„Ja, Tibor, Du schon wieder. Du bist der erste, der sich beschwert.

„Ja, Tibor, Du schon wieder. Du bist der erste, der sich beschwert.

Aus einer Gastronomenfamilie stammend, kann Tibor Kantor auf einen bunten Münchener Lebenslauf zurückblicken. Fast sieben Jahre lang betrieb er das Red Hot, erste Anlaufstelle für Bierenthusiasten in München, ein Bierlokal mit Pioniercharakter in Deutschland. Im Interview mit Bier, Bars & Brauer blickt er zurück auf die Anfänge der Bierrenaissance in Deutschland und analysiert das Scheitern seines beliebten Bierrestaurants.

3B: Tibor Kantor, zu Beginn dieses Interviews, ganz allgemein: Wann hat Dein Interesse für Bier begonnen?

Tibor Kantor: Ich hatte schon immer ein Interesse an allem, was flüssig ist. Ob als Teetrinker oder später als Bartender. Angefangen hat es eigentlich ziemlich banal. Ein Freund von mir sammelte Etiketten. Ich selbst war auch ein ziemlicher Sammel-Nerd. Ich habe von überall her die verschiedensten Biere gekauft, um ihm die unterschiedlichen Etiketten mitzubringen.

Und wo ich sie schon mal da hatte, konnte ich die Biere auch gleich trinken. Dabei habe ich angefangen, mich zu informieren, wieso etwa ein Engländer sein Stout etwas wärmer trinkt und wieso das so zu schmecken hat.

Später war ich dann in Brüssel, eigentlich nur wegen des Comic-Museums. Ich habe die Biere anfangs natürlich nicht verstanden, fand es aber überwältigend, in jedem Supermarkt so eine Auswahl zu haben. Und das auch noch zum Teil in 0,7 Liter-Flaschen. Und habe mich dann darüber informiert. Das war auch die Zeit, in der ich alle Veranstaltungen des Bartendernetzwerks „Barzirkel“ besuchte, vom Aquavit- bis zum Sake-Tasting, einfach aus grundsätzlichem Interesse.

Ich habe früher im Kafe Kult Konzerte organisiert. Und dort hatte ich sehr viele amerikanische Bands. Acht von zehn haben auf die Bermerkung, dass „Augustiner das beste Bier der Welt“ sei, entgeistert reagiert. Über ihre Erzählungen von IPA und Co. habe ich als damals noch verzogener Münchener nur den Kopf geschüttelt. Denn was weiß denn „der Ami“ schon davon. Aber wenn man das immer wieder hört, wird man hellhörig. Die Bands haben auch immer mal wieder Biere mitgebracht.

Und auch im Flieger-Bräu am alten Flughafen, wo ich früher gearbeitet habe, kamen schon Hausbrauer vorbei und haben sich Malz und Hefe mitgenommen für die eigene Produktion. Dort habe ich in Magazinen bereits die großen amerikanischen Marken wie Dogfishead und Stone zum ersten Mal gelesen. Darüber hinaus wunderte ich mich, wieso Amerikaner, die ich als Stammgäste hatte, zu uns kommen, um Brauereiwesen zu studieren, um in irgendwelchen „Micro Breweries“ zu arbeiten.

Als ich einmal dringend Geld brauchte, habe ich ein Jahr im Ayinger am Platzl gearbeitet. Da kamen extrem viele Touris, die total aus dem Häuschen waren, dass es dort einen Celebrator aus dem Holzfass gibt. Das kannte und kennt in München kein Mensch, aber die Amis sind total ausgeflippt. Die haben mich dann gefragt, was alles an den Hähnen ist, und ich habe mir gedacht: „Was für eine blöde Frage, das ist eine Ayingerstube, was soll denn da sein?“ Dabei habe ich gelernt, dass es drüben so etwas wie Gasthähne für fremde Biere gibt.

Einmal war ein professioneller Skater mit Manager da, der auf seinen Knöcheln das Wort „Beer Geek“ tätowiert hatte. Da fragte ich mich, was ist denn mit denen los? Ich vermutete, dass das so eine Art Antikapitalismus-Ding sei und hätte nie gedacht, dass das so eine riesige Bewegung ist. Auf dem Bar Convent Berlin war dann da plötzlich ein Braufactum-Stand. Das war für mich der Aha-Moment: „Jetzt gibt es Firestone also auch in Deutschland.“ Irgendwie kam alles zusammen und dann ist bei mir der Knoten geplatzt.

