Teufel, Teufel: Späte Brau-Berufung in Basel

Teufel, Teufel: Späte Brau-Berufung in Basel

Brauen gegen den Massengeschmack hat am Rhein Tradition – in Basel feiert man Hochkonjunktur. In der jüngsten Braustätte „Teufelhof“ gibt kein vollbärtiger Hipster den Ton an, sondern ein Mann mit grauem „Schnauz“: Franz Wyniger, Rentner.

Die Wege zum Brauen sind unergründlich. „Ich wurde eigentlich dazu gedrängt“, lacht etwa Franz Wyniger zwischen zwei Zügen von seinem Stumpen, wie die Zigarre in der Schweiz heißt. Der Mann mit Brille und Lech Walesa-Schnauzbart sitzt im spätherbstlichen Sonnenlicht vor dem Basler Hotel Teufelhof und könnte in seiner relaxten Art locker auch als Gast durchgehen. Er ist aber der Vater des Besitzers, Raphael Wyniger, jenem Mann, der ihn eben an den Sudkessel „drängte“. Denn eigentlich war der Senior schon in Rente nach einem erfüllten Leben als Berufsschullehrer. Doch der Junior, der seine Zimmer von Künstlern wie Dieter Meier („Yello“) oder dem Frauen-Kollektiv „Mickry 3“ gestalten lässt, hatte andere Pläne. Es sollte gebraut werden, und zwar am Leonhardsgraben!

Mit einem alten Warenaufzug, der deswegen zwei Paletten fasst, weil er früher in den Weinkeller des Hauses führte, geht es dann ins Reich des jüngsten der 13 Stadtbrauer Basels. Den Anfang dabei machte ein mittlerweile legendärer Arzt: Als man jenem Arzt Hans Jakob Nidecker 1974 vorschreiben wollte, dass er nicht das letzte Basler Bier der Brauerei Warteck in seiner „Fischerstube“ ausschenken dürfe, setzte er einen „Akt der Rebellion“, wie man es bei der Ueli-Brauerin Kleinbasel bis heute nennt. Denn in einer Stadt, in der Limonaden und Cola unter „Süßwasser“ auf der Getränkekarte stehen, nimmt man seine Getränke offenbar ernst. Mit 55 Jahren ging Nidecker damals unter die Brauer – das Bier und die mittlerweile zwei eigenen Gasthäuser, die es ausschenken, haben den Ueli-Gründer (der 2005 verstarb) überlebt. Die rheinische Renitenz in Sachen Hopfen und Malz geht aber viel weiter zurück.

Stolzer Gift-Ausschank in Alt-Basel

Denn auch das „Gifthüttli“ in der Altstadt verdankt seinen Namen einem Bier-Rebellen. 1842 Innocenz Weiss wagte es, in seinem Gasthaus Zum Ritter St. Georg in der Schneidergasse Bier auszuschenken („das het domols vyl z‘Schwätze gäh“, kommentiert der Basler Gewährsmann). Nachdem dieses Recht den Braustätten vorbehalten war, kommentierten die „Basler Nachrichten“, man könne doch gleich Gift trinken, wenn man abseits der Braustätten Bier konsumiere. Weiss allerdings, nahm den Ball auf und benannte seine „Beiz“ auf Gifthütte um. Der Name blieb auch erhalten, als 1913 auf die andere Straßenseite übersiedelt wurde.

Die Ahnenreihe reifer und unerschrockener Brauer ist also lang und auch Franz Wyniger hielt sich nicht lange mit der Versuchsanlage auf. Die Erfahrung als Chemielaborant – in der Pharmaziestadt Basel der erste Beruf des spät berufenen Brauers – sei ihm doch sehr zugute gekommen. Analysewerte sind dem Lehrer im Unruhestand nach wie vor wichtig. Beigebracht hat ihm die letzten Finessen des Brauen ein Bayer, seit dem Vorjahr bleibt es aber bei der sporadischen Supervision. Denn das erste Rezept hat eingeschlagen und was in Basel noch wichtiger ist: „Am zweiten Tag der Fasnacht waren wir ausgetrunken“. Entsprechend stolpert man beim Besuch beim „Stadtmauer-Brauer“, wie sich das Anti-Pensionsschock-Programm der Wyningers nennt, über Verpackungsmaterial. Die 600 Liter pro Woche reichen nämlich nicht, gerade kam ein größerer Sudkessel an. Denn mittlerweile sind es zwei Bier, die regelmäßig aus dem Teufelhof kommen. Zum „Engel“ gesellte sich der „Teufel“, natürlich ein dunkles Bier mit Wiener Malz.

Dunkler Teufel, heller Engel

Nicht nur im Braukessel, auch am Logo spielen Engel und Teufel mit. Die Etikette hat sich ein Cousin des Hoteliers ausgedacht, der praktischer Weise eine Werbeagentur in Deutschland betreibt. Die Familien-Bande plant aber bereits die nächsten Streiche. Der Rheinbrand, Raphael Wynigers Gin, sollte bald Gesellschaft bekommen. Denn die Biernachfrage habe alle überrascht, so Stadtmauer-Bräu Franz Wyniger: „Ich habe endlich ein Produkt zum Angreifen und den Gästen kommt das auch bestens an“. Vor allem der „Teufel“, mit Wiener Malz und Tettnanger Hopfen zu einer intensiven Stilistik Richtung „Wiener Lager“ – wenn auch mit moderater Süße – gebracht, erwies sich als Renner. Stolz machte den Brauer wider Willen ein Lob eines Gastes, der beim wöchentlichen Basel-Besuch auch stets sein Glas „Teufel“ konsumiert. Es stellte sich heraus, dass es ein pensionierter Direktor der legendären, heute zu Carlsberg gehörenden Hürlimann-Brauerei war. „Das freut einen dann schon als „Kleinen“, lacht der „Stadtmauer-Brauer“.

Pensionär Franz Wyniger, der eigentlich an einen Arbeitstag pro Woche dachte, muss ihn mittlerweile auch für private Kunden brauen. Das „teuflische“ Geschenk erfreut sich großer Beliebtheit, vor allem im Zwei-Liter-Krug, den er extra dafür anbietet. Und bisweilen holt den Lehrer als Brauer seiner Vergangenheit ein: „Letztens bekam ich Besuch von der ersten Schule, an der ich unterrichtet habe. Die brachten mir das Bier aus ihrer Gegend als Geschenk mit“. Auch wenn er bereits den Schwiegersohn einschult im Teufelhof-Keller (für die Zeit nach dem „richtigen“ Pensionsantritt) – es sieht nicht so aus, als ließe der Brauvirus den Basler so schnell los.

Anm. d. Red.: Ist zwar noch ein bisschen hin, dennoch immer wieder empfehlenswert: der Basler Biermarkt!

WRITE A COMMENT