Phoenix aus der Asche: The Man Behind Berlin IPA

Phoenix aus der Asche: The Man Behind Berlin IPA

Es fühlt sich seltsam an, über ein Bier des Dänen Anders Coisbo zu schreiben, ohne dass sein Brauunternehmen Coisbo Beer sich dafür verantwortlich zeichnet. Denn Coisbo Beer gehört Anders Coisbo bereits seit 2016 nicht mehr. Jetzt ist der ehemalige Polizist jedenfalls mit seiner neuen Marke The Man Behind zurück. Und sein Berlin IPA ist großes Kino.

Anders Coisbo tauschte einst sein Dasein als Ordnungshüter für das am Braukessel. Wir wissen nicht, wie gut er als Polizist war, doch wir behaupten einfach mal, dass er dem Gesetz weniger fehlt, als er die Bierwelt bereichert hat. Denn Anders Coisbo bewies schnell ein Händchen für sein neues Handwerk, braute ein (im Wortsinne) ausgezeichnetes Bier nach dem anderen.

Aufstieg und Fall von Coisbo Beer

Mit dem Erfolg kamen die Probleme. Sein Partner, IT-Millionär Michael Sandal, wollte die Firma groß aufziehen, mehr Volumen, mehr Präsenz. Laut Anders Coisbo war er auch bereit, dafür Kompromisse bei der Qualität in Kauf zu nehmen, was dieser ablehnte.

Dann geriet die Firma in Liquiditätsprobleme, zu viel Kapital war in sich nicht schnell genug verkaufendem Bier gebunden, Folge des rasch erhöhten Produktionsvolumens. Sandal war bereit, Geld in die Firma zu pumpen, wie er es bereits zuvor getan hatte. Doch er forderte, dass Anders Coisbo selbst die siebenstellige Anleihe aufnehmen und zurückzahlen würde, sollte die Firma das nicht können.

Coisbo verneinte. Schließlich drehte der Finanzier den Geldhahn zu, führte laut Anders Coisbo absichtlich den Bankrott herbei. Für diese Version spricht, dass Sandal so in der Lage war, sich die Marke zu sichern und nun Coisbo-Biere ohne Anders Coisbo verkauft.

Der Mensch hinter der Marke

Anders Coisbo brauchte eine Weile, doch im letzten Jahr brachte er sein neues Projekt auf die Beine. Seine ursprüngliche Idee hieß 64 Degrees, nach der Einmaischtemperatur für Bier. Doch ein Freund warnte ihn: Mit diesen technischen Feinheiten beschäftige sich kaum jemand. Was die Leute interessiere, seien vielmehr die Geschichten und die Menschen hinter den Bieren: The Man Behind war geboren.

Drei Biere umfasst das neue Projekt initial, allesamt gebraut in 120-Hektoliter-Suden bei Bryggeriet Vestfyen, allesamt in Dosen abgefüllt, jeweils von einer Stadt inspiriert: Beijing (Lager), Madrid (Brown Ale) und Berlin (IPA). Diesen Winter folgt ein Stout namens Dublin, der erste Sondersud in Form eines dänischen Julebryg (Weihnachtsbier) entsteht in Kollaboration mit Überquell Hamburg.

Die Namen ergeben sich stets aus persönlichen Verbindungen oder Erinnerungen. Im Falle von Berlin besuchte Anders Coisbo ein Tap Takeover in der deutschen Hauptstadt. Ob geplant oder durch Zufall, an allen Hähnen des Lokals befanden sich IPAs. Diesen Abend voller Hopfenexzess hat Coisbo bis heute in bester Erinnerung, weshalb er sein IPA nach Berlin benannte.

Verkostungsnotizen: The Man Behind Berlin IPA

Im Glas zeigt das The Man Behind Berlin IPA eine helle Bernsteinfarbe mit minimaler Trübung unter einer weißen, grobporigen Schaumkrone. In der Nase hat man typische, weich wirkende Fruchtnoten: Maracuja und andere Tropenfrüchte, Mandarine und ein wenig Zitrusschale. Eine sanfte Honigsüße mit etwas Karamell zeigt sich. Das Bier macht einen frischen Eindruck, doch auch ein erdig-grasiger Gegenpol ist vorhanden.

Das Mundgefühl ist der wahre Star bei diesem Bier, denn hier erzählt das The Man Behind Berlin IPA eine echte Geschichte. Zu Beginn sprudelt es frisch auf, doch die honigsüße Malzigkeit mit englischem Ale-Einschlag setzt schnell ein volleres Gefühl dagegen.

Dennoch bleibt das Bier schlank und süffig. Zum Gaumen hin macht es richtig Druck, die Bitterkeit breitet sich flächig aus, wirkt harzig bitter. Im Abgang schwingt sie dann in Richtung Grapefruit, greift die Fruchtnoten aus dem Geruch wieder auf und hinterlässt durch die Trockenheit den Wunsch nach dem nächsten Schluck.

The Man Behind Berlin IPA: Perfekt komponiert

Keine der Noten in diesem IPA sticht massiv heraus. Auch findet man intensivere Ausprägungen in anderen Bieren, natürlich. Doch die Zusammenführung, das Ausbalancieren, ist Anders Coisbo so gut gelungen, dass man nahezu von Perfektion sprechen kann.

Das The Man Behind Berlin IPA zieht den Hut vor den klassischen India Pale Ales, obwohl es rigoros modern gehopft ist. Jedesmal, wenn eine Note zu dominant zu werden droht, wird sie prompt abgelöst und ausgeglichen. Von Einstieg bis Abgang ist es im Mund präsent, ohne aufdringlich zu sein, ist intensiv und ermutigt dennoch zum nächsten Schluck, den man sich dank der für ein IPA umgänglichen 5,8% Vol. auch leisten kann.

The Man Behind Berlin IPA

Daten:

Alk.: 5,8% Vol.

Stammwürze: 12,7°Plato

Hopfensorten: Mosaic, Citra

IBU: 50

Preis: ca. € 2,80

Ährenrunde: Modernes IPA, klassisches IPA, wie bitte?

Der Bierstil des India Pale Ale entstand, als englische Brauer besonders starke Biere für den Export in die indischen Kolonien wählten und diese zusätzlich mit Hopfen versahen, da auch dieser sich positiv auf die Haltbarkeit auswirkt. Das “Pale” (also “blass”) der damaligen Zeit ist allerdings im Kontrast zu Brown Ale und Porter zu sehen und nicht mit den goldenen Bieren der heutigen Zeit zu vergleichen. Aufgrund der hohen Alkoholsteuer in England wurde der IPA-Stil im Laufe der Zeit schwächer, pendelte sich bei ca. 5% Vol. ein. Die Brauer lernten, den Geschmacksträger Alkohol durch breite Malzigkeit und balanciertes Aromenspiel auszugleichen. Dieser Typ ist mit dem “klassischen Stil” gemeint.
Der moderne Stil hingegen ist die Rückkehr zu alter (Alkohol-)Stärke in den USA, zudem massiv gehopft mit den im Yakima Valley und Umgebung wachsenden Hopfensorten. Diese brachten eine zuvor nicht gekannte Fruchtigkeit ins India Pale Ale. Dies machte den Bierstil so populär, dass das moderne IPA inzwischen weltweit Anhänger und Nachahmer gefunden hat.

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Photo Credits: Tim Klöcker

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