3B: Was war der Grund, das Red Hot zu schließen?

Tibor Kantor: Im Endeffekt war es die Pacht. Ich war im Mietrückstand und habe die Kündigung bekommen. Der Sommer des letzten Jahres war extrem schlecht und hat uns ein Loch reingerissen. Wir mussten draußen auf der Terrasse auch immer um 10 Uhr zusperren.

Da haben von Anfang an viele Faktoren nicht gestimmt. Ich hab mich in dieses Projekt etwas naiv und blauäugig reingeschmissen. Die Pacht war für die Lage und für die Ausstattung, ohne Lager und Kühlräume, eigentlich von Anfang an zu hoch.

3B: Wie ging das im Red Hot los vor sieben Jahren?

Tibor Kantor: Ich habe dort vor sieben Jahren als Barchef angefangen und war für die Drinks zuständig. Damals gehörte das Lokal zwei Partnern, die das zu einem Franchise machen wollten. Mit dem Essenskonzept und einer fetten Weinkarte.

Mich haben sie für die Drinks geholt und ich habe sofort gesehen, dass wir brauereifrei sind und von Anfang an die Bierkarte installiert. Einer der Partner sprang nach nicht einmal einem halben Jahr ab. Das Ursprungskonzept hat sich dann schnell gewandelt.

Wir hatten nicht mehr tagsüber auf. Die Leute haben das Red Hot mit seinen Grand Cru Weinen ein, zwei Mal ausprobiert und sind dann wieder zurück in ihre klassischen Weinläden gegangen. Deshalb setzte ich immer mehr auf Bier. Vor drei Jahren ist dann mein ehemaliger Chef ausgestiegen und ich habe übernommen, zusammen mit einem Bekannten, der aber bald ebenfalls aufhörte. Die letzten zwei Jahre hatte ich das Lokal komplett allein.

3B: Du hast dann schließlich den Eigentümer ausgelöst?

Tibor Kantor: Ja, den Vorbesitzer musste ich auslösen. Mit einer aus heutiger Sicht viel zu hohen Ablöse. Ich war damals an dem Punkt, dass ich sagte: „Ich hab mir jetzt einen Namen gemacht und mich etabliert. Setze ich jetzt alles auf eine Karte und mach das Bierding oder fange ich wieder irgendwo als kleiner Barback an und lass‘ mir etwas von einem 25-jährigen Barchef erzählen?“ Ich habe gepokert. Im Nachhinein zu hoch gepokert. Für mich persönlich hat es nach wie vor etwas gebracht.

„Vor zehn Jahren hätte Schlenkerla in München kein Mensch getrunken, es sei denn er hat fränkischen Wurzeln.“

3B: Du hast bereits im ersten Jahr mit der Bierkarte angefangen? Was war auf Deiner ersten Karte?

Tibor Kantor: Damals war es noch ein bisschen à la „Nimm das, was Du kriegen kannst“. Es war noch nicht so einfach in Deutschland. Es war auf jeden Fall von Anfang an Braufactum. Auch weil ich persönlich Firestone super fand. Für das Essen, das wir im Red Hot anboten, war es auch gut, dass sie Brooklyn im Angebot hatten.

Das konnte ich meinem Ex-Chef gut verklickern und hat einfach vom Konzept her gut gepasst. Man hat damit die Leute nicht überfordert, aber trotzdem etwas anderes da gehabt. Und dann habe ich noch bei Leuten wie Bierzwerg gekauft, die etwas Interessantes im Portfolio hatten.

Wenn ich jetzt zurückdenke, gerade bei den Hopfengeschichten, in einer extrem schlechten Qualität. Die Sierra-Nevada-Sachen etwa kamen über Amsterdam nach Deutschland. Nichts gegen Bierzwerg und die damaligen Spezialitätenhändler. Aber bis auf Braufactum hat da keiner auf Kühlkette oder sonst was geachtet.

Ich hatte das Glück, dass der vorige Besitzer ein ziemliches Aromenverständnis hatte und sofort verstanden hat, was mit Bier möglich ist. Er hat gemeint, ich solle drei Positionen bestellen. Und ich habe einfach 20 bestellt und hatte Glück, dass das ziemlich schnell angenommen wurde. Davon war er überrascht. Aus diesen 20 bin ich dann sukzessive auf 120 hochgekommen.

Wir hatten von Anfang an eine ziemlich große Expat-Gemeinde und viele Touristen im Laden, die die Marken bereits kannten und froh waren, dass es in München endlich einen Laden gab, wo man solche Biere bekam. Die haben mir die Arbeit insofern erleichtert, dass sie ihre deutschen Freunde mitgebracht haben. Ich musste trotzdem an fast jedem Tisch bei Adam und Eva anfangen.

Als der Kreativbier-Hype losging, hatte ich die Gelegenheit, über die Hintertür auch belgische und fränkische Biere zu listen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass, wenn ich gleich mit fränkischen Bieren angefangen hätte, der Münchner reagiert hätte mit: „Bei uns gibt es doch Augustiner, wieso musst Du etwas aus Franken holen?“ Beziehungsweise bei den Belgiern: „Die zuckern und panschen ja nur!“ Über die Pale Ale und IPA Hintertür sind wir dazu gekommen, bei den Leuten überhaupt das Bewusstsein für so etwas wie eine Bierkarte zu kreieren.

Und dann auch den Entdeckergeist in den Leuten zu wecken. Dass sie dann doch auch Mal etwas anderes trinken. Das klassische Argument außerhalb der Szeneblase ist ja nach wie vor: „Wir haben doch so tolle Biere hier bei uns, wieso muss man da etwas aus den USA oder Schweden importieren?“

Und wenn dann die Gegenfrage kommt: „Welche von den Brauereien hier bei uns aus Bayern kennst Du denn?“ Dann kommen sie vielleicht auf fünf, sechs. Und wenn man dann weiterfragt, wie viel sie davon schon getrunken haben, kommt die Antwort: „Naja, nicht so viele. Ich trinke eh nur Augustiner.“

Die Leute, die immer noch skeptisch waren bezüglich India Pale Ale und Co. konnte man dann immerhin überzeugen, sich durch Bayern oder Franken durchzuprobieren. Und damit wurden so Kuriositäten wie Schlenkerla zu Bestsellern. Das hätte vor zehn Jahren in München kein Mensch getrunken, es sei denn er hätte fränkischen Wurzeln gehabt.

Die Karte ist durch Neuheiten wie Pale Ale, IPA und Imperial Stout etabliert und durch die klassischen Bierregionen aufgefüllt worden. Ich habe dann begonnen, im Sommer eher die leichteren und im Winter die schwereren Biere zu spielen, und den Gästen nahegebracht, dass „saisonal“ nicht nur ein Maibock für zwei Wochen im Jahr heißt.

Gleichzeitig ist auch das Thema medial durch die Decke gegangen. Das wiederum hat mir geholfen, da ich nicht überall bei Null anfangen musste. Dann kam das Tap House dazu. Das war gut, dass es damit noch einen zweiten Laden gab, der über Biervielfalt aufklärt. Im nächsten Schritt war allerdings auf einmal auch jeder Bierexperte und kam mit Halbwahrheiten um die Ecke. Aber das ist noch Mal eine andere Geschichte.

3B: Hattest Du von Anfang an Fassbier im Laden?

Tibor Kantor: Ja. Das Problem anfangs war, dass wir nur zwei Hähne hatten. Dort hatten wir bei Eröffnung Reissdorf Kölsch und Pilsener Urquell. Das sollte den Bar-Charakter unterstreichen, das kleine Bier quasi als „Beibier“ zum Essen, um das Augenmerk auf die Weinkarte und die Cocktails zu lenken.

Mit Kölsch und Pilsener Urquell war man in München natürlich auch gleich der Buhmann. Man wurde da beschimpft mit: „Wie, ihr habt kein Augustiner? Ihr habt kein Helles? Ihr macht eh in drei Monaten wieder zu.“ Später habe ich dann auf acht Hähne erweitert.

Wenn es eine spezielle Veranstaltung in der Stadt gab wie die Braukunst Live! oder die Drinktec habe ich mir noch Durchlaufkühler dazu geholt und bis auf 14 Hähne aufgestockt.

„Gefühlt gehören 90% der Gastronomieobjekte in München irgendwelchen Brauereien. Es ist entsprechend wahnsinnig schwer, in München etwas Brauereifreies zu finden.“

3B: Wenn Du über die sieben Jahre seit Eröffnung des Red Hot zurückblickst, welche Quantensprünge in der Entwicklung der Bierszene sind Dir in Erinnerung geblieben?

Tibor Kantor: Die erste Drinktec war schon ein Highlight für mich. Da waren wir jeden Abend voll mit allem, was Rang und Namen hat in der Bierszene. Greg Koch war da, lange bevor er in Berlin aufmachte. Die Chefetage der amerikanischen Brewers Association war da.

Die kompletten Teams von Samuel Adams und Nøgne Ø kamen vorbei. Es waren Leute aus Westeuropa, USA, Skandinavien, Osteuropa und sogar Asien da. Vor drei, vier Jahren stand dann plötzlich überall, von Galileo bis zur Bunten, etwas von „Craft Beer“ drin. Oft natürlich auch ziemlich falsch und grottig. In München hat auf jeden Fall auch die 2013 gestartete Braukunst Live! etwas zur Weiterentwicklung beigetragen. Das 2014 eröffnete Tap House war ein Verstärker.

Dass das Mixology Magazin immer mehr über Bier geschrieben hat, hat etwas bewegt, auch wenn das die ganzen klassischen Bartender anfangs ziemlich aufgeregt hat. Was mir auch noch geholfen hat, war, dass Doemens um die Ecke ist. Dadurch kamen die Teilnehmer nahezu aller Bier-Sommelier-Kurse oder International-Brewer-Kurse zu mir in den Laden. Die internationalen weitaus häufiger als die deutschen „Sommeliers“. Letztere haben auch häufig nur ein Pils geordert (lacht). Dass Weihenstephan und Doemens hier sind, hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass die Entwicklung hier Fahrt aufnahm.

3B: In München ist seit dem Tap House nicht viel nachgekommen in Sachen individueller Biergastronomie. Woran liegt das?

Tibor Kantor: Ich habe keine offiziellen Zahlen, aber gefühlt gehören hier 90% der Gastronomieobjekte irgendwelchen Brauereien. Es ist entsprechend wahnsinnig schwer, in München etwas brauereifreies zu finden. Und wenn man dann auch noch eine gute Lage sucht, wird es schwierig. Aber auch sonst wundere ich mich selbst, dass sich so wenig bewegt hat.

Es gibt hier und da ein paar Kneipen, die Munich Brew Mafia, Tilmans oder Crew Republic da haben. Aber es geht dann auch nicht über drei, vier Positionen hinaus. In München spielt man leider nach wie vor die Leier: „Wir haben das Bier erfunden und Augustiner ist Gott.“ Einerseits hatten wir dadurch immer diese Ausnahmestellung, andererseits wäre es auch besser gewesen, mehr Bierläden zu haben, damit sie voneinander profitieren können.

Komischerweise wurde von vielen behauptet, dass das Tap House und wir Konkurrenten wären. Ganz abgesehen vom unterschiedlichen Background haben wir uns gut miteinander verstanden und waren dazu noch an völlig anderen Ecken der Stadt. Und waren unterschiedliche Konzepte.

3B: Was waren die Highlights in den fast sieben Jahren Red Hot?

Tibor Kantor: Neben dem Besuch amerikanischer Brauer wie etwa Matt Brynildson, früher bei Goose Island und heute bei Firestone Walker, kann ich mich gut daran erinnern, als ein erster Bericht über Crew Ale, heute Crew Republic, rauskam.

Ich war der erste, der sie angerufen hat, um nach ihren Bieren zu fragen. Gut erinnern kann ich mich auch an den Besuch von Oliver Wesseloh, der mir erzählte, dass er nach Deutschland zurückkomme, um eine eigene Marke zu starten.

Und wie ich dann das erste Mal einen Kehrwieder Prototyp in der Hand hatte. Das hat sich ja so rasant entwickelt, dass man sich das gar nicht mehr vorstellen kann, dass man bis vor kurzem alle deutschen Mikrobrauer und alle ihre Biere aufzählen konnte. Anfangs waren da nur Sachen wie Schoppe, Braukunstkeller, Hopfenstopfer und Crew Republic. Entsprechend war auch der erste Überraschungsmoment, als Gäste im Red Hot über Biere gesprochen haben, die ich noch gar nicht kannte. Auch die ganzen kreativen Brauer aus Bayern kennen zu lernen wie Schönramer, Rittmayer und Camba Bavaria gehört dazu.

3B: Was ist Dir bei den Bieren besonders in Erinnerung geblieben?

Tibor Kantor: Ein Aha-Erlebnis war, als mir Andreas Fält, damals noch für die Brewers Association unterwegs, erklärte, dass das Sierra Nevada, das ich servierte, komplett „durch“ sei. Da habe ich verstanden, dass es nicht reicht, ein Bier nur zu listen und auszuschenken.

Danach bin ich extrem wählerisch geworden, was dazu geführt hat, dass ich den Ruf habe, angeblich alles immer gleich niederzumachen. Ich bin aber überzeugt, dass das der Weg ist, denn gerade auch die Gastronomie einschlagen muss. Wenn ich in den Supermarkt gehe und ich sehe da die IPAs bei 30 Grad ungekühlt im Regal stehen, kriege ich zu viel. Nach den Erfahrungen mit meinem eigenen Laden ist mein Rat: „Macht es komplett gescheit oder lieber gar nicht.“ Das kostet natürlich mehr. Aber auf diese Bemerkungen wie „Bei uns in Bamberg ist das viel günstiger“ sollte man ohnehin nicht reagieren.

Du kannst keine Schlenkerla Halbe in Bamberg, ausgeschenkt von einem Betrieb, der vor vier Generationen abbezahlt wurde, mit einem Schlenkerla mitten in Schwabing vergleichen. Vom Spiegelau-Glas für sieben Euro in Deiner Hand ganz zu schweigen.

„Man sieht Brauereien an den Start gehen und schon Hoodies, T-Shirts und Sticker verkaufen, ohne dass sie vier Chargen ihres Bieres konstant hinbekommen haben.“

3B: Was hat Dir national und international an Bierkonzepten gefallen?

Tibor Kantor: Mein Problem ist, dass ich nicht wirklich rausgekommen bin. Ich war sechs Tage die Woche im Laden, hatte dann noch das Büro zu führen. Und darüber hinaus drei Kinder zu Hause. Ich war letztens bei Brew Berlin auf dem Bar Convent Berlin zum ersten Mal auf einer Berliner Pub-Tour, um mich wenigstens, was Berlin anbetrifft, auf den Stand zu bringen.

Spannende Eindrücke hatte ich in Philadelphia beim World Beer Cup. Wenn man etwa auf Preise schaut, hast du in Philadelphia für 0,1 l Sauerbier mit Trinkgeld und Steuer deine 15 oder 16 US-Dollar gezahlt. Das ist etwas, dass du in Deutschland überhaupt nicht weiterbekommst.

Für „Pliny the Elder“ habe ich drüben auch 14 US-Dollar gezahlt. Wenn man das hier anbieten würde, würden alle sagen: „Wow, das beste Bier der Welt!“ Und sich dann im selben Atemzug beschweren, wenn du sechs Euro dafür verlangst. Das ist eben das Genussland Deutschland. Teuerstes Motorenöl, billigstes Olivenöl.

3B: Was waren die Bestseller in der Endphase des Red Hot?

Tibor Kantor: Am Wochenende hatten wir die „bridge and tunnel“ Leute (Gäste aus den Vororten, Anm. d. Red.), die nur wegen der Spare Ribs „und einem Bier“ kamen. Unser Publikum war ja immer komplett aufgeteilt.

Wir haben zum Beispiel Tilmans Helles wie warme Semmeln verkauft. Nicht unbedingt, weil die Leute Tilmans haben wollten. Sondern weil es eben ein Helles und aus München war. Lustigerweise liefen auch Schlenkerla und Zwieseler Dampfbier sehr gut. Das bestellte aber auch die Klientel, der die Bierkarte zu fordernd war und die dann etwas bestellten, dass am ehesten nach einem „normalen“ Bier aussah.

Was immer ging, waren auch Klassiker wie das Schönramer Pale Ale und IPA, Mahr’s ETA Hoffmann Firestone Pale 31, Sierra Nevada Pale Ale oder BrewDog Punk IPA hast du auch immer verkauft. Es waren schon auch die bekannten Namen, die gut liefen. Bei den Stouts war es das Lefthand Milk Stout.

Wenn Amerikaner zu Besuch kamen, waren es vor allem Cantillon, Hanssens oder andere Sauerbiere. Du hast es schon an den Gruppen festmachen können, was sie bestellen und was sie trinken. Du hast einen Bayern da, der sieht ein Bier für 43 Euro auf der Karte und sagt entrüstet: „Was? So viel Geld für eine Flasche?“

Und dann kommt ein US-Amerikaner zur Tür rein und ist im siebten Himmel, weil er genau das Bier bei sich zu Hause nicht bekommt und seit Jahren trinken möchte. Ich habe allerdings auch wenige Positionen immer da gehabt. Es war mir wichtig, dass es ständig etwas Neues gibt, weil die Leute das erwartet haben. Gerade in der Kreativbierszene, Berlin ist da sicher der Vorreiter, zählt der Hype des Neuen mehr als alles andere.

Ich bin der Meinung, dass man ein Bier, dass man mag, auch wieder bestellen kann. Man muss nicht ständig etwas Neues haben. Das ist schon extrem derzeit und natürlich auch durch Untappd (Bierbewertungssoftware, Anm. d. Red.) bedingt. Es geht ein wenig weg vom Entspannen und Spaß haben.

3B: Was hältst Du von Trends wie New England Style IPA, die angeblich durch die sozialen Netzwerke befeuert und verkauft werden? Garrett Oliver hat diese Entwicklung ja kürzlich kritisiert.

Tibor Kantor: Die Sachen aus Vermont und New England sind größtenteils sehr gut. Auch die, die so stark gehypet werden. Sprich Treehouse, Trillium, Lawson’s, Alchemist, wie sie auch alle heißen. Ich finde aber, dass da auch schon ordentlich übertrieben wurde.

Wenn das Glas schon aussieht, als wäre es nur eine Hefeprobe! Ich habe in Berlin in einer Bar ein NEIPA einer Mikromarke getrunken. Das war nur eine trübe Brühe, wo tote, braune Hefebatzen herumgeschwommen sind. Es macht keinen Spaß, das zu trinken. Es ist ja schön, dass die Szene viel ausprobiert. Das gehört dazu. Aber viele probieren nicht, sondern kopieren nur. Die springen einfach nur auf den fahrenden Zug auf.

Und die Sachen sind dann häufig einfach auch schlecht gemacht. Alles setzt derzeit zu sehr auf Style – wer macht die cooleren Dosen, wer macht die cooleren Etiketten. Aber was in der Flasche oder der Dose drin ist, bleibt ein wenig auf der Strecke. Auch in den USA. Das ist nicht nur ein deutsches Phänomen.

Man sieht Brauereien an den Start gehen und schon Hoodies, T-Shirts und Sticker verkaufen, ohne dass sie vier Chargen ihres Bieres konstant hinbekommen haben. Einen Sud bekommt man ja schon mal gut hin. Die Kunst aber liegt ja gerade darin, dass man ihn genauso wieder reproduzieren kann. Ich weiß auch nicht, ob man alles in Flaschen füllen muss. Ich weiß auch, dass es ins Geld gehen kann, einen Sud wegzuschütten, wenn er nichts geworden ist.

Ich finde aber, man sollte eine ganze Menge wegschütten von dem, was da zum Teil draußen unterwegs ist. Das tut der Bewegung insgesamt nicht gut, weil du die Vorurteile mancher Konsumenten bestätigst und sie für diese Art von Bier verlierst. Genau wegen so einer New-England-Style-unvergorener-Hefebrühe für fünf Euro. Ich muss außerdem auch nicht von jeder bayrischen Brauerei ein IPA haben. Und ich muss umgekehrt aber auch nicht ein Ami-Pils über den großen Teich schippern lassen.

Firestone Pivo etwa ist ein fantastisches Pils. Aber muss man das einführen? Ich weiß es nicht. Oder Rogue Dead Guy Ale. Supermythos, coole Etiketten. Alles toll. Aber es ist eben ein extrem durchschnittlicher German Style Bock. Das brauch‘ ich nicht, weil ich in Bayern 5 Millionen Böcke hab, die zehn Mal besser sind. Die heißen dann halt Hünsdörfer oder so.

Das ist zwar alles nicht so sexy wie Dead Guy Ale, aber das, was drin ist, ist halt cool. Was Instagram und Untappd anbetrifft, da hat Garrett Oliver schon recht. Das ist zu sehr ein Etikettengetrinke geworden. Leider ist aber bereits so viel schlechtes Zeug über die Ladentheken und Tresen gegangen, dass viele Leute nicht wissen, wie es zu schmecken hat.

Wenn etwa die Listen von Derer Import (Berliner Bierspezialitätenvertrieb, Anm. d. Red.) rumgingen, da waren so tolle Biere wie Finest Kind von Smutty Nose dabei, die sie fast nicht losgeworden sind. Und irgendwelche Imperial Kiwi Key Gosen Blablabla waren die ersten, die ausverkauft waren. Man muss doch erst Mal eine Basis finden. Kreativbier heißt nicht nur Barrel Aged, Session, Imperial, Sour oder Brett. Es ist besser, erstmal ein sauberes IPA zu bringen oder die Großkunst eines frischen, trockenen Pils. Das musst du brauen können, denn das verzeiht keinen einzigen Fehler.

„Beim Bier bleiben muss ich. Auch wenn ich gerade die Schnauze voll habe.“

3B: Hast Du ein konkretes Beispiel dafür?

Tibor Kantor: Ich hatte mal ein Fass IPA von einem einschlägig bekannten Mikrobrauer, das komplett fehlerhaft war. Das hat geschmeckt, als sei es mit Heftpflastern gestopft worden. Als ich den angerufen habe und ihm gesagt habe, er solle mal seine Charge überprüfen, hieß es gleich: „Ja, Tibor, Du schon wieder. Du bist der erste, der sich beschwert.“

Darauf sagte ich: „Probier’s halt mal.“ „Kann ich nicht“, war die Antwort. Keine Rückstellprobe und der nennt sich Brauer. „Dann überprüf halt noch ein Fass“, habe ich ihm gesagt. „Habe ich nicht. Habe ich alles bereits verkauft. Neunzig Prozent davon ist in Berlin. Die verkaufen das alle wie warme Semmeln. Es hat sich noch keiner beschwert, Du bist mal wieder der Einzige.“

Er kam am nächsten Tag in den Laden. Ich hab’s ihm hingestellt, er hat einen Schluck daraus genommen und dann ist ihm die Farbe aus dem Gesicht gewichen.

3B: Reden wir über die Zukunft. Was machst Du nach dem Red Hot und nach diesem Interview?

Tibor Kantor: Das ist noch schwer zu sagen. Vielleicht gibt es eine Bar, die mich brauchen kann. Ein Buchprojekt habe ich ebenfalls im Hinterkopf. Und darüber hinaus ein Festivalkonzept. Beim Bier bleiben muss ich. Auch wenn ich gerade die Schnauze voll habe (lacht).

Ich habe aber auch drei Kinder, die ich ernähren muss. Das Bier soll auf jeden Fall bleiben, die Frage ist nur, was und wie. Ich weiß nur, dass, wenn ich auf mein Konto schaue, kein neuer Laden in Sicht ist. Es sei denn, jemand kommt auf mich zu. Ideen habe ich ohne Ende. Das Red Hot, wie es am Schluss dastand, waren nur 40% von dem, was ich daraus machen wollte.

Danke für das Interview, Tibor!

Nachtrag 18.9.2019: Tibor Kantor arbeitet mittlerweile in der Bierbar Frisches Bier.

 

Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien erstmals in der Print-Ausgabe 1/2018 von BIER, BARS & BRAUER. Gefällt Ihnen dieser Artikel? Vielleicht interessieren Sie sich dann auch für unseren Newsletter? Oder möchten unsere Arbeit durch ein Abonnement unserer Print-Ausgabe unterstützen? Wir versprechen vier Mal im Jahr 100% Bier!

Photo Credits: Tina Gadiot

WRITE A COMMENT