anderen neuen belgischen Bierkreation zur Geburt bzw. auf den Markt verholfen hat.

Manchmal überlegt Patrizio, eine eigene Brauerei aufzumachen. „Am Anfang lief alles super gut“, erzählt er. Da dachte er noch, es sei nicht schwer mit der Brauereigründung. Inzwischen sei durch den Kreativbier-Hype allerdings die Konkurrenz immer stärker geworden, wodurch das Geschäft nicht mehr so einfach ist wie noch vor ein paar Jahren. „Wir werden sehen“, meint Patrizio, der wie jemand wirkt, der ein gesundes Vertrauen in die Zukunft hat.

Tartaruga: von Schildkröten und hopfigen Strong Ales

„Tartaruga“, der Name seiner Bierlinie, kommt aus dem Italienischen und bedeutet „Schildkröte“. Es gibt auch eine Geschichte dazu; und zwar bastelte Patrizio, wenn er im Sommer, reichlich mit belgischen Bieren bepackt, zum Heimaturlaub in Italien war, aus den Flaschenverschlüssen (den Drahtkörbchen, die zum Teil die Korken der belgischen Bierflaschen zieren) kleine Schildkröten. Die Kinder fragten also immer: „Sag, Patrizio, wann machst du uns wieder eine Schildkröte?“

Aber kommen wir doch zurück zur Sweet Alma. Vom Brauer selbst wird sie als „Hoppy Strong Ale“ bezeichnet – dennoch kann es sich die ein oder andere Bierseite im Internet nicht verkneifen, das Produkt als „Imperial IPA“ zu verkaufen.

„Die Sweet Alma ist kein Imperial IPA“, insistiert Patrizio. „Für mich ist das ein Strong Ale, zugegebenermaßen ein bisschen hybrid, weil ich amerikanischen Hopfen verwende. Dadurch wird es eine Art amerikanisierter belgischer Braustil. Aber ein Indian Pale Ale ist es trotzdem nicht.“

Für sein amerikanisiertes Belgian Strong Ale verwendet Patrizio Pilsnermalz und Weizenmalz, zu denen er für die Gärung ein bisschen Zucker dazu gibt, um auf 8° zu kommen. Gebraut wird in drei Stufen; einer bei 55°C, einer bei 64°C und einer bei 68°C. Für die Gärung nimmt Patrizio eine obergärige amerikanische Hefe, als Hopfen die ebenfalls amerikanischen Sorten Columbus und Centennial, mit denen das Bier auch gestopft wird. Beim Abfüllen in Flaschen wird noch einmal eine neutrale Hefe hinzugegeben, um durch die erneute Gärung genügend Kohlensäure zu schaffen.

Die Gefahren der Sweet Alma

Patrizio findet sowieso, dass der Name IPA in der Bierbranche inflationär verwendet werde, weil viele Brauer hofften, damit auf der Modewelle der amerikanischen Kreativbiere mitschwimmen zu können. Das interessiert ihn allerdings nicht. Was ihn interessiert, ist, tolle Biere zu brauen. Und mich interessiert an jenem Abend im Les 3 Frères vor allem, sie zu trinken.

Gefährlich ist an meiner Sweet Alma nur, dass man ihr ihre acht Prozent Alkoholgehalt kaum anmerkt, wenn sie frisch aus dem Zapfhahn kommt. Meine Freundin Marie und ich sind beeindruckt, wie unschuldig so ein Bier im zitrusfruchtigen Blumengewand amerikanischen Hopfens daherkommen kann. Nachdem wir, fast ohne es zu merken, sicher schon das dritte Sweet Alma verköstigt haben, schweben wir auf dem Nachhauseweg in Mädchenabendhopfenträumen unserem wohl verdienten Schlaf entgegen.

Credit: Tartaruga, shutterstock

